Nachbericht 129. Typostammtisch: Verlagsabend III

An einem der bisher heißesten Abende des Jahres, am 25. Juni, haben wir das Studio LucasFonts gut heruntergekühlt und entsprechend viele Getränke bereitgestellt. Zum 129. Typostammtisch und zum dritten Verlagsabend, einem relativ neuen Veranstaltungsformat (seit 2023) in unserer 20-jährigen Geschichte, haben wir erneut Gäste eingeladen, die unsere Erwartungen an typografische Gestaltungskonzepte dann aber noch mal übertreffen.

Luc(as) de Groot und Sonja Knecht begrüßen die Gäste; der Saal ist voll. Los geht’s.

ztscrpt – Alexander Wolff und Yves Mettler
Ein Magazin ist eine Schrift ist ein Magazin ist …

„Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung“

Chicago, Times, Plotter, TheMix, Princess Lulu, Karloff, LiebeRuth, New Paris oder Serifbabe, so heißen die Ausgaben der 2002 in Wien gegründeten Kunstzeitschrift mit dem unaussprechlichen Pseudonym ztscrpt (welches aber nicht sichtbar vorkommt); das typografische Magazin ohne fixen Namen also, das jeweils die verwendete Schrift als Titel verwendet, und deshalb immer anders heißt, und dementsprechend schwer zu finden ist. Hierbei handelt es sich um ein typografisches Gesamtkonzept. Bereits 2005 wurde es vom London Design Museum in der Ausstellung Best European Design gewürdigt.

Von den bisherigen sieben Herausgeber·innen sind Yves Mettler und Alexander Wolff bei uns.

Sie stellen die aktuellen Ausgaben vor: Nr. 42 Ghost von Juli 2025 und Ana Diego, die ganz frische Ausgabe 43, Juni 2026. Die jeweilige Schriftart und mehr noch der Name der jeweiligen Schrift fungiert als inhaltlich-atmosphärische Leitlinie nur begrenzt, mehr in ihrer Visualität. Das habe mit ihren Bezügen nach Wien zu tun, so Yves. Passenderweise ist Gerhard Rühm, letzter lebender Vertreter der Wiener Gruppe, in Ausgabe 42 Ghost mit Gedichten vertreten. Aber wie wählen sie die Schriften aus? „Einerseits random“, sagt Yves, „am Anfang, da haben wir Klassiker wie Chicago, Helvetica und DIN gemacht“, und es gehe unter anderem auch darum, „wie die Beiträge mit den Fonts zusammenspielen. (…) Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung auf Papier.“

Das Heft habe immer das gleiche Format, erklärt Alexander, Fotografie auf dem Cover, Inhaltsverzeichnis vorn, Impressum hinten drauf, und ja, es sei schon zum Lesen gedacht (angesichts der superbreiten Textblöcke und Nachfragen aus dem Publikum), „aber wir wollten maximal auf Design verzichten“. In der Zusammenarbeit mit Tauba Auerbach und mit ihrem Font FIG sei das Ganze so wahnsinnig schön, aber so wahnsinnig schwer zu lesen geworden, „dass wir dann alle Texte als Poster in Arial dazugelegt haben“. Das Magazin sei mit ihnen gealtert, erklärt Alexander anhand der inneren Randspalte, die nun immerhin zwei Zentimeter Luft zum Rand lässt und damit die breit laufenden Zeilen einen Hauch besser erfassbar macht als in den Anfängen, aber wirklich nur einen Hauch. In den Anfängen klebte der Satzspiegel fast direkt an der Außenkante und im inneren Bund des Blattes.

Die Publikationen beinhalten jeweils 10 bis 15 Beiträge ausgewählter Künstler· und Autor·innen, entsprechend den künstlerischen Interessen der Herausgeberschaft. Sie erscheint seit Beginn in einer festen Auflage von 300 Exemplaren, wird vom österreichischen Bundeskanzleramt mitfinanziert und ist in Kunstbuchhandlungen in Berlin, Wien und in Brüssel erhältlich oder per Mail zu bestellen (anfangs für 3 Euro, jetzt, nach 24 Jahren, für 5 Euro pro Heft); das Online-Archiv bietet die Cover und Inhalte aller Ausgaben im Überblick: ztscrpt.

zero sharp – Maximilian Gilleßen
Experimentelle Schreibformen
Typografische Gestalter als Übersetzer, vom Verbalen ins Visuelle

Bei zero sharp geht es um imaginäre Wortwelten, linguistische Spekulationen und Erkundungen experimenteller Schreibformen. Die beiden Herausgeber Maximilian Gilleßen (Übersetzer) und Anton Stuckardt (Grafikdesigner) befassen sich mit Visionären der Sprache, vor allem der französischen, und geben diese Werke in Erst- oder Neuübersetzung heraus, oft ergänzt um ausführliche Kommentare und weitere Materialien. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Maximilian Gilleßen hat seine Doktorarbeit 2023 bei einem der Verlage publiziert, die beim vorherigen Verlagsabend bei uns waren (in persona Tom Lamberty), nämlich bei Merve, Titel: R. R. Zur Poetik Raymond Roussels (704 Seiten).

Heute jedoch hat Maximilian die Aufgabe, die typografische Vorgehensweise seines Verlagspartners für uns zu übersetzen. Dafür wählt er die Werke René Daumals, gibt uns aus dem Stegreif eine literaturwissenschaftliche Einführung zu dessen Person und Werk und bringt uns kongenial die (typo-)grafische Gestaltung der Bände nahe.

Maximilian Gilleßen mit dem ganz frisch bei zero sharp erschienenen Band Die absurde Evidenz, Essays und Rezensionen von René Daumal

Zum Einstieg etwas relativ Naheliegendes, Nachvollziehbares: Eine große Spirale ziert die von Daumal in den zwanziger Jahren herausgegebene Zeitschrift Le Grand Jeu (Das große Spiel). Sie verweist auf den Wanst König Ubus, der legendären Figur Alfred Jarrys, und somit auf das Erkennungszeichen der Pataphysiker, die Daumal zu ihren Vorgängern zählen (das pataphysische Kollegium wurde 1948 gegründet, da war Daumal schon vier Jahre tot). Die Pataphysik beruht, der Definition ihres Erfinders Jarry zufolge, auf gedanklich-praktischen Erkundungen imaginärer Lösungen und mündete z. B. in surreale Texte. Als Doppelkringel oder -kreisel kehrt die Spiralform auf dem Titel des Bandes Mugle wieder – tatsächlich handelt es sich um eine abstrahierte Darstellung der Tarnmuster von Eulen. Bei Mugle, dem nächtlich-traumartigen Erstlingswerk des damals achtzehnjährigen René Daumal, geht es inhaltlich um eine imaginäre Begegnung in der Großstadt. „Alle Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen fremdem und eigenem Ich (…) zerfließen. Der Text wird zur Darstellung seiner eigenen Auflösung“, so heißt es in der Buchbeschreibung auf der Verlagsseite. Exkurs: Ein weiterer Anhänger der pataphysischen Bewegung, Boris Vian, Verfasser surrealer, von Lebensfreude und Drastik sprühender Romane, trägt die pataphysische Doppelspirale am Revers – siehe Foto in einem Beitrag von mir anlässlich Boris Vians hundertstem Geburtstag: Der Schmelz der Wörter.

Zusammen mit Maximilian Gilleßen betrachten wir als nächstes von René Daumal Der Berg Analog. (Alle genannten Titel/-seiten sind auf der Verlagsseite zu betrachten und zu bestellen). Lange vergriffen und bei zero sharp erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung erhältlich, kann Der Berg Analog als „Science-Fiction- und Abenteuerroman, philosophische Meditation und alpinistischer Traktat“ gelesen werden – ich zitiere weiter aus der verlagseigenen Beschreibung: „Ernst und Ironie, meta- und pataphysische Spekulationen werden von René Daumal zu einem Werk von vielfachem Schriftsinn verwoben“. Auf dem Titel dieses Werkes verwebt der Gestalter Anton Stuckardt Buchstaben zu einem imaginären, baum- oder wurzelartigen Geflecht. Mit der von Leonie Lude und Arno Schlief entwickelten Schrift (sie nennen es Schriftsystem) Branches ließen sich eben nicht nur Sätze formen, erklärt Maximilian, sondern eben auch solche Strukturen zusammensetzen – als ob sie aus den Gedanken des Autors erwachsen. Sie formen den Titel Der Berg Analog und erinnern selbst an eine Berglandschaft, worin eine schöne pataphysische Koinzidenz liegt, denn die Verzweigungen der Schrift gehorchen einer eigenen Syntax.

Und dann erst die Innenseiten: Aus dem Metafont von Donald Knuth wurde ein Font von je 360 Varianten pro Glyphe entwickelt, die sich so abwechseln, dass auf keiner Buchseite die exakt gleiche Buchstabenform zweimal erscheint (die Pataphysik ist ja nicht umsonst auch die Wissenschaft des Besonderen, des infinitesimalen Unterschieds). An dieser Stelle, Maximilian Gilleßen zoomt ein, geht ein großes Wow durch’s Publikum.

Deutlich wird auf beeindruckende Weise: typografische Gestalter sind (im Idealfall) auch Übersetzer, nicht intersprachlich, sondern vom Verbalen ins Visuelle. Buchgestaltung in Bestform. zero sharp

Reprodukt – Alexandra Rügler und Julia Weinbrenner
Handmade Lettering
„Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“

Die herausragende Sorgfalt in der Herstellung ist das Besondere des Reprodukt-Verlages, exemplarisch dabei das Handlettering fast aller Titel. Während in den meisten Verlagen für Übersetzungen Fonts verwendet werden, wird hier alles von Hand geschrieben. Bei Übersetzungen legt der Lettering-Artist ein Transparentpapier über die Seite und schreibt (der Übersetzung folgend) den Text passend zu Form der Sprechblase einmal neu. Der Verlag Reprodukt wurde 1991 von Dirk Rehm gegründet, um unabhängige Comics zu veröffentlichen – für alle Zielgruppen, auch Kinder (ca. ein Drittel der heute rund 50 Titel pro Jahr), oder für Young Adult. Das gelingt, weil nicht „der Markt“, sondern die Autor·innen und ihre Geschichten und Erfahrungen im Mittelpunkt stehen und in die Bücher einfließen. Hohe Qualitätsmaßstäbe, sorgfältige Übersetzung und Ausstattung gehören dazu. Wie viele Genres das Verlagsspektrum umfasst, wird dadurch ersichtlich, dass Reprodukt für Die Frau als Mensch von Ulli Lust den Deutschen Sachbuchpreis 2025 erhalten hat. Zu unserer Freude besuchen uns die Leiterin der Herstellung von Reprodukt, Alexandra Rügler (links im Bild) und (rechts) Volontärin Julia Weinbrenner.

