Nachbericht 70. Berliner Typostammtisch: Tools zum Teilen

Mit 14 Präsentationen – einer Dichte an Vortragenden, die wir sie sonst nur von Pecha-Kucha-Abenden kennen – war die 70. Ausgabe des Typostammtischs einer unserer bisher längsten und informationsreichsten Abende. Und mit über 100 Gästen wissen wir, dass wir nächstes Jahr das Format Typotechnikstammtisch wiederholen wollen. Ihr könnt schon mal über euren Beitrag nachdenken.

Bar, WC und rlig, Ulrike stellt required ligatures in Frage. Foto: Sonja Knecht

Den Anfang machte Ulrike Rausch von LiebeFonts. Sie erklärte auf klare Weise, wie sie ihre Schriften lebendig hält. Dass man doppelte Buchstaben (die beide in einem Wort oder im Text kurz hintereinander erscheinen) rotierend durch Varianten ersetzen kann, ist schon toll – aber, dass man Konsonanten und Vokale getrennt behandelt, und Gruppen von Buchstaben vertikal verschieben kann, ohne doppelte Glyphen einzubauen, hat auch die Programmierer-Nerds an den Stuhl gefesselt. Wir hoffen mit Ulrike, dass das Bewusstsein für diese Feinheiten bei den Anwendern weiterwächst, da selbst automatische OpenType-Feature-Funktionalitäten auf dem Weg zum Endprodukt oft auf magische Weise verloren gehen.

Andreas „Eigi“ Eigendorf zeigte sein weiterentwickeltes Sprachentool (Character Set Tool) von Alphabet Type. Es hilft, die Sprachunterstützung und Encodingabdeckung von Schriften zu überprüfen, sprich: Es analysiert eine beliebige Schrift und spuckt lange Listen aus, in denen niedergeschrieben ist, welche Sprachen unterstützt werden. Die beiden Onlinetools Character Set Checker und Builder wurden bereits auf der ATYPI-Konferenz in Warschau von Eigis Kollegen präsentiert; diesmal lag der Fokus auf der zusätzlichen Funktionalität, dass die Sprachdatenbank auch aus eigenen Skripten per API angesprochen werden kann.

Ferdinand Ulrich beglückte uns mit wunderschönen Bildern von Hilfsmitteln, die man in einer Blei- und Holzdruckerei braucht. Insbesondere erklärte er und das Wie und Warum des Walzengreifs; der wird benötigt, um die Höhe der Walze genau auf die Höhe des Druckmaterials zu bringen. Das hübsche Gerät, das er in antiker Originalverpackung dabei hatte, gibt es zu bewundern bei p98a. Auch hat Ferdinand seinen Vortrag nun als Artikel veröffentlicht.

Frank Rausch hat ein Tool namens Typographizer entwickelt, mit dem auf Taschenlesegeräten (wie schlauen Telefonen) falsche An- und Abführungszeichen in typografisch korrekte Formen umgesetzt werden. Seinen Code (programmierte Zeilen) darf jeder in seine eigene App (Progrämmchen) ein- und umbauen; anhand einer Demo-App verdeutlichte uns Frank wie schnell seine Programmbibliothek in unsere eigenen Apps hineinkommen. Endlich automatische Mikrotypografiekorrektur auf MacOS.

Friedrich Forssman erklärte uns per Videobotschaft, gemütlich Pfeife rauchend vor einer enormen Bücherwand ein InDesign Plugin, womit Ligaturen für die deutsche Sprache korrekt aufgelöst werden. Sicherlich neu für viele der zugewanderten Gäste war, dass man sogar laut Duden im Deutsch nicht über Wortfugen ligieren (Buchstaben verbinden) darf. In seinen zwei sehr kurzweiligen filmischen Darreichungen führte Friedrich das Plugin vor, und zeigte, wie man mittels einfachem Suchen und Ersetzen den aufgelösten Ligaturen noch ein wenig extra Luft einhauchen kann, so dass sie nicht wie misslungene Verklebungen daherkommen. Weitere Informationen zu dem Skript gibt es im unteren Bereich seiner Website.

