Nachbericht 129. Typostammtisch: Verlagsabend III

An einem der bisher heißesten Abende des Jahres, am 25. Juni, haben wir das Studio LucasFonts gut heruntergekühlt und entsprechend viele Getränke bereitgestellt. Zum 129. Typostammtisch und zum dritten Verlagsabend, einem relativ neuen Veranstaltungsformat (seit 2023) in unserer 20-jährigen Geschichte, haben wir erneut Gäste eingeladen, die unsere Erwartungen an typografische Gestaltungskonzepte dann aber noch mal übertreffen.

Luc(as) de Groot und Sonja Knecht begrüßen die Gäste; der Saal ist voll. Los geht’s.

ztscrpt – Alexander Wolff und Yves Mettler
Ein Magazin ist eine Schrift ist ein Magazin ist …

„Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung“

Chicago, Times, Plotter, TheMix, Princess Lulu, Karloff, LiebeRuth, New Paris oder Serifbabe, so heißen die Ausgaben der 2002 in Wien gegründeten Kunstzeitschrift mit dem unaussprechlichen Pseudonym ztscrpt (welches aber nicht sichtbar vorkommt); das typografische Magazin ohne fixen Namen also, das jeweils die verwendete Schrift als Titel verwendet, und deshalb immer anders heißt, und dementsprechend schwer zu finden ist. Hierbei handelt es sich um ein typografisches Gesamtkonzept. Bereits 2005 wurde es vom London Design Museum in der Ausstellung Best European Design gewürdigt.

Von den bisherigen sieben Herausgeber·innen sind Yves Mettler und Alexander Wolff bei uns.

Sie stellen die aktuellen Ausgaben vor: Nr. 42 Ghost von Juli 2025 und Ana Diego, die ganz frische Ausgabe 43, Juni 2026. Die jeweilige Schriftart und mehr noch der Name der jeweiligen Schrift fungiert als inhaltlich-atmosphärische Leitlinie nur begrenzt, mehr in ihrer Visualität. Das habe mit ihren Bezügen nach Wien zu tun, so Yves. Passenderweise ist Gerhard Rühm, letzter lebender Vertreter der Wiener Gruppe, in Ausgabe 42 Ghost mit Gedichten vertreten. Aber wie wählen sie die Schriften aus? „Einerseits random“, sagt Yves, „am Anfang, da haben wir Klassiker wie Chicago, Helvetica und DIN gemacht“, und es gehe unter anderem auch darum, „wie die Beiträge mit den Fonts zusammenspielen. (…) Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung auf Papier.“

Das Heft habe immer das gleiche Format, erklärt Alexander, Fotografie auf dem Cover, Inhaltsverzeichnis vorn, Impressum hinten drauf, und ja, es sei schon zum Lesen gedacht (angesichts der superbreiten Textblöcke und Nachfragen aus dem Publikum), „aber wir wollten maximal auf Design verzichten“. In der Zusammenarbeit mit Tauba Auerbach und mit ihrem Font FIG sei das Ganze so wahnsinnig schön, aber so wahnsinnig schwer zu lesen geworden, „dass wir dann alle Texte als Poster in Arial dazugelegt haben“. Das Magazin sei mit ihnen gealtert, erklärt Alexander anhand der inneren Randspalte, die nun immerhin zwei Zentimeter Luft zum Rand lässt und damit die breit laufenden Zeilen einen Hauch besser erfassbar macht als in den Anfängen, aber wirklich nur einen Hauch. In den Anfängen klebte der Satzspiegel fast direkt an der Außenkante und im inneren Bund des Blattes.

Die Publikationen beinhalten jeweils 10 bis 15 Beiträge ausgewählter Künstler· und Autor·innen, entsprechend den künstlerischen Interessen der Herausgeberschaft. Sie erscheint seit Beginn in einer festen Auflage von 300 Exemplaren, wird vom österreichischen Bundeskanzleramt mitfinanziert und ist in Kunstbuchhandlungen in Berlin, Wien und in Brüssel erhältlich oder per Mail zu bestellen (anfangs für 3 Euro, jetzt, nach 24 Jahren, für 5 Euro pro Heft); das Online-Archiv bietet die Cover und Inhalte aller Ausgaben im Überblick: ztscrpt.

zero sharp – Maximilian Gilleßen
Experimentelle Schreibformen
Typografische Gestalter als Übersetzer, vom Verbalen ins Visuelle

Bei zero sharp geht es um imaginäre Wortwelten, linguistische Spekulationen und Erkundungen experimenteller Schreibformen. Die beiden Herausgeber Maximilian Gilleßen (Übersetzer) und Anton Stuckardt (Grafikdesigner) befassen sich mit Visionären der Sprache, vor allem der französischen, und geben diese Werke in Erst- oder Neuübersetzung heraus, oft ergänzt um ausführliche Kommentare und weitere Materialien. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Maximilian Gilleßen hat seine Doktorarbeit 2023 bei einem der Verlage publiziert, die beim vorherigen Verlagsabend bei uns waren (in persona Tom Lamberty), nämlich bei Merve, Titel: R. R. Zur Poetik Raymond Roussels (704 Seiten).

Heute jedoch hat Maximilian die Aufgabe, die typografische Vorgehensweise seines Verlagspartners für uns zu übersetzen. Dafür wählt er die Werke René Daumals, gibt uns aus dem Stegreif eine literaturwissenschaftliche Einführung zu dessen Person und Werk und bringt uns kongenial die (typo-)grafische Gestaltung der Bände nahe.

Maximilian Gilleßen mit dem ganz frisch bei zero sharp erschienenen Band Die absurde Evidenz, Essays und Rezensionen von René Daumal

Zum Einstieg etwas relativ Naheliegendes, Nachvollziehbares: Eine große Spirale ziert die von Daumal in den zwanziger Jahren herausgegebene Zeitschrift Le Grand Jeu (Das große Spiel). Sie verweist auf den Wanst König Ubus, der legendären Figur Alfred Jarrys, und somit auf das Erkennungszeichen der Pataphysiker, die Daumal zu ihren Vorgängern zählen (das pataphysische Kollegium wurde 1948 gegründet, da war Daumal schon vier Jahre tot). Die Pataphysik beruht, der Definition ihres Erfinders Jarry zufolge, auf gedanklich-praktischen Erkundungen imaginärer Lösungen und mündete z. B. in surreale Texte. Als Doppelkringel oder -kreisel kehrt die Spiralform auf dem Titel des Bandes Mugle wieder – tatsächlich handelt es sich um eine abstrahierte Darstellung der Tarnmuster von Eulen. Bei Mugle, dem nächtlich-traumartigen Erstlingswerk des damals achtzehnjährigen René Daumal, geht es inhaltlich um eine imaginäre Begegnung in der Großstadt. „Alle Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen fremdem und eigenem Ich (…) zerfließen. Der Text wird zur Darstellung seiner eigenen Auflösung“, so heißt es in der Buchbeschreibung auf der Verlagsseite. Exkurs: Ein weiterer Anhänger der pataphysischen Bewegung, Boris Vian, Verfasser surrealer, von Lebensfreude und Drastik sprühender Romane, trägt die pataphysische Doppelspirale am Revers – siehe Foto in einem Beitrag von mir anlässlich Boris Vians hundertstem Geburtstag: Der Schmelz der Wörter.