Bei Reprodukt beruht so gut wie alles auf der Handschrift, handgezeichnete Schrift und Lettering in Einzelanfertigung. Alex Rügler zeigt Beispiele und erläutert, dass die Herstellung mancher Bücher monate- bis jahrelang dauert. Jedes Soundword, jeder Text in jedem Einzelbild und in jeder Sprechblase wird übersetzt und dann per Hand neu geschrieben oder gezeichnet.

Bei den deutschen Autor·innen ist es meist so, dass sie ihr Lettering selbst machen, übersetzte Comics orientieren sich typografisch am Original. Die Übersetzungen müssen im Feld der grafischen Erzählungen besonders sorgfältig erfolgen, es gilt die Länge der Texte in den unterschiedlichen Sprachen zu berücksichtigen. Wo können, müssen Trennungen erfolgen, wo kann gut umbrochen werden? Passt ein übersetzter, länger gewordener Text noch in die jeweilige Sprechblase, in das jeweilige Textfeld? Wo muss die Schriftgröße adaptiert werden? Das alles dauert. Jimmy Corrigans The Smartest Kid on Earth, Der klügste Junge der Welt kam erst 13 Jahre nach seinem Erscheinen auch auf Deutsch heraus; das Handlettering von Michael Hau dauerte etwa ein Jahr – ja, bei den Büchern von Reprodukt werden neben den Autor·innen und Übersetzer·innen auch die jeweiligen Handschriftschreiber·innen erwähnt.

Mit den übersetzten Texten entsteht eine Art Drehbuch; ein Skript zu jeder Seite des Comics wird angefertigt, dem zu entnehmen ist, welcher Textbaustein an welcher Stelle genau in welchem Bild erscheinen soll. In diesem Prozess wird mehrfach diskutiert und es werden die Texte so lange modifiziert, bis alles passt.

Wir staunen, welcher enorme Aufwand hier erfolgt. Digitale Fonts kommen mitunter auch, aber seltener, zum Einsatz. Manches bleibt per Hand eben doch schöner und stimmiger zu gestalten. „Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“, fasst Alex zusammen. Reprodukt

permanent Verlag – Andreas Koch
Hundert Einzelstücke
„Wir zeigen keine Kunst, wir reden über Kunst“

Der permanent Verlag bezeichnet sich als „multiperspektivische Plattform“, verlegt Kunstbücher und andere gedruckte Formate. Die beiden Gründer und Betreiber sind Künstler, Gestalter und Autoren in Personalunion, also auch Verleger, logisch. Bücher seien permanent da, und man könne dieses Wort, permanent, super kombinieren, z. B. permanent beutel oder (englisch) permanent tote, was aber auch Tote bedeute.

Die Kunstzeitschrift von hundert macht Andreas Koch schon viel länger, als es den permanent Verlag gibt, nämlich seit rund 20 Jahren. Von hundert bezieht sich auf die Auflage und das Editionsprinzip: jedes einzelne Heft der jeweiligen Auflage ist nummeriert (1/100, 2/100, 3/100). So bekommt jede Abonnent·in ihre eigene Nummer. Das Inhaltsverzeichnis steht immer vorne drauf und darin die Seitenzahlen untereinander, hier nutzt Andreas Koch Tabellenziffern, im Titel aber Mediävalziffern, weil das hübscher aussähe, wie diese variieren. Innen sei die von hundert relativ einfach gestaltet, im Zweispaltenraster.

Anfangs handelte es sich um ein reines Review-Magazin, seit Ausgabe 13 gibt es in der Mitte Themenschwerpunkte, zuletzt etwa die Trilogie in drei aufeinanderfolgenden Heften, Raum, Zeit, Tod. Sonst sind der Inhalt Ausstellungsbesprechungen, Kolumnen oder Essays zu kunstrelevanten Themen. Sehr selten gibt es auch „… Texte, die sind sehr nah an Kunst, die sind auch Literatur“ so Andreas in seinem Vortrag. Und wenn jemand über eine Ausstellung schreiben möchte, die bereits rezensiert wurde, darf das auch sein. Dann finden sich in einer Ausgabe zwei Rezensionen über dieselbe Ausstellung. Schlimme Verrisse gibt es kaum, einmal allerdings doch, als die Namen der Autor·innen nicht bei den jeweiligen Texten, sondern kollektiv aufgeführt waren. Ein Künstler erschien daraufhin vor Andreas Kochs Haus und stellte ihn zum Duell, nein, das dann doch nicht, aber forderte die Offenlegung des Autorennamens – das ist nicht erfolgt, aber der Text wie alle anderen noch zu lesen. Die gesamte Zeitschrift ist im Netz, auch im HTML-Format.

Anfangs 20 Seiten, alsbald 32 Seiten auf dickem Papier („damit es etwas hermacht“), hat die aktuelle von hundert 80 Seiten. Gedruckt wird heute auf einer Heidelberg-Druckmaschine (Versafire), aber nur, weil die ursprünglich verwendete Laserkopiermaschine (ohne Fixieröl, nur Tonerpulver und Hitzefixierung, wie die alten Xerox-Kopien) kaputtgegangen und nicht mehr ersetzbar war.

Damit kommt Andreas Koch zum unfreiwillig durchgeführten Redesign; es bestand im Wesentlichen aus der Einführung einer neuen, zweiten Schrift, nämlich der Bureau Grotesk – zur Garamond, die er der Einfachheit halber genommen hatte, weil er DIE ZEIT und die darin verwendete Garamond gerne und gut liest. „Eigentlich wollte ich sagen, warum ich Redesign hasse“, sagt er, es sei völlig unnötig und lästig, wenn ein ihm liebgewordenes Printprodukt sein Erscheinungsbild ändert, das möge er gar nicht, „alles ist ähnlich, aber anders“. Das habe er der ZEIT auch mal geschrieben nach einem Redesign, endend mit dem Schlusssatz – zum Ende des Leserbriefes wohl, aber auch seines Vortrages bei uns: „Das ist auch Kapitalismuskritik“. von hundert

Im Nachgang erfolgt die Publikumsfrage: „Welche Garamond?“ Erst die von Adobe, sagt Andreas, dann die von Adobe Premiere Pro oder so – ja, gut, pflichtet das Publikum ihm bei, und bloß nicht die XY-, sagt jemand, die XY-Garamond sei grausam, hieß es einhellig. Hätten wir das auch geklärt.

Matthes & Seitz Berlin – Andreas Rötzer
Von München nach Berlin (von M&S zu MSB)
„der Verlag für das Irrationale“

Das Verlagsprogramm des ursprünglichen Verlags Matthes & Seitz, gegründet 1977 in München, wurde durch Werke vornehmlich französischer Autoren abseits des Mainstreams bestimmt, wie Antonin Artaud, Georges Bataille und Jean Baudrillard aus dem „Niemandsland zwischen Wissenschaft und Kunst“ (so der Untertitel des Jahrbuchs „Der Pfahl“); 2004 wurde der Verlag als Matthes & Seitz Berlin neu gegründet. Heute ist MSB mit Reihen wie Fröhliche Wissenschaft, Batterien, Theologische Brocken, den Naturkunden und dem Verlagsprojekt Rohstoff, deren Cover-Gestalterin Marion Wörle bei unserem ersten Verlagsabend 2023 zu Gast war, sehr bekannt und bringt im Jahr 120 bis 140 Bücher heraus.

Wir begrüßen den Verlagsinhaber und -leiter Andreas Rötzer, der bedauert, nicht mehr bei jeder Neuerscheinung aus seinem Haus persönlich auf jedes Detail der Buchgestaltung zu schauen. Dafür hat er heute Gestalter·innen und Hersteller·innen wie Hermann Zanier, Pauline Altmann, Dirk Lebahn oder Falk Nordmann. Aber auch Judith Schalansky, die zu Beginn der Naturkunden zur Bedingung gemacht hat, dass er nicht die Herstellung mache. Er begriff, dass dies Teil einer notwendigen Professionalisierung seines wachsenden Verlages sein müsse. Bei Matthes & Seitz Berlin sind sie heute zu elft. Oft kenne er die Namen der verwendeten Schriften nicht, obwohl er die ersten fünf Jahre in Berlin die Bücher selbst gesetzt habe und großen Wert auf gut lesbare Schriften sowie deren in Hinblick auf die Lesbarkeit optimalen Einsatz legt. „Schrift ist für mich leider hauptsächlich etwas, was ich beauftrage und beurteile.“

Damit kommt Andreas Rötzer auf die Gründungsgeschichte des Verlags in München, wo er als Schüler und dann, 1990, als Buchhalter angefangen habe; die Konstellation sei tatsächlich so gewesen wie bei zero sharp noch heute: Axel Matthes war der Programmmacher und Klaus Seitz der Gestalter. Mit ihren Büchern aus den 1980er Jahren sorgten Matthes und Seitz für Aufsehen, mit einer blockartigen Grotesk, das sich stark vom „rationalen Suhrkamp-Design“ und der kühlen Designsprache anderer Verlage absetzte. Als Rötzer den Verlag nach Berlin holte und 2004 neu gründete, musste er aus der Not heraus die Bücher selbst gestalten. „Wenn Sie Umschläge von Matthes & Seitz sehen, die keinen Gestalternamen führen, dann war das meistens ich und es waren die schlechten.“

2013, damals waren sie im Verlag zu dritt oder zu viert, kamen die Naturkunden, „eine Art Game-Changer für uns“. Andreas Rötzer schwärmt von seinen Buchmacher·innen: Hermann Zanier sei ein begnadeter Gestalter, Hersteller und Setzer. „Was ich bei ihm so bewundere, ist die Fokussierung auf den Inhalt. Das ist alles überlegt, reduziert und zurückgenommen, und dadurch liest man den Text und eben nicht die Schrift.“ Inzwischen arbeiten sie bei MSB „mit vielen Setzern zusammen, die bei Hermann Zanier lernen, etwa mit Pauline Altmann, die gefühlt den gleichen Satzstil hat, das gleiche Gefühl für das Layout mitbringt, und die im Wesentlichen mit Judith Schalansky zusammen die Naturkunden gestaltet“.
Andreas Rötzer blättert mit uns durch die Krähen und die Schnecken, gesetzt in der Ingeborg von Michael Hochleitner (Typejockeys). Neben exzellent gesetzten Seiten fallen die Illustrationen ins Auge: „Die Artenporträts lassen wir immer zeichnen von einem Berliner Zeichner, Falk Nordmann; wir gönnen uns meistens zehn Illustrationen, an denen er monatelang arbeitet, Studien anfertigt usw., damit das exakte naturwissenschaftliche Zeichnungen sind“. Sehr viel Aufwand betreibt MSB auch bei den Materialien, sie haben den Farbschnitt – nur oben! – und andere Merkmale der Buchherstellung des 19. Jahrhunderts neu umgesetzt. So entstanden die ersten Buchumschläge des Verlags noch im Bleisatz, mit Christian Tannhäuser zusammen.

