Nachbericht 129. Typostammtisch: Verlagsabend III

An einem der bisher heißesten Abende des Jahres, am 25. Juni, haben wir das Studio LucasFonts gut heruntergekühlt und entsprechend viele Getränke bereitgestellt. Zum 129. Typostammtisch und zum dritten Verlagsabend, einem relativ neuen Veranstaltungsformat (seit 2023) in unserer 20-jährigen Geschichte, haben wir erneut Gäste eingeladen, die unsere Erwartungen an typografische Gestaltungskonzepte dann aber noch mal übertreffen.

Luc(as) de Groot und Sonja Knecht begrüßen die Gäste; der Saal ist voll. Los geht’s.

ztscrpt – Alexander Wolff und Yves Mettler
Ein Magazin ist eine Schrift ist ein Magazin ist …

„Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung“

Chicago, Times, Plotter, TheMix, Princess Lulu, Karloff, LiebeRuth, New Paris oder Serifbabe, so heißen die Ausgaben der 2002 in Wien gegründeten Kunstzeitschrift mit dem unaussprechlichen Pseudonym ztscrpt (welches aber nicht sichtbar vorkommt); das typografische Magazin ohne fixen Namen also, das jeweils die verwendete Schrift als Titel verwendet, und deshalb immer anders heißt, und dementsprechend schwer zu finden ist. Hierbei handelt es sich um ein typografisches Gesamtkonzept. Bereits 2005 wurde es vom London Design Museum in der Ausstellung Best European Design gewürdigt.

Von den bisherigen sieben Herausgeber·innen sind Yves Mettler und Alexander Wolff bei uns.

Sie stellen die aktuellen Ausgaben vor: Nr. 42 Ghost von Juli 2025 und Ana Diego, die ganz frische Ausgabe 43, Juni 2026. Die jeweilige Schriftart und mehr noch der Name der jeweiligen Schrift fungiert als inhaltlich-atmosphärische Leitlinie nur begrenzt, mehr in ihrer Visualität. Das habe mit ihren Bezügen nach Wien zu tun, so Yves. Passenderweise ist Gerhard Rühm, letzter lebender Vertreter der Wiener Gruppe, in Ausgabe 42 Ghost mit Gedichten vertreten. Aber wie wählen sie die Schriften aus? „Einerseits random“, sagt Yves, „am Anfang, da haben wir Klassiker wie Chicago, Helvetica und DIN gemacht“, und es gehe unter anderem auch darum, „wie die Beiträge mit den Fonts zusammenspielen. (…) Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung auf Papier.“

Das Heft habe immer das gleiche Format, erklärt Alexander, Fotografie auf dem Cover, Inhaltsverzeichnis vorn, Impressum hinten drauf, und ja, es sei schon zum Lesen gedacht (angesichts der superbreiten Textblöcke und Nachfragen aus dem Publikum), „aber wir wollten maximal auf Design verzichten“. In der Zusammenarbeit mit Tauba Auerbach und mit ihrem Font FIG sei das Ganze so wahnsinnig schön, aber so wahnsinnig schwer zu lesen geworden, „dass wir dann alle Texte als Poster in Arial dazugelegt haben“. Das Magazin sei mit ihnen gealtert, erklärt Alexander anhand der inneren Randspalte, die nun immerhin zwei Zentimeter Luft zum Rand lässt und damit die breit laufenden Zeilen einen Hauch besser erfassbar macht als in den Anfängen, aber wirklich nur einen Hauch. In den Anfängen klebte der Satzspiegel fast direkt an der Außenkante und im inneren Bund des Blattes.

Die Publikationen beinhalten jeweils 10 bis 15 Beiträge ausgewählter Künstler· und Autor·innen, entsprechend den künstlerischen Interessen der Herausgeberschaft. Sie erscheint seit Beginn in einer festen Auflage von 300 Exemplaren, wird vom österreichischen Bundeskanzleramt mitfinanziert und ist in Kunstbuchhandlungen in Berlin, Wien und in Brüssel erhältlich oder per Mail zu bestellen (anfangs für 3 Euro, jetzt, nach 24 Jahren, für 5 Euro pro Heft); das Online-Archiv bietet die Cover und Inhalte aller Ausgaben im Überblick: ztscrpt.

zero sharp – Maximilian Gilleßen
Experimentelle Schreibformen
Typografische Gestalter als Übersetzer, vom Verbalen ins Visuelle

Bei zero sharp geht es um imaginäre Wortwelten, linguistische Spekulationen und Erkundungen experimenteller Schreibformen. Die beiden Herausgeber Maximilian Gilleßen (Übersetzer) und Anton Stuckardt (Grafikdesigner) befassen sich mit Visionären der Sprache, vor allem der französischen, und geben diese Werke in Erst- oder Neuübersetzung heraus, oft ergänzt um ausführliche Kommentare und weitere Materialien. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Maximilian Gilleßen hat seine Doktorarbeit 2023 bei einem der Verlage publiziert, die beim vorherigen Verlagsabend bei uns waren (in persona Tom Lamberty), nämlich bei Merve, Titel: R. R. Zur Poetik Raymond Roussels (704 Seiten).

Heute jedoch hat Maximilian die Aufgabe, die typografische Vorgehensweise seines Verlagspartners für uns zu übersetzen. Dafür wählt er die Werke René Daumals, gibt uns aus dem Stegreif eine literaturwissenschaftliche Einführung zu dessen Person und Werk und bringt uns kongenial die (typo-)grafische Gestaltung der Bände nahe.