Zusammen mit Maximilian Gilleßen betrachten wir als nächstes von René Daumal Der Berg Analog. (Alle genannten Titel/-seiten sind auf der Verlagsseite zu betrachten und zu bestellen). Lange vergriffen und bei zero sharp erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung erhältlich, kann Der Berg Analog als „Science-Fiction- und Abenteuerroman, philosophische Meditation und alpinistischer Traktat“ gelesen werden – ich zitiere weiter aus der verlagseigenen Beschreibung: „Ernst und Ironie, meta- und pataphysische Spekulationen werden von René Daumal zu einem Werk von vielfachem Schriftsinn verwoben“. Auf dem Titel dieses Werkes verwebt der Gestalter Anton Stuckardt Buchstaben zu einem imaginären, baum- oder wurzelartigen Geflecht. Mit der von Leonie Lude und Arno Schlief entwickelten Schrift (sie nennen es Schriftsystem) Branches ließen sich eben nicht nur Sätze formen, erklärt Maximilian, sondern eben auch solche Strukturen zusammensetzen – als ob sie aus den Gedanken des Autors erwachsen. Sie formen den Titel Der Berg Analog und erinnern selbst an eine Berglandschaft, worin eine schöne pataphysische Koinzidenz liegt, denn die Verzweigungen der Schrift gehorchen einer eigenen Syntax.

Und dann erst die Innenseiten: Aus dem Metafont von Donald Knuth wurde ein Font von je 360 Varianten pro Glyphe entwickelt, die sich so abwechseln, dass auf keiner Buchseite die exakt gleiche Buchstabenform zweimal erscheint (die Pataphysik ist ja nicht umsonst auch die Wissenschaft des Besonderen, des infinitesimalen Unterschieds). An dieser Stelle, Maximilian Gilleßen zoomt ein, geht ein großes Wow durch’s Publikum.

Deutlich wird auf beeindruckende Weise: typografische Gestalter sind (im Idealfall) auch Übersetzer, nicht intersprachlich, sondern vom Verbalen ins Visuelle. Buchgestaltung in Bestform. zero sharp

Reprodukt – Alexandra Rügler und Julia Weinbrenner
Handmade Lettering
„Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“

Die herausragende Sorgfalt in der Herstellung ist das Besondere des Reprodukt-Verlages, exemplarisch dabei das Handlettering fast aller Titel. Während in den meisten Verlagen für Übersetzungen Fonts verwendet werden, wird hier alles von Hand geschrieben. Bei Übersetzungen legt der Lettering-Artist ein Transparentpapier über die Seite und schreibt (der Übersetzung folgend) den Text passend zu Form der Sprechblase einmal neu. Der Verlag Reprodukt wurde 1991 von Dirk Rehm gegründet, um unabhängige Comics zu veröffentlichen – für alle Zielgruppen, auch Kinder (ca. ein Drittel der heute rund 50 Titel pro Jahr), oder für Young Adult. Das gelingt, weil nicht „der Markt“, sondern die Autor·innen und ihre Geschichten und Erfahrungen im Mittelpunkt stehen und in die Bücher einfließen. Hohe Qualitätsmaßstäbe, sorgfältige Übersetzung und Ausstattung gehören dazu. Wie viele Genres das Verlagsspektrum umfasst, wird dadurch ersichtlich, dass Reprodukt für Die Frau als Mensch von Ulli Lust den Deutschen Sachbuchpreis 2025 erhalten hat. Zu unserer Freude besuchen uns die Leiterin der Herstellung von Reprodukt, Alexandra Rügler (links im Bild) und (rechts) Volontärin Julia Weinbrenner.

Bei Reprodukt beruht so gut wie alles auf der Handschrift, handgezeichnete Schrift und Lettering in Einzelanfertigung. Alex Rügler zeigt Beispiele und erläutert, dass die Herstellung mancher Bücher monate- bis jahrelang dauert. Jedes Soundword, jeder Text in jedem Einzelbild und in jeder Sprechblase wird übersetzt und dann per Hand neu geschrieben oder gezeichnet.

Bei den deutschen Autor·innen ist es meist so, dass sie ihr Lettering selbst machen, übersetzte Comics orientieren sich typografisch am Original. Die Übersetzungen müssen im Feld der grafischen Erzählungen besonders sorgfältig erfolgen, es gilt die Länge der Texte in den unterschiedlichen Sprachen zu berücksichtigen. Wo können, müssen Trennungen erfolgen, wo kann gut umbrochen werden? Passt ein übersetzter, länger gewordener Text noch in die jeweilige Sprechblase, in das jeweilige Textfeld? Wo muss die Schriftgröße adaptiert werden? Das alles dauert. Jimmy Corrigans The Smartest Kid on Earth, Der klügste Junge der Welt kam erst 13 Jahre nach seinem Erscheinen auch auf Deutsch heraus; das Handlettering von Michael Hau dauerte etwa ein Jahr – ja, bei den Büchern von Reprodukt werden neben den Autor·innen und Übersetzer·innen auch die jeweiligen Handschriftschreiber·innen erwähnt.

Mit den übersetzten Texten entsteht eine Art Drehbuch; ein Skript zu jeder Seite des Comics wird angefertigt, dem zu entnehmen ist, welcher Textbaustein an welcher Stelle genau in welchem Bild erscheinen soll. In diesem Prozess wird mehrfach diskutiert und es werden die Texte so lange modifiziert, bis alles passt.

Wir staunen, welcher enorme Aufwand hier erfolgt. Digitale Fonts kommen mitunter auch, aber seltener, zum Einsatz. Manches bleibt per Hand eben doch schöner und stimmiger zu gestalten. „Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“, fasst Alex zusammen. Reprodukt

permanent Verlag – Andreas Koch
Hundert Einzelstücke
„Wir zeigen keine Kunst, wir reden über Kunst“

Der permanent Verlag bezeichnet sich als „multiperspektivische Plattform“, verlegt Kunstbücher und andere gedruckte Formate. Die beiden Gründer und Betreiber sind Künstler, Gestalter und Autoren in Personalunion, also auch Verleger, logisch. Bücher seien permanent da, und man könne dieses Wort, permanent, super kombinieren, z. B. permanent beutel oder (englisch) permanent tote, was aber auch Tote bedeute.

Die Kunstzeitschrift von hundert macht Andreas Koch schon viel länger, als es den permanent Verlag gibt, nämlich seit rund 20 Jahren. Von hundert bezieht sich auf die Auflage und das Editionsprinzip: jedes einzelne Heft der jeweiligen Auflage ist nummeriert (1/100, 2/100, 3/100). So bekommt jede Abonnent·in ihre eigene Nummer. Das Inhaltsverzeichnis steht immer vorne drauf und darin die Seitenzahlen untereinander, hier nutzt Andreas Koch Tabellenziffern, im Titel aber Mediävalziffern, weil das hübscher aussähe, wie diese variieren. Innen sei die von hundert relativ einfach gestaltet, im Zweispaltenraster.

Anfangs handelte es sich um ein reines Review-Magazin, seit Ausgabe 13 gibt es in der Mitte Themenschwerpunkte, zuletzt etwa die Trilogie in drei aufeinanderfolgenden Heften, Raum, Zeit, Tod. Sonst sind der Inhalt Ausstellungsbesprechungen, Kolumnen oder Essays zu kunstrelevanten Themen. Sehr selten gibt es auch „… Texte, die sind sehr nah an Kunst, die sind auch Literatur“ so Andreas in seinem Vortrag. Und wenn jemand über eine Ausstellung schreiben möchte, die bereits rezensiert wurde, darf das auch sein. Dann finden sich in einer Ausgabe zwei Rezensionen über dieselbe Ausstellung. Schlimme Verrisse gibt es kaum, einmal allerdings doch, als die Namen der Autor·innen nicht bei den jeweiligen Texten, sondern kollektiv aufgeführt waren. Ein Künstler erschien daraufhin vor Andreas Kochs Haus und stellte ihn zum Duell, nein, das dann doch nicht, aber forderte die Offenlegung des Autorennamens – das ist nicht erfolgt, aber der Text wie alle anderen noch zu lesen. Die gesamte Zeitschrift ist im Netz, auch im HTML-Format.