Georg Seifert führte zunächst das von Friedrich Forssman erdachte Durchschein-Skript für InDesign vor: „Durchscheinen“ simuliert, wie Seiten aussehen, wenn sie auf dünnem Papier gedruckt werden. Dies und auch der famose Bundschattenfilter sind auf der oben genannten Seite von Friedrich herunterzuladen. Anschließend erklärte Georg, wie er Github selbst fuer die Programmierung von seiner weltberühmten Glyphs App verwendet, und stellte ein Tool namens CommitGlyphs vor, mit dem SchriftgestalterInnen genau dieses Git-Plattform auch für die Verwaltung von Glyphs-Dateien nutzen können, speziell wenn man mit mehreren Leuten an einer Schriftentwicklung arbeitet. Interessant ist so ein System aber auch, wenn man einen klar strukturierten Überblick über die eigene Arbeit haben will.

In einem spontanen Einschub erklärte uns Nadezda Kuzmina, was Git überhaupt ist und wie sie Github als Gestalterin nutzt. Sie zeigte uns eine feine Pixelschrift, die nur aus PNG-Bildern aufgebaut ist (die sie für das Spiel Mogee entwarf), und Logos Logos als OpenSource-Dateien, an dem mehrere Personen arbeiten können: womöglich ein kleiner Ausblick in die Zukunft der gestalterischen Berufe.

In der halbstündigen Pause wurden die letzten Reste aus den enormen Suppentöpfen geleert. Nur die besten Zutaten wurden hierfür verwendet: die letzten drei Kiezkürbisse aus Hof 3 der Eisenacher 56, direkt hinter dem Vortragsraum.

Jens Kutílek hat ein wahrhaftes Programm für MacOS und Windows gebaut, mit dem sich Namen für die unterschiedlichsten Dinge, zum Beispiel Schriftfamilien, erfinden lassen. Man gibt zuerst seine Lieblingsbuchstaben ein, bestimmt die minimale, optimale und maximale Länge des Wortes und sucht sich eine Sprache oder ein Themengebiet aus, in dem der Name verwurzelt sein soll. Aus dem Publikum kam die Frage, ob man auch Babynamen zum Beispiel deutsch mit bulgarischem Touch suchen lassen kann. Der WoLiBaFoNaGen ist derzeit in der Version 0.1.0 erhältlich, Wünsche und Anregungen könnt ihr auf der Github-Seite des Projekts hinterlassen.

Klaas zaubert mit Grep und Unterlängen in InDesign. Foto: Sonja Knecht

Klaas Posselt von der InDesign User Group Berlin zeigte uns mehrere beeindruckende typografische Möglichkeiten der in InDesign eingebauten GREP-Funktionalität, was enorme Zeitersparnisse bei der Formatierung von Texten erlaubt. Er erklärte, wie man feinste Spationierungsanpassungen automatisch machen kann, wenn die in der Schrift eingebauten Unterschneidungstabellen nicht ausreichen (zum Beispiel bei Tabellenzahlen), oder bei unterschiedlichen Schriften und Formatierungen. Zum Schluss zeigte Klaas das Aufräumen von typografischen Sünden wie falschen Minus- und Multiplikationszeichen und sogar Hurenkindern vor, alles mit sehr kurzen GREP-Zeilen. Alle gezeigten Dateien inklusive der dazugehörigen GREP-Stile stellt Klaas hier zum Download bereit.

Lasse Fister, speziell aus Nürnberg angereist, zeigt seine Arbeit an FontBakery, den Schrifttestwerkzeugen von Google für Google Fonts. Es analysiert die komplexesten Schriften und meldet alles, was daran (technisch) nicht in Ordnung sein könnte. Dies funktioniert sowohl mit einzelnen Schriften, aber auch mit ganzen Schriftbibliotheken. (Danach zeigte er noch mehr, aber da konnte ich nicht aufpassen, weil die Batterien des Mikrofons ausgetauscht werden mussten, und ich selbst gleich dran war. Danke Olli fürs Ergänzen!) Derzeit arbeitet Lasse an einer Version der Schrifttestwerkzeuge, bei der alle Tests in der Cloud ablaufen. Als Bonus stellte Lasse außerdem mdlFontSpecimen vor, eine Website, die automatisch ausführliche Schriftmuster für Fonts erzeugt.

