25.10.2018: 1E9E, ein Jahr danach

Manche sagen „scharfes S“ und „großes scharfes S“, andere sprechen vom „großen Eszett“, vom „Großbuchstaben Eszett“ oder vom „Versaleszett“, auf Englisch heißt es meist „German (capital) sharp S“ oder, mehrfach missverständlich, „German double-S“; wieder andere äußern sich allenfalls kodiert-distanziert-professionell-neutralisierend mittels Unicode: „1E9E“.

Seit dem 29. Juni 2017 ist es amtlich. Ein Jahr und gut drei Monate sind vergangen, seit der meistdiskutierte Buchstabe der westlichen Hemisphäre legitimiert und ins Regelwerk der deutschen Sprache aufgenommen wurde – neun Jahre nach der Unicode-Verankerung übrigens (1E9E gibt es seit dem 4. April 2008). Für manche ein typografischer Paukenschlag und Durchbruch für die deutsche Sprache sondergleichen, für andere völlig überflüssig (Schweizvergleich) oder gar ein Ärgernis. Für uns schlicht Tatsache und Anlass zur Bestandsaufnahme: Wie sieht das große scharfe S denn jetzt aus? Wie macht es sich in der Anwendung? Welche Form setzt sich durch? Wie erging und wie geht es denen, die seine Einführung begleitet oder aus beruflichen und persönlichen Gründen besonders mitgefiebert haben? Und wer arbeitet aktuell daran? Wer hat mit dem Großbuchstaben Eszett seit Tag eins seiner Einführung ganz praktisch zu tun?

Wir freuen uns auf Kurzvorträge und Gespräche von und mit Dudenredakteurin Melanie Kunkel, zusammen mit Ursula Fürst, Leiterin Herstellung beim Duden, und auf unsere Kollegin Nadine Roßa (Design made in Germany, Sketchnote Love) mit ihren Erfahrungen als namentlich Betroffene; Luc(as) de Groot wird Gestaltungsvarianten zu einer kleinen Ausstellung verdichten und uns einen Überblick zur Entwicklung geben. Als Einstimmung empfehlen wir Christoph Koeberlins Artikel Das große Eszett auf Typefacts sowie einen vorsichtigen Blick in die Feuilletons, exemplarisch etwa die FAZ (die abgründig hässliche Kopfzeile mag als Symbol zeitgenössischer Wirrwarrität und Alleingänge dienen): Ein Buchstabe mit Integrationsproblemen. Sehr erhellend finden wir Ralf Herrmanns Berichte auf Typografie.info, etwa Warum man ein großes Eszett benötigt (Oktober 2010) und DAS ESZETT KOMMT ENDLICH GROẞ HERAUS: PDF und Download, reich bebildert, erschienen 2011 in der gedruckten Ausgabe TypoJournal 3 – Wandel, darin auch Nadine Roßas Beitrag zu ihrem Buch Das Eszett, eine scharfe Type. In diesem Sinne: auf einen spannenden Abend!

Wann? Am Donnerstag, den 25. Oktober 2018 um 19 Uhr
Wo? Bei LucasFonts, Eisenacher Straße 56, 10823 Berlin-Schöneberg

U-Bahn: Linie U7 bis Eisenacher Straße
S-Bahn: Linie S1 bis Julius-Leber-Brücke oder S1, S41, S42, S45, S46 bis S-Bahnhof Schöneberg
Bus: M48, M85, 104, 187, N42 bis Albertstraße

Herzlich grüßt
euer Typostammtisch-Team


In eigener Sache: Wir suchen Nachwuchs. Das Typostammtisch-Berlin-Team braucht Verstärkung. Wer packt mit an, wer hat Lust, unsere Veranstaltungen mitzuorganisieren? Das reicht vom Planen und Ideen spinnen, Sprecher kontaktieren, Technik und Ausstellungsaufbau, Einlass machen und Gaste zählen bis zum Getränke schleppen, aufräumen, Boden wischen und Nachbericht schreiben (kann man alles lernen). Einziges Kriterium: Du bist nach dem 1. Februar 1989 geboren und damit jünger als unser aktuell jüngstes Teammitglied. Bitte melde dich per E-Mail an und schreib uns ganz kurz, wer du bist, ab wann du Zeit hast und warum du mitmachen möchtest. Wir freuen uns!


Tipps, Tipps, Tipps! Sina Otto übernimmt zusammen mit Ute Klemm die nächste Schreibsession von Petra Rüth, das kostenlose Treffen für alle Schönschriftfans: Donnerstag, den 18. Oktober um 19 Uhr. Am 2. November eröffnet das Amsterdamer Grafikkollektiv Experimental Jetset in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Autor und Musiker Ian Svenonius die Ausstellung Alphabet Reform Committee an der Volksbühne; es geht um „die Stadt als poetische Plattform für Kommunikation“. Susanne Zippel von Mittelpunkt•Zhongdian lädt zusammen mit Norbert Gabrysch von wirDesign zu einem Abend mit Grafiklegende und Designdenker Olaf Leu, der als typografischer Gestalter in der Bauerschen Gießerei begann: am 8. November ab 19 Uhr in kleiner kulinarischer Runde („ab 19:30 wird geplaudert“) bei wirDesign in der Gotzkowskystraße 21/21 in 10555 Berlin. Susanne bittet um Anmeldung bis zum 31. Oktober per E-Mail oder unter 0163 67 68 68 9.


Die Titelzeile wurde in der Gig von Franziska Weitgruber gesetzt. Das Titelbild stammt aus der Florian Hardwig’schen Sammlung (Imbissschild, Berlin-Friedrichshain).

Nachbericht 77. Typostammtisch: Bei flirrender Hitze auf Buchstabenpirsch

Großes Buchstabenglück, krönender Abschluss: Unser Schriftspaziergang mit Biergartentreff fiel auf den letzten, wunderschönen Sommertag des Jahres.