Anfangs 20 Seiten, alsbald 32 Seiten auf dickem Papier („damit es etwas hermacht“), hat die aktuelle von hundert 80 Seiten. Gedruckt wird heute auf einer Heidelberg-Druckmaschine (Versafire), aber nur, weil die ursprünglich verwendete Laserkopiermaschine (ohne Fixieröl, nur Tonerpulver und Hitzefixierung, wie die alten Xerox-Kopien) kaputtgegangen und nicht mehr ersetzbar war.

Damit kommt Andreas Koch zum unfreiwillig durchgeführten Redesign; es bestand im Wesentlichen aus der Einführung einer neuen, zweiten Schrift, nämlich der Bureau Grotesk – zur Garamond, die er der Einfachheit halber genommen hatte, weil er DIE ZEIT und die darin verwendete Garamond gerne und gut liest. „Eigentlich wollte ich sagen, warum ich Redesign hasse“, sagt er, es sei völlig unnötig und lästig, wenn ein ihm liebgewordenes Printprodukt sein Erscheinungsbild ändert, das möge er gar nicht, „alles ist ähnlich, aber anders“. Das habe er der ZEIT auch mal geschrieben nach einem Redesign, endend mit dem Schlusssatz – zum Ende des Leserbriefes wohl, aber auch seines Vortrages bei uns: „Das ist auch Kapitalismuskritik“. von hundert

Im Nachgang erfolgt die Publikumsfrage: „Welche Garamond?“ Erst die von Adobe, sagt Andreas, dann die von Adobe Premiere Pro oder so – ja, gut, pflichtet das Publikum ihm bei, und bloß nicht die XY-, sagt jemand, die XY-Garamond sei grausam, hieß es einhellig. Hätten wir das auch geklärt.

Matthes & Seitz Berlin – Andreas Rötzer
Von München nach Berlin (von M&S zu MSB)
„der Verlag für das Irrationale“

Das Verlagsprogramm des ursprünglichen Verlags Matthes & Seitz, gegründet 1977 in München, wurde durch Werke vornehmlich französischer Autoren abseits des Mainstreams bestimmt, wie Antonin Artaud, Georges Bataille und Jean Baudrillard aus dem „Niemandsland zwischen Wissenschaft und Kunst“ (so der Untertitel des Jahrbuchs „Der Pfahl“); 2004 wurde der Verlag als Matthes & Seitz Berlin neu gegründet. Heute ist MSB mit Reihen wie Fröhliche Wissenschaft, Batterien, Theologische Brocken, den Naturkunden und dem Verlagsprojekt Rohstoff, deren Cover-Gestalterin Marion Wörle bei unserem ersten Verlagsabend 2023 zu Gast war, sehr bekannt und bringt im Jahr 120 bis 140 Bücher heraus.

Wir begrüßen den Verlagsinhaber und -leiter Andreas Rötzer, der bedauert, nicht mehr bei jeder Neuerscheinung aus seinem Haus persönlich auf jedes Detail der Buchgestaltung zu schauen. Dafür hat er heute Gestalter·innen und Hersteller·innen wie Hermann Zanier, Pauline Altmann, Dirk Lebahn oder Falk Nordmann. Aber auch Judith Schalansky, die zu Beginn der Naturkunden zur Bedingung gemacht hat, dass er nicht die Herstellung mache. Er begriff, dass dies Teil einer notwendigen Professionalisierung seines wachsenden Verlages sein müsse. Bei Matthes & Seitz Berlin sind sie heute zu elft. Oft kenne er die Namen der verwendeten Schriften nicht, obwohl er die ersten fünf Jahre in Berlin die Bücher selbst gesetzt habe und großen Wert auf gut lesbare Schriften sowie deren in Hinblick auf die Lesbarkeit optimalen Einsatz legt. „Schrift ist für mich leider hauptsächlich etwas, was ich beauftrage und beurteile.“

Damit kommt Andreas Rötzer auf die Gründungsgeschichte des Verlags in München, wo er als Schüler und dann, 1990, als Buchhalter angefangen habe; die Konstellation sei tatsächlich so gewesen wie bei zero sharp noch heute: Axel Matthes war der Programmmacher und Klaus Seitz der Gestalter. Mit ihren Büchern aus den 1980er Jahren sorgten Matthes und Seitz für Aufsehen, mit einer blockartigen Grotesk, das sich stark vom „rationalen Suhrkamp-Design“ und der kühlen Designsprache anderer Verlage absetzte. Als Rötzer den Verlag nach Berlin holte und 2004 neu gründete, musste er aus der Not heraus die Bücher selbst gestalten. „Wenn Sie Umschläge von Matthes & Seitz sehen, die keinen Gestalternamen führen, dann war das meistens ich und es waren die schlechten.“

2013, damals waren sie im Verlag zu dritt oder zu viert, kamen die Naturkunden, „eine Art Game-Changer für uns“. Andreas Rötzer schwärmt von seinen Buchmacher·innen: Hermann Zanier sei ein begnadeter Gestalter, Hersteller und Setzer. „Was ich bei ihm so bewundere, ist die Fokussierung auf den Inhalt. Das ist alles überlegt, reduziert und zurückgenommen, und dadurch liest man den Text und eben nicht die Schrift.“ Inzwischen arbeiten sie bei MSB „mit vielen Setzern zusammen, die bei Hermann Zanier lernen, etwa mit Pauline Altmann, die gefühlt den gleichen Satzstil hat, das gleiche Gefühl für das Layout mitbringt, und die im Wesentlichen mit Judith Schalansky zusammen die Naturkunden gestaltet“.
Andreas Rötzer blättert mit uns durch die Krähen und die Schnecken, gesetzt in der Ingeborg von Michael Hochleitner (Typejockeys). Neben exzellent gesetzten Seiten fallen die Illustrationen ins Auge: „Die Artenporträts lassen wir immer zeichnen von einem Berliner Zeichner, Falk Nordmann; wir gönnen uns meistens zehn Illustrationen, an denen er monatelang arbeitet, Studien anfertigt usw., damit das exakte naturwissenschaftliche Zeichnungen sind“. Sehr viel Aufwand betreibt MSB auch bei den Materialien, sie haben den Farbschnitt – nur oben! – und andere Merkmale der Buchherstellung des 19. Jahrhunderts neu umgesetzt. So entstanden die ersten Buchumschläge des Verlags noch im Bleisatz, mit Christian Tannhäuser zusammen.

Andreas Rötzer erzählt von der Entstehung der Reihe Fröhliche Wissenschaft. Ihm lagen drei sehr kurze Aufsätze vor, die er in Buchform bringen wollte, ihm schwebte eine Reihe für knappe, aber präzise und knackige Texte vor. Der gestalterische Impuls kam durch eine im Antiquariat gefundene Reihe namens Libertés, schmale Bändchen mit schwarzen Lettern, die wie handgestempelt aussahen, herausgegeben von einem Jean-Jaques Pauvert – der sei, ja, „eine große Referenz“, bestätigt Maximilian Gilleßen aus dem Publikum. In dem schmalen Format sehen auch kurze Texte aus „wie ein richtiges Buch“, erklärt Andreas Rötzer, und dass sie die DIN Condensed gewählt hätten für ihre Umschläge, weil sie ihm als „die charakterlosteste Schrift, ganz normal und nichtssagend“ erschien. Der Zwiespalt für ihn liege grundsätzlich darin, dass sie einerseits, in ihrem nun gut etablierten Verlag mit an die 140 Publikationen pro Jahr, den Anforderungen der Herstellung und des Marktes gehorchen müssten, aber inhaltlich auf Seiten der Kritik stehen. „In Ablehnung der Affirmation“ solle also immer etwas dabei sein, was nicht funktioniert, was leicht irritiert, wie bei der Fröhlichen Wissenschaft die Umschläge: „Das Spacing machen wir immer von Hand, damit die Buchstaben tanzen und eine gewisse dilettantische Anmutung haben“. Matthes & Seitz Berlin

Der Abend klingt in angeregten Gesprächen auf der Gartenterrasse aus. Wir freuen uns über die Tatsache, dass das Buch so lebendig ist wie eh und je, dass Typografie, aber auch Farbschnitt und Handschrift als Gestaltungsmittel weiterhin gepflegt werden und dass so schöne, lesenswerte, relevante Werke dabei entstehen wie bei den Verlagen, die sich und ihre Arbeit bei uns vorgestellt haben.