Maximilian Gilleßen mit dem ganz frisch bei zero sharp erschienenen Band Die absurde Evidenz, Essays und Rezensionen von René Daumal

Zum Einstieg etwas relativ Naheliegendes, Nachvollziehbares: Eine große Spirale ziert die von Daumal in den zwanziger Jahren herausgegebene Zeitschrift Le Grand Jeu (Das große Spiel). Sie verweist auf den Wanst König Ubus, der legendären Figur Alfred Jarrys, und somit auf das Erkennungszeichen der Pataphysiker, die Daumal zu ihren Vorgängern zählen (das pataphysische Kollegium wurde 1948 gegründet, da war Daumal schon vier Jahre tot). Die Pataphysik beruht, der Definition ihres Erfinders Jarry zufolge, auf gedanklich-praktischen Erkundungen imaginärer Lösungen und mündete z. B. in surreale Texte. Als Doppelkringel oder -kreisel kehrt die Spiralform auf dem Titel des Bandes Mugle wieder – tatsächlich handelt es sich um eine abstrahierte Darstellung der Tarnmuster von Eulen. Bei Mugle, dem nächtlich-traumartigen Erstlingswerk des damals achtzehnjährigen René Daumal, geht es inhaltlich um eine imaginäre Begegnung in der Großstadt. „Alle Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen fremdem und eigenem Ich (…) zerfließen. Der Text wird zur Darstellung seiner eigenen Auflösung“, so heißt es in der Buchbeschreibung auf der Verlagsseite. Exkurs: Ein weiterer Anhänger der pataphysischen Bewegung, Boris Vian, Verfasser surrealer, von Lebensfreude und Drastik sprühender Romane, trägt die pataphysische Doppelspirale am Revers – siehe Foto in einem Beitrag von mir anlässlich Boris Vians hundertstem Geburtstag: Der Schmelz der Wörter.

Zusammen mit Maximilian Gilleßen betrachten wir als nächstes von René Daumal Der Berg Analog. (Alle genannten Titel/-seiten sind auf der Verlagsseite zu betrachten und zu bestellen). Lange vergriffen und bei zero sharp erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung erhältlich, kann Der Berg Analog als „Science-Fiction- und Abenteuerroman, philosophische Meditation und alpinistischer Traktat“ gelesen werden – ich zitiere weiter aus der verlagseigenen Beschreibung: „Ernst und Ironie, meta- und pataphysische Spekulationen werden von René Daumal zu einem Werk von vielfachem Schriftsinn verwoben“. Auf dem Titel dieses Werkes verwebt der Gestalter Anton Stuckardt Buchstaben zu einem imaginären, baum- oder wurzelartigen Geflecht. Mit der von Leonie Lude und Arno Schlief entwickelten Schrift (sie nennen es Schriftsystem) Branches ließen sich eben nicht nur Sätze formen, erklärt Maximilian, sondern eben auch solche Strukturen zusammensetzen – als ob sie aus den Gedanken des Autors erwachsen. Sie formen den Titel Der Berg Analog und erinnern selbst an eine Berglandschaft, worin eine schöne pataphysische Koinzidenz liegt, denn die Verzweigungen der Schrift gehorchen einer eigenen Syntax.

Und dann erst die Innenseiten: Aus dem Metafont von Donald Knuth wurde ein Font von je 360 Varianten pro Glyphe entwickelt, die sich so abwechseln, dass auf keiner Buchseite die exakt gleiche Buchstabenform zweimal erscheint (die Pataphysik ist ja nicht umsonst auch die Wissenschaft des Besonderen, des infinitesimalen Unterschieds). An dieser Stelle, Maximilian Gilleßen zoomt ein, geht ein großes Wow durch’s Publikum.

Deutlich wird auf beeindruckende Weise: typografische Gestalter sind (im Idealfall) auch Übersetzer, nicht intersprachlich, sondern vom Verbalen ins Visuelle. Buchgestaltung in Bestform. zero sharp

Reprodukt – Alexandra Rügler und Julia Weinbrenner
Handmade Lettering
„Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“

Die herausragende Sorgfalt in der Herstellung ist das Besondere des Reprodukt-Verlages, exemplarisch dabei das Handlettering fast aller Titel. Während in den meisten Verlagen für Übersetzungen Fonts verwendet werden, wird hier alles von Hand geschrieben. Bei Übersetzungen legt der Lettering-Artist ein Transparentpapier über die Seite und schreibt (der Übersetzung folgend) den Text passend zu Form der Sprechblase einmal neu. Der Verlag Reprodukt wurde 1991 von Dirk Rehm gegründet, um unabhängige Comics zu veröffentlichen – für alle Zielgruppen, auch Kinder (ca. ein Drittel der heute rund 50 Titel pro Jahr), oder für Young Adult. Das gelingt, weil nicht „der Markt“, sondern die Autor·innen und ihre Geschichten und Erfahrungen im Mittelpunkt stehen und in die Bücher einfließen. Hohe Qualitätsmaßstäbe, sorgfältige Übersetzung und Ausstattung gehören dazu. Wie viele Genres das Verlagsspektrum umfasst, wird dadurch ersichtlich, dass Reprodukt für Die Frau als Mensch von Ulli Lust den Deutschen Sachbuchpreis 2025 erhalten hat. Zu unserer Freude besuchen uns die Leiterin der Herstellung von Reprodukt, Alexandra Rügler (links im Bild) und (rechts) Volontärin Julia Weinbrenner.

Bei Reprodukt beruht so gut wie alles auf der Handschrift, handgezeichnete Schrift und Lettering in Einzelanfertigung. Alex Rügler zeigt Beispiele und erläutert, dass die Herstellung mancher Bücher monate- bis jahrelang dauert. Jedes Soundword, jeder Text in jedem Einzelbild und in jeder Sprechblase wird übersetzt und dann per Hand neu geschrieben oder gezeichnet.

Bei den deutschen Autor·innen ist es meist so, dass sie ihr Lettering selbst machen, übersetzte Comics orientieren sich typografisch am Original. Die Übersetzungen müssen im Feld der grafischen Erzählungen besonders sorgfältig erfolgen, es gilt die Länge der Texte in den unterschiedlichen Sprachen zu berücksichtigen. Wo können, müssen Trennungen erfolgen, wo kann gut umbrochen werden? Passt ein übersetzter, länger gewordener Text noch in die jeweilige Sprechblase, in das jeweilige Textfeld? Wo muss die Schriftgröße adaptiert werden? Das alles dauert. Jimmy Corrigans The Smartest Kid on Earth, Der klügste Junge der Welt kam erst 13 Jahre nach seinem Erscheinen auch auf Deutsch heraus; das Handlettering von Michael Hau dauerte etwa ein Jahr – ja, bei den Büchern von Reprodukt werden neben den Autor·innen und Übersetzer·innen auch die jeweiligen Handschriftschreiber·innen erwähnt.

Mit den übersetzten Texten entsteht eine Art Drehbuch; ein Skript zu jeder Seite des Comics wird angefertigt, dem zu entnehmen ist, welcher Textbaustein an welcher Stelle genau in welchem Bild erscheinen soll. In diesem Prozess wird mehrfach diskutiert und es werden die Texte so lange modifiziert, bis alles passt.