Eine buntgemischte Gruppe nicht nur ortsansässiger Buchstabenfans traf sich zum gemeinsamen Aufbruch schon am frühen Nachmittag: „Auf unserem Weg durch die historische Mitte Berlins sahen wir gefräste, gegossene, emaillierte und geplottete Schrift“, berichtet Schriftspaziergangsleiter Florian Hardwig. „Wir fachsimpelten über die Mischung von Fraktur und Antiqua auf Grabsteinen aus dem 18. Jahrhundert und staunten über eine frühe Serifenlose, die um 1850 den Kern eines umfassenden Gestaltungsprogramms bildete. Hoch über unseren Köpfen machten wir Stärken und Schwächen von Architektenschriften aus und entdeckten zu unseren Füßen konturierte Messinglettern, eingelassen in den Boden des Alexanderplatzes.“

Stippvisite an der weltberühmten Weltzeituhr, Lieblingstreffpunkt „am Alex“ (Foto: Ulrike Rausch)
Unsere Typostammtischschriftspaziergangsgruppe 2018 (Foto: Fritz Grögel)

Schützenswerte Schätze

„Ein roter Faden“, so Florian weiter über ihren Weg, „war die Berlin-spezifische Geschichte unseres Stadtbilds, geprägt von den Verheerungen des Weltkriegs – und ebenso denen der autogerechten Modernisierung, muss man sagen; und geprägt natürlich auch von der politischen Teilung.“ Aus seiner Sicht leidet das Stadtbild (leiden wir) bis heute, neben den historischen Destabilisierungen, grundsätzlich unter „der fehlenden Sensibilität für Schrift im öffentlichen Raum als schützenswertes Kulturerbe“.

Wo war das noch gleich? (Foto: Ulrike Rausch)

Sehr schön, dass die Gruppe auf ihrem Spaziergang auf zeitgenössisch Bekannte(s) traf: „En passant entdeckten wir Buchstaben, für die Teilnehmer unseres Schriftspaziergangs verantwortlich zeichnen: die einst von Andreas Frohloff ad hoc überarbeitete Schrift für Straßenschilder und die jüngst von Martin Wenzel zusammen mit Jürgen Huber (der nicht mitgekommen war) entwickelte Hausschrift eines Elektronikmarktes.“ Nach drei kurzweiligen Stunden hießen Henning Wagenbreths handgemalte Schriftschilder im Prater-Biergarten – und wir alle, die schon dasaßen – die Buchstabenaufspürer willkommen.

Fritz Grögel in Aktion, auf Höhe Museumsinsel (Foto: Ulrike Rausch)
Florian Hardwig auf der Pirsch (Foto: Ulrike Rausch)

Im Pratergarten hielten wir mehrere Garnituren Tische und Bänke voll besetzt, es wurde begeistert vom Spaziergang berichtet, gefachsimpelt was das Zeug hält, über Entenfedern etwa und Schriftentwürfe, später dann mit Mobiltaschenlampen. Ein kurzer Regenschauer brachte uns ein bisschen Abkühlung, tat der grandiosen Stimmung aber keinen Abbruch.

Georg Seifert, Berlin, und Gerhard Großmann, zu Besuch aus Bayern, beim fachlichen Austausch nach Einbruch der Dämmerung (Foto: Ulrike Rausch)

Für mehr Details zum Schriftspaziergang fragt am besten die, die dabei waren. Ein Riesendankeschön an unsere Spaziergangsbeauftragten Florian Hardwig und Fritz Grögel für diesen sonnigen Höhepunkt des Jahres! Der nächste Schriftspaziergang kommt bestimmt; hoffentlich wieder mit euch beiden. Vielen lieben Dank allen Teilnehmenden für das rege Interesse und eure großzügigen Spenden an den Typostammtisch Berlin.

Wir sind schon voll in der Planung für drei schöne Herbststammtische – dann wieder indoors – und schicken wie immer vorab Einladungen (an alle, die unseren Newsletter und damit die Einladung abonnieren). Falls ihr euch das vormerken möchtet: Der Termin 27. September steht bereits, dann folgen sehr wahrscheinlich der 25. Oktober und der 29. November (Typostammquiz).

Von Fritz erreichen uns die Links zu der filmischen Dokumentation über den Wiederaufbau in Deutschland, von der er auf dem Spaziergang erzählt hatte: Deutsche Städte nach ’45. Ein Radio-Bremen-Film von Susanne Brahms und Rainer Krause. Teil 1: Bomben und Bausünden und Teil 2: Abriss und Protest. Sehr zu empfehlen, vielen Dank, lieber Fritz!

Nachbericht 76. Typostammtisch: Kurzpräsentationen im Grünen

Es war ein wunderschöner Abend. An dieser Stelle gleich nochmal ein Riesendankeschön unseren Gastgeberinnen Heike Nehl und Si­byl­le Schlaich! Der Hinterhof der Moniteurs in der Ackerstraße entpuppte sich als grüne Oase, dicht bewachsen, frisch beplankt von Alex Branczyk, der mit seinen Schwesterfirmen xplicit und drucken3000 im gleichen Hof sitzt und kurzerhand noch ein paar passgenaue Holzbänke gebaut hatte. Es war dann aber auch jeder Platz besetzt. Und das gab es zu sehen, zu hören, zu bestaunen:

Beatriz Rebbig, Berit Kaiser von Rohden (Moniteurs) – „Apfelgriebs, Behavior, Co-creation: Das ABC der Piktogramme“
Beatriz Rebbig, Berit Kaiser von Rohden (Moniteurs): „Apfelgriebs, Behavior, Co-creation: Das ABC der Piktogramme“Zum Auftakt gaben uns Beatriz und Berit, zwei Mitarbeiterinnen der Moniteurs, einen Überblick über eines der Spezialgebiete der Agentur: Piktogramme, Icons, Bildsymbole, wie sie in Wegeleitsystemen zum Einsatz kommen und passgenau für bestimmte Orte, Themen und Auftraggeber entwickelt werden. An ihnen und ihrer konzeptionsstarken Arbeit wie dem Terminal-Orientierungssystem kann es definitiv nicht gelegen haben, dass der Weg zum neuen Flughafen für Berlin so beschwerlich ist.

Dan Reynolds – „Die Norddeutsche Schriftgießerei“
Dan Reynolds: „Die Norddeutsche Schriftgießerei“Dan ist ein wandelndes Schriftgießereienlexikon, besser gesagt: Lexikon, Lageplan, Geschichtsbuch, Gestalter und Forscher in einem. Was er an Wissen und Detailfreude an den Tag legt, macht ihm so schnell keiner nach. Die Anwesenden durften staunend feststellen, dass sie sich mit ihren heutigen Firmen – ob vor Ort in Mitte oder im fernen Schöneberg gelegen, so Dans anlassbezogene Forschungsschwerpunkte – in den Epizentren der Schriftgießerien auch vorheriger Jahrhunderte befinden.

Jenna Gesse – „Form und Inhalt sind jetzt Freunde“
Jenna Gesse: „Form und Inhalt sind jetzt Freunde“Jenna ist Dozentin, Redakteurin, Gestalterin durch und durch. Im besten Sinn Generalistin, sind bei ihr Schrift und Sprache, Form und Inhalt, Sinn und Witz Freunde. Wir staunen über Jennas Einfallsreichtum und die ruhige Art, mit der sie ziemlich beste Gestaltungsideen präsentiert: etwa ihre minimalistisch visualisierte Autobahn, mit Begleitsound, Anklänge konkreter Poesie. Mich begeistert, wie leicht und vielschichtig die Autorin-Designerin von Leerzeichen für Applaus zeigt, dass Text gestaltete Sprache ist.