Luc(as) de Groot zeigte, wie man mit Hilfe von einer Fotokopie oder eines Laserausdrucks, halbkaltem Kaffee (kein Espresso!) und Scotch Magic Tape (oder irgendeinem anderen transparenten Klebeband) Typografie auf praktisch allen Oberflächen anbringen kann, die nicht in einen Laserdrucker passen. Man klebt das Tape auf das Gedruckte, tunkt es in den Kaffee und reibt dann an der Rückseite mit kreisenden Bewegungen das Papier weg. Der Toner bleibt sauber auf dem Tape zurück und kann nach Trocknung ohne weiteres auf Objekte geklebt werden, oder mittels Hitze (Feuer, Föhn) zuerst noch verformt und verzerrt werden. Erfunden hat Luc(as) den Luc-Truc in den ’80er-Jahren während seines Studiums.

Mark Frömberg, freier Schriftgestalter aus Berlin, präsentierte seine selbstgemachten Skripte für Glyphs. Das neueste dieser Helferchen hört auf den Namen Skedge und erleichtert das Entwickeln von Glyphs-Reporter-Plugins mit einer Live-Vorschau in Glyphs. Alle anderen frei zugänglichen Skripte von Mark findet man auch im hauseigenen Plugin-Manager von Glyphs. (Ich hatte die Details vergessen, weil Glyphs nicht auf meinem PC läuft, danke nochmal, Olli!)

Anschließend zeigte unser Typostammtischorganisationsteammitglied Olli Meier mittels Live-Skype-Übertragung von der anderen Seite Deutschlands, welche Hilfsmittel er alle schon für Glyphs bereitgestellt hat. Mehrere Ebenen auf einmal löschen, kein Problem mehr. Er zeigte auch wie man mit DrawBot (Just van Rossum, Erik van Blokland, Frederik Berlaen) aus kompatiblen Glyphen ganz schnell tolle Animationen produzieren kann. Seine Scripte findet man demnächst hier.

Zum Schluss zeigte uns Sergey Rasskazov aus St. Petersburg, wie er einfach selbst eine Schriftgestaltungsschule gegründet hat, und mit tollen Lehrern in Kürze die Studenten zu tollen Ergebnissen bringt. Er führte ähnlich professionelle Unterrichtsabläufe vor, wie sie an den gefestigten Schriftgestaltungsinstitutionen gehandhabt werden.

Vielen Dank nochmal an alle Vortragenden für ihre Beiträge und eure tollen Tools! Und danke an Jens Kutílek für Ergänzungen und Rechtschreibkorrektur 🙂

Timelapse Typostammtisch #70, von Floris de Groot

29.09.17: Jan Middendorp

Please scroll down for English information about the speaker.

Dieser Typostammtisch findet wieder im „Sonnenstudio“ in Kreuzberg statt – vielen Dank Eike Dingler (Mauvetype) und Sol Matas (Huerta Tipográfica) und ihrer Bürogemeinschaft! Es wird wohl eine der letzten Gelegenheiten sein, diesen wunderschönen Ort zu genießen – warum, das könnt ihr hier nachlesen.

Wir freuen uns auf Jan Middendorp. Der Holländer-Wahlberliner ist Autor, Buchgestalter und „selbstbeigebrachter“ Grafikdesigner, unter anderem. Jan verfügt über enormes Typografiewissen, hält Vorträge weltweit und bereichert mit seiner horizonterweiternden Art und seinen Publikationen typografische Bibliotheken, renommierte Schriftfirmen und die Berliner Type Community. Als Vortragssprache wählt er Englisch, für uns mit deutschen Untertiteln; Gespräche führt er gern auch auf Italienisch und Holländisch.