Wir staunen, welcher enorme Aufwand hier erfolgt. Digitale Fonts kommen mitunter auch, aber seltener, zum Einsatz. Manches bleibt per Hand eben doch schöner und stimmiger zu gestalten. „Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“, fasst Alex zusammen. Reprodukt

permanent Verlag – Andreas Koch
Hundert Einzelstücke
„Wir zeigen keine Kunst, wir reden über Kunst“

Der permanent Verlag bezeichnet sich als „multiperspektivische Plattform“, verlegt Kunstbücher und andere gedruckte Formate. Die beiden Gründer und Betreiber sind Künstler, Gestalter und Autoren in Personalunion, also auch Verleger, logisch. Bücher seien permanent da, und man könne dieses Wort, permanent, super kombinieren, z. B. permanent beutel oder (englisch) permanent tote, was aber auch Tote bedeute.

Die Kunstzeitschrift von hundert macht Andreas Koch schon viel länger, als es den permanent Verlag gibt, nämlich seit rund 20 Jahren. Von hundert bezieht sich auf die Auflage und das Editionsprinzip: jedes einzelne Heft der jeweiligen Auflage ist nummeriert (1/100, 2/100, 3/100). So bekommt jede Abonnent·in ihre eigene Nummer. Das Inhaltsverzeichnis steht immer vorne drauf und darin die Seitenzahlen untereinander, hier nutzt Andreas Koch Tabellenziffern, im Titel aber Mediävalziffern, weil das hübscher aussähe, wie diese variieren. Innen sei die von hundert relativ einfach gestaltet, im Zweispaltenraster.

Anfangs handelte es sich um ein reines Review-Magazin, seit Ausgabe 13 gibt es in der Mitte Themenschwerpunkte, zuletzt etwa die Trilogie in drei aufeinanderfolgenden Heften, Raum, Zeit, Tod. Sonst sind der Inhalt Ausstellungsbesprechungen, Kolumnen oder Essays zu kunstrelevanten Themen. Sehr selten gibt es auch „… Texte, die sind sehr nah an Kunst, die sind auch Literatur“ so Andreas in seinem Vortrag. Und wenn jemand über eine Ausstellung schreiben möchte, die bereits rezensiert wurde, darf das auch sein. Dann finden sich in einer Ausgabe zwei Rezensionen über dieselbe Ausstellung. Schlimme Verrisse gibt es kaum, einmal allerdings doch, als die Namen der Autor·innen nicht bei den jeweiligen Texten, sondern kollektiv aufgeführt waren. Ein Künstler erschien daraufhin vor Andreas Kochs Haus und stellte ihn zum Duell, nein, das dann doch nicht, aber forderte die Offenlegung des Autorennamens – das ist nicht erfolgt, aber der Text wie alle anderen noch zu lesen. Die gesamte Zeitschrift ist im Netz, auch im HTML-Format.

Anfangs 20 Seiten, alsbald 32 Seiten auf dickem Papier („damit es etwas hermacht“), hat die aktuelle von hundert 80 Seiten. Gedruckt wird heute auf einer Heidelberg-Druckmaschine (Versafire), aber nur, weil die ursprünglich verwendete Laserkopiermaschine (ohne Fixieröl, nur Tonerpulver und Hitzefixierung, wie die alten Xerox-Kopien) kaputtgegangen und nicht mehr ersetzbar war.

Damit kommt Andreas Koch zum unfreiwillig durchgeführten Redesign; es bestand im Wesentlichen aus der Einführung einer neuen, zweiten Schrift, nämlich der Bureau Grotesk – zur Garamond, die er der Einfachheit halber genommen hatte, weil er DIE ZEIT und die darin verwendete Garamond gerne und gut liest. „Eigentlich wollte ich sagen, warum ich Redesign hasse“, sagt er, es sei völlig unnötig und lästig, wenn ein ihm liebgewordenes Printprodukt sein Erscheinungsbild ändert, das möge er gar nicht, „alles ist ähnlich, aber anders“. Das habe er der ZEIT auch mal geschrieben nach einem Redesign, endend mit dem Schlusssatz – zum Ende des Leserbriefes wohl, aber auch seines Vortrages bei uns: „Das ist auch Kapitalismuskritik“. von hundert

Im Nachgang erfolgt die Publikumsfrage: „Welche Garamond?“ Erst die von Adobe, sagt Andreas, dann die von Adobe Premiere Pro oder so – ja, gut, pflichtet das Publikum ihm bei, und bloß nicht die XY-, sagt jemand, die XY-Garamond sei grausam, hieß es einhellig. Hätten wir das auch geklärt.

Matthes & Seitz Berlin – Andreas Rötzer
Von München nach Berlin (von M&S zu MSB)
„der Verlag für das Irrationale“

Das Verlagsprogramm des ursprünglichen Verlags Matthes & Seitz, gegründet 1977 in München, wurde durch Werke vornehmlich französischer Autoren abseits des Mainstreams bestimmt, wie Antonin Artaud, Georges Bataille und Jean Baudrillard aus dem „Niemandsland zwischen Wissenschaft und Kunst“ (so der Untertitel des Jahrbuchs „Der Pfahl“); 2004 wurde der Verlag als Matthes & Seitz Berlin neu gegründet. Heute ist MSB mit Reihen wie Fröhliche Wissenschaft, Batterien, Theologische Brocken, den Naturkunden und dem Verlagsprojekt Rohstoff, deren Cover-Gestalterin Marion Wörle bei unserem ersten Verlagsabend 2023 zu Gast war, sehr bekannt und bringt im Jahr 120 bis 140 Bücher heraus.