Daria Petrova, Inga Plönnigs – „Zukunftsschriften“
Daria Petrova, Inga Plönnigs: „Zukunftsschriften“Daria und Inga sind mit ihrem Vortrag über Future Fonts die Überraschungsgäste des Abends. Weil sie nicht nur ihre beiden sehr eigenwilligen, konzeptionsstarken Schriften Messer und Zangezi vorstellen und Einblicke in den Status quo ihrer persönlichen Gestaltungsprozesse geben, sondern das Prinzip der neuen Schriftplattform erklären: Type Designer können „unfertige“ Schriften einstellen und bereits zum Kauf anbieten, aber auch Feedback, Lob und Kritik erfragen und sich so im weiteren Ausbau ihrer Schrift begleiten lassen, von Nutzern, Fans und Kolleginnen.

Benedikt Bramböck – „Kategorie: Lückenhaft“
Benedikt Bramböck: „Kategorie: Lückenhaft“Benedikt möchte Wikipedia besser machen. Und zwar in einem entscheidenen, nämlich unserem Feld: Schriftgestalterinnen und Schriftfirmen sind im globalen Lexikon nur unzureichend vertreten und beschrieben, to say the least. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Es fehlen vor allem Mitschreiberinnen, die das Ganze als Redaktionsgruppe in die Hand nehmen würden – so Benedikts Idee und Aufruf, eine Stimmung hoffnungsfroh-entschlossenen Ärmelhochkrempelns verbreitend. Gemeinsam sollte der Missstand zügig in den Griff(el) zu bekommen sein. Meldet euch!

Elena Albertoni – „(Not) always hand paint!“
Elena Albertoni: „(Not) always hand paint!“Elena widmet ihre Energie handgemachten Hausinschriften. Die versierte Schriftgestalterin war Mitarbeiterin bei LucasFonts und gründete 2005 Anatoletype. Jetzt belebt sie eine alte Profession neu, führt sie in die heutige Zeit und fügt ihr neue Qualitäten hinzu. Ihr Angebot umfasst die direkte Dienstleistung vor Ort, das Gestalten einer Ladenfassade nach den Wünschen der Besitzer, Beratung und direkte Anbringung, sprich, professionelle Bemalung der Hauswand. Eine von Elenas Spezialitäten ist das Arbeiten mit Blattgold – um zu untermauern, dass ihr Handwerk in Berlin goldenen Boden (und fundierte Tradition) hat? Wir sehen sie vor unserem geistigen Auge mit Farbpalette und Handkarren durch die Straßen ziehen und alles verschönern.

Christine Wenning – „Arbeite hart und sei nett zu den Menschen“
Christine Wenning: „Arbeite hart und sei nett zu den Menschen“Christines Vortrag ist einer der spannendsten des Abends. Sie berichtet gar nicht über ihre Arbeit direkt, sondern wie sie heute arbeitet. Nach Stationen in Hamburg, Berlin (Edenspiekermann, TYPO Berlin) und Bielefeld arbeitet sie heute in einer Agentur, deren Chef zu den Innovatoren der Branche, wenn nicht der gesamten Arbeitswelt gehört: Lasse Rheingans hat in seiner Agentur (nomen est omen) Digital Enabler die 25-Stunden-Woche bzw. den „5-Stunden-Tag im Selbstversuch“ eingeführt und sorgt damit für Furore. Es klappt uneingeschränkt. Das ganze Team arbeitet fünf Stunden am Tag, bei voller Bezahlung und gleichem Urlaub, und alle sind begeistert. Auch die Kunden. Wie das in der Praxis funktioniert und effizient ist, macht Christine fein anschaulich.

Charlotte Rohde – „Type Club Düsseldorf“
Charlotte Rohde: „Type Club Düsseldorf“Charlotte sieht ihren Type Club als „Plattform für Schriftgestaltung und -forschung“, insbesondere „für Schriftkonzepte von Studenten der Hochschule Düsseldorf“. Sie präsentiert Schriften und deren Gestalterinnen, Aktionen und Ausstellungen. Eine Schriftskizzensammlung, Vorträge und Interviews gehören dazu, ebenso der Austausch etwa mit Studierenden der UdK Berlin (Elias Hanzer) und Kolleginnen zum Beispiel von Riesling Type, Hamburg (konsequente Namenswahl der Herren Durst und Weinland). Sehr schön, zu sehen, wie allerorts Schriftfans zusammenfinden!

Gunnar Bittersmann – „FOIT, FOUT, FUCK.“
Gunnar Bittersmann: „FOIT, FOUT, FUCK.“Gunnar bewies in seinem Vortrag extrem gutes Rhythmusgefühl, kein Wunder, tritt er doch als Gitarrero einer Rockband auf. Er zitiert Laura Kalbag, Accessibility for Everyone, überzeugt mit schrifttechnischem Sachverstand und schlüssigen Abkürzungserklärungen (WOFF = weg mit den ollen Font-Formaten, FOIT = flash of invisible text usw.). Mit weiteren Detail muss ich leider passen und darf an dieser Stelle auf unseren bisher einzigen Typotechnikstammtisch verweisen. Und sprecht Gunnar selber an! Als Stammgast ist er stets präsent und offen dafür. Toll fand ich seine Anmerkung, dass in jedem Schriftvortrag (so also auch in seinem) eine Folie in Comic Sans zu erfolgen habe. 

Inga Plönnigs – „Magnetische Momente“
Inga Plönnigs: „Magnetische Momente“Inga machte in Ergänzung zum Future-Fonts-Vortrag (gemeinsam mit Daria Petrova, siehe weiter oben) wo sie Messer publiziert, ihren Gestaltungsprozess zur Magnet deutlich, mit der sie bei Type and Media in Den Haag graduierte. Begleitet von Feststellungen wie „das ist ja interessant“ und unerwarteten Entdeckungen wie dem „opportunistischen Kontrast“ durchleben wir mit ihr den Entwicklungs-, oder sollten wir sagen: Erweckungsprozess einer Schrift in schönster Transparenz. Es sei an dieser Stelle zu Ehren der Magnet eine wortspielerische Plattitüde erlaubt: höchst anziehend!