Andreas Rötzer erzählt von der Entstehung der Reihe Fröhliche Wissenschaft. Ihm lagen drei sehr kurze Aufsätze vor, die er in Buchform bringen wollte, ihm schwebte eine Reihe für knappe, aber präzise und knackige Texte vor. Der gestalterische Impuls kam durch eine im Antiquariat gefundene Reihe namens Libertés, schmale Bändchen mit schwarzen Lettern, die wie handgestempelt aussahen, herausgegeben von einem Jean-Jaques Pauvert – der sei, ja, „eine große Referenz“, bestätigt Maximilian Gilleßen aus dem Publikum. In dem schmalen Format sehen auch kurze Texte aus „wie ein richtiges Buch“, erklärt Andreas Rötzer, und dass sie die DIN Condensed gewählt hätten für ihre Umschläge, weil sie ihm als „die charakterlosteste Schrift, ganz normal und nichtssagend“ erschien. Der Zwiespalt für ihn liege grundsätzlich darin, dass sie einerseits, in ihrem nun gut etablierten Verlag mit an die 140 Publikationen pro Jahr, den Anforderungen der Herstellung und des Marktes gehorchen müssten, aber inhaltlich auf Seiten der Kritik stehen. „In Ablehnung der Affirmation“ solle also immer etwas dabei sein, was nicht funktioniert, was leicht irritiert, wie bei der Fröhlichen Wissenschaft die Umschläge: „Das Spacing machen wir immer von Hand, damit die Buchstaben tanzen und eine gewisse dilettantische Anmutung haben“. Matthes & Seitz Berlin

Der Abend klingt in angeregten Gesprächen auf der Gartenterrasse aus. Wir freuen uns über die Tatsache, dass das Buch so lebendig ist wie eh und je, dass Typografie, aber auch Farbschnitt und Handschrift als Gestaltungsmittel weiterhin gepflegt werden und dass so schöne, lesenswerte, relevante Werke dabei entstehen wie bei den Verlagen, die sich und ihre Arbeit bei uns vorgestellt haben.

Vielen Dank euch allen!

Zu fast allem bereit im Sinne des Buches (von links nach rechts, stehend): Yves Mettler (von ztscrpt), Alex Rügler (Reprodukt), Andreas Rötzer (MSB, Matthes & Seitz Berlin), Maximilian Gilleßen (zero sharp), Alexander Wolff (ztscrpt), (sitzend) Julia Weinbrenner und Andreas Koch (von hundert) am Gartenhäuschen bei LucasFonts in Schöneberg.

Super, dass ihr da wart! Danke für eure tollen, bereichernden Beiträge.

25.06.2026: Verlagsabend

Books, Books, Baby! Im Juni laden wir Verlagsmenschen ein, um über ihre typografischen Entscheidungen zu sprechen. Von den Herausgeberinnen, Gestaltern und Herstellern von Büchern und Kunstmagazinen wollen wir wissen: Wie finden sie zur passenden Schrift? Wie kommen sie zu ihren favorisierten Fonts? Dafür bringen sie gedruckte Beispiele mit, blättern mit uns durch die Seiten und stellen sich dem Gespräch. Wir freuen uns sehr auf: ztscrpt, zero sharp, Reprodukt, permanent Verlag und Matthes & Seitz Berlin.

Wann? Donnerstag, den 25. Juni 2026, um 19 Uhr
[Korrektur] Im ersten Newsletter hieß es fälschlicherweise „28. Juni“. Danke für die Hinweise!
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg

Bis dahin, euer
Typostammtisch-Team


Typostammtische verpasst? Wer wissen möchte, wie es beim ersten und zweiten Verlagsabend oder neulich beim Stammtisch der Typostammtische zuging, wie wir die Abschlussarbeiten internationaler Type Masters ausstellen oder das große Eszett feiern, und welche Berliner Stadtteile wir bei unserem 3-fachen Schriftspaziergang 2025 erkundet haben, schaut in unser liebevoll gepflegtes Archiv

Designstudent unterstützen? Nick Tekautschitz befasst sich in seiner Bachelorarbeit mit der Wirkung von Schrift(-duktus) und bittet um rege Teilnahme an seiner Umfrage 1, Umfrage 2 und/oder Umfrage 3, inkl. Gewinnspiel und Information über die Ergebnisse, falls gewünscht.


Büchermonat in Berlin! Am 11. Juni eröffnet die Ausstellung 100 Jahre Fotografie und Presse in Berlin im Stabi Kulturwerk. Anja Lutz lädt am 12. Juni zu Cooking Alphabettes Soup ins A–Z. Der Wagenbach Verlag feiert in der Stabi am 16. Juni den 100. Band seiner Kleinen Kulturwissenschaftlichen Bibliothek. Und dann die Festivals! Am 13. Juni präsentieren sich Verlage und Magazine aus D/A/CH beim Lyrikmarkt im Rahmen des Poesiefestivals vom Haus für Poesie. Vom 26. bis 28. Juni (Vorprogramm ab 23. Juni) findet die MISS READ statt; diesjähriger Schwerpunkt ist Bibliodiversität, Vielfalt in Verlagswesen und Literatur. Als riesige Open-Air-Buchhandlung mit Veranstaltungszelten, Snack- und Leseinseln präsentiert sich am 27. und 28. Juni das Berliner Bücherfest auf dem Bebelplatz in Mitte. Wer zwischendurch selbst aktiv werden möchte: Ideal geht das am Samstag, den 27. Juni mit Sonja Knecht und Marianne Nagel im Double-Feature-Schnupper-Workshop Verdichtung – Text und Buch. Am 11. Juli lohnt sich der Ausflug zum LCB; zu erleben sind über 40 Kleine Verlage am Großen Wannsee. Für die Sommerpause: Im Palais Populaire ist bis Mitte August eine Riesensammlung schriftbasierter Kunst zu sehen – Seeing Words, Reading Images.


Die Titelzeile ist in TheSerif von Luc(as) de Groot gesetzt, erhältlich bei LucasFonts. Das Bücherregalbild ist von Sonja Knecht; darin ebenfalls TheSerif, Semilight Italic.

19.02.26: Britt Möricke

Mit über 35 Jahren Erfahrung erkundet Britt Möricke unablässig die Welt der Typografie und inspiriert ihre Studierenden in Rotterdam, ihren eigenen kreativen Weg zu gehen. Derzeit schreibt sie ein Buch über Typografie. Arbeitstitel: I HATE TYPOGRAPHY. „Da ich nicht an Multitasking glaube, werden meine Typografiekurse bis auf Weiteres verschoben …“

An diesem Abend wird Britt von der schnellen Entwicklung ihres Interesses für Schrift erzählen und ihre Erfahrungen an der Akademie in Den Haag (im Volksmund „het Haagse pootje“ genannt) mit uns teilen. Außerdem wird sie uns das Mercator-System und die Geschichte der Kursivschrift erläutern und auf ihr Handschrift-Lehrbuch eingehen. Im Anschluss gibt es eine kurze Session für alle, die Feedback und Ratschläge zur Verbesserung ihrer Handschrift erhalten möchten.

(Der Vortrag ist in englischer Sprache)

With over 35 years of experience, Britt continues to explore the world of typography and inspire her students in Rotterdam to discover their own creative paths. Currently Britt is writing a book about typography. Working title: I HATE TYPOGRAPHY. “Since I don’t believe in multitasking, my courses in typography will be postponed till later notice…”

On this evening, Britt will talk about the rapid development of her interest, she will address her experiences at the academy in Den Haag (referred to as “het Haagse pootje”) followed by an explanation of the Mercator system and the history of italic script. She will also discuss her handwriting manual. Finally, Britt will offer a short session for anyone interested in receiving immediate feedback and advice on how to improve their handwriting.

Wir freuen uns auf euch!
Euer Typostammtisch-Team

Wann? Donnerstag, 19. Feburar, Beginn 19:00, Einlass 18:30
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio von LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg


In eigener Sache:

AUFRUF! Nächsten Monat findet der Typostammtisch am 19.3. statt und steht unter dem Thema „Tools“. Hast du ein schriftrelevantes Tool (egal ob digital oder analog), Script, Programm, Plugin oder sonstiges Helferlein programmiert, das du mit uns teilen möchtest? Dann melde dich bei uns bis zum 19.2. mit deinem Themenvorschlag für einen kurzen Vortrag (5min) mit anschließender Möglichkeit, die Themen in Grüppchen zu vertiefen. Wir freuen uns auf deine Initiative!

CALL! Next month’s Typostammtisch on 19.3. will be all about tools! Have you made a type-related tool (no matter if it’s digital or analogue), script, program, plugin or some other helpful thingy that you want to share with us? Then please reach out with your topic for a short talk (5 min) until 19.2. Afterwards, there will be options to dive deeper into the topic in smaller groups. We are looking forward to your idea! 