Vielen Dank euch allen!

Zu fast allem bereit im Sinne des Buches (von links nach rechts, stehend): Yves Mettler (von ztscrpt), Alex Rügler (Reprodukt), Andreas Rötzer (MSB, Matthes & Seitz Berlin), Maximilian Gilleßen (zero sharp), Alexander Wolff (ztscrpt), (sitzend) Julia Weinbrenner und Andreas Koch (von hundert) am Gartenhäuschen bei LucasFonts in Schöneberg.

Super, dass ihr da wart! Danke für eure tollen, bereichernden Beiträge.

25.06.2026: Verlagsabend

Books, Books, Baby! Im Juni laden wir Verlagsmenschen ein, um über ihre typografischen Entscheidungen zu sprechen. Von den Herausgeberinnen, Gestaltern und Herstellern von Büchern und Kunstmagazinen wollen wir wissen: Wie finden sie zur passenden Schrift? Wie kommen sie zu ihren favorisierten Fonts? Dafür bringen sie gedruckte Beispiele mit, blättern mit uns durch die Seiten und stellen sich dem Gespräch. Wir freuen uns sehr auf: ztscrpt, zero sharp, Reprodukt, permanent Verlag und Matthes & Seitz Berlin.

Wann? Donnerstag, den 25. Juni 2026, um 19 Uhr
[Korrektur] Im ersten Newsletter hieß es fälschlicherweise „28. Juni“. Danke für die Hinweise!
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg

Bis dahin, euer
Typostammtisch-Team


Typostammtische verpasst? Wer wissen möchte, wie es beim ersten und zweiten Verlagsabend oder neulich beim Stammtisch der Typostammtische zuging, wie wir die Abschlussarbeiten internationaler Type Masters ausstellen oder das große Eszett feiern, und welche Berliner Stadtteile wir bei unserem 3-fachen Schriftspaziergang 2025 erkundet haben, schaut in unser liebevoll gepflegtes Archiv

Designstudent unterstützen? Nick Tekautschitz befasst sich in seiner Bachelorarbeit mit der Wirkung von Schrift(-duktus) und bittet um rege Teilnahme an seiner Umfrage 1, Umfrage 2 und/oder Umfrage 3, inkl. Gewinnspiel und Information über die Ergebnisse, falls gewünscht.


Büchermonat in Berlin! Am 11. Juni eröffnet die Ausstellung 100 Jahre Fotografie und Presse in Berlin im Stabi Kulturwerk. Anja Lutz lädt am 12. Juni zu Cooking Alphabettes Soup ins A–Z. Der Wagenbach Verlag feiert in der Stabi am 16. Juni den 100. Band seiner Kleinen Kulturwissenschaftlichen Bibliothek. Und dann die Festivals! Am 13. Juni präsentieren sich Verlage und Magazine aus D/A/CH beim Lyrikmarkt im Rahmen des Poesiefestivals vom Haus für Poesie. Vom 26. bis 28. Juni (Vorprogramm ab 23. Juni) findet die MISS READ statt; diesjähriger Schwerpunkt ist Bibliodiversität, Vielfalt in Verlagswesen und Literatur. Als riesige Open-Air-Buchhandlung mit Veranstaltungszelten, Snack- und Leseinseln präsentiert sich am 27. und 28. Juni das Berliner Bücherfest auf dem Bebelplatz in Mitte. Wer zwischendurch selbst aktiv werden möchte: Ideal geht das am Samstag, den 27. Juni mit Sonja Knecht und Marianne Nagel im Double-Feature-Schnupper-Workshop Verdichtung – Text und Buch. Am 11. Juli lohnt sich der Ausflug zum LCB; zu erleben sind über 40 Kleine Verlage am Großen Wannsee. Für die Sommerpause: Im Palais Populaire ist bis Mitte August eine Riesensammlung schriftbasierter Kunst zu sehen – Seeing Words, Reading Images.


Die Titelzeile ist in TheSerif von Luc(as) de Groot gesetzt, erhältlich bei LucasFonts. Das Bücherregalbild ist von Sonja Knecht; darin ebenfalls TheSerif, Semilight Italic.

19.03.26: Time for Tools!

Wir läuten den Frühling ein mit einer knallbunten Mischung aus Kurzvorträgen zu digitalen und analogen Tools. Zu Gast sind wir in den Räumen von diesdas.digital, was so gesehen fantastisch zum Thema Tools passt. Es wird abwechslungsreich und garantiert nützlich! Wir freuen uns auf Beiträge von:

Sebastian Carewe, Jan Charvát, Andreas Frohloff, Lea Giesecke, Studio HanLi, Olli Meier, Maciej Nadobnik, Viktor Nübel, Christina Poth, Natalia Rodríguez, Romana Ruban, Angelo Stitz und Lena Weber.

[Einige Vorträge werden auf Deutsch, andere auf Englisch sein.]

We welcome spring with a colourful mix of short presentations on digital and analogue tools. Plus, we will be exploring a new location by visiting the studio of diesdas.digital which connect wonderfully to the topic of “tools”. We look forward to hearing about fresh and useful tools and perspectives presented by our esteemed speakers, who are shown above. Some talks will be in English, and some in German.

Wir freuen uns auf euch!
Euer Typostammtisch-Team

Wann? Donnerstag, 19. März, Beginn 19:00, Einlass 18:30
Wo? Oranienstraße 6, Aufgang 4, im Studio von diesdas.digital, 10997 Berlin-Kreuzberg


In eigener Sache:

Save the Date! Der nächste Stammtisch wird bereits am 9. April (am Vorabend der Fontstand Konferenz) stattfinden. Vielleicht reist ihr früher an und wir sehen uns?


Am 15. März lädt das Deutsche Technikmuseum zum Tag der Druckkunst mit einer Lithografie-Vorführung und Gespräch. Im PalaisPopulaire läuft ab dem 20. März die Ausstellung Seeing Words, Reading Images, in der man Kunstwerke der Written Art Collection bestaunen kann. Am 21. März spricht Sonja Knecht bei ihrer Führung durch die Ausstellung Verzerrt im SCOTTY über Handschrift als Dicht- und Denkwerkzeug. Wer ab dem 27. März überdimensionale Buchstaben und weitere Kunst an der Schnittstelle von Sprache und Partizipation bestaunen möchte, dem sei die Ausstellung von Shilpa Gupta im Hamburger Bahnhof ans Herz gelegt. Wir freuen uns, dass vom 10. bis 11. April wieder eine Schriftkonferenz in Berlin stattfindet und legen euch erneut die Fontstand Konferenz ans Herz. Weiter geht’s mit Konferenzen: Vom 17. bis 19. April finden die Leiziger Typotage statt – bereits zum 30. Mal! Dieses Jahr gibt es ein spannendes Programm zu Schrift und Klang. So ergibt sich natürlich auch eine Möglichkeit, die aktuellen Ausstellungen im Museum für Druckkunst in Leipzig anzuschauen.