From Friends to Fust and back

We are happy to have Jan Middendorp as our speaker, author of Shaping Text, Hand to Type, and Dutch Type, to name only a few. Jan will present his personal history of letterforms. He never studied graphic design, but made his first book at the age of six. Jan worked as a theater and dance critic, in copywriting and as a self-taught graphic designer. He was hired by FontShop Benelux in Gent, Belgium, to conceive their magazine, and later became the co-curator of the FontFont FiFFteen exhibition and co-editor of Made With FontFont. In Berlin, Jan worked with LucasFonts, then MyFonts, and produced books with Gestalten and BIS Publishers. He left MyFonts in 2016, when the Monotype corporate influence became too strong for his taste. Then, he says “to confuse the font establishment, I started up the shadiest type organisation in the world: Fust & Friends.“

Who is Fust? Who want to be his friends? Get to know more on Friday, September 29.

Presentation in English with German footnotes.
Q&A and discussions in German, English, Spanish, Dutch, Italian …

Wann? FREITAG, 29. September, 19 Uhr
Wo? Lausitzer Straße 10, Aufgang C, 3. Etage, 10999 Berlin-Kreuzberg
U-Bahn: U1 bis Görlitzer Bahnhof, U8 bis Kottbusser Tor oder Schönleinstraße
Bus: M29 bis Görlitzer Bahnhof oder Spreewaldplatz

Bis dahin,
euer Typostammtisch-Team


Aufruf: Tools zum Teilen

Für unseren Typotechnikstammtisch (den ersten seiner Art) am 19. 26. Oktober suchen wir Leute, die ein frei zugängliches Werkzeug, Miniprogramm oder hilfreiches Script vorstellen möchten – Kurzpräsentationen zu typografischen Problemen, offenen Fragestelltungen und möglichen Lösungen. Es darf natürlich um Plugins und Scripts gehen, aber gern auch um typografische Helfer für InDesign, das Web oder die analoge Welt. Wir sind gespannt auf eure Einreichungen (am besten via E-Mail).

Für alle: Bitte den 19. 26. Oktober vormerken. Newsletter dazu folgt.


Unsere Empfehlungen diesen Monat

Unter dem Titel „Klartext“ eröffnet – Achtung! – jetzt am Donnerstag, den 21. September, um 19 Uhr Typostammtischstammgast (TStTStG) Klaus Rähm seine Typografik-Austellung in der Galerie Ost-Art in der Giselastraße 12 in 10317 Berlin-Rummelsburg (S5 und S75 bis Nöldnerplatz), mit Live-Musik zu ausgewählten Schriftbildern. Im Brücke-Museum am Rande des Grunewalds (Bussardsteig 9, 14195 Berlin) ist die Jubiläumsausstellung „50 Jahre Brücke-Museum“ angelaufen: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik der 1905 gegründeten Künstlergruppe. Vom 22. bis 24. September 2017 findet die Kunstbuchmesse Friends with Books im Hamburger Bahnhof statt. Am 24. September findet bei Small Caps der erste von drei Letterpress-Workshops statt, diesmal werden Plakate gedruckt.


Die Titelzeile wurde in der Teddy Regular von Minjoo Ham gesetzt, die demnächst bei Fust & Friends erscheint. Das Titelbild stammt von Jan Middendorp und zeigt die „Alarm“ in 72 Punkt aus seiner Sammlung.


29.06.17: Typostammtisch zu Besuch

Wir treffen uns diesen Monat zum fachlichen Austausch im kleinen Kreis, zum einfach Quatschen, Sachen zeigen, und unterhalten uns über Neues. Bringt also gern Projekte, digitale wie analoge Entwürfe oder typografische Fundstücke mit, die ihr zeigen und mit den anderen teilen möchtet. Wir freuen uns auf regen Austausch und einen geselligen Abend.

Diesen Monat dürfen wir im „Sonnenstudio“ in Kreuzberg zu Gast sein. In diesem Gemeinschaftsatelier arbeiten neben Entwicklern, Journalisten, Grafikdesignerinnen, Fotografen und Illustratorinnen auch die beiden Schriftgestalter Eike Dingler von Mauvetype und Sol Matas von Huerta Tipográfica.