Jacob Heftmann – „Telling the Story of IBM Plex“
Jacob Heftmann: „Telling the Story of IBM Plex“Jacob, unsere Zufallsüberraschungsgast aus New York, macht anhand der Plex für IBM das Thema Custom Type plastisch, oder mehr noch: Branding mit Schrift. Corporate Branding, in diesem Fall. Das Unternehmen IBM setzt mit seiner neuen Haus- und Universalschrift markentechnisch Maßstäbe und macht sich noch unverwechselbarer. Wunderbarerweise wurde ein internationales Team Native Speaker und Type Designer diverser Sprachen und Schriftkulturen zusammengestellt – nur so kann es gehen und nur so geht es richtig, wird es richtig gut. Im Ergebnis ist die IBM Plex bestens gelungen, wird der Schriftgestaltungsprozess mitsamt aller Beteiligten exzellent kommuniziert und ist die (vom Publikum nicht uneingeschränkt gutgeheißene) Verbreitung als Free Font nur konsequent: IBM hat einst schon als Weltmarktführer und SchreIBMaschinen-Kultmarke auch in Deutschland das maschinelle Schreiben, ergo die selbsttätige Erstellung, Verbreitung und Vervielfältigung von Text ganz wesentlich vorangetrieben. Großes Lob, Dank und Huldigung meinerseits.

Lukas Horn – „fragenziehen“
Lukas Horn: „fragenziehen“Lukas hat sich ein großartiges Interview-Format ausgedacht: Die zu Befragenden ziehen sich ihre Fragen selbst. Gesetzt ist eine feste Karte mit der Aufschrift „Schrift“. Auf allen anderen Karten stehen andere Wörter, wie Innovation, Kunst, Musik, Natur, Toleranz und Trend, alle möglichen Wörter halt, die man sich zuziehen kann. Man reagiert auf die Kombination, also zum Beispiel (wie icke) auf „Schrift und Liebe“, oder „Schrift und Sprache“ (hatte ich zum Glück auch). Vom Publikum befragt nach Auffälligkeiten beim Antwortverhalten teilte Lukas mit, dass nicht etwa Paarungen wie „Schrift und Sex“ zu Schüchternheit führten, sondern bislang nur bei „Monopol“ auffallend zögerlich reagiert bis gar Antwort verweigert wurde. Aber dann gilt: neue Karte, neues Glück.

Manuel Viergutz – „Design ■ Fresh 😎 Display-Fonts 😍“
Manuel Viergutz: „Design ■ Fresh 😎 Display-Fonts 😍“Manuel machte den würdigen Abschluss, auch er ein Vortragender mit Heimvorteil. Als Mitarbeiter von drucken3000 ist er hier im Hof sozusagen zuhause und zeigt, wie er das Handwerkliche in die digitale Tat umsetzt. Seine rauen, rustikalen, bulligen Buchstaben erinnern an Kartoffeldruck und Holzschnitt, an grob Gehauenes und, wie soll man sagen: körperlichen Gestaltungspaß. Ob Hausnummern oder Schreibmaschinen, Aufblas- oder Spielbuchstaben, Manuel findet und setzt um und hat, unglaublich produktiv wie er ist, bereits rund 40 ausdrucksstarke Display Fonts im Sortiment. Tendenz steigend.

Das war allerhand. Es war schön, es war berührend und lehrreich. Volle Punktzahl auch für unser Publikum, das jeden Vortrag ebenso interessiert wie humor- und liebevoll begleitet hat. Man gab spannende Nachfragen, witzige Zusatzideen, launige Kommentare und Anekdotisches zum besten, teilte Fachwissen und Hintergründe. Fröhliche Bereitschaft zum fortgesetzten Austausch auch bei den Vortragenden, genug Bier und handgepflückte Pfefferminze für frischen Tee (die Stimmbänder der Moderatorin hatten etwas gelitten) – was will man mehr!

Hier noch ein paar Eindrücke von der Atmosphäre des Abends (Fotos Sol Matas):

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28.06.18: Pecha-Kucha-Abend

Es ist wieder soweit! Einmal jährlich widmen wir uns traditionell dem Pecha Kucha. Freut auch auf das sportlichste aller Vortragsformate in exakt 12 × 6:40 Spielminuten.

Das Feld reicht von Piktogrammen, typografischen Werkstätten und Clubs, Display-Fonts und Work-Life-Balancierungen über Fragen zu Form und Inhalt und Schrift und Leben zu ominös nur Angedeutetem und Zukunftsschriften. Lassen wir uns überraschen. Herzlichen Dank schon an dieser Stelle allen Vortragenden, die mit ihrer Leidenschaft und ihrem Wissen den Abend bereichern werden. Wir freuen uns auf:

Wann? Am Donnerstag, den 28. Juni um 19 Uhr (Vorträge 19:30)
Wo? Bei den Moniteurs in 10115 Berlin-Mitte (Lageplan), Acker­stra­ße 21–22
Achtung: Klingeln bei Xplicit und drucken3000, dann durch in den Hof

S-Bahn: Linien S1, S2, S25, S26 bis Nordbahnhof (580 m Fußweg)
U-Bahn: Linie U8 bis Rosenthaler Platz (ca. 535 m Fußweg)
Tram: 12 und M8 bis Pappelplatz (ca. 135 m Fußweg)

Bis dahin,
euer Typostammtisch-Team


Als (typo-)grafische Großereignisse empfehlen wir außerdem die Hochschulwerkschauen:

Am 14./15. Juli 2018 jeweils von 12 bis 20 Uhr findet der Rundgang der Kunsthochschule Weißensee statt. Zu sehen sind Arbeiten aus dem Studiengang BA/MA visuelle Kommunikationaber auch Mode- und Produkt-Design, Bühnen- und Kostümbild (persönlicher Tipp: die dortige Bildhauerei und Raumstrategien). Als „feste Größe im Berliner Kultursommer“ gilt vielen der UdK-Rundgang. Wir empfehlen – 20. bis 22. Juli – den Fachbereich Visuelle Kommunikation im Medienhaus am Kleistpark. Dort gibt seit kurzem unser Stammgast Dr. Thomas Maier die „Typo-Werkstatt“; mehr zum Thema „Schrift unterrichten“ gab es bei uns Anfang des Jahres. Zeitgleich, am 20. und 21. Juli, finden die Werkschau der HTW und die Werkschau der FH Potsdam (Ausstellung ab Freitag 15 Uhr, Samstag 11 bis 21 Uhr, Anfahrtsplan). Dort unterrichten Luc(as) de Groot und Frank Rausch; beide haben jüngst Grundsatzvorträge in Sachen Schriftgestaltung und Typografie gegeben: Luc(as) de Groot auf den TYPO Labs 2018 und Frank Rausch auf der TYPO Berlin 2018. Auch der Weg nach Halle lohnt sich, schon am 14./15. Juli: zur Jahresausstellung an der Burg Giebichenstein.