Noch bis zum 14. Februar zeigt die Galerie Vincenz Sala schriftbasierte Kunst in ihrer PAROLES group show II. Um Scherenschnitte geht es in der Ausstellung „Schere–Stil–Papier. Lettegrafik x Johanna Beckmann“, zu sehen bis zum 1. März im Kulturforum. In der Berlinischen Galerie läuft bis zum 16. März die Ausstellung „Raoul Hausmann: Vision. Provocation. Dada“ mit collagierter Schrift. Die Fontstand-Konferenz kommt nach Berlin! 10.–11. April, Silent Green, Tickets und Workshopplätze sind bereits buchbar. Bis zum 12. April kann man die Ausstellung „ENTWERTER/ODER und das sogenannte Zeitschriftenunwesen“ im Willy-Brandt-Haus besuchen. Dort wird es einen Filmabend am 26. Februar geben. Im Humboldtforum sind Manuskripte verschiedener Sprachfamilien in einer Wechselpräsentation mit dem Titel „Sprachfamilien“ zu sehen – noch bis Mitte des Jahres.


Die Titelzeile ist gesetzt aus Britts Schreibanleitungsschrift.

Nachbericht 123. Typostammtisch: Dafi Kühne

An diesem Donnerstagabend durften wir Besuch aus der Schweiz begrüßen, genauer gesagt von Dafi Kühne aus Zürich! Einige Minuten vor Beginn war der gut bestuhlte Raum im Studio bei LucasFonts noch recht leer, doch plötzlich betraten alle auf einmal den Raum und die Plätze waren in kurzer Zeit belegt. Viele altbekannte Gesichter waren dabei, und es fanden auch einige Besucher·innen zum ersten Mal ihren Weg zum Typostammtisch.

Dafi, der uns an diesem Abend einen Einblick in seine Arbeit gewährte, ist Grafikdesigner und Letterpress-Plakatgestalter. Er erzählte von seinem Atelier mit Druckpressen, viele davon aus den 1960er-Jahren, und zeigte in seinem Vortrag nach und nach verschiedene Poster und Posterserien. Häufig umriss er den Kontext und die Zielgruppe der einzelnen Poster, so gestaltete er ein Poster für die RICE University und druckte recht abstrakte Varianten der Buchstaben R, I, C und E auf seine Posterserie. Für Außenstehende vielleicht nicht direkt erfassbar oder lesbar, sei Lesbarkeit immer eine Frage der Zielgruppe, so Dafi. Er erwarte von Personen auf dem Campus der RICE University auch die Fähigkeit, die Buchstaben auf den Postern zu erwarten und zu dechiffrieren. Auf die Aussage, Lesbarkeit sei eine Frage der Zielgruppe, folgte ein Lachen aus dem Publikum – insgesamt war der Vortrag geprägt von recht viel Lachen oder doch zumindest Schmunzeln.

Für weiteres Schmunzeln sorgte ein Plakatentwurf als Lösungsansatz für toxische Typografie im öffentlichen Raum. Das Poster, so Dafi, biete typografisches Detox. Gedruckt auf Transparentpapier und versehen mit dem auf die Rückseite des Posters gedruckten Wort „DETOX“ lässt sich das Poster im öffentlichen Raum über jegliche als toxisch empfundene Typografie drüber tapezieren. Dies ist sicherlich ein veranschaulichendes Beispiel für den sehr humorvollen Ton des Vortrags.

Einen wichtigen Teil des Abends stellte aber auch das Zeigen der Gestaltungsprozesse dar – von der Idee bis zum häufig sehr langen und analogen Prozess der Umsetzung. Wenn Dafi stundenlang Sachen auf die Presse übertragen müsse, so sei das für ihn ein schöner Vormittag. Überhaupt lebte dieser Abend von Dafis Spaß an seiner Arbeit, von der Leidenschaft zu analogen und aufwändigen Druckprozessen und von der Liebe zu Details. Parallel zum Erzählen zeigte Dafi im Hintergrund an der Leinwand zahlreiche Videos aus dem Atelier – nicht selten gefolgt von Nachfragen zur exakten Fertigungstechnik aus dem Publikum.

Nach dem Vortrag durften wir einige mitgebrachte Plakate in echt ansehen, viele davon im Weltformat und damit einen ganzen Tisch ausfüllend. Der Abend endete mit Getränken, langen Gesprächen, allgemeinem Staunen und Beseeltheit von so viel Leidenschaft fürs Handwerk. Danke an Dafi und alle Besucher·innen!

Alle warten in Vorfreude, während die letzten Personen noch den Raum betreten.
Auch vor dem Vortrag ist schon Zeit für Wiedersehen und Austausch.
Los geht’s!
Dafi zeigt die Wirkung einer optischen Täuschung, die er für die Gestaltung eines Posters nutzt (die Linien sind parallel!).
Wenn Dafi im Vortrag von einem Plakat erzählt, das er auch physisch dabei hat, so hält er es zwischendurch hoch und spricht dabei weiter.
Zum Gestaltungsprozess dieses Posters erzählt Dafi: „Das Auswaschen im Waschbecken war dann wirklich unschön. Da hab ich die Ätzung in die Autowaschanlage gebracht.”
Nach dem Vortrag: großer Andrang an den zwei Tischen, auf denen Dafi seine Poster ausgelegt hat.
Detail der Poster. Auch die Materialität spielte insgesamt eine große Rolle im Vortrag und in den Gesprächen.
Immer wieder schön zu sehen, dass der Typostammtisch auch unabhängig vom jeweiligen Vortrag des Abends eine willkommene Gelegenheit zum Austausch bietet.
Kleine Stärkung vor dem Typostammtisch
Während des Anschauens der Poster werden weitere Fragen gestellt und beantwortet.

Fotos: Olga Luchanok

18.09.2025: Triple Type Walk

Jedes Jahr bietet der Berliner Typostammtisch einen Type Walk an. Die schriftkundigen Tourguides, ihr jeweiliger Fokus und das durchstreifte Stadtviertel sind dabei ganz unterschiedlich. Nach dem Schriftspaziergang lassen wir den Abend in einem Biergarten gemeinsam ausklingen. Hier sind alle willkommen, unabhängig von der Spaziergangsteilnahme.

Dieses Jahr wird es am 18. September statt eines Type Walks gleich drei Touren parallel geben! Wählt aus, an welcher ihr teilnehmen wollt und meldet euch schnell dafür an (sofern angegeben), denn die Plätze sind begrenzt:

Type Walk 1: U8 with Jesse Simon (in English)
Discover (typo)graphic highlights of the city, above and below ground. Jesse Simon is dedicated to photographically documenting urban typography and gives us insights into his background knowledge – this time along the U8 line.
• Fee 10 €, Registration required
Start: 3 p.m. Meeting point will be announced a few days before the tour via e-mail.


Type Walk 2: Graffiti mit Corner Girlz
Den Graffiti-Hotspot Mauerpark und seine fußläufige Umgebung könnt ihr bei diesem Type Walk (neu) entdecken. Diesmal zeigen uns Hanna von der Flinta*-Graffiticrew „Corner Girlz“ und Tanja, eine weitere Writerin, ihre Sichtweisen auf die Stadt und geben spannende Einblicke in die Szene.
• freiwillige Spende zwischen 0 und 10€, keine Anmeldung erforderlich
Start: 16 Uhr. Treffpunkt vor dem Mauersegler (Mauerpark), Bernauer Str. 63–64, 13355 Berlin


Type Walk 3: Wedding mit Florian Hardwig und Fritz Grögel
Der Klassiker-Schriftspaziergang mit Fritz und Florian – zum zweiten Mal mit einer Route durch den Wedding. Freut euch auf eine Mischung aus Schildern, Inschriften, Letterings und Urban Art. Fundierte und unterhaltsame Schriftgeschichte(n) to go.
• Preis 20 € / ermäßigt 10€, Anmeldung erforderlich
Start: 15 Uhr. Der Treffpunkt wird wenige Tage vor Tour per Mail bekanntgegeben.

Hinweis: Holy Zugriffsrechte! Falls ihr direkt nach dem Erhalt der Einladung teilnehmen wolltet, aber es nicht ging: Im Formular war eine Einstellung falsch. Jetzt könnt ihr euch anmelden.


After Type Walk: Nach den Touren treffen alle Gruppen im Pratergarten zusammen. Und auch wenn ihr nicht an einem der Spaziergänge teilnehmen könnt, freuen wir uns auf euch zu Limo, Bier und Gesprächen unter Kastanien!

Wann? Am Donnerstag, den 18. September um 19 Uhr. Keine Anmeldung erforderlich.
Wo? Prater Biergarten, Kastanienallee 7–9, 10435 Berlin

Euer Typostammtisch


Die Berlin Art Week findet vom 10. bis 14. September mit vielen Veranstaltungen in verschiedenen Locations statt. Vom 12. bis 14. September steigt das Hypergraphia Festival rund um die Themen Graffiti & Urban Art auf dem Gelände von FreiLAND in Potsdam. Vom 20. bis 21. September hat Sophia Melone von den Corner Girlz eine Soloausstellung im Katzengraben. Sonst nicht ausgestellte mongolische Dokumente könnt ihr bei der Veranstaltung 100 Jahre Textgeschichte der Verfassungen der Mongolei am 1. Oktober in der StaBi bestaunen. Ein allerletzter Besuch: Nur noch bis zum 5. Oktober hat das Buchstabenmuseum geöffnet! Die Arbeiten des Grafikdesign-Studios Cyan sind noch bis zum 17. Oktober im Rahmen einer Ausstellung im CVA Berlin zu besichtigen. Das online stattfindende Inscript Festival zu experimenteller Typografie geht 2025 vom 15. bis 19. Oktober bereits in die vierte Runde. Neu ist die Online-Konferenz zum Thema Fonts & AI, veranstaltet von I Love Typography am 23. und 24. Oktober (bis einschließlich 5. September könnt ihr dort eure Vortragsidee einreichen).