Wir begrüßen den Verlagsinhaber und -leiter Andreas Rötzer, der bedauert, nicht mehr bei jeder Neuerscheinung aus seinem Haus persönlich auf jedes Detail der Buchgestaltung zu schauen. Dafür hat er heute Gestalter·innen und Hersteller·innen wie Hermann Zanier, Pauline Altmann, Dirk Lebahn oder Falk Nordmann. Aber auch Judith Schalansky, die zu Beginn der Naturkunden zur Bedingung gemacht hat, dass er nicht die Herstellung mache. Er begriff, dass dies Teil einer notwendigen Professionalisierung seines wachsenden Verlages sein müsse. Bei Matthes & Seitz Berlin sind sie heute zu elft. Oft kenne er die Namen der verwendeten Schriften nicht, obwohl er die ersten fünf Jahre in Berlin die Bücher selbst gesetzt habe und großen Wert auf gut lesbare Schriften sowie deren in Hinblick auf die Lesbarkeit optimalen Einsatz legt. „Schrift ist für mich leider hauptsächlich etwas, was ich beauftrage und beurteile.“

Damit kommt Andreas Rötzer auf die Gründungsgeschichte des Verlags in München, wo er als Schüler und dann, 1990, als Buchhalter angefangen habe; die Konstellation sei tatsächlich so gewesen wie bei zero sharp noch heute: Axel Matthes war der Programmmacher und Klaus Seitz der Gestalter. Mit ihren Büchern aus den 1980er Jahren sorgten Matthes und Seitz für Aufsehen, mit einer blockartigen Grotesk, das sich stark vom „rationalen Suhrkamp-Design“ und der kühlen Designsprache anderer Verlage absetzte. Als Rötzer den Verlag nach Berlin holte und 2004 neu gründete, musste er aus der Not heraus die Bücher selbst gestalten. „Wenn Sie Umschläge von Matthes & Seitz sehen, die keinen Gestalternamen führen, dann war das meistens ich und es waren die schlechten.“

2013, damals waren sie im Verlag zu dritt oder zu viert, kamen die Naturkunden, „eine Art Game-Changer für uns“. Andreas Rötzer schwärmt von seinen Buchmacher·innen: Hermann Zanier sei ein begnadeter Gestalter, Hersteller und Setzer. „Was ich bei ihm so bewundere, ist die Fokussierung auf den Inhalt. Das ist alles überlegt, reduziert und zurückgenommen, und dadurch liest man den Text und eben nicht die Schrift.“ Inzwischen arbeiten sie bei MSB „mit vielen Setzern zusammen, die bei Hermann Zanier lernen, etwa mit Pauline Altmann, die gefühlt den gleichen Satzstil hat, das gleiche Gefühl für das Layout mitbringt, und die im Wesentlichen mit Judith Schalansky zusammen die Naturkunden gestaltet“.
Andreas Rötzer blättert mit uns durch die Krähen und die Schnecken, gesetzt in der Ingeborg von Michael Hochleitner (Typejockeys). Neben exzellent gesetzten Seiten fallen die Illustrationen ins Auge: „Die Artenporträts lassen wir immer zeichnen von einem Berliner Zeichner, Falk Nordmann; wir gönnen uns meistens zehn Illustrationen, an denen er monatelang arbeitet, Studien anfertigt usw., damit das exakte naturwissenschaftliche Zeichnungen sind“. Sehr viel Aufwand betreibt MSB auch bei den Materialien, sie haben den Farbschnitt – nur oben! – und andere Merkmale der Buchherstellung des 19. Jahrhunderts neu umgesetzt. So entstanden die ersten Buchumschläge des Verlags noch im Bleisatz, mit Christian Tannhäuser zusammen.

Andreas Rötzer erzählt von der Entstehung der Reihe Fröhliche Wissenschaft. Ihm lagen drei sehr kurze Aufsätze vor, die er in Buchform bringen wollte, ihm schwebte eine Reihe für knappe, aber präzise und knackige Texte vor. Der gestalterische Impuls kam durch eine im Antiquariat gefundene Reihe namens Libertés, schmale Bändchen mit schwarzen Lettern, die wie handgestempelt aussahen, herausgegeben von einem Jean-Jaques Pauvert – der sei, ja, „eine große Referenz“, bestätigt Maximilian Gilleßen aus dem Publikum. In dem schmalen Format sehen auch kurze Texte aus „wie ein richtiges Buch“, erklärt Andreas Rötzer, und dass sie die DIN Condensed gewählt hätten für ihre Umschläge, weil sie ihm als „die charakterlosteste Schrift, ganz normal und nichtssagend“ erschien. Der Zwiespalt für ihn liege grundsätzlich darin, dass sie einerseits, in ihrem nun gut etablierten Verlag mit an die 140 Publikationen pro Jahr, den Anforderungen der Herstellung und des Marktes gehorchen müssten, aber inhaltlich auf Seiten der Kritik stehen. „In Ablehnung der Affirmation“ solle also immer etwas dabei sein, was nicht funktioniert, was leicht irritiert, wie bei der Fröhlichen Wissenschaft die Umschläge: „Das Spacing machen wir immer von Hand, damit die Buchstaben tanzen und eine gewisse dilettantische Anmutung haben“. Matthes & Seitz Berlin

Der Abend klingt in angeregten Gesprächen auf der Gartenterrasse aus. Wir freuen uns über die Tatsache, dass das Buch so lebendig ist wie eh und je, dass Typografie, aber auch Farbschnitt und Handschrift als Gestaltungsmittel weiterhin gepflegt werden und dass so schöne, lesenswerte, relevante Werke dabei entstehen wie bei den Verlagen, die sich und ihre Arbeit bei uns vorgestellt haben.

Vielen Dank euch allen!

Zu fast allem bereit im Sinne des Buches (von links nach rechts, stehend): Yves Mettler (von ztscrpt), Alex Rügler (Reprodukt), Andreas Rötzer (MSB, Matthes & Seitz Berlin), Maximilian Gilleßen (zero sharp), Alexander Wolff (ztscrpt), (sitzend) Julia Weinbrenner und Andreas Koch (von hundert) am Gartenhäuschen bei LucasFonts in Schöneberg.

Super, dass ihr da wart! Danke für eure tollen, bereichernden Beiträge.

Nachbericht 122. Typostammtisch: Triple Type Walk

Mit Jesse Simon entlang der U8

Für den U-Bahn-Typewalk trafen wir uns auf dem Bahnsteig Gesundbrunnen, ehemalige Endstation der Linie U8 bis in die 1970er Jahre. Jesse Simon, Autor von Berlin Typography, leidenschaftlicher Schriftenjäger (und -sammler) im ober- und unterirdischen Stadtbild, leitete uns erst einmal eine Ebene höher. Hier stellten wir uns gegenseitig vor und Jesse führte uns in die Geschichte des Berliner U-Bahnnetzes ein. Bessere Luft und weniger Lärm hier als auf dem Bahnsteig! Ein- und ausfahrende Züge sollten uns an diesem Nachmittag noch so manches Mal eine kurze Vortragspause einlegen lassen …

Zur Geschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Pläne für eine Berliner Schwebebahn, ähnlich wie in Wuppertal. Daraus wurde aber nichts. Folglich wurde uns das S- und U-Bahnnetz beschert, mit turbulent-wechselhafter Historie – wir sind schließlich in Berlin. Wir erfuhren von lang geplanten, nie gebauten Verbindungen und Verlängerungen, von Geisterbahnhöfen, Ost-West-teilungsbedingtem Wirrwarr und einem sehr trägen Baugeschehen nach der Wiedervereinigung: Warum geht die U8 nicht bis zum Märkischen Viertel? Warum endet die U1 nicht am Adenauer Platz und trifft dort auf die U7, obwohl es sogar bereits einen entsprechenden Bahnsteig gibt – verwaist? Diese und andere Kuriositäten waren spannend mitzudenken, als wir uns im Anschluss auf den Bahnsteigen Schriften und Gestaltung im Allgemeinen anschauten.