Die Titelzeile ist gesetzt in der Zangezi Italic von Daria Petrova, erhältlich bei Future FontsDas Titelbild zeigt die Aufrechte Variante von Zangezi, zusammen mit einem noch namlosen Schriftentwurf von Benedikt Bramböck.

Recapitulating Typostammtisch #75: Veronika Burian

On Wednesday, 11th April 2018, we established a new tradition, it seems: our second Typostammtisch-before-the-Labs was a huge success. No wonder, as we had Vik Burian as our generous speaker.

Benedikt Bramböck introducing Veronika Burian, who shared with us her story: “A (non) direct path to type design”.

We spent a wonderful evening with insights, intense exchange and beautiful encounters among colleagues, many of them arriving just in time, with luggage and everything. We were happy to note at least five type design student groups, from The Hague (NL), Lausanne (CH), Ljubljana (SL), Reading (UK), and St. Petersburg (RU) – next to our lovely local colleagues and Berlin Typostammtischstammgäste. Let me not forget to mention Gayaneh Bagdasaryan and Sol Matas who – not only on that evening – proved to be perfect additions to the Typostammtisch team. Plus many more helping hands (Dan, Daniel, Golnar, Tom, …) Thank you, everyone!

One of Veronika’s first encounters with Schrift as a school child.

A multilingual, multicultural background

There where two aspects of Veronika’s talk that impressed me most, which were probably also new to most of the audience: the more personal insights in her life and career path, and the recent development of her company, TypeTogether. Veronika was born in Prague (CZ). When she was young, her family moved to Munich (D) where she started her studies. She continued in Vienna (AT), then Prague again, and Milan (IT), then shortly in the US, some years in the UK (working in London at Dalton Maag), then… well, I lost track. At some point Vik moved to Spain, where she still lives today, renovating a house on the countryside with her partner – surely all her design skills flowing into that as well. For, interestingly, Veronika graduated as an industrial designer in Munich. She indulged into that, working in Vienna and Milan for renowned agencies. So, she learned everything about curves and forms and about designing industrial products, first, plus she continued working as a graphic designer, when she discovered her deep love for type.

Veronika Burian summarizing and explaining th guiding principles at TypeTogether, and their multicultural approach both in type design and in team building.

Also Veronika Burian’s business partner José Scaglione, from (and still based in) Argentina, had been interested in other artistic fields, as she reveals: we see Vik’s “partner in crime” in a photo with his band live on stage. Vik and José met at the Typeface Design master course in Reading (UK), graduating in 2003. They established and expanded a cross-border partnership; later on they found further companions perfectly fitting in – no matter where they are located. Today, their team at TypeTogether comprises 10 people on a steady basis plus contributing freelancers, living and working all over the world.

Teaming up at TypeTogether

In recent years, Veronika has been busy with her own type design projects but also with that expansion of her company and with the accompanying necessities. In addition to her own extensive travelling – as a lecturer, as a teacher providing workshops, as a profound and prolific type crit at conferences – more tasks have arisen. With a growing team, you need advanced managing and coordinating skills, plus take care of your communications. Like probably many in the audience I was astonished to hear that three people at TypeTogether are doing communications, not all the time, but constantly, contributing to the website, designing and producing (look at those beauties) type specimen and catalogues, writing on their corporate blog, interviews, social media, talks, you name it.

Very nice that so many TypeTogether people were in the audience. We spottet Irene Vlachou from Greece, for example, one of their senior type designers since 2013, designing new typefaces as well as contributing to existing projects. There was Roxane Gataud from France, who published Bely at TypeTogether due to their first (please note) Typeface Publishing Incentive Program; Roxane joined in as type and graphic designer in 2016. Well yes, the TypeTogether team reaches from Norway (Ellmer Stefan) to Israel (Adi Stern, Liron Lavi Turkenich) to the Netherlands, Germany, Austria to China (Dr Liu Zhao) to the US (Juliet Shen, Tom Grace, Dr Mamoun Sakkal), with Joshua Farmer as (I cannot not mention my colleague) TypeTogether’s copywriter and editor since 2015. It is impressive. Also the range, variety and quality of retail fonts at TypeTogether, plus they offer custom type, is both impressive and fun to explore – don’t miss, dear graphic designers! Weiterlesen “Recapitulating Typostammtisch #75: Veronika Burian”

Nachbericht 73. Typostammtisch: Zeitreise mit Klaus Rähm

Die Stühle stehen, das Licht ist gedimmt, das erste Dia (auf der Nebenleinwand) sorgt für Stimmung: Ein launiges „Vorsicht, Schrift“-Schild auf altem Gerät ist dort zu sehen. Klaus betitelt seinen eigentlichen Vortrag „Typotaten“ und eröffnet ihn mit einem Foto von sich selbst als Vierjährigem. Das war genau in der Kriegszeit, „und das war furchtbar“, und das müsse er jetzt hier erst mal erklären, dass das eine schreckliche Zeit war. Klaus Rähm ist Jahrgang 1937. Der junge Nachkriegsklaus wird in der DDR zum Leistungsturner; wir sehen ihn als obersten auf einem Turm junger Männer, im Handstand steht er auf den Schultern eines anderen. Beeindruckend! Beeindruckend sportlich wirkt er ja bis heute.

Klaus Rähm mit Lucas de Groot bei der Vorbereitung: Auswahl der Arbeitsproben für die vortragsbegleitende Ausstellung.

Man kann das ja ruhig auch mal so sagen

Diese ersten Bilder bringen uns Klaus näher in seiner Lebenserfahrung. Auf einem weiteren zeigt er uns ein Schaufenster mit einer von ihm in seiner Lehrzeit frei Hand gezeichneten Unterzeile. Diese Inschrift, in schmalen Grotesk-Versallettern, läuft schnurgerade unterhalb des Schaufensters entlang, darin eine liebevoll ausgestellte und dekorierte, aber nicht eben üppige Warenauswahl. Etwas dürftig und rührend und eher traurig wirkt das ganze Arrangement. Es gab ja nicht viel und „es gab keine Farbfotos“, nur dieses düster-verschwommene Schwarzweiß. Trotzdem – oder erst recht – interessant, diese wenigen Bilder, begleitet von ein paar Sätzen nur: Schon wird uns der Lebenshintergrund von Klaus Rähm deutlich. Wie früh sich seine fachlichen Interessen und sein Sportsgeist doch bereits zeigten. Und, „das kann man ja ruhig auch mal so sagen“: Er ist weit gekommen.