Die Titelzeile ist gesetzt aus der Gradial, einem COLRv1 Variable Font von Lena Weber. Das Titelbild wurde mithilfe von Lenas Mono Tool erstellt – „with a random twist“, wie es dort heißt.

19.02.26: Britt Möricke

Mit über 35 Jahren Erfahrung erkundet Britt Möricke unablässig die Welt der Typografie und inspiriert ihre Studierenden in Rotterdam, ihren eigenen kreativen Weg zu gehen. Derzeit schreibt sie ein Buch über Typografie. Arbeitstitel: I HATE TYPOGRAPHY. „Da ich nicht an Multitasking glaube, werden meine Typografiekurse bis auf Weiteres verschoben …“

An diesem Abend wird Britt von der schnellen Entwicklung ihres Interesses für Schrift erzählen und ihre Erfahrungen an der Akademie in Den Haag (im Volksmund „het Haagse pootje“ genannt) mit uns teilen. Außerdem wird sie uns das Mercator-System und die Geschichte der Kursivschrift erläutern und auf ihr Handschrift-Lehrbuch eingehen. Im Anschluss gibt es eine kurze Session für alle, die Feedback und Ratschläge zur Verbesserung ihrer Handschrift erhalten möchten.

(Der Vortrag ist in englischer Sprache)

With over 35 years of experience, Britt continues to explore the world of typography and inspire her students in Rotterdam to discover their own creative paths. Currently Britt is writing a book about typography. Working title: I HATE TYPOGRAPHY. “Since I don’t believe in multitasking, my courses in typography will be postponed till later notice…”

On this evening, Britt will talk about the rapid development of her interest, she will address her experiences at the academy in Den Haag (referred to as “het Haagse pootje”) followed by an explanation of the Mercator system and the history of italic script. She will also discuss her handwriting manual. Finally, Britt will offer a short session for anyone interested in receiving immediate feedback and advice on how to improve their handwriting.

Wir freuen uns auf euch!
Euer Typostammtisch-Team

Wann? Donnerstag, 19. Feburar, Beginn 19:00, Einlass 18:30
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio von LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg


In eigener Sache:

AUFRUF! Nächsten Monat findet der Typostammtisch am 19.3. statt und steht unter dem Thema „Tools“. Hast du ein schriftrelevantes Tool (egal ob digital oder analog), Script, Programm, Plugin oder sonstiges Helferlein programmiert, das du mit uns teilen möchtest? Dann melde dich bei uns bis zum 19.2. mit deinem Themenvorschlag für einen kurzen Vortrag (5min) mit anschließender Möglichkeit, die Themen in Grüppchen zu vertiefen. Wir freuen uns auf deine Initiative!

CALL! Next month’s Typostammtisch on 19.3. will be all about tools! Have you made a type-related tool (no matter if it’s digital or analogue), script, program, plugin or some other helpful thingy that you want to share with us? Then please reach out with your topic for a short talk (5 min) until 19.2. Afterwards, there will be options to dive deeper into the topic in smaller groups. We are looking forward to your idea! 


Noch bis zum 14. Februar zeigt die Galerie Vincenz Sala schriftbasierte Kunst in ihrer PAROLES group show II. Um Scherenschnitte geht es in der Ausstellung „Schere–Stil–Papier. Lettegrafik x Johanna Beckmann“, zu sehen bis zum 1. März im Kulturforum. In der Berlinischen Galerie läuft bis zum 16. März die Ausstellung „Raoul Hausmann: Vision. Provocation. Dada“ mit collagierter Schrift. Die Fontstand-Konferenz kommt nach Berlin! 10.–11. April, Silent Green, Tickets und Workshopplätze sind bereits buchbar. Bis zum 12. April kann man die Ausstellung „ENTWERTER/ODER und das sogenannte Zeitschriftenunwesen“ im Willy-Brandt-Haus besuchen. Dort wird es einen Filmabend am 26. Februar geben. Im Humboldtforum sind Manuskripte verschiedener Sprachfamilien in einer Wechselpräsentation mit dem Titel „Sprachfamilien“ zu sehen – noch bis Mitte des Jahres.


Die Titelzeile ist gesetzt aus Britts Schreibanleitungsschrift.

Nachbericht 123. Typostammtisch: Dafi Kühne

An diesem Donnerstagabend durften wir Besuch aus der Schweiz begrüßen, genauer gesagt von Dafi Kühne aus Zürich! Einige Minuten vor Beginn war der gut bestuhlte Raum im Studio bei LucasFonts noch recht leer, doch plötzlich betraten alle auf einmal den Raum und die Plätze waren in kurzer Zeit belegt. Viele altbekannte Gesichter waren dabei, und es fanden auch einige Besucher·innen zum ersten Mal ihren Weg zum Typostammtisch.

Dafi, der uns an diesem Abend einen Einblick in seine Arbeit gewährte, ist Grafikdesigner und Letterpress-Plakatgestalter. Er erzählte von seinem Atelier mit Druckpressen, viele davon aus den 1960er-Jahren, und zeigte in seinem Vortrag nach und nach verschiedene Poster und Posterserien. Häufig umriss er den Kontext und die Zielgruppe der einzelnen Poster, so gestaltete er ein Poster für die RICE University und druckte recht abstrakte Varianten der Buchstaben R, I, C und E auf seine Posterserie. Für Außenstehende vielleicht nicht direkt erfassbar oder lesbar, sei Lesbarkeit immer eine Frage der Zielgruppe, so Dafi. Er erwarte von Personen auf dem Campus der RICE University auch die Fähigkeit, die Buchstaben auf den Postern zu erwarten und zu dechiffrieren. Auf die Aussage, Lesbarkeit sei eine Frage der Zielgruppe, folgte ein Lachen aus dem Publikum – insgesamt war der Vortrag geprägt von recht viel Lachen oder doch zumindest Schmunzeln.

Für weiteres Schmunzeln sorgte ein Plakatentwurf als Lösungsansatz für toxische Typografie im öffentlichen Raum. Das Poster, so Dafi, biete typografisches Detox. Gedruckt auf Transparentpapier und versehen mit dem auf die Rückseite des Posters gedruckten Wort „DETOX“ lässt sich das Poster im öffentlichen Raum über jegliche als toxisch empfundene Typografie drüber tapezieren. Dies ist sicherlich ein veranschaulichendes Beispiel für den sehr humorvollen Ton des Vortrags.

Einen wichtigen Teil des Abends stellte aber auch das Zeigen der Gestaltungsprozesse dar – von der Idee bis zum häufig sehr langen und analogen Prozess der Umsetzung. Wenn Dafi stundenlang Sachen auf die Presse übertragen müsse, so sei das für ihn ein schöner Vormittag. Überhaupt lebte dieser Abend von Dafis Spaß an seiner Arbeit, von der Leidenschaft zu analogen und aufwändigen Druckprozessen und von der Liebe zu Details. Parallel zum Erzählen zeigte Dafi im Hintergrund an der Leinwand zahlreiche Videos aus dem Atelier – nicht selten gefolgt von Nachfragen zur exakten Fertigungstechnik aus dem Publikum.

Nach dem Vortrag durften wir einige mitgebrachte Plakate in echt ansehen, viele davon im Weltformat und damit einen ganzen Tisch ausfüllend. Der Abend endete mit Getränken, langen Gesprächen, allgemeinem Staunen und Beseeltheit von so viel Leidenschaft fürs Handwerk. Danke an Dafi und alle Besucher·innen!