Neben Schriften ging an diesem Nachmittag auch um Farben, Fliesen und Säulen. Es ging um lieb- und kraftlosen Denkmalschutz (siehe Bild von der Pankstraße), um gedankenlos ersetzte Schriftschätze und um gute Zurichtung trotz starrer Kachelstruktur (siehe Residenzstraße). Natürlich ging es auch um Menschen, vor allem um den visionären Rainer Gerhard Rümmler, Gestalter annähernd aller neu erbauten Berliner U-Bahnhöfe von Mitte der 1960er bis Mitte der 1990er Jahre – auch entlang der U8. Rümmler war übrigens so visionär und zukunftsgerichtet, dass er vorsichtshalber das Eszett in den U-Bahnhöfen vermied („…strasse“) – denn wer weiß schon, was bleibt?

Unsere Route verlief nordwärts, mit Einzelstopps zwischen Gesundbrunnen und Lindauer Allee, dann im langen Rutsch zurück zum Alexanderplatz (herrlicher Stilmix ionisch-imitierter Säulen) und von da aus zum gemeinsamen Feierabendbier in den Pratergarten. Dort hatten wir – nebst Getränken – spannenden Austausch mit den anderen Spaziergangsgruppen und Gästen, die „einfach so“ vorbeikamen. Vielen Dank allen interessierten Teilnehmer·innen und Jesse, für deine Begeisterung, deine unterhaltsamen Schilderungen und das viele Wissen, das wir nun freudig auf jeder U-Bahnfahrt Revue passieren lassen!

Einen Appell von Jesse möchten wir hier noch für die Öffentlichkeit festhalten: Berlin, kümmere dich um dein einmaliges visuell diverses U-Bahnnetz! Dieser typografische und gestalterische Schatz der Unterschiedlichkeit der Bahnhöfe sollte unbedingt geschätzt und gepflegt werden. Er gehört zu Berlin – und das soll auch noch lange so bleiben.

Themenverwandt: Der U7-Typewalk mit Jesse Simon im Herbst 2022.

Vorstellung und geschichtliche Einleitung in einer ruhigeren Ecke des U-Bahnhofs Gesundbrunnen.
Der Letraset-Klassiker Octopuss mit entsprechenden Fräsungen an der Pankstraße. Trotz (oder wegen?) des Denkmalschutzes ist leider an vielen Bahnhöfen der Gesamteindruck nicht gerade prächtig.
Wieder Letraset, diesmal die Windsor Outline – vorbildlich zugerichtet, trotz Fliesenmuster. „I cannot prove this assumption but Rainer Gerhard Rümmler must have had a Letraset catalogue“, mutmaßt Jesse.
Die Ionier wären gern am Alex ausgestiegen …

Mit Fritz und Flo durch den wilden Wedding

Der Wedding Walk überzeugte durch Wildheit, optisch und akustisch, durchsetzt von erholsamen Zwischenetappen: bei den Spaziergängen durchs ruhige Grüne entlang der Panke konnten sich Augen und Ohren erholen und die Partizipierenden plaudern. Apropos Partizipierende, wer war dabei? Wir bauten spontan eine Vorstellungsrunde ein und prompt fanden sich Querverbindungen, gemeinsame Bezugspunkte, etwa zu den Studienorten Potsdam und Weimar. Zurück in den Wedding: In Ermangelung dichtgesäter historischer Schriftbeispiele bezogen unsere Spaziergangsleiter Architektonisches in den Rundgang ein, das war lobens- und lohnenswert.

Fritz Grögel und Florian Hardwig waren bestens vorbereitet. Sie brillierten mit historischem Wissen – und mit ihren Laminaten: in Laminatfolie eingeschweißte, ergo regensichere Schrift- und Schautafeln in DIN A4, die sie auch im kurzzeitig einsetzenden Nieselregen schadlos herumreichen konnten.

Gleich zu Beginn eine traurige Anekdote. Das schöne Logo für öffentliche Bibliotheken, stilisierte Seiten eines aufgeschlagenen Buches, dazu der Schriftzug Bibliothek im gleichen Leuchtblau, ist nur noch in Form von Restbeständen in Gebrauch (wir fanden es mehrmals auf unserem Weg). Die Marke entstand 1977 für das Deutsche Bibliotheksinstitut; dieses wurde 1999 aufgelöst und die Marke 2009 gelöscht. Wie schade. Memo: Die Bildmarke dient(e) als Wegweiser und Kennzeichen für ein kulturelles Angebot, das kaum Geld kostet und für jeden Menschen frei zugänglich war – und ist. Wir statteten einer Bibliothek am Wegesrand einen kurzen Besuch ab, ehrenhalber und weil manche zum WC mussten.

In Erinnerung bleibt aber auch das großartige Logo der Malzbierbrauerei Groterjan, das in Metall von fast einem Meter Durchmesser am ehemaligen Firmengebäude prangt. Dazu passend zeigten Fritz und Flo Plakatschriften der Zeit, als bekannteste wohl Louis Oppenheims markante Fanfare, die in den 1920er Jahren populär wurde. An der Seite des Firmengebäudes , leider schon recht abgeblättert, noch ein ein Groterjan-Schriftzug. Wir waren beeindruckt von den zum Teil auch kalkulatorisch kühnen Experimenten früherer Entrepreneure, etwa dem Architekten mit den bunt glasierten Fassadenfliesen und den Heilwasserproduzenten auf der Badstraße, die selbiges Heilwasser auch dann noch berlinweit vertrieben, als die Heilquelle, vielmehr der Gesundbrunnen, längst geschlossen war. Nun wissen wir, woher die Straße und der Stadtteil ihre Namen haben. Warum allerdings hieß das Kino an gleicher Stelle Marienburg? Egal. Wir haben gelernt, dass es an so manch öffentlichem Ort, Kaffee- oder Biergarten statt Ausschank (mangels Schanklizenz) Kaffeeküchen gab, an denen sich die Besuchenden ihren mitgebrachten Kaffee selbst zubereiten konnten.