In der Zwischenzeit hat sich so manches Vokabular geändert. An einigen Stellen weist Klaus darauf hin, und auf die Rechtschreibreform; er scheint jedes Eszett zu vermissen, als sei es ihm persönlich weggenommen worden. Susanne Zippel in der ersten Reihe gibt ihm vehement recht angesichts des schönen Wörtchens „iß“ (heute „iss“) und der i-ß-Ligatur, die Klaus daraus gemacht hat.

Klaus reflektiert sein eigenes Vokabular und was heute anders ist. Etwa wenn er das Wörtchen „Lehrling“ benutzt, denn ein solcher sei er gewesen, ein Lehrling, und das sei auch richtig, es gehe ja darum, etwas zu lernen, in die Lehre zu gehen. „Auszubildende“ dagegen klingt für ihn „so objekthaft“, das fände er komisch, „wie so Objekte“ klänge die Bezeichnung, und das müsse erlaubt sein, dass er das hier jetzt erst mal sage. Genauso hatte er halt „einfach Studenten“, nicht Studierende; ohne die Zusatzsilbe seien sie auch gut ausgekommen. Klaus ist aus dem Osten. Kaum ein Mensch (ob männlich oder weiblich) hat im Osten daran gedacht, bei grammatikalisch männlichen Formen, bei der Bezeichnung von Berufsgruppen etwa, nicht automatisch und selbstverständlich an Frauen wie an Männer zu denken. Die Frage stellte sich gar nicht. Weil Berufstätigkeit für alle selbstverständlich war? So haben es mir speziell meine Ostkolleginnen x-fach erklärt und erbittert verteidigt – „ick bin Grafiker, Mensch, hör doch uff“, hieß es etwa, wenn ich auf der „Texterin“ bestand und die Visitenkarten auch für die Grafikerinnen korrekt bedrucken lassen wollte.

Klaus Rähm formuliert sehr fein, sehr genau und führt uns in seiner freundlichen, unprätentiösen Offfenheit, charmant berlinernd, durch die Fülle seiner Werke. Und „Fülle“ wirkt hier so als Wort leicht verharmlosend…

Die Materialität von Schrift

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15.02.18: Klaus Rähm

Zum kommenden Typostammtisch begrüßen wir Klaus Rähm. Von der Sache her ist das nichts Besonderes, denn „begrüßen“ tun wir ihn praktisch jedes Mal: Klaus ist Typostammtischstammgast. Viele von euch kennen den zurückhaltenden, immer gut aufgelegten, höchst aufmerksamen und meist feinsinnig schmunzelnden Zeitgenossen.

Nun ist es endlich soweit: Wir freuen uns sehr, dass wir Klaus überreden konnten, Einblicke in sein langjähriges Schaffen und vielleicht auch besondere Erfahrungen als Gestalter und Dozent früher, „im Osten“ mit uns zu teilen. In den 1950er Jahren hat er eine Lehre als Gebrauchswerber gemacht, war Volontär am Theater, Schrift- und Plakatmaler in Eisenhüttenstadt und Leipzig; er hat in Blankenburg (Harz) studiert und als Meister für Schrift- und Grafikmalerei in Berlin und auf Messen von Algier bis Zagreb gearbeitet. Schließlich studierte er Gebrauchsgrafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) und machte 1979 sein Diplom bei Gert Wunderlich. 10 Jahre lang war Klaus Rähm Mitglied des Verbandes Bildender Künstler der DDR/Arbeitsgruppe Typografie und 15 Jahre lang Dozent für Schrift und Typografie an der Fachhochschule für Werbung und Gestaltung Berlin, 5 Jahre lang an der Litfaß-Schule in Berlin-Wittenau, 10 Jahre lang (bis 2009) Lehrbeauftrager an quasi allen Berliner Kunsthochschulen. Noch Fragen? Ja, jede Menge!

Klaus bringt viele Arbeiten auch ehemaliger Studenten mit, Buchtitel im Original, Plakatbeispiele aus seinen jüngeren Ausstellungen (nach wie vor ist er freischaffend höchst produktiv) – und freut sich vor allem auf regen Austausch. Nutzt die Gelegenheit!

Wann? Am Donnerstag, den 15. Februar um 19 Uhr.
Wo? Bei LucasFonts, Eisenacher Straße 56, 10823 Berlin-Schöneberg

U-Bahn: Linie U7 bis Eisenacher Straße
S-Bahn: Linie S1 bis Julius-Leber-Brücke oder S1, S41, S42, S45, S46 bis S Schöneberg
Bus: M48, M85, 104, 187, N42 bis Albertstraße

Bis dahin,
euer Typostammtisch-Team


Diesen Monat legen wir euch außerdem folgende fachlichen Anlässe ans Herz:

Am Freitag, den 16. Februar von 19 bis 22 Uhr findet im Medienhaus der UdK am Kleistpark (Grunewaldstraße 3–5) der traditionelle, semi-informelle Kleine Rundgang zum Abschluss des Wintersemesters des Fachbereichs Visuelle Kommunikation statt. Noch bis 5. März: Ausstellung New Bauhaus Chicago: Experiment Fotografie und Film am Bauhaus-Archiv Berlin; Avantgardist László Moholy-Nagy gründete die Schule und gab der US-amerikanischen Fotografie wegweisende Impulse (Trailer). Am 28. Februar um 18:30 Gespräch mit Anja Lutz von The Green Box im Bikini Berlin über ihr „Buchbuch“ Marginalia (Ausstellung 14. Februar bis 11. März). Für alle Schreibbegeisterten: Am 7. März veranstaltet Petra Rüth wieder eine Schreibsession in ihrer offenen Gruppe Kalligraphie in Berlin. In Leipzig findet am 17. März die alternative Bücherschau It’s a book der HGB statt (Eintritt frei).


Die Titelzeile wurde in der Quad von Klaus Rähm gesetzt, die bis dato nur exklusiv von ihm genutzt wird und bei ihm erhältlich ist. Das Titelbild – ein Quad-Logo als Anwendungsbeispiel – hat er ebenfalls selbst gestaltet.

Nachbericht Typo-Quiz 2017: easy Fragen, alles topp

Wer dabei war, wird es nicht vergessen.

Der Name unserer neu entdeckten Quiz-Location warf aus assoziativer Sicht nicht eben ermutigende Schatten voraus.

Der 71. Berliner Typostammtisch am 30. November 2017 fand als zehntes, ergo Jubiläums-„TypoStammQuiz“ statt. Mitmachrekorde zählen wir schon gar nicht mehr (die Tische im Böhmischen Dorf jedenfalls waren voll besetzt), Geschenke hingegen schon – siehe Abschluss dieses Reports (dort auch weitere Fotos). Ein sehr gelungener Abend war’s; die zwölf zufällig zusammengelosten Gruppen stellten sich den tendenziell anspruchsvollen bis ziemlich abgefeimten Fragen der beiden Vorjahresfinalisten, die als Quizmaster durch den Abend führten und sich monatelang darauf vorbereitet hatten.