Als Einleitung wird Sol ein paar Worte zum Studio und zur schwierigen aktuellen Situation der Lause10 sagen: Seit Ende letzten Jahres kämpfen gegen die akut drohende Verdrängung Mieterinnen, Gewerbetreibende, Werkstätten, Vereine, NGOs und Bürogemeinschaften, die dort seit teilweise 45 Jahren (!) ansässig sind.

Eine dieser Organisationen ist das gleich nebenan im Aufgang B liegende apabiz (antifaschistische pressearchiv und bildungszentrum berlin e.V.). Interessierte (größere Gruppen sind nicht möglich) des Berliner Typostammtisches sind herzlich eingeladen, sich zwischen 18 und 19 Uhr das Archiv anzusehen – meldet euch dort einfach direkt. Ein Besuch lohnt sich bestimmt.

Wann? Donnerstag, 29. Juni, 19 Uhr
Wo? Lausitzer Straße 10, Aufgang C, 3. Etage, 10999 Berlin-Kreuzberg
U-Bahn: U1 bis Görlitzer Bahnhof (Vorsicht, SEV!), U8 bis Kottbusser Tor oder Schönleinstraße
Bus: M29 bis Görlitzer Bahnhof oder Spreewaldplatz

Bis dahin,
euer Typostammtisch-Team


Diesen Monat möchten wir euch auf folgende typografische Leckerbissen hinweisen:

Neben den traditionell im Juli stattfindenden Werkschauen und Rundgängen in Potsdam, an der UdK, der HTW und in Weißensee empfehlen wir außerdem die Ausstellung „New Types – Drei Pioniere des hebräischen Grafik-Designs“ im Museum für Druckkunst Leipzig. Noch bis 2. Juli können im Kulturforum Berlin die 100 beste Plakate 16 bestaunt werden. Beim letzten Vortrag aus der Reihe „Materialität der Schriftlichkeit“ der Staatsbibliothek zu Berlin spricht Rainer Falk am 4. Juli über „Lieto fine: zur typographischen Gestaltung von Libretto-Drucken“, um Anmeldung wird gebeten (Eintritt frei). Vom 14. bi 16. Juli findet im Haus der Kulturen der Welt die „Miss Read“ statt.


Die Titelzeile wurde in der Pilot Light von Aleksandra Samuļenkova gesetzt, die vor kurzem bei Bold Monday erschien. Das Titelbild stammt von Sol Matas und zeigt ihren Arbeitsplatz im „Sonnenstudio“.

{BTST 09.15}: Rückblick auf den Rückblick

Die Titelzeile ist gesetzt aus der halben* Centennial, entworfen von Adrian Frutiger zum 100-jährigen Jubiläum von Linotype. Im Gedenken an einen der größten Schriftgestalter aller Zeiten. *) 100/2 = 50!

Abschiedsvortrag von Florian Hardwig und mir, Ivo Gabrowitsch. Mit freundlicher Unterstützung von Malte Kaune.

Was haben der Jubiläumsstammtisch vom 30. September und die Handlung von Zurück in die Zukunft II gemein? Beide liegen in der Vergangenheit. Ein letztes Mal organisierten mein umtriebiger Kompagnon Florian Hardwig und ich die hauptstädtische Veranstaltungsreihe und durften dabei vier großartige Pecha-Kucha-Vorträge ankündigen. Verena Gerlach sprach in sechs Minuten und 40 Sekunden über ihre zahlreichen aktuellen Schriftprojekte, Jürgen Siebert darüber, wie er sich 1971 eine rosa Levi’s kaufte, in der er Mick Jagger nachäffen konnte, SuZi Zimmermann über Typografie in Bewegung und Frank Rausch über Typografie aus der Zukunft, Teil 1.