Zum krönenden Abschluss besuchten wir ein sensationelles Ensemble von ineinander übergehenden Handwerkerhöfen, die, noch nicht saniert, kreativ und subkulturell genutzt werden. Innerhalb des Ensembles fanden wir uns in einer noch ursprünglich erhaltenen Hofdurchfahrt wieder, für viele das Glanzlicht unserer Tour: gleich vier Wandbereiche voll hundert Jahre alten Inschriften, von kundigen Schildermalern direkt aufs Gemäuer angebracht, Schriftzüge, die mit Dauer der Betrachtung und dank der kundigen Erläuterungen unserer Schriftspaziergangsleitenden immer interessanter wurden. Dies gilt für den gesamten Wedding Walk (Nachbericht und Bilder vom letzten Mal) – wie auch für unsere anderen Spaziergänge durch die Schriftlandschaft Berlins.

Ein Format, das wir mit Sicherheit wiederholen werden!

Auftakt vom Wedding Walk an der ehemaligen Malzbrauerei Groterjan
Wegweisendes Logo für die kostengünstigsten, niedrigschwelligsten aller Kultureinrichtungen
Lettering am Rande, man beachte den schönen Apostroph.
Wir vom Wedding Walk hätten uns hier allemal einen Kaffee gekocht, wäre diese Küche noch öffentlich und geöffnet (und wir nicht auf den Prater Biergarten eingestimmt) gewesen …
Fritz hält die Gruppe zusammen und auf dem laufenden, denn …
… wir nähern uns dem buchstäblichen Höhepunkt der Tour in einer Hofdurchfahrt der durchwanderten Handwerkerhöfe.
Wenn doch heutige Schnellsprayer bitte die Arbeit ihrer Kollegen Schriftmaler von vor 100 Jahren verschonen würden. Wenn doch die Stadt Berlin die Wände z. B. dieser historischen Hofdurchfahrt schützen würde. Vieles geht leider von alleine kaputt, auch ohne Renovierung – solche Schriftzüge fanden sich noch in den 1990er Jahren massenweise in Mitte und Prenzlauer Berg. Verena Gerlach hat sie in ihrem Buch und der gleichnamigen Schrift Karbid konserviert, Fritz Grögel daran mitgearbeitet, er zeigt das Buch herum. Die zwei mitgebrachten Exemplare werden ihm sofort abgekauft.
Dynamische, fast schon exzentrisch anmutende Beschriftung in hundertjährigem Backstein –
… aber bei der postalischen Großannahme in den 1970er Jahren, kurzer Blick zurück genügt, reichte es dann nicht mal mehr für ein Eszett. Berlin halt.

Vielen Dank allen Type Walk Guides und allen, die mitgegangen sind! Das Format werden wir bestimmt mal wiederholen. Im Prater-Biergarten an der Kastanienallee gab es zum Finale ein großes Hallo, angeregten Austausch und einen gemütlichen gemeinsamen Ausklang in großer Runde.

Nachbericht 121. Typostammtisch: Bye-bye Buchstabenmuseum

Es war ein trauriger Anlass, aber ein sehr schöner Abend. Zum 20-jährigen Jubiläum und zum vorerst letzten Mal fand sich die Berliner Schriftgemeinde im Buchstabenmuseum unter den Bögen des S-Bahnhofs Bellevue ein; die große Eingangshalle war bis auf den letzten Stehplatz besetzt. Volles Haus!

Barbara Dechant, Inhaberin der wahrscheinlich größten Sammlung gebauter Buchstaben der Welt und dereinst zusammen mit Anja Schulze Gründerin des Museums, berichtete mit ihrem buchstäblichen Weggefährten Till Kaposty-Bliss zusammenfassend aus ihren Erinnerungen, aus der wildbewegten Geschichte der Sammlung und des Museums. Die Rede war sogar von einem gedankenlosen, kindischen und höchst kostspieligen Buchstabenraub, verbrämt als Kunstaktion, vor allem aber von besonderen Fundstücken, von Buchstabenbergungen unter widrigen und fröhlichen Umständen bis hin zu gewagten Rettungsaktionen, egal bei welchem Wetter. Die diversen Umzüge kosteten besonders viel Arbeit und wurden von vielen helfenden Händen begleitet. Das Buchstabenmuseum ist ein eingetragener Verein und viele der Mitglieder beteiligten sich nicht nur mit den mindestens 26 Euro pro Jahr, sondern halfen tatkräftig mit, trugen Buchstaben von A nach B, bauten Ausstellungen auf oder um, strichen Wände. Es ist seltsam, dies nun in der Vergangenheitsform schreiben zu müssen.

Die letzten Tage sind angezählt.

Die gute Nachricht ist, dass das Museum als Sammlungslager vorerst bestehen bleibt. Auch der Verein hat weiterhin Bestand. In absehbarer Zeit muss ein neuer, dauerhafter Verwahrungsort für die prächtigen, aber sperrigen, zum Teil sehr großen Lieblinge gefunden werden. Bis dahin soll es noch mindestens eine Sonderverkaufsaktion überzähliger Buchstaben und Inventars an interessiertes Publikum geben. Auch haben vereinzelte Berliner Museen Interesse an für sie thematisch passenden Teilbeständen der Buchstabensammlung bekundet; Barbara Dechant zieht mittelfristig diese Möglichkeit in Betracht – besser, als die ganze Sammlung zu zerpflücken und in ihre Einzelteile aufzulösen. Selbstverständlich wäre es ihr lieber, und allen Buchstabenfans ebenso, dass diese weltweit einmalige, historische Sammlung gebauter Lettern im Ganzen erhalten bleibt. Vielleicht findet sich doch noch ein finanzstarker Sponsor, eine Käuferin, eine Institution, die die komplette Sammlung erwirbt und das Museum wiederaufleben lässt?

Das Buchstabenmuseum Berlin ist nur noch bis Sonntag, den 5. Oktober geöffnet!