Typostammtischteammitglied Benedikt Bramböck und Fonttechnologielegende Jens Kutílek (Jens war bereits 2009 und 2012 im Finale, 2016 dann Gesamtsieger) zogen alle Register. Die Jugendfotos prominenter Schriftgestalter und -gestalterinnen und Anagramme aus den Namen von zum Teil anwesenden Schriftgestaltungskoryphäen gehörten noch zu den leichteren Rateaufgaben, wurden aber selbst von selbigen nebst Ehefrauen und Tischnachbarn nicht geknackt. So brachte ein Gast das Ganze auf den Punkt:

Dankeschön, lieber Hans!

Wie auch immer, also wie immer gab es am Ende doch zwei hartgesottene Finalisten – und eine kleine Sensation: Florian Hardwig war (zum zweiten Mal in Folge) nicht dabei. Das heißt, er war erwartungsgemäß in einer der beiden Gewinnergruppen, ließ sich aber nicht als Delegierter zum Duell entsenden. Das waren der liebe Dan Reynolds, auch er bereits mehrfach Erreicher unserer Quizfinalrunden, zusammen mit (meines Wissens neu auf dem Quiz-Olymp) Friedrich „Vollkorn“ Althausen; die beiden kämpften wie die Löwen. Beim Stand von 5:5 musste eine Schätzfrage herhalten: „Wie viele Zeichen sind im Unicode-Standard in der 2017 erschienenen Version 10 definiert?“. Na, schon getippt? Die Antwort gibt es hier. Es obsiegte Herr Althausen – lieber Friedrich, ganz herzlichen Glückwunsch noch mal an dieser Stelle!

Hoffentlich erholen sich die beiden im Jahresverlauf und verwöhnen uns beim nächsten Quiz mit gefälligen Fragen. Kleiner Scherz. Typografiefans sind hart im Nehmen und „gefällig“ ist für uns keine Kategorie. Es geht auch direkt weiter: am Freitag, den 26. Januar mit unserer (mittlerweile der dritten) großen Absolventenausstellung, wo wir die 2017 an verschiedenen internationalen Schulen entstandenen Masterarbeiten präsentieren. Einladung mit allen Details folgt.

Vielen Dank der Eckneipe Zum Böhmischen Dorf in Kreuzberg für entspanntes Beherbergen! Vielen Dank allen unerschrocken Mitratenden und allen, die Geschenke gespendet haben! So konnten wir den Gabentisch großzügig bestücken und niemand dürfte mit leeren Händen nach Hause gegangen sein.

Geschenke für den Typostammquiz-Gabentisch 2017,
Bilder, Beispielfragen…

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Nachbericht 69. Typostammtisch: Jan Middendorp aka Fust & Friends

Ein schöner Abend in Kreuzberg (dieses Mal ohne sintflutartigen Regen)! Für uns, die wir Jan schon kannten, boten sich erhellende und durchaus ungeahnte Einblicke in die berufliche Entwicklung eines Freundes und Kollegen; für die Jüngeren im Publikum war es umso spannender zu sehen, wie jemand, der heute ganz selbstverständlich als Autor und Grafik-Designer agiert, dessen Bücher über Typografie, Schrift- und Textgestaltung legendär und zum Teil vergriffen sind, seinen Weg gefunden hat.

So sagte zum Beispiel Daria Petrova (Team LucasFonts, wo Jan einige Jahre mitgearbeitet hat) nach dem Vortrag und Gesprächen mit Jan, sie fände es „toll, was ihr alles schon gemacht habt“ – das Vielfältige, Verschiedene. Während sie, ihre Generation oder jedenfalls viele, die sie kennt, eben einfach Grafik-Design und Schriftgestaltung studieren und „das dann halt machen“. Wenn ihr wüsstet! Wenn ihr wüsstet, wie unsereins, die Ausprobierer und Herumtasterinnen, diejenigen beneidet haben, deren Talente schon früh offenkundig waren und sie direkt in eine bestimmte Ausbildung oder ein praktisches, in einen Beruf mündendes Studium führten … Passend dazu zeigte Jan die Installation des riesenhaften Schriftzuges ZWEIFEL auf dem Palast der Republik; Verena Gerlach (Karbid) wiederum konnte Hintergrundwissen dazu (und ein Buch aus ihrem Studio nebenan) beisteuern. Juli Gudehus (Lesikon, Ehrenpreis) und andere Gäste betonten wie ungeheuer ermutigend Jans Vortrag war und dass er ihn unbedingt auch vor Schülerinnen und Studenten halten solle, Leuten, die unter dem Druck der Berufswahl stehen und in den Creative Industries ihren Platz suchen.

Jan Middendorp bewegt die Gemüter mit seinem Vortrag.
Er wurde sogar ins Koreanische übersetzt; so erfuhr Jan, wie berühmt er dort ist.

Jan Middendorp hat zwar im zarten Alter von sechs Jahren sein erstes Buch gebastelt, sich dann aber auch in diversen anderen Gefilden und künstlerischen Konstellationen erprobt – ausgestattet mit einem gesunden Selbstvertrauen, einer gewissen Pragmatik („selbst in einer Band spielen konnte ich halt nicht“), Mut zum Ausprobieren und dem klaren Bewusstsein für die Möglichkeit des Scheiterns: eine Haltung, die heute gern propagiert, aber selten ausgelebt wird. Sehr spannend, wie Jan sich durch die Wirren seiner weitgefächerten künstlerisch-kulturell-literarischen Interessen seinen Weg gebahnt und mit einigen erfolgreichen Zwischenstationen – Kommunikation für und Beteiligung an Tanz- und Theaterprojekten etwa – schließlich gefunden, oder letztlich, wiedergefunden und professionalisiert hat, was ihm am meisten Spaß macht: mit Schrift und Sprache umgehen. Bücher machen. Im Nachhinein wirkt es wie ein roter Faden.

Profis wissen: Die besten Gespräche finden in der Küche statt. Hier Benedikt Bramböck (@arialcrime), Tilmann Hielscher (@tillepalle), Dan Reynolds (Typeoff) und Inga Plönnings (@innnigs).

Vor allem Jans Engagement in diversen Schriftfirmen führten ihn schließlich dazu, seine eigene Foundry zu gründen, als Lieblingsprojekt für Lieblingsprojekte: Mit Fust & Friends fördert und veröffentlicht Jan heute besondere Schriften, die einen Bezug zur (Schrift-)Geschichte haben. Minjoo Hams 1950er-Jahre-Reminiszenz und Ernst-Bentele-Hommage Teddy und (demnächst) das Remake der Alarm von Heinz König von 1928 (herzlichen Dank an Florian Hardwig/@hardwig für den Hinweis), beide gezeigt in unserer Ankündigung für diesen Abend, gehören dazu.