Danach ließen wir es uns nicht nehmen und schauten auf neun Jahre Berliner Typostammtisch zurück. Als kleine Rekapitulation des Abends zeigen wir hier noch einmal die von uns präsentierten Folien. Unterstützt wurden wir bei deren Erstellung vom großartigen Malte Kaune, der damit einmal mehr bewies, wie viel man mit grafischer Gestaltung aus einem dicken Zahlenbatzen herauskitzeln kann.

Die Organisation des Stammtischs hat uns über die Jahre großen Spaß gemacht. Nun ist es Zeit, das Projekt in neue, engagierte Hände zu übergeben. Wir bedanken uns bei allen Vortragenden, Helfern und Gästen, die den Typostammtisch zu einer nicht mehr wegzudenkenden Institution in der Berliner Kreativszene gemacht haben.

Wie es genau weitergeht, erfahrt ihr in Kürze.

{BTST 09.15}: Vergangenheit, Zukunft, Pecha-Kucha

Die Titelzeile ist gesetzt aus der halben* Centennial, entworfen von Adrian Frutiger zum 100-jährigen Jubiläum von Linotype. Im Gedenken an einen der größten Schriftgestalter aller Zeiten. *) 100/2 = 50!

© Foto: Jens Tenhaeff, aufgenommen zum 34. Typostammtisch am 13.12.2012 (5. Typostammquiz)

Mit langsamen, gleichsam unaufhaltsamen Schritten kündigt er sich an: der 50. Berliner Typostammtisch. Was fast auf den Tag genau vor neun Jahren begann, erreicht nun eine magische Marke, an die seinerzeit noch nicht zu denken war.

Auch zum Jubiläum sollen die Teilnehmer selbst im Mittelpunkt stehen – mit der überfälligen Wiederholung eines Pecha-Kucha-Abends. Dafür brauchen wir eure Mitarbeit. Wir benötigen fünf bis acht Interessierte, die je einen Kurzvortrag mit einer Länge von 6 Minuten und 40 Sekunden halten wollen. Auf insgesamt 20 Folien, die je nur und exakt 20 Sekunden zu sehen sein werden, darf thematisch alles untergebracht werden, was das typografische Herz in Verzückung geraten lässt. Jede und jeder darf, nein, soll sich angesprochen fühlen, mitzumachen.

Wir sind sicher, dass ihr alle spannende Projekte, Ideen, Arbeiten, Theorien, Erfahrungen habt, die es wert sind, vorgestellt zu werden. Denn um den fachlichen Austausch bei Speis und Trank mit Gleichgesinnten geht es seit jeher beim Typostammtisch. Bitte schickt uns eine E-Mail mit eurem Pecha-Kucha-Thema. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. (Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels haben sich bereits zwei Interessenten gemeldet. Die Vortragenden werden unmittelbar auf @typostammtisch vorgestellt.)

Zusätzlich werden wir noch einmal auf die ersten 50 Jahre Stammtische zurückblicken: an einige Höhepunkte erinnern, ein paar Zahlen zusammentragen, von Früher™ berichten.

Zu guter Letzt: Wir beide werden die Organisation des Typostammtischs im neuen Jahr abgeben. Die runde 50 ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, frischem Wind und neuen Impulsen die Tür zu öffnen. Dass das für die Veranstaltungsreihe eine gute Entscheidung ist, daran zweifeln wir nicht im Geringsten. Wir wissen nämlich schon, was ihr nicht wisst, aber erfahren werdet. Beim Fünfzigsten nämlich.

Ivo Gabrowitsch und Florian Hardwig

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{BTST 07.15}: Auf zum Buchstabenmuseum

Die Titelzeile ist gesetzt aus der Babetta. (Viktor Nübel, 2013).

Für die Sommerausgabe des Typostammtischs machen wir erneut einen Ausflug. Diesmal sind wir zu Gast im Buchstabenmuseum!

Los geht’s um 19 Uhr. Für ein feines Programm ist gesorgt: Engagierte Freunde und Helfer des Buchstabenmuseums haben sich freundlicherweise bereit erklärt, ihre persönlichen Geschichten zu ausgewählten Exponaten zu erzählen – wie diese entstanden sind oder über welche Umwege sie in die Sammlung gefunden haben. Zwischen 19.30 und 20 Uhr kann man an vier Stationen Spannendes erfahren und Fragen stellen. Davor, danach und dazwischen gibt es kühle Getränke auf der TypoTerrazza.