Bericht und Bilder aus der bewegten Museumsgeschichte, zusammengefasst von Buchstabenfreundin und (natürlich) Vereinsmitglied Sonja Knecht: Große Buchstaben, große Liebe

Ein paar Erinnerungen an den Abend vom 7. August 2025:

Jubiläum und Abschied – und Neubeginn?
Stadtbahnbogen 424, 10557 Berlin – volles Haus an jetzt schon legendärer Adresse …
Museumsgründerin Barbara Dechant (hier im Interview vom Museumsverband) und Vorstandsmitglied Till Kaposty-Bliss atmen zu Beginn des Abends noch einmal tief durch.
Publikum auf der Innenseite der Eingangshalle mit einem besonderen Hingucker im Hintergrund.
Alle Fotos: Team Typostammtisch

Nachbericht 101. Typostammtisch: Studio Pandan

Wir freuen uns, Pia Christmann und Ann Richter sind bei uns! Dieses Mal wurde als Speakers Imbiss (neue Rubrik) selbst gebackenes Brot, gesundes Grün-Rot, frische Butter und Käse gereicht. Kam an. Pandan. Was für ein guter Klang, schon im Namen. Mehr dazu später.

Studio Pandan, gegründet 2015, haben enorme Strahlkraft insbesondere für jüngere und noch studierende Kolleg·innen. Alle anderen sind ebenso be- bis leicht entgeistert. Warum, das entfaltet sich unmittelbar durch ihre Präsenz und Projekte. Die ruhige, sorgfältige Art ihrer Arbeitsweise kommt schon im gemeinsamen Vortrag raus, das sensationell Neue, Frische ihrer Gestaltungsideen wirft uns umso mehr um und verblüfft quasi stufenweise, je genauer man hinschaut.

Den Namen erklären wir später noch …

Entspannt und konzentriert folgen wir dem Duo in ihrer Präsentation. Die beiden kennen sich seit ihrem Studium in Leipzig (HGB Hochschule für für Grafik und Buchkunst) und sind gut eingespielt. In ihren Projekten ist zu sehen, und Lukas Horn stellt es durch seine Beobachtung am Schluss heraus, dass bei jedem Projekt die Typografie ganz am Anfang kommt.

… und dieses Projekt weiter unten.

Wie arbeiten sie? Sie suchen und sammeln Schriften in einer Art Mood Board, die in Frage kommen könnten für das jeweilige Projekt. Sie tüfteln und bearbeiten diese Schriften, schreiben selber Skripte (in InDesign), um sie nicht für das jeweilige Projektkonzept irgendwie passend zu machen, sondern mit den Inhalten, ja, zum Teil zu verschmelzen.

Ein Beispiel dafür ist ganz offenkundig „das Wasserfall-Projekt“, das anders heißt, aber so in Erinnerung bleibt. Weil die Schrift wasserfallartig von oben nach unten herunterfällt, kleiner wird auf den Buchseiten: innerhalb der Überschriften und Fließtexte (sic!). Es handelt sich um den Ausstellungskatalog zu Dem Wasser folgen, Kunsthalle Bielefeld. In Assoziationen und Reflexionen berührt die Schau ökologische bis philosophische Aspekte rund um das große Thema Wasser. Nach dem Motto Thinking about water is thinking about the future der Künstlerin Roni Horn nutzen Studio Pandan für die Kataloggestaltung umweltfreundliche Papiere und Blautöne als Schrift- und Hintergrundfarbe für die abgebildeten Kunstwerke. Blaues Affichenpapier wird zum durchgehenden Materialmotiv. Stichwort Schrift: Es handelt sich um die (hier vorab veröffentlichte) New Edge von Charlotte Rohde, die mit ihren „teils fluiden Formen und wie mit Farbe gefüllten Ink-Traps“ perfekt zum Thema passe. Spannend die Struktur des Buches und wie diese den Lesefluss (!) beeinflusst (!): Der Haupttext mäandert durch das Buch, immer mal wieder auf und abtauchend.

Schriften, die ins All ausmorphen

Als weiteres Beispiel sei die futuristisch ins All hinausmorphende Kursive im Künstlerbuch für Zach Blas genannt. Oft bindet er Künstliche Intelligenz methodisch in seinen Arbeitsprozess ein. Konsequent haben Studio Pandan in Bezug auf die Typografie auch mit Technologie und Automatisierung gearbeitet, genauer gesagt (auf Rückfrage von Verena Gerlach) mit InDesign-Skripten, beispielhaft hier bei diesem Projekt so: InDesign-Skript —> zufälliges Mischen von zwei verschiedenen Schnitten der LL Unica 77 —> „Glitch-Ästhetik, wie sie auch in Blas’ Arbeiten auftaucht“, so Ann und Pia.

Der Künstler und Autor Zach Blas befasst sich mit Technik, Queerness und politischen Themen.
In Zach Blas’ Welt gibt es ein alternatives „Contra-Internet” und KI-generierte Weissagungen einer Zukunft, in der Eidechsen und Elfen angesiedelt sind.
Methode: InDesign-Skript —> zufälliges Mischen von zwei Schnitten der LL Unica 77 …
—> „Glitch-Ästhetik, wie sie auch in Blas’ Arbeiten auftaucht“ (Projektfotos: Studio Pandan)
Schriften, die ins All ausmorphen (Foto: Studio Pandan)

Studio Pandan nutzen Silber, Neongrün und Neonpink als Sonderfarben zusätzlich zur CMYK-Skala, um die beeindruckenden Farben seiner Installationen ins Buch zu übersetzen. „Für den Part, wo Elfen sprechen, haben wir der Schrift einen Glow verliehen und mit Silber auf die Bilder gedruckt“ (dies bezieht sich auf besagte Kursive, wo sie nicht mit der Schriftschnittmischung arbeiten). Herausgegeben und beauftragt wurde das Buch durch das Edith-Russ-Haus für Medienkunst (Verlag Sternberg Press, Produktion print professionals und DZA Druckerei zu Altenburg).

Von der Straße …
… ins Museum.