Das obere Bild der Titel-Collage zeigt den FLINTA* GRAFFITI JAM (Bild von tanone1). Mitte: Wedding-Type Walk 2024 mit Fritz und Florian (Bild von Anja Meiners). Das Bild vom U-Bahnhof Pankstraße stammt von Jesse Simon.

Die Titelzeile und der Text des Titelbildes sind gesetzt aus der Tausend, gestaltet von Christoph Koeberlin und Gabriel Richter, erschienen bei Fontwerk.

Nachbericht 120. Typostammtisch: Verlagsabend

Aufgrund der Vielzahl an interessanten Verlagen und Köpfen dahinter und weil das Feedback beim ersten Mal so gut war, findet an diesem warmen Frühsommerabend bei LucasFonts bereits der zweite Typostammtisch-Verlagsabend statt: Books, Books, Baby! Wir begrüßen, zunächst beim Essen im Garten und dann auf der Bühne, fünf Verlage aus Dresden, Leipzig und Berlin und möchten wissen: Wie treffen Verlagsmenschen typografische Entscheidungen? Welche Rolle spielt Schrift in der Gestaltung ihrer Bücher? Was haben sie sonst noch Spannendes zu erzählen?

Alle Fotos von Olga Luchanok. Herzlichen Dank, Olga!
Moderation: Sonja Knecht
Franco Marcucci und Carolina Giovagnoli vom Siesta-Verlag

Nach der Einleitung von Luc(as) de Groot und Sonja Knecht begrüßen wir als erstes auf der Bühne den Siesta Verlag aus Berlin, namentlich Carolina Giovagnoli und Franco Marcucci. Sie stellen uns den jüngsten der heute anwesenden Verlage vor. Siesta ist spezialisiert auf spanischsprachige Literatur, geschrieben von Migranten. Das Stichwort „Community“ stellen die beiden explizit heraus. Der Verlag sei ein kulturelles Projekt und das Buch eben das Objekt. „Wir wollen einen Verein um das Buch bauen“, sagt Franco. Und später auch: „Wir müssen uns unsere Leser bauen“, in Anlehung an den Prozess, ein solches Verlagskonzept in der Community zu verankern. Wichtig hierfür seien Interaktionen zwischen Buch und Leser·innen: „Es sind nicht nur Wörter oder Buchstaben, sondern es geht um Erfahrungen mit dem Buch.“ Belege für dieses Verlagsverständnis ist das Organisieren eines Literatur-Festivals oder ein Workshop, bei dem Autor·innen ihre Bücher selbst binden.

Im Kopf geblieben: typografische Wortspiele wie B/ANANAS oder fr/essen und der Gedanke, dass ein Verlag mehr sein kann als ein Verlag.

Tom Lamberty, Leiter des Merve Verlags

Es folgt, Kontrastprogramm, Tom Lamberty vom Merve Verlag aus Leipzig. Merve wurde 1970 gegründet und ist seit jeher auf politische Literatur spezialisiert. Tom bezeichnet sich selbst als „Opa“ und schiebt hinterher: „Ich bin der Schlimmste zum Einladen, wenn’s um Typo geht. Ich habe keine Ahnung.“ Dafür kann er in einem reichen Archiv stöbern und bringt uns Exemplare mit, „die ich selbst vergessen habe“. Wir vollziehen gemeinsam am Overhead-Projektor nach, wie sich die am Buchrücken gespiegelte Raute als zentrales grafisches Motiv des Verlags entwickelte und wie der Grafiker Jochen Stankowski denkt und mit Schrift arbeitet (es fällt der Begriff „Spielwiese“). Außerdem kommen kollektive Entscheidungswege und radikal transparentes wirtschaftliches Handeln im Verlag zur Sprache.

Im Kopf geblieben: Ein Cover, das den Titel erst durch Abrubbeln offenbart – „Der Buchhandel hasst uns dafür!“ Und: „Von dem Verlag kann man nicht leben. So war es auch nicht gedacht.“

Gestalterin Anne Hofmann und Verleger Marcel Raabe von Trottoir Noir

Wechsel auf der Bühne, wir bleiben in Leipzig und begrüßen Marcel Raabe und Anne Hofmann vom 2014 gegründeten Verlag Trottoir Noir. Der Name, so Marcel gleich vorweg, war eine Schnapsidee, die Assoziationen vom letzten Gast an der Theke weckt. Das übergeordnete inhaltliche Thema des Verlags sind Aufzeichnungssysteme, ansonsten sind die Formate und Stoffe sehr unterschiedlich: Romane, Dokumentarisches, Lyrik, … Als gemeinsamer formaler Nenner wirkt das Format der Bücher, das in eine Hosentasche passen und den Druckbogen effektiv ausnutzen soll (was wir heute Abend öfter hören, die Kosten …). Die Gestaltung ist jeweils individuell passend zu den Inhalten und generell sehr gelungen; Anne Hofmann betont dabei auch politische Hinter- und Beweggründe. 

Im Kopf geblieben: Die Idee, eine Dokumentation von Arbeitsbedingungen im Krankenhaus mit einem abwischbarem Umschlag zu versehen – und die sehr bedachte, aber auch wahnsinnig offene und regional verankerte Auswahl der Stoffe.

Team Voland & Quist: Theresa Meschede, Leif Greinus, Lea Kubeneck

Als nächstes begrüßen wir Voland & Quist aus Dresden, 2004 gegründet und vorgestellt von Lea Kubeneck, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Wir sehen den Roman „Lebensversicherung“ von Katrin Bach unter dem Projektor. Eigentlich sollte die Autorin dabei sein, war aber kurzfristig verhindert. Also hilft Sonja gern beim Mikrohalten. Im vorgestellten Buch geht es um die Angst vor allzeit drohenden Gefahren und potentiellen Risiken, der Text ist blau (Versicherungsfarbe!) auf weiß. Im Austausch mit dem Publikum kommt die Sprache u. a. auf das Schoolbook-a und den Unterschied zwischen Icons und Piktogrammen. Interessant auch die Frage, wie der Verlag Grafikbüros für die Gestaltung der Bücher auswählt: Neue Autor·innen sollen auf der Webseite schauen, welche Richtung ihnen gefällt. Dann wird gezielt angesprochen.

Im Kopf geblieben: „Weil ich weiß, dass Zeit Geld, aber Geld eben doch keine Zeit ist“, Zitat aus „Lebensversicherung“. Und das schöne Verlagslogo (oben links im Bild), das zwar „nur“ aus Initialien besteht, aber doch lebendig wie ein Maskottchen wirkt.

Kristine Listau und Jörg Sundermeier vom Verbrecher-Verlag

Zum Abschluss beehren uns Jörg Sundermeier und Kristine Listau vom Verbrecher Verlag. „Wir wollten kein Verlag sein, deshalb der komische Name“, sagt Jörg. Für die Gestaltung der Bücher hätten sie ein „Einheitskleid“ gesucht, eine „Uniform“, und wurden bei der Folio Bold Condensed für die schlichten, aber wirkungsvollen Titel und bei der EB Garamond mit gekapptem Q für die Texte fündig. Später kommt der Einwand: „Vielleicht sind wir auch zu faul und verkaufen es als Einheitsgedanken“. Außerdem thematisieren sie ihren Umgang mit dem Versal-Eszett und die besondere, kantenumlaufende Darstellung des Barcodes auf den Verbrecherei-Büchern. 

Im Kopf geblieben: Eine ISBN muss in einer bestimmten Größe gesetzt sein, um den Anforderungen zu entsprechen. Also: Make the ISBN bigger!

Das Publikum hat ganz unterschiedliche Herangehensweisen an Inhalt und Gestaltung gehört: programmatische, individuelle, pragmatische, politische, spielerische und hintergründige. Es ist spannend, den gedanklichen Kreis größer zu ziehen und das Thema Schrift aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Dafür müssen nicht alle Schrift-Profis sein – und so ist es bereichernd, mit Wort-Profis, Denk-Profis und Buchmarkt-Profis zusammenzukommen. Der Austausch zwischen Typomenschen und Verlagsmenschen erweist sich für alle Seiten als interessant und anregend. So sitzen wir noch lange zusammen – und es wird nicht unser letzter Verlagsabend gewesen sein.

In diesem Sinne: Kauft Bücher und lest sie auch!

12.06.2025: Verlagsabend

Books, Books, Baby! Zum zweiten Mal laden wir Verlage ein, über Schriftanwendung zu berichten. Von den Inhaberinnen, Herausgebern, Autorinnen und/oder Gestaltern illustrer, eigenwilliger, unabhängiger Literaturverlage wollen wir wissen: Wie finden sie ihre bevorzugten Fonts? Wie treffen sie typografische Entscheidungen?

Dafür bringen sie beispielhaft Bücher mit, legen diese unter den Overhead-Projektor, blättern mit uns durch die Seiten – und stellen sich dem Gespräch. Wir freuen uns sehr auf die persönlichen Begegnungen mit und Einblicke in die Arbeit von: MerveSiesta Verlag, Trottoir NoirVerbrecher Verlag und Voland & Quist.

Wann? Donnerstag, 12. Juni 2025, 19 Uhr
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio von LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg

Bis dahin, euer
Typostammtisch-Team


Typostammtische verpasst? Wer wissen möchte, wie es beim ersten Verlagsabend, bei unserem letzten Type Crit oder neulich beim Typostammtisch-Ausflug nach Potsdam zuging, wie wir das große Eszett gefeiert und welchen Stadtteil wir beim Schriftspaziergang 2024 in den Blick genommen haben, schaut in unser liebevoll gepflegtes Archiv.