© Foto: Buchstabenmuseum

Übrigens: Das Buchstabenmuseum muss demnächst umziehen. Der gemeinnützige Verein sucht dringend und ab sofort einen neuen Ort für seine einzigartige Sammlung – idealerweise dauerhaft und zentral in Berlin. Vielleicht hast Du einen Tip? Weitere Infos zur Immobiliensuche als PDF. Wichtig ist auch die Finanzierung des Umzugs, da kann durch Spende oder Mitgliedschaft geholfen werden.

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{BTST 05.15}: Besuch der TDC-Ausstellung

Die Titelzeile ist gesetzt aus der Minotaur Beef Bold. (Jean-Baptiste Levée, Production Type, 2014). Die Minotaur-Kollektion zählt zu den beim TDC-Wettbewerb ausgezeichneten Schriftentwürfen.

TYPO Berlin verpasst? Oder aber nicht und immer noch nicht genug von Buchstaben? So oder so, es folgt sogleich der nächste passende Termin für Berliner Schriftbegeisterte. Anlässlich des 48. Typostamm­tisches machen wir einen Ausflug und wollen gemeinsam eine Ausstellung besichtigen.

© Foto: Norman Posselt. Mehr Fotos als Vorgeschmack gibt es hier zu sehen.

Zum 61. Mal wurden Ende Januar beim Type Directors Club in New York die besten typografischen Arbeiten ausgewählt. Prämiert werden sowohl neu entworfene Schriften, als auch deren vorbildliche Anwendung, zum Beispiel in Büchern, auf Postern, Verpackungen, im Corporate-Design sowie im digitalen Einsatz. Seit dem 24. Mai 2015 sind die Sieger des 61. TDC-Wettbewerbs erstmals in Europa zu sehen, für drei Wochen im Berliner Aufbau-Haus.

Insgesamt wurden rund 1800 Arbeiten aus 58 Ländern eingereicht. In der Disziplin Schriftdesign wählten die Juroren Claudia de Almeida, Paul Barnes, Dino dos Santos und Tal Leming aus 216 eingereichten Arbeiten 22 Sieger aus. In der Kategorie Kommunikationsdesign kürten Garson Yu, Geray Gencer, Chelsea Cardinal, John Gall, Alisa Wolfson, Mike Rigby und Pum Lefebure 272 Sieger aus 28 Ländern; 48 prämierte Arbeiten kamen aus Deutschland.

Der Abend beginnt mit einem einführenden Vortrag, Getränke und Snacks wird es zum Selbstkostenpreis geben. Eine Raucherterrasse ist ebenfalls vorhanden (ich rate allerdings vom Rauchen ab, aber das ist ein anderes Thema).

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{BTST 03.15}: Das groteske einäugige „a“

Die Titelzeile ist gesetzt aus der FF Mark (Hannes von Döhren, Christoph Koeberlin, FontFont Type Department, 2013).
Sie enthält neben dem standardmäßigen einäugigen »a« auch eine zweistöckige Wahlform.

Beim Betrachten des kreisförmigen »a« der Futura darf die Frage erlaubt sein, warum der schriftgestaltende Teil der Menschheit so lange brauchte, eine so einfache und erfolgreiche Form zu entwickeln. Mit dieser Frage als Ausgangspunkt zeigt Albert‑Jan Pool, wie und warum die einäugige a-Form entwickelt wurde und welchen Einfluss das auf die Schriftgestalter der Moderne hatte.

Die Abbildung stammt aus dem Magazin a/26, dem Abschlussprojekt von Geela Eden an der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Es wurde vom TDC mit einem Certificate of Typographic Excellence ausgezeichnet.