Pandemiefreundliche Puzzle-Edition

Bei den freien Projekten, mit denen Pia Christmann und Ann Richter sich beschäftigen, geht es um gesellschaftskritische Themen wie Feminismus und Design. Ihr „Pandemieprojekt“ war More Women Solo Art Shows. Zur Demo am 8. März 2020 zum Internationaler Frauentag hatte Stefan Marx in einer markanten weißen Versalschrift Plakate mit Parolen gestaltet, die auf vielen Fotos zu sehen waren und für hohe Aufmerksamkeit und Wiedererkennung sorgten. Angeregt davon, entwickelten Studio Pandan eine Puzzle-Edition, und konnten das Museum Villa Stuck von der Idee überzeugen, das Puzzle herauszugeben und damit in Serie zu gehen.

Hochschulfreundliche Kooperationen und verpixelte Handtücher

In einem Plakat-Workshop an der Muthesius Kunsthochschule Kiel regten Ann und Pia Studierende dazu an, mit den verschiedenen typografischen Genderformen visuell zu experimentieren. Zur Unterstützung des Crowdfundings von Hannah Wittes Buch Typohacks gestalteten sie das Plakat Un_Writing Gender, auf dem sie die traditionellen, binären weiblich-männlich-Zeichen zerhäckseln. Der Titel bzw. Slogan ist eine Referenz zum Konzept Un_doing Gender (Hirschauer, Butler); als Schrift verwenden sie die Apparat von Lisa Drechsel.

Am Überbrücken von zu engen Wertesystemen ist Studio Pandan auch in einem größeren Kontext gelegen. Für das Kunstfestival Balade Berlin im Stadtteil Charlottenburg gestalteten sie die Visuelle Identität – und installierten vor dem sehr feinen Hotel Savoy drei Flaggen mit der Aufschrift UN_DOING CLASS. Den Claim setzten sie in der Flemish Script, einer klassizistischen, monumentalen Antiqua, auch in Anlehnung an Marcel Broodthaers und wegen des exquisiten Flairs, das diesen Schrifttypen anhaftet. Allerdings sparten sie nicht an Effekten. „Denn uns geht es natürlich um den Bruch und die Infragestellung von Klassen und Schubladen – nicht nur in Stilen“, erläutern sie. „Das wird spätestens auf der Bildebene klar, auf der wir mit ,Poor Images‘ gearbeitet haben, verpixelten Abbildungen von Strandtüchern. Die „Kitschmotive aus dem Internet“ kamen, handtuchgroß aufgeblasen, nicht nur in Charlottenburg gut an.

Im Nachhinein stellen wir gemeinsam fest: Die pandemiebeeinflusste Aufteilung von Studio Pandan und Eps51 (siehe Nachbericht), die in einem Haus sitzen und die wir ursprünglich zusammen einladen wollten, war viel besser! Jede hatte viel, viel Raum und die Zusammenbringung von Schriftanwender·innen mit Schriftgestalter·innen ist richtig produktiv. Zumal, wenn der Umgang mit Schrift und den Mitteln der Typografie so außergewöhnlich und fundiert geschieht.

Eine spannende Frage aus dem Publikum war, wie Pandan ihre Auftraggeber·innen von ihren Gestaltungen überzeugen. Es werde immer weniger nötig, sagt Pia, und Ann ergänzt „wir haben dafür keine spezielle Strategie ausgeheckt“. Aber: Sie würden ihre Ideen erklären, die konzeptionellen Gedanken auch hinter Details. Dazu passte der visuell-verbale Abschluss der Präsentation, bei dem Pia diverse Textauszüge und Zitate aus einiger ihrer Projekte zeigt. Jedes davon könne als Motto für sie als Kreative verstanden werden.

Vielen Dank, dass ihr da wart, liebe Ann, liebe Pia!

Oder umgekehrt: Pia, Ann. Pandan. Ihr Name, auch dieses Geheimnis wurde auf eine Publikumsfrage hin gelüftet (die mich als Texterin besonders freute), lässt ihre Vornamen anklingen. Pandan habe (a) einen sehr schönen Klang und erinnere an Pan Am, so Pia; Pandan ist eine südostasiatische Pflanze und damit ein persönlicher Bezugspunkt für Ann – es gibt sie auch als sehr leckere Eissorte, empfiehlt im Publikum Verena Gerlach, die Autorin denkt an dieser Stelle: das neue Waldmeister! Muss ich probieren. Zudem ist Pandan (c) knallgrün, also Logofarbe fürs Studio und ein Statement: für mehr Farbe in der visuellen Gesaltung. Die Menschen mögen Farbe, ziehen die beiden noch als Fazit aus ihrer Arbeit. In diesem Sinne: Pandan!

Der Abend klingt noch lang und mit fröhlichen, angeregten Gesprächen aus. Ich erinnere mich an Christoph Koeberlin (Sportfonts), wie er unsere Vortragenden beruhigt: Schrift-Nerds seien „gar nicht so schlimm“ und kritisch als Publikum (damit, ob und wie alle Schriften genannt werden). Ich erinnere mich an das Hamster-Gespräch mit Typostammtisch-Gründer Ivo Gabrowitsch (Fontwerk) über Schriftnamensfindungsprozesse, die meist keine seien, sondern ihm entspringen (oder wie Hamster von den Gestalter·innen kämen). Ich erinnere mich an viele neue Gesichter beim Typostammtisch und viel freudige Begeisterung über die schöne Location – Riesendank an Luc(as)/LucasFonts)! Ich denke an meine Kollegin Gosia Warrink von der UdK (Universität der Künste) Berlin, mit Katja Koeberlin als Design-Studio Amberpress, und an unsere Studierenden und wie alle aufeinander zugingen. Ich erinnere mich an meine Aufregung, danke Lukas für die Co-Moderation (!!!) und wie ungewohnt und schön doch wieder solche Zusammenkünfte sind …

Was wir euch außerdem noch sagen wollten …

Mit diesem Typostammtisch haben wir einen neuen Alterspannweitenrekord aufgestellt! Trommelwirbel, Tusch: von 14 Jahren (LucasFonts-Schülerpraktikantin Neike) bis 85 Jahre (Klaus Rähm). Auf die nächsten 100 Jahre Typostammtische, die mit der Ausgabe 101 sehr schön begonnen haben. Nicht vergessen: Newsletter = Einladung zu 102 ff.

Lukas Horn und Sonja Knecht, Team Typostammtisch mit Pia Christmann und Ann Richter, Studio Pandan
Ann Richter & Pia Christmann glücklich und erschöpft nach ihre tollen Präsentation – vielen Dank nochmals euch beiden! War super.

(Fotos: Sonja Knecht, Lucas de Groot und Dr. Thomas Maier / Typostammtisch Berlin)