Alle warten in Vorfreude, während die letzten Personen noch den Raum betreten.
Auch vor dem Vortrag ist schon Zeit für Wiedersehen und Austausch.
Los geht’s!
Dafi zeigt die Wirkung einer optischen Täuschung, die er für die Gestaltung eines Posters nutzt (die Linien sind parallel!).
Wenn Dafi im Vortrag von einem Plakat erzählt, das er auch physisch dabei hat, so hält er es zwischendurch hoch und spricht dabei weiter.
Zum Gestaltungsprozess dieses Posters erzählt Dafi: „Das Auswaschen im Waschbecken war dann wirklich unschön. Da hab ich die Ätzung in die Autowaschanlage gebracht.”
Nach dem Vortrag: großer Andrang an den zwei Tischen, auf denen Dafi seine Poster ausgelegt hat.
Detail der Poster. Auch die Materialität spielte insgesamt eine große Rolle im Vortrag und in den Gesprächen.
Immer wieder schön zu sehen, dass der Typostammtisch auch unabhängig vom jeweiligen Vortrag des Abends eine willkommene Gelegenheit zum Austausch bietet.
Kleine Stärkung vor dem Typostammtisch
Während des Anschauens der Poster werden weitere Fragen gestellt und beantwortet.

Fotos: Olga Luchanok

16.10.2025: Dafi Kühne

Dafi Kühne ist Grafikdesigner und Letterpress-Plakatgestalter aus der Schweiz. Auf der Website seines Studios Babyinktwice.ch können wir bereits seinen leidenschaftlichen, manuellen und spielerischen Ansatz zur Typografie und Plakatgestaltung erahnen – und diese Eindrücke im Oktober persönlich festigen, denn Dafi kommt aus Zürich nach Berlin und macht Halt beim Typostammtisch.

Ein Abend für Freund·innen analoger Druckkunst, unterhaltsamer Vorträge und für alle, die sich dafür interessieren, wie Ideen vom Kopf über die Hand durch die Presse aufs Papier kommen. Wir versprechen: Es wird viel zu sehen geben!

Wann? Donnerstag, 16. Oktober 2025, 19 Uhr
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio von LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg

Bis dahin, euer
Typostammtisch-Team


Am 1. Oktober gibt es einen Book Launch mit Ausstellungseröffnung „On the Edges of Graphic Design from A–Z“ im gleichnamigen A–Z presents. Ebenfalls am 1. Oktober findet in der Kunstbibliothek eine Veranstaltung zum Jubiläum der druckgrafischen „Edition Spätdruck“ von Typograf und Buchgestalter Matthias Gubig statt. Bye, bye, Buchstabenmuseum: nur noch bis 5. Oktober! Am 7. Oktober spricht Franziska Weitgruber bei der tgm über „Impuls & Fantasie in der Schriftgestaltung“ (Stream verfügbar). Ab dem 19. Oktober läuft die Ausstellung „Materialisierte Heiligkeit – Jüdische Buchkunst im rituellen Kontext“ im StaBi Kulturwerk. Am 22. Oktober gibt Daniel Arab einen Workshop für Jugendliche ab 13 Jahren mit dem Titel „Calligraffiti“ im Haus Bastian des Museums für Islamische Kunst. Bis zum 26. Oktober könnt ihr die Gruppenausstellung „Zeichen zur Zeit – Eine Ausstellung zur Schrift“ im Sans Titre in Potsdam besuchen, mit Performances am 3. und am 11. Oktober. Am 30. Oktober geht es bei der tgm nicht darum, wie geschrieben wird, sondern was: „Sprachkultur in Motion“ – ein Hybrid-Vortrag von Dr. Kathrin Kunkel-Razum. Noch bis zum 21. Dezember läuft die Ausstellung „Dialog der Linien – Frieden durch Schrift“ mit Kalligrafien von Haji Noor Deen Mi Guangjiang im Forschungscampus Dahlem.


Die Titelzeile ist in der Liebe Heide Brush von Ulrike Rausch gesetzt, erschienen bei Liebe Fonts.
Das Titelbild zeigt ein Portrait von Dafi Kühne, aufgenommen von Peter Hauser, sowie das aus der Szene entstandende Plakat „Typographic Disillusion“.

Nachbericht 122. Typostammtisch: Triple Type Walk

Mit Jesse Simon entlang der U8

Für den U-Bahn-Typewalk trafen wir uns auf dem Bahnsteig Gesundbrunnen, ehemalige Endstation der Linie U8 bis in die 1970er Jahre. Jesse Simon, Autor von Berlin Typography, leidenschaftlicher Schriftenjäger (und -sammler) im ober- und unterirdischen Stadtbild, leitete uns erst einmal eine Ebene höher. Hier stellten wir uns gegenseitig vor und Jesse führte uns in die Geschichte des Berliner U-Bahnnetzes ein. Bessere Luft und weniger Lärm hier als auf dem Bahnsteig! Ein- und ausfahrende Züge sollten uns an diesem Nachmittag noch so manches Mal eine kurze Vortragspause einlegen lassen …

Zur Geschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Pläne für eine Berliner Schwebebahn, ähnlich wie in Wuppertal. Daraus wurde aber nichts. Folglich wurde uns das S- und U-Bahnnetz beschert, mit turbulent-wechselhafter Historie – wir sind schließlich in Berlin. Wir erfuhren von lang geplanten, nie gebauten Verbindungen und Verlängerungen, von Geisterbahnhöfen, Ost-West-teilungsbedingtem Wirrwarr und einem sehr trägen Baugeschehen nach der Wiedervereinigung: Warum geht die U8 nicht bis zum Märkischen Viertel? Warum endet die U1 nicht am Adenauer Platz und trifft dort auf die U7, obwohl es sogar bereits einen entsprechenden Bahnsteig gibt – verwaist? Diese und andere Kuriositäten waren spannend mitzudenken, als wir uns im Anschluss auf den Bahnsteigen Schriften und Gestaltung im Allgemeinen anschauten.

Neben Schriften ging an diesem Nachmittag auch um Farben, Fliesen und Säulen. Es ging um lieb- und kraftlosen Denkmalschutz (siehe Bild von der Pankstraße), um gedankenlos ersetzte Schriftschätze und um gute Zurichtung trotz starrer Kachelstruktur (siehe Residenzstraße). Natürlich ging es auch um Menschen, vor allem um den visionären Rainer Gerhard Rümmler, Gestalter annähernd aller neu erbauten Berliner U-Bahnhöfe von Mitte der 1960er bis Mitte der 1990er Jahre – auch entlang der U8. Rümmler war übrigens so visionär und zukunftsgerichtet, dass er vorsichtshalber das Eszett in den U-Bahnhöfen vermied („…strasse“) – denn wer weiß schon, was bleibt?

Unsere Route verlief nordwärts, mit Einzelstopps zwischen Gesundbrunnen und Lindauer Allee, dann im langen Rutsch zurück zum Alexanderplatz (herrlicher Stilmix ionisch-imitierter Säulen) und von da aus zum gemeinsamen Feierabendbier in den Pratergarten. Dort hatten wir – nebst Getränken – spannenden Austausch mit den anderen Spaziergangsgruppen und Gästen, die „einfach so“ vorbeikamen. Vielen Dank allen interessierten Teilnehmer·innen und Jesse, für deine Begeisterung, deine unterhaltsamen Schilderungen und das viele Wissen, das wir nun freudig auf jeder U-Bahnfahrt Revue passieren lassen!

Einen Appell von Jesse möchten wir hier noch für die Öffentlichkeit festhalten: Berlin, kümmere dich um dein einmaliges visuell diverses U-Bahnnetz! Dieser typografische und gestalterische Schatz der Unterschiedlichkeit der Bahnhöfe sollte unbedingt geschätzt und gepflegt werden. Er gehört zu Berlin – und das soll auch noch lange so bleiben.