Weiteres im Buchkontext – Juni ist Büchermonat in Berlin! Am 3. Juni geht’s Indie Stabi mit den Verlagen Orlanda und InterKontinental, am 19. Juni ebenfalls in die Stabi zur Ästhetik und Signifikanz des Buchumschlags. Selbermachen am Wochenende: 14./15. Juni im Letterpress-Workshop und 27./28. Juni im Lithografie-Workshop mit Stefan Tielscher, bbk berlin im Bethanien. Ebendort bietet die Buchkünstlerin Marianne Nagel aus Leipzig am 21./22. Juni Fortgeschrittenes Buchbinden für Künstler·innen, wärmste Empfehlung (die Autorin dieser Zeilen hat einen Workshop bei ihr mitgemacht). Am 17. Juni soll Molecular Typography (Details dort erfragen) an der UdK Berlin vorgestellt werden. Auch diverse Festivals locken: 13.–15. Juni Miss Read im HKW, 15. Juni Lyrikmarkt im Rahmen des Poesiefestivals an der Akademie der Künste, Hanseatenweg, dann das Berliner Bücherfest am Bebelplatz am 28./29. Juni mit über 100 Verlagen. Ausblick Juli: Als jährliche Sommer-Highlights der Literaturszene Berlins sind Kleine Verlage am Großen Wannsee, 5. Juli beim LCB, und die Brotfabrik-Sommerfest-Jubiläumssause steigt am 20. Juli in Weißensee. Print’s not dead.


Die Titelzeile ist in der Marjoree Mono von Bernd Volmer gesetzt, frisch ausgezeichnet mit dem TDC Certificate und erschienen bei Show Me Fonts. Das Bücherregalbild ist von Sonja Knecht; darin die Marjoree Proportional.

Nachbericht 118. Typostammtisch: Berlin goes Potsdam

Neue Aufkleber von Samira Rehmert und Lukas Horn 🔥

Der Frühling trägt die Leute raus – sei es nach Kopenhagen, wo sich viele aus der Typostammtischcommunity von der zeitgleich stattfindenden ATypI inspirieren lassen – oder, nur ein paar S-Bahnstationen entfernt, nach Potsdam, wo es nicht minder spannende Schriftinhalte zu sehen und zu hören gibt. Auch viele Potsdamer·innen nutzen das nahe Gastspiel; glücklich, dass der Weg für sie ausnahmsweise mal kürzer ist.

Der Typostammtisch ist zu Gast am Fachbereich Design der FH Potsdam. Dort wird an diesem Abend die Ausstellung Further Reading eröffnet, die Studierende unter der Leitung von Prof. Christina Poth und Prof. Susanne Stahl konzipiert haben. Dazu später mehr. Zunächst einmal ganz herzlichen Dank, dass wir kommen durften!

Aufbau der Ausstellung
Ankommen des Publikums

Als Einstieg in die Tandem-Veranstaltung gibt es einen Typostammtisch-Vortrag von bekannten Gesichtern: Oliver Johannsen und Martin Gnadt. Die beiden haben schon einmal einen tollen Graffiti-Spaziergang rund um den Mauerpark für den Typostammtisch organisiert. Oli präsentierte außerdem gemeinsam mit Reinhard Deutschmann in unserem Bücherkurzvorstellungsformat das Magazin „Hypergraphie“.

Heute treten Martin und Oli als Teil eines Potsdamer Kollektivs auf: Seit 2020 organisieren sie das Hypergraphia-Festival auf dem Freiland-Gelände in der Nähe des Hauptbahnhofs. Und ja, richtig vermutet, das hängt mit dem erwähnten Magazin zusammen.

Oliver Johannsen und Martin Gnadt

Die beiden stellen sich vor (FH Potsdam-Absolvent Oli, Dozent-Student Martin) und stellen auch gleich klar, dass „Hypergraphia“ nicht Englisch, sondern Deutsch [hyːpɐˈɡʁafia] ausgesprochen wird. Sorry, offensichtlich sind wir seit Scooter so sehr an die englische Aussprache von „Hyper (Hyper)“ gewöhnt. Nächste Korrektur: Es geht nicht um Street-Art, sondern um Urban-Art – ein umfassenderer, wertschätzenderer Begriff, den wir gern ab sofort benutzen. Außerdem erfahren wir, was es mit dem Namen des Festivals auf sich hat. Dieser leitet sich nämlich von „Hypergrafie“ ab, einem manischen Schreibzwang. Zunächst gab es das gleichnamige Magazin, aus dem ein Schriftprojekt entstand, und im Folgenden ein ganzes Festival – Hypergraphia, das diverseste Graffiti-Festival Europas!

Die Schrift als Klammer verschiedener Unternehmungen

Martin und Oli geben einen Überblick, was sich seit ihrem Einstieg 2020 in Sachen Hypergraphia-Festival getan hat. Wir sehen Fotos aus den vergangenen Jahren, die sofort Lust auf Sommer und Schreiben machen. Außerdem erfahren wir etwas über das Freiland-Gelände, das dank unterschriebenem Erbpachtrechtvertrag für die nächsten 66 Jahre sicher betrieben werden kann. Keine schlechte Grundlage in diesen Zeiten! 

Die beiden nehmen uns mit in die Entstehung der jährlich wechselnden Corporate Designs des Festivals. Alle arbeiten mit der selben Schrift, einer schablonierte Interpretation der DIN 1451 (einst Normschrift für Verkehr und Logistik) in unterschiedlichsten Facetten, Defragmentierungen und gestalterischen Schwerpunkten. Außerdem erfahren wir von Battle-Disziplinen (Taggen, Throw Up, Bierkasten, 2m Abstand zur Wand, so hässlich wie möglich, malen per Overhead-Projektor-Projektion auf Häuserwände), der Broken-Windows-Theorie (kritisch zu betrachten!) und der Buchempfehlung Calligrafitti von Nils „Shoe“ Meulmann. 

Nachdem das Festival und die Organisator·innen 2024 pausierten, geht es 2025 mit neuem Team vom 12. – 14.09.2025 auf dem Potsdamer Freiland-Gelände weiter (Updates am besten hier). Leidenschaftlich rufen Martin und Olli dazu auf, das Event zu unterstützen, sei es mit Geld- oder Sachspenden (Siebdruck-, Schalungsplatten oder anderes geeignetes Material), oder personeller Unterstützung (Licht, Musik, Planung). Ein großer Fokus wird dieses Jahr darauf liegen, noch mehr FLINTA*-Personen eine Bühne zu geben. Unterstützung und Teilnahme wärmstens zu empfehlen!

Spendenkampagne: Graffitiwände erneuern
Spendenkampagne: Freiland-Gelände unterstützen
Mitmachen/Sachspenden: gern per Mail melden!

Für den zweiten Teil des Abends verlassen wir das Fotostudio – Getränke sind dort schließlich verboten – und hören gespannt den Professorinnen Christina Poth und Susanne Stahl im Foyer zu: Sie stellen die Ergebnisse des Hauptprojekts Further Reading vor. Es geht um Sprache als mächtiges Tool zur Inklusion, um die Grenzen zwischen Leserlichkeit und Unleserlichkeit, um einfache und gendergerechte Sprache. Die Ergebnisse, die wir anschließend in der Ausstellung besichtigen können, erkunden das Thema auf sehr breite Art und Weise und laden durch verschiedene Perspektiven ein, sich mit in- und exkludierenden Elementen von Texten auseinanderzusetzen.

Prof. Susanne Stahl und Prof. Christina Poth eröffnen die Ausstellung
Fotos: FHP / Hanna Hauten

Die Ausstellung ist noch zu sehen bis zum 09.05.2025. Die zweite Potsdam-Empfehlung dieses Nachberichts!

Einfach mal raus, den Kopf lüften, sei es in Berlin, Potsdam oder Kopenhagen. Einen schönen Frühling wünschen wir.

Nachbericht 108. Typostammtisch: Verlagsabend

Books, Books, Baby! Der erste Verlagsabend in der an tollen Abenden nicht eben armen Geschichte des Typostammtischs Berlin war besonders beglückend. Im Vorfeld hatten wir Kontakt zu einigen Independent-Verlagen, vornehmlich Literaturverlagen, und vorrangig ansässig in Berlin. Nun durften wir namhafte Verleger·innen und eine Künstlerin-Grafikdesignerin live begrüßen: Am Hightech-Overhead-Projektor bzw. unserer Überkopf-Kamera blätterten sie sich und ihre Bücher auf (Grüße aus der Wortspielhölle). Dieserart bekamen wir fundiert Einblick in ihre typo-/grafische Arbeit, naturgemäß immer verbunden mit dem Inhalt. Form follows Content, denn die UX von Büchern ist Lesen. Anschauen und anfassen natürlich auch. Oft kamen die Gesamtmaterialitäten ins Spiel. Aber der Reihe nach. 

Bei Käsewürfeln und Kürbissuppe vorab – ihr wisst, „Speaker·innen·dinner“ wird bei uns groß und immer mal wieder anders geschrieben – wurden wir warm miteinander. Im Gespräch kommen wir auf Lyrik-Wrestling, Schachboxen und die Surfpoeten. Büchertisch belegen, Porträtfotos machen, und los. Der Saal füllt sich. 

In Abwesenheit: Trottoir Noir und Ritter Verlag

Moderatorin Sonja Knecht macht selbst den Auftakt, denn Marcel Raabe von Trottoir Noir, Leipzig, in Personalunion Verleger und Autor, liest zeitgleich in Erfurt. Er hatte vorab Bücher und Verlagsmaterial geschickt – ebenso wie Franziska Füchsl, Gestalterin des bei ihm 2021 erschienenen, von Clemens Böckmann herausgegebenen Gedichtbandes Alvaro Maderholz, Springer_Innen („ein kleines Juwel abseits des Bekannten“, so ein Rezensent der FAZ; hier geht es zur Rezensionsnotiz beim Perlentaucher). Vorab kam Franziska Füchsl zum Kennenlernen, dann wurde sie krank – hatte uns aber als persönliche Gastgabe, denn auch sie ist Autorin, ihr Buch Tagwan mitgebracht. Es erschien im Ritter Verlag, Klagenfurt 2020. Hier eine Rezension in der NZZ.