Oberflächlich betrachtet bildet das aufrechte einäugige »a« ein Unikum in der Geschichte der Groteskschriften. Auf die Frage aber, wer und warum zum ersten Mal ein solches »a« gestaltete, gab es bisher keine Antwort. Grund genug für unseren Gast, einige Untersuchungen anzustellen, von denen er uns beim 47. Berliner Typostammtisch berichten wird.

Es begab sich nämlich folgendermaßen: Am Anfang stand ein Reiseführer für griechische Ausgrabungsstätten. Von da an scheint die Entwicklung des einäugigen »a« das Ergebnis eines langen (typografischen) Dialogs zwischen römischen Schreibern, königlich-französischen Kalligrafen, bayerischen Kartografen, Lithografen, Schulschrift-Reformern, englischen und sächsischen Schriftgießern, amerikanischen Holzgraveuren, preußischen Zeichnern und gar einem Berliner Dichter zu sein. Das alles, bevor die Konstruktivisten überhaupt anfingen, Einfluss auf die Schriftgestaltung zu nehmen.

Im Vortrag spielen außerdem drei deutsche Märchenfiguren sowie einige schöne Raritäten aus dem 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Mehr soll hier aber noch nicht verraten werden.

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{BTST 01.15}: Japanische Kalligrafie

Die Titelzeile ist gesetzt aus der FF Bauer Grotesk (Thomas Ackermann, Felix Bonge, 2014)

Wer schon einmal in Japan durch eine größere Stadt gelaufen ist, wird die zahlreichen Kalligrafie-Ausstellungen bemerkt haben. Nicht nur Museen und Galerien, auch Cafés, Buchhandlungen oder Kaufhäuser zeigen allerortens kalligrafische Werke. Dass jede einzelne auch noch gut und mit Muße besucht ist, ist umso bemerkenswerter. In Europa kennt man das nur von Ausstellungen berühmter Gemälde und Kunstwerke.

Als unser Gast Toshiya Izumo noch in Japan lebte, konnte er noch nicht so recht verstehen, was seine Landsleute dabei bewegte und was sie sich dabei dachten. Erkannten sie etwas, was er nicht erkannte? Er stellte sich die Frage, was man eigentlich bei einer Kalligrafie-Ausstellung sieht? Waren die Leute am Inhalt interessiert? Interpretierte jeder die Werke individuell und hatten sie auf jeden eine andere Wirkung – so wie in der Kunst? Haben die Werke einen tieferen Sinn? Und wenn ja, welchen?

Toshiya geht diesen Fragen in seinem Vortrag nach und hofft, damit besonders Schriftgestaltern und -anwendern neue Einsichten, Antworten und Ideen zu geben und freut sich natürlich darauf, seine Begeisterung für Kalligrafie zu teilen.

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{BTST 11.14}: TypoStammQuiz 2014

Die Titelzeile ist gesetzt aus der TD Crocodile Brokenscript (Jürgen Huber, 2013)

Der letzte Typostammtisch des Jahres steht vor der Tür. Auch zum 7. Mal heißt das wieder: TypoStammQuiz!

Die beiden Finalisten des letzten Jahres, Frank Rausch und Christoph Dunst, haben sich taffe Typorätsel und fiese Fontfangfragen einfallen lassen. Aber keine Angst: Es sind auch leichte Aufgaben dabei. Geraten wird in bunt zusammengewürfelten Teams. Und in den letzten Jahren wurden wir immer so gut mit Preisen versorgt, dass es für jede/n etwas zu gewinnen gab.

Apropos: die ersten vorweihnachtlichen Gaben sind bereits eingetroffen, darunter das in Berlin verbliebene Inventar der Mota Italic Gallery, ein Buch des August Dreesbach Verlags sowie drei Schriftlizenzen von Liebe Fonts. Bitte überlege, ob auch Du (oder Dein Arbeitgeber) passende Preise zur Verfügung stellen kannst. Jede Spende ist willkommen: Bücher, Plakate, Schriftmuster, Shirts, Gutscheine, Selbstgestaltetes – alles darf auf dem Gabentisch präsentiert werden.

Wir freuen uns auf Dein Kommen!

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