Themenverwandt: Der U7-Typewalk mit Jesse Simon im Herbst 2022.

Vorstellung und geschichtliche Einleitung in einer ruhigeren Ecke des U-Bahnhofs Gesundbrunnen.
Der Letraset-Klassiker Octopuss mit entsprechenden Fräsungen an der Pankstraße. Trotz (oder wegen?) des Denkmalschutzes ist leider an vielen Bahnhöfen der Gesamteindruck nicht gerade prächtig.
Wieder Letraset, diesmal die Windsor Outline – vorbildlich zugerichtet, trotz Fliesenmuster. „I cannot prove this assumption but Rainer Gerhard Rümmler must have had a Letraset catalogue“, mutmaßt Jesse.
Die Ionier wären gern am Alex ausgestiegen …

Mit Fritz und Flo durch den wilden Wedding

Der Wedding Walk überzeugte durch Wildheit, optisch und akustisch, durchsetzt von erholsamen Zwischenetappen: bei den Spaziergängen durchs ruhige Grüne entlang der Panke konnten sich Augen und Ohren erholen und die Partizipierenden plaudern. Apropos Partizipierende, wer war dabei? Wir bauten spontan eine Vorstellungsrunde ein und prompt fanden sich Querverbindungen, gemeinsame Bezugspunkte, etwa zu den Studienorten Potsdam und Weimar. Zurück in den Wedding: In Ermangelung dichtgesäter historischer Schriftbeispiele bezogen unsere Spaziergangsleiter Architektonisches in den Rundgang ein, das war lobens- und lohnenswert.

Fritz Grögel und Florian Hardwig waren bestens vorbereitet. Sie brillierten mit historischem Wissen – und mit ihren Laminaten: in Laminatfolie eingeschweißte, ergo regensichere Schrift- und Schautafeln in DIN A4, die sie auch im kurzzeitig einsetzenden Nieselregen schadlos herumreichen konnten.

Gleich zu Beginn eine traurige Anekdote. Das schöne Logo für öffentliche Bibliotheken, stilisierte Seiten eines aufgeschlagenen Buches, dazu der Schriftzug Bibliothek im gleichen Leuchtblau, ist nur noch in Form von Restbeständen in Gebrauch (wir fanden es mehrmals auf unserem Weg). Die Marke entstand 1977 für das Deutsche Bibliotheksinstitut; dieses wurde 1999 aufgelöst und die Marke 2009 gelöscht. Wie schade. Memo: Die Bildmarke dient(e) als Wegweiser und Kennzeichen für ein kulturelles Angebot, das kaum Geld kostet und für jeden Menschen frei zugänglich war – und ist. Wir statteten einer Bibliothek am Wegesrand einen kurzen Besuch ab, ehrenhalber und weil manche zum WC mussten.

In Erinnerung bleibt aber auch das großartige Logo der Malzbierbrauerei Groterjan, das in Metall von fast einem Meter Durchmesser am ehemaligen Firmengebäude prangt. Dazu passend zeigten Fritz und Flo Plakatschriften der Zeit, als bekannteste wohl Louis Oppenheims markante Fanfare, die in den 1920er Jahren populär wurde. An der Seite des Firmengebäudes , leider schon recht abgeblättert, noch ein ein Groterjan-Schriftzug. Wir waren beeindruckt von den zum Teil auch kalkulatorisch kühnen Experimenten früherer Entrepreneure, etwa dem Architekten mit den bunt glasierten Fassadenfliesen und den Heilwasserproduzenten auf der Badstraße, die selbiges Heilwasser auch dann noch berlinweit vertrieben, als die Heilquelle, vielmehr der Gesundbrunnen, längst geschlossen war. Nun wissen wir, woher die Straße und der Stadtteil ihre Namen haben. Warum allerdings hieß das Kino an gleicher Stelle Marienburg? Egal. Wir haben gelernt, dass es an so manch öffentlichem Ort, Kaffee- oder Biergarten statt Ausschank (mangels Schanklizenz) Kaffeeküchen gab, an denen sich die Besuchenden ihren mitgebrachten Kaffee selbst zubereiten konnten.

Zum krönenden Abschluss besuchten wir ein sensationelles Ensemble von ineinander übergehenden Handwerkerhöfen, die, noch nicht saniert, kreativ und subkulturell genutzt werden. Innerhalb des Ensembles fanden wir uns in einer noch ursprünglich erhaltenen Hofdurchfahrt wieder, für viele das Glanzlicht unserer Tour: gleich vier Wandbereiche voll hundert Jahre alten Inschriften, von kundigen Schildermalern direkt aufs Gemäuer angebracht, Schriftzüge, die mit Dauer der Betrachtung und dank der kundigen Erläuterungen unserer Schriftspaziergangsleitenden immer interessanter wurden. Dies gilt für den gesamten Wedding Walk (Nachbericht und Bilder vom letzten Mal) – wie auch für unsere anderen Spaziergänge durch die Schriftlandschaft Berlins.

Ein Format, das wir mit Sicherheit wiederholen werden!

Auftakt vom Wedding Walk an der ehemaligen Malzbrauerei Groterjan
Wegweisendes Logo für die kostengünstigsten, niedrigschwelligsten aller Kultureinrichtungen
Lettering am Rande, man beachte den schönen Apostroph.
Wir vom Wedding Walk hätten uns hier allemal einen Kaffee gekocht, wäre diese Küche noch öffentlich und geöffnet (und wir nicht auf den Prater Biergarten eingestimmt) gewesen …
Fritz hält die Gruppe zusammen und auf dem laufenden, denn …
… wir nähern uns dem buchstäblichen Höhepunkt der Tour in einer Hofdurchfahrt der durchwanderten Handwerkerhöfe.
Wenn doch heutige Schnellsprayer bitte die Arbeit ihrer Kollegen Schriftmaler von vor 100 Jahren verschonen würden. Wenn doch die Stadt Berlin die Wände z. B. dieser historischen Hofdurchfahrt schützen würde. Vieles geht leider von alleine kaputt, auch ohne Renovierung – solche Schriftzüge fanden sich noch in den 1990er Jahren massenweise in Mitte und Prenzlauer Berg. Verena Gerlach hat sie in ihrem Buch und der gleichnamigen Schrift Karbid konserviert, Fritz Grögel daran mitgearbeitet, er zeigt das Buch herum. Die zwei mitgebrachten Exemplare werden ihm sofort abgekauft.
Dynamische, fast schon exzentrisch anmutende Beschriftung in hundertjährigem Backstein –
… aber bei der postalischen Großannahme in den 1970er Jahren, kurzer Blick zurück genügt, reichte es dann nicht mal mehr für ein Eszett. Berlin halt.

Vielen Dank allen Type Walk Guides und allen, die mitgegangen sind! Das Format werden wir bestimmt mal wiederholen. Im Prater-Biergarten an der Kastanienallee gab es zum Finale ein großes Hallo, angeregten Austausch und einen gemütlichen gemeinsamen Ausklang in großer Runde.

18.09.2025: Triple Type Walk

Jedes Jahr bietet der Berliner Typostammtisch einen Type Walk an. Die schriftkundigen Tourguides, ihr jeweiliger Fokus und das durchstreifte Stadtviertel sind dabei ganz unterschiedlich. Nach dem Schriftspaziergang lassen wir den Abend in einem Biergarten gemeinsam ausklingen. Hier sind alle willkommen, unabhängig von der Spaziergangsteilnahme.