Damit all diese Liebevolligkeit nicht verpufft, stellt Sonja die beiden Bücher dennoch vor, oder anders: schwärmt hemmungslos für die Inhalte und überhaupt für die Tatsache ihrer Herausgabe (vom Maderholz-Bändchen) sowie für den sprachlichen Formwillen, ergo Gesamtgestaltung (Tagwan von Füchsl). Bei Springer_Innen geht es um die Poesie des Skispringens, von einem, der selbst Skispringer war. Der Band ist garniert mit der berührenden Geschichte von Eddie the Eagle, einer ebenso solitären Gestalt wie Autor Alvaro Maderholz; das Vorsatzpapier mit Zeichnungen einer DDR-Briefmarken-Sonderedition zum Skispringen. Sieht toll aus. „Sieht komisch aus mit der Hand. Vor allem, wenn sie so zittert“, kommentiert Sonja den Bildausschnitt der Überkopf-Kamera, die Buch und Hand an die Wand projiziert. Die Aufregung. Schaut euch den schönen Band und überhaupt das Programm von Marcel Raabe, Trottoir Noir an; er operiert unter dem schönen Stichwort Aufzeichnungssysteme.

Für den kompakten, schlicht in Grau gepackten Gedichtband nutzt Gestalterin Franziska Füchsl die Schriften Livory von Hannes von Döhren und Livius Dietzel sowie Moncler Ultra Light von David Súid. Bei ihrem eigenen Buch Tagwan ist selbst die Anmerkung zur Typografie lyrisch – Füchsl nutzt eine Sprache, die mit regionalen Eigenheiten und Dialektwörtern spielt, und spricht etwa von den „gloschenen Unregelmäßigkeiten“ der Centaur, entworfen von Bruce Rogers nach Schriften von Nicolas Jenson aus dem 15. Jahrhundert und erstmals verwendet 1915 für Maurice de Guérins Text Le Centaur. Große Leseempfehlung für alle, die eine experimentelle, sinnliche, sehr körperliche Sprache lieben oder kennenlernen möchten: Es handelt sich bei Tagwan auf den ersten Eindruck um einen verrätselt wirkenden Prosatext voller Bilder und Sinneseindrücke, dessen einzelne Episoden sich im Weiterlesen zu einem biografischen Bericht zusammenfügen. Füchsl beschreibt Wahrnehmungen, die uns Handlungen und Ereignisse erahnen und an eigene Erlebnisse erinnern lassen: Tagwan von Franziska Füchsl. 

Dr. Rike Felka: Verlag Brinkmann + Bose

Zusammen mit Erich Brinkmann leitet Rike Felka den Verlag Brinkmann + Bose. Er ist für die Gestaltung verantwortlich, sie für Lektorat, Öffentlichkeitsarbeit, Übersetzung. Gemeinsam geben Brinkmann und Felka interdisziplinäre Theoriebücher (vornehmlich der Philosophie, Literatur-, Medien- und Filmwissenschaft) heraus. Was hier so trocken klingt, ist Legende – fortgeschrittene Leser·innen und Typografiebegeisterte erinnern sich. Der Berliner Verlag wurde 1980 von Günter Karl Bose und Erich Brinkmann gegründet und 15 Jahre gemeinsam geführt. Bose ging 1995 als Professor für Typografie an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. 1998 stieg Rike Felka ein. Zum 30-jährigen Bestehen von Brinkmann + Bose gab es 2011/12 die Ausstellung Double Intensity im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt am Main und ein gleichnamiges Begleitbuch, 32,5 × 23 cm, 169 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen aus der Geschichte des Verlages. Im Interview-Bericht in von hundert #33, FREIHEIT SPEZIAL (S. 6–10) von September 2019 spricht Rike Felka über die Wirkung von Büchern, ihre Haltung als Verlegerin und die abenteuerlichen, freien, in jeder Hinsicht selbst gestalteten Anfänge des Verlages in den 1980er Jahren im West-Berliner Mauer-Kreuzberg.

Rike Felka stellt uns zwei Brinkmann + Bose Bücher vor. Als erstes Das Telefonbuch der amerikanischen Autorin Avital Ronell, genauer gesagt, den Buchrücken. Dieser sei „auch dann noch sichtbar, wenn das Buch im Regal verschwindet“ und zeige symbolisch Kabel, Sender, Empfänger, Übertragung, Telefontechnik – die Themen des Buches. Dreht man das Buch um 180 Grad, erkennt man auch gelbe Seiten. Für Nachgeborene: Die Gelben Seiten, das war ein großes, sehr dickes, auf dünnes Papier gedrucktes Buch, herausgegeben von der Deutschen Post, dann der Deutschen Telekom, parallel zum Telefonbuch. Die Gelben Seiten enthielten in kleiner Schrift spaltenweise die Telefonnummern und sonstigen Kontaktangaben sowie Werbeanzeigen von gewerblichen Anbietern (das Telefonbuch die privaten). Zurück zum Telefonbuch von Brinkmann + Bose. Zum Einsatz kamen hier die Schriften Univers Extended von Adrian Frutiger, Dynamo von K. Sommer und Minimum von Pierre di Sciullo. Die breitlaufende Univers auf den Innenseiten wirke „wie an einem Faden aufgezogen“, so Rike Felka, und lässt damit erneut eine Telefonschnur assoziieren. Fettdrucke und Einschübe von kontrastierenden Schriftarten zeigten Störungen, Wackelkontakte, ein weiterer Verweis auf den Konnex von Form und Inhalt; das Cover erinnere an Industriedesign. Das Vorsatzpapier thematisiert das Erdtelefon von Joseph Beuys, ein Kunstprojekt von 1967. Kein Wunder, dass Das Telefonbuch, von Rike Felka selbst „fulminant übersetzt“, wie es in einer Rezensionsnotiz heißt, in seinem Erscheinungsjahr 2001 zu einem der Schönsten Deutschen Bücher gekürt wurde. 

Als zweites Buch von Brinkmann + Bose sehen wir Dem Archiv verschrieben von Jacques Derrida. Wieder der Buchrücken: Die Trajan von Carol Twombly bildet darauf eine Säule, indem sie umlaufend in den Falz übergeht. Im Regal wird diese Säule wieder fragmentiert, da man nicht alles von und auf dem Titel sieht. Als weitere Schrift kommt bei diesem Werk, einer „Abhandlung des Archivbegriffs für die Handtasche“, die Antique Olive von Roger Excoffon zum Einsatz. Auf den Innenseiten stehen verschachtelte Insert-Kästchen symbolisch für ineinander verschachtelte Gedanken und ihre Ausführungen bzw. bieten dafür mehrere Textebenen. An dieser Stelle gibt es Rückfragen aus dem Publikum zu den Abläufen im Verlag: Wie die Kooperation zwischen Autor· und Gestalter·in funktioniere? Autor Derrida habe ausgesprochen positiv reagiert, berichtet Verlegerin Felka, sonst gab es in diesem Fall keine großen Abstimmungen. Positiv wurde auch befunden, dass die Titelseite nicht klassisch den Autor in den Vordergrund stellt, sondern die Elemente dort fast verschwindend klein seien, dafür die Konzentration auf den Buchrücken als Gestaltungsmittel. Eine sehr konzeptionelle, fast schon experimentelle Ausreizung der gestalterischen Mittel. Wir sind beeindruckt, auch von der stilistisch stimmigen, sorgfältigen Vortragsweise von Rike Felka. Ganz herzlichen Dank, liebe Rike!

Marion Wörle für die Reihe Rohstoff von MSB

Marion Wörle gestaltet für Matthes & Seitz Berlin deren Verlagsprojekt, so nennen sie die Reihe, RohstoffAußerdem macht Marion Musik – und hat Jetlag. Wir sind ihr sehr dankbar, dass sie trotz langem Transatlantikflug direkt bei uns gelandet ist! Man merkt es ihr übrigens im Vortrag nicht an. Hellwach präsentiert sie uns die „Rohstoffe“ und zeigt uns vier Bücher aus der Reihe.

Marion Wörles Arbeit bezieht sich auf die Gestaltung des Umschlages mit seinen vier Seiten, also U1 bis U4, vorne außen, vorne innen, hinten innen und hinten außen. „Es ist viel los“ dabei, sagt sie. Von der Produktion her soll es so günstig wie möglich sein, damit bei dieser preisgünstig gehaltenen Buchreihe keine Hemmschwelle für den Kauf besteht. Das bedeutet nicht, dass es gestalterisch anspruchslos oder ganz einfach und einheitlich ist. Den Buchrücken zieren Zitate nach Wahl der Autor·innen. Das Rohstoff-Logo in der rechten unteren Ecke wird immer dort, an gleicher Stelle eingesetzt, aber oft abgewandelt: als Binärcode (bei dem gezeigten Beispiel), in Durchsichtigkeit. Es entsteht etwas Scharfkantiges, eine optische „Scherbe“. So dass es „richtig wehtut, wenn man da reintritt“, sagt Marion. Auch die Manschette sitze immer an gleicher Stelle. Es gäbe aber kein Zentrum auf dem Titel wie bei klassischer Cover-Gestaltung, sondern umlaufende, abstrakte Bildwelten, die Marion für den jeweiligen Titel „komponiert“ – die Grafikerin und Musikerin ist seit über 20 Jahren in beiden Welten aktiv; das geht offenbar bestens zusammen.

Aus dem Publikum kommt eine zweifelnde Rückfrage zur separaten Gestaltung der Innenseiten und dem dadurch gegebenen Kontrast zur Gestaltung des Umschlags, zu dieser Unabhängigkeit der Gewerke. Marion Wörle bestätigt: Je größer der Verlag, desto größer die Arbeitsteilung; der Innenteil und wie er gesetzt wird sei hier bei der Reihe Rohstoff „Standard“. Es ergibt sich eine kleine Diskussion: Ist es schade, dass die Titelgestaltung im Innentitel nicht aufgegriffen wird, oder ergibt gerade diese Teilnormierung gestalterische Flexibilität?

Als zweites Buch zeigt Marion Wörle uns aus dem Dachverlag Matthes + Seitz Berlin Das Gefühl zu denken von Veronika Reichl, eine Neuerscheinung von diesem Jahr. Hier eine Rezension. Die Autorin thematisiert in ihren Erzählungen (basierend auf 50 Interviews) die Emotionen, die wir beim Lesen philosophischer Texte durchlaufen, und hat sich bereits in ihrer Promotion mit der visuellen Darstellbarkeit wissenschaftlicher Texte befasst. Hier spricht sie unter anderem von „Gedankenfalten“. Das wird typografisch mit zwei Schriften visualisiert, die sich ineinander falten und verschränken, erklärt uns Marion.