Der Name Fust übrigens spricht sich keineswegs Englisch aus; Johannes Fust war Deutscher und „the first Bad Guy in type history“, wie Jan ihn auf seiner Foundry-Website sogar mit Versalien betitelt, der erste schlimme Finger der Schriftgeschichte – wirklich, der erste?

Jan Middendorp erklärt die Gründung und Namensgebung von Fust & Friends. Beides logisch.

Jedenfalls war jener Fust eine wohl latent zwielichtige, weniger bekannte, aber sehr relevante Gestalt im Druckbusiness zu Zeiten Gutenbergs. Er war dessen geschäftlicher Wegbegleiter und -bereiter. Eine Rolle, mit der sich unser Vortragender offenbar identifizieren kann.

Jan jedenfalls ist und bleibt eine ziemlich gute Type. Wir sind gespannt auf seine nächsten Publikationen. Netterweise hatte er einen ganzen Koffer voller Bücher zum Anschauen dabei, was von den Gästen gern genutzt wurde.

Jan Middendorp verblüfft Jürgen Huber (HTW, SuperType).
Reges Plaudern, vertieftes Blättern. …

Schön war das und schön war’s im Sonnenstudio in Kreuzberg! Mit unseren Gastgebern vor Ort – Riesendank nochmal an Sol Matas und Eike Dingler – hoffen wir, dass Lause bleibt und sich die Gelegenheit vielleicht wieder ergibt. Einstweilen könnt ihr den Fortgang von Fust & Friends auf Twitter verfolgen. Jan, Sol, Eike, Daria, Verena, Juli, Minjoo und uns alle trefft ihr sicher bei dem einen oder anderen der nächsten Typostammtische. Bis dann!

Tolle Gastgeber: Sol Matas und Eike Dingler (Mauve Type) von der Bürogemeinschaft Sonnenstudio in der Lausitzer Straße. Die Lause bleibt ganz sicher einer unserer liebsten Veranstaltungsorte und allen Besuchern in bester Erinnerung.

29.09.17: Jan Middendorp

Please scroll down for English information about the speaker.

Dieser Typostammtisch findet wieder im „Sonnenstudio“ in Kreuzberg statt – vielen Dank Eike Dingler (Mauvetype) und Sol Matas (Huerta Tipográfica) und ihrer Bürogemeinschaft! Es wird wohl eine der letzten Gelegenheiten sein, diesen wunderschönen Ort zu genießen – warum, das könnt ihr hier nachlesen.

Wir freuen uns auf Jan Middendorp. Der Holländer-Wahlberliner ist Autor, Buchgestalter und „selbstbeigebrachter“ Grafikdesigner, unter anderem. Jan verfügt über enormes Typografiewissen, hält Vorträge weltweit und bereichert mit seiner horizonterweiternden Art und seinen Publikationen typografische Bibliotheken, renommierte Schriftfirmen und die Berliner Type Community. Als Vortragssprache wählt er Englisch, für uns mit deutschen Untertiteln; Gespräche führt er gern auch auf Italienisch und Holländisch.

From Friends to Fust and back

We are happy to have Jan Middendorp as our speaker, author of Shaping Text, Hand to Type, and Dutch Type, to name only a few. Jan will present his personal history of letterforms. He never studied graphic design, but made his first book at the age of six. Jan worked as a theater and dance critic, in copywriting and as a self-taught graphic designer. He was hired by FontShop Benelux in Gent, Belgium, to conceive their magazine, and later became the co-curator of the FontFont FiFFteen exhibition and co-editor of Made With FontFont. In Berlin, Jan worked with LucasFonts, then MyFonts, and produced books with Gestalten and BIS Publishers. He left MyFonts in 2016, when the Monotype corporate influence became too strong for his taste. Then, he says “to confuse the font establishment, I started up the shadiest type organisation in the world: Fust & Friends.“

Who is Fust? Who want to be his friends? Get to know more on Friday, September 29.

Presentation in English with German footnotes.
Q&A and discussions in German, English, Spanish, Dutch, Italian …

Wann? FREITAG, 29. September, 19 Uhr
Wo? Lausitzer Straße 10, Aufgang C, 3. Etage, 10999 Berlin-Kreuzberg
U-Bahn: U1 bis Görlitzer Bahnhof, U8 bis Kottbusser Tor oder Schönleinstraße
Bus: M29 bis Görlitzer Bahnhof oder Spreewaldplatz

Bis dahin,
euer Typostammtisch-Team


Aufruf: Tools zum Teilen

Für unseren Typotechnikstammtisch (den ersten seiner Art) am 19. 26. Oktober suchen wir Leute, die ein frei zugängliches Werkzeug, Miniprogramm oder hilfreiches Script vorstellen möchten – Kurzpräsentationen zu typografischen Problemen, offenen Fragestelltungen und möglichen Lösungen. Es darf natürlich um Plugins und Scripts gehen, aber gern auch um typografische Helfer für InDesign, das Web oder die analoge Welt. Wir sind gespannt auf eure Einreichungen (am besten via E-Mail).

Für alle: Bitte den 19. 26. Oktober vormerken. Newsletter dazu folgt.


Unsere Empfehlungen diesen Monat

Unter dem Titel „Klartext“ eröffnet – Achtung! – jetzt am Donnerstag, den 21. September, um 19 Uhr Typostammtischstammgast (TStTStG) Klaus Rähm seine Typografik-Austellung in der Galerie Ost-Art in der Giselastraße 12 in 10317 Berlin-Rummelsburg (S5 und S75 bis Nöldnerplatz), mit Live-Musik zu ausgewählten Schriftbildern. Im Brücke-Museum am Rande des Grunewalds (Bussardsteig 9, 14195 Berlin) ist die Jubiläumsausstellung „50 Jahre Brücke-Museum“ angelaufen: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik der 1905 gegründeten Künstlergruppe. Vom 22. bis 24. September 2017 findet die Kunstbuchmesse Friends with Books im Hamburger Bahnhof statt. Am 24. September findet bei Small Caps der erste von drei Letterpress-Workshops statt, diesmal werden Plakate gedruckt.


Die Titelzeile wurde in der Teddy Regular von Minjoo Ham gesetzt, die demnächst bei Fust & Friends erscheint. Das Titelbild stammt von Jan Middendorp und zeigt die „Alarm“ in 72 Punkt aus seiner Sammlung.