Dieses Jahr wird es am 18. September statt eines Type Walks gleich drei Touren parallel geben! Wählt aus, an welcher ihr teilnehmen wollt und meldet euch schnell dafür an (sofern angegeben), denn die Plätze sind begrenzt:

Type Walk 1: U8 with Jesse Simon (in English)
Discover (typo)graphic highlights of the city, above and below ground. Jesse Simon is dedicated to photographically documenting urban typography and gives us insights into his background knowledge – this time along the U8 line.
• Fee 10 €, Registration required
Start: 3 p.m. Meeting point will be announced a few days before the tour via e-mail.


Type Walk 2: Graffiti mit Corner Girlz
Den Graffiti-Hotspot Mauerpark und seine fußläufige Umgebung könnt ihr bei diesem Type Walk (neu) entdecken. Diesmal zeigen uns Hanna von der Flinta*-Graffiticrew „Corner Girlz“ und Tanja, eine weitere Writerin, ihre Sichtweisen auf die Stadt und geben spannende Einblicke in die Szene.
• freiwillige Spende zwischen 0 und 10€, keine Anmeldung erforderlich
Start: 16 Uhr. Treffpunkt vor dem Mauersegler (Mauerpark), Bernauer Str. 63–64, 13355 Berlin


Type Walk 3: Wedding mit Florian Hardwig und Fritz Grögel
Der Klassiker-Schriftspaziergang mit Fritz und Florian – zum zweiten Mal mit einer Route durch den Wedding. Freut euch auf eine Mischung aus Schildern, Inschriften, Letterings und Urban Art. Fundierte und unterhaltsame Schriftgeschichte(n) to go.
• Preis 20 € / ermäßigt 10€, Anmeldung erforderlich
Start: 15 Uhr. Der Treffpunkt wird wenige Tage vor Tour per Mail bekanntgegeben.

Hinweis: Holy Zugriffsrechte! Falls ihr direkt nach dem Erhalt der Einladung teilnehmen wolltet, aber es nicht ging: Im Formular war eine Einstellung falsch. Jetzt könnt ihr euch anmelden.


After Type Walk: Nach den Touren treffen alle Gruppen im Pratergarten zusammen. Und auch wenn ihr nicht an einem der Spaziergänge teilnehmen könnt, freuen wir uns auf euch zu Limo, Bier und Gesprächen unter Kastanien!

Wann? Am Donnerstag, den 18. September um 19 Uhr. Keine Anmeldung erforderlich.
Wo? Prater Biergarten, Kastanienallee 7–9, 10435 Berlin

Euer Typostammtisch


Die Berlin Art Week findet vom 10. bis 14. September mit vielen Veranstaltungen in verschiedenen Locations statt. Vom 12. bis 14. September steigt das Hypergraphia Festival rund um die Themen Graffiti & Urban Art auf dem Gelände von FreiLAND in Potsdam. Vom 20. bis 21. September hat Sophia Melone von den Corner Girlz eine Soloausstellung im Katzengraben. Sonst nicht ausgestellte mongolische Dokumente könnt ihr bei der Veranstaltung 100 Jahre Textgeschichte der Verfassungen der Mongolei am 1. Oktober in der StaBi bestaunen. Ein allerletzter Besuch: Nur noch bis zum 5. Oktober hat das Buchstabenmuseum geöffnet! Die Arbeiten des Grafikdesign-Studios Cyan sind noch bis zum 17. Oktober im Rahmen einer Ausstellung im CVA Berlin zu besichtigen. Das online stattfindende Inscript Festival zu experimenteller Typografie geht 2025 vom 15. bis 19. Oktober bereits in die vierte Runde. Neu ist die Online-Konferenz zum Thema Fonts & AI, veranstaltet von I Love Typography am 23. und 24. Oktober (bis einschließlich 5. September könnt ihr dort eure Vortragsidee einreichen).


Das obere Bild der Titel-Collage zeigt den FLINTA* GRAFFITI JAM (Bild von tanone1). Mitte: Wedding-Type Walk 2024 mit Fritz und Florian (Bild von Anja Meiners). Das Bild vom U-Bahnhof Pankstraße stammt von Jesse Simon.

Die Titelzeile und der Text des Titelbildes sind gesetzt aus der Tausend, gestaltet von Christoph Koeberlin und Gabriel Richter, erschienen bei Fontwerk.

Nachbericht 120. Typostammtisch: Verlagsabend

Aufgrund der Vielzahl an interessanten Verlagen und Köpfen dahinter und weil das Feedback beim ersten Mal so gut war, findet an diesem warmen Frühsommerabend bei LucasFonts bereits der zweite Typostammtisch-Verlagsabend statt: Books, Books, Baby! Wir begrüßen, zunächst beim Essen im Garten und dann auf der Bühne, fünf Verlage aus Dresden, Leipzig und Berlin und möchten wissen: Wie treffen Verlagsmenschen typografische Entscheidungen? Welche Rolle spielt Schrift in der Gestaltung ihrer Bücher? Was haben sie sonst noch Spannendes zu erzählen?

Alle Fotos von Olga Luchanok. Herzlichen Dank, Olga!
Moderation: Sonja Knecht
Franco Marcucci und Carolina Giovagnoli vom Siesta-Verlag

Nach der Einleitung von Luc(as) de Groot und Sonja Knecht begrüßen wir als erstes auf der Bühne den Siesta Verlag aus Berlin, namentlich Carolina Giovagnoli und Franco Marcucci. Sie stellen uns den jüngsten der heute anwesenden Verlage vor. Siesta ist spezialisiert auf spanischsprachige Literatur, geschrieben von Migranten. Das Stichwort „Community“ stellen die beiden explizit heraus. Der Verlag sei ein kulturelles Projekt und das Buch eben das Objekt. „Wir wollen einen Verein um das Buch bauen“, sagt Franco. Und später auch: „Wir müssen uns unsere Leser bauen“, in Anlehung an den Prozess, ein solches Verlagskonzept in der Community zu verankern. Wichtig hierfür seien Interaktionen zwischen Buch und Leser·innen: „Es sind nicht nur Wörter oder Buchstaben, sondern es geht um Erfahrungen mit dem Buch.“ Belege für dieses Verlagsverständnis ist das Organisieren eines Literatur-Festivals oder ein Workshop, bei dem Autor·innen ihre Bücher selbst binden.

Im Kopf geblieben: typografische Wortspiele wie B/ANANAS oder fr/essen und der Gedanke, dass ein Verlag mehr sein kann als ein Verlag.

Tom Lamberty, Leiter des Merve Verlags

Es folgt, Kontrastprogramm, Tom Lamberty vom Merve Verlag aus Leipzig. Merve wurde 1970 gegründet und ist seit jeher auf politische Literatur spezialisiert. Tom bezeichnet sich selbst als „Opa“ und schiebt hinterher: „Ich bin der Schlimmste zum Einladen, wenn’s um Typo geht. Ich habe keine Ahnung.“ Dafür kann er in einem reichen Archiv stöbern und bringt uns Exemplare mit, „die ich selbst vergessen habe“. Wir vollziehen gemeinsam am Overhead-Projektor nach, wie sich die am Buchrücken gespiegelte Raute als zentrales grafisches Motiv des Verlags entwickelte und wie der Grafiker Jochen Stankowski denkt und mit Schrift arbeitet (es fällt der Begriff „Spielwiese“). Außerdem kommen kollektive Entscheidungswege und radikal transparentes wirtschaftliches Handeln im Verlag zur Sprache.

Im Kopf geblieben: Ein Cover, das den Titel erst durch Abrubbeln offenbart – „Der Buchhandel hasst uns dafür!“ Und: „Von dem Verlag kann man nicht leben. So war es auch nicht