Wie ihre Zusammenarbeit mit MSB entstanden sei, fragt jemand aus dem Publikum. Dazu kam es über eine Autorin, die sich wünschte, dass Marion für sie das Buchcover gestalte. Es folgte die Gestaltung weiterer Umschläge, und erst dann fingen sie an, über Rohstoffe nachzudenken, so Marion. „Wir haben etwa ein Jahr lang Ideen gesammelt und überlegt, wie wir das Ganze umsetzen.“ Die Gestaltung der Reihe wirke aufgrund des klaren Rahmens vielleicht einfach und einheitlich, aber das täusche, sie gestalte zum Teil bis zu 40 Entwürfe pro Cover. Uff. Später sagt sie, der Austausch mit einer Community und noch dazu einer mal ganz anderen hier beim Typostammtisch habe ihr viel Spaß gemacht, denn beim Gestalten sei sie häufig ganz allein („nur mein Computer und ich“). Ansonsten gäbe es durchaus viel Teamwork im Verlag, aber als Freie habe sie daran ja keinen Anteil. Gern und vielen Dank auch an dich, liebe Marion!

Andrea Schmidt und Tillmann Severin: Verlagshaus Berlin

Andrea Schmidt (Gestalterin) und Tillmann Severin (Lektorat, Öffentlichkeitsarbeit, Übersetzung) stellen das Verlagshaus Berlin und sich selbst als zwei Drittel der Verlagsleitung vor; der dritte im Bunde ist Jo Frank. Moderatorin Sonja an dieser Stelle zum Publikum: „Ihr habt schon gemerkt, dass ich das Stichwort „Kult“ heute oft benutze. Das spare ich mir jetzt, aber …“ Das Verlagshaus Berlin agiert unter dem Motto „Poetisiert euch“ für Lyrik und Illustration – „keine Rangfolge, beides ist uns gleich wichtig“. Erst haben sie eine Zeitschrift für Lyrik gemacht, dann Bücher. Und ein sehr starkes Branding. Zusammen mit liebevoll moderierten Lesungen und weiteren Aktivitäten sorgen sie für große Nähe zwischen ihren Autor·innen, dem Lesepublikum – und sich selbst.

Andrea und Tillmann stellen uns drei Bücher vor, das heißt, mehrere, aber damit drei ihrer Reihen. Als erstes Livestream und Leichen aus ihrer Edition Belletristik: Gedichte von Martin Piekar und Illustrationen von Nina Kaun. Hier geht es direkt zum Buch, von dem sie sagen, dass darin drei Textebenen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) typografisch in verschiedenen Schriftarten bzw. Schriftgrößen dargestellt sind, und zwar in der Epika von Rostislav Vaněk, der Trans Sans von Matyáš Machat und in der Input Serif Condensed von David Jonathan Ross. Dann gab es da noch eine verschlungene Schrift mit vielen Alternates, die uns leider entglitten ist …

Aus ihrer Edition Zwanzig für neue Stimmen (Erstveröffentlichungen) in der Lyrik zeigen uns Andrea und Tillmann die Bände RE: RE: AW: LIEBE von Kevin Junk (erschienen 2022) und BARBARA von Barbara Juch (2023). Die farblich und typografisch klar und prägnant gestalteten Hefte haben einheitlich 48 Seiten („Beschränkung ist gut bei einer Gedichtauswahl“) und eine farblich passende Fadenheftung. Stichwort Fadenheftung: Die Fadenheftung sei ein „Flaschenhals in der Produktion“, kommt im Gespräch mit dem Publikum, aber vor allem den weiteren Verlagsmenschen heraus. Der Beruf des Fadenbinders sterbe aus, die Druckereien halten ihre Kontakte geheim. – Sehr schön diese Szene im gemeinsamen Vortrag: Tillmann Severin schwärmt seine Kollegin, Gestalterin Andrea Schmidt hemmungslos an und begeistert sich dafür, wie sie die Doppelpunkte im Titel von RE: … gekippt und mit einem i-Punkt zu den drei Punkten einer Ellipse zusammengefügt hat, dem Zeichen, das man sieht, wenn am anderen Ende der digitalen Flirt-Leitung jemand gerade schreibt … Yet again, Inhalt und Form. Typografische Form. Und Innenform. Auf dem Cover von BARBARA sehen wir die Schrift Zesta, gestaltet von Jéremie Hornus, Julie Soudannne und Alisa Nowak, deren herausgelöste Punzen innen als Gestaltungsmittel eingesetzt werden, „Ausdruck der Selbstfindung oder Selbstzersetzung: Was bleibt von mir übrig?“ Was hier zurückbleibt, ist der höchst positive Eindruck dieser schlichten, schönen Gedichtbände (zum sehr fairen Preis übrigens auch). 

Als dritte Reihe stellen Andrea Schmidt und Tillmann Severin ihre Edition Poeticon vor, eine Lieblingsreihe der Autorin dieser Zeilen. Die kleinen in Graupappe gehüllten Bändchen sind eine thematische Begriffssammlung zum Einstieg in oder zur Begleitung von Lyriklektüre – oder einfach so, zur Erbauung. Thematisiert werden Begriffe, die im zeitgenössischen gesellschaftlichen, gesellschaftspolitischen Diskurs, aber vor allem in der Poetologie mindestens der Autor·innen der jeweiligen Essays eine tragende Rolle spielen. Sie mögen den Zugang zu Lyrik erleichtern, aber auch dem eigenen Denken, Fühlen, kreativen Arbeiten neue Zugänge oder Anregungen geben: durch ihre Unmittelbarkeit, Nahbarkeit vor allem, Nachvollziehbarkeit. Manche der Bände klingen wie schrittweises, schriftliches Denken, wie laut gedacht, live. Im Fließtext sehen wir die Novel, in den Fußnoten Novel Sans Pro von Christoph Dunst, auf dem Cover die Versalien der wie in Stempeldruck fleckig wirkenden Vinyl von Brad Demarea. Das Papier ist von Fedrigoni. Gedruckt wird bei Gallery Print in Berlin. Wunderbare Arbeit, liebe Andrea, lieber Tillmann! Danke für die Einblicke.

Übrigens sind auch sie mit dem Verlagshaus Berlin mehrfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Deutschen Verlagspreis 19, 20 und 22, und zu „100% INDEPENDENT“. 

So. Damit müsstet ihr reihenweise Anregungen für eure Lektüre, für besondere bibliophile Weihnachtsgeschenke, für neue typografische Wege und das Gestalten von Büchern bekommen haben.   

Vielen Dank unseren Vortragenden für alles, was ihr geteilt habt! Ihr habt uns einen wunderbaren Abend mit wertvollen Einblicken in eure Arbeit bereitet. Ihr habt für einen sehr schönen Büchertisch, Gesprächs- und Lesestoff gesorgt. Viel Liebe und viel Glück weiterhin für euren aufopfernden Einsatz für gute und besonders schöne Bücher.

Lieben Dank für die Vorgespräche auch an die Verlagsmenschen, die jetzt nicht dabei sein konnten. Auf ein nächstes Mal! 

26.10.2023: Verlagsabend

Wie kommen die Buchstaben in die Bücher? Wie finden Schriften zu Verlagen, und umgekehrt? Eine Premiere steht ins Haus: Erstmals laden wir beim Typostammtisch zum Verlagsabend.

Die Inhaber·innen, Herausgeber·innen, Autor·innen oder Gestalter·innen (oftmals sind sie all das in Personalunion) illustrer, überwiegend in Berlin ansässiger Literaturverlage erläutern ihre typo-/grafischen Entscheidungen. Dafür bringen sie beispielhaft Bücher mit, legen sie auf den Overhead-Projektor, blättern mit uns durch die Seiten und stellen sich dem Gespräch. Wir freuen uns auf persönliche Begegnungen mit und rare Einblicke in die Arbeit von – Freudenfeuer, Trommelwirbel, großer Tusch: Brinkmann + Bose, Rohstoff, Trottoir Noir, Verbrecher Verlag und Verlagshaus Berlin.

Wann? Donnerstag, 26. Oktober 2023, 19 Uhr
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio von LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg

Bis dahin, euer
Typostammtisch-Team


Typostammtische verpasst? Wer zum Beispiel nachschauen möchte, wie Bücher gebunden oder schriftbezogene Bücher zauberhaft präsentiert werden – eines davon zählt inzwischen zu den diesjährigen 25. schönsten deutschen Büchern, Glückwunsch, liebe Jenna! – wird in unserem Archiv fündig. Und, Ausblick, freut euch aufs TypostammQuiz im November sowie auf, Arbeitstitel, A Tribute to Fontshop. Den planen wir für Anfang 2024. Sammelt also gern schon Spenden für den Gabentisch (Quiz) bzw. Erinnerungen (Fontshop); wir freuen uns bei beidem auf regen Austausch!


Bücher und Buchstaben in rauen Mengen gibt es vom 18. bis 22. Oktober bei der Frankfurter Buchmesse. Das Deutsche Historische Museum, immer einen Besuch wert, zeigt in der Wolf-Biermann-Ausstellung Plakate und weitere Druckerzeugnisse der Zeit. Lesen im Vorbeigehen: Ariane Spanier bespielt den Bauzaun für den Neubau am Kulturforum mit Inschriften. Wenige Schritte weiter, bei Hacking Gutenberg, the-gallery-formally-known-as-P98a könnt ihr Mitglied werden, Rabatt bekommen, Weihnachtsgeschenke kaufen. Behaltet weiterhin die Verlagsreihe Indie Stabi im Blick, nächste Termine dort (monatlich am ersten Dienstag) wären 7. November und 5. Dezember. Bitte unbedingt auch die Typoclub-Veranstaltungen an der UdK Berlin vormerken; dort sind im Wintersemester Typografinnen zu Gast: Yana Vekshyna am 26. Oktober, Petra Rüth am 2. November, Yimeng Wu am 9. November und Golnar Kat Ramahni am 16. November.


Die Titelzeile ist in Elma Trio von Philipp Neumeyer gesetzt, erschienen bei den TypeMates. Das Bücherregalbild ist von Sonja Knecht; darin ebenfalls die Elma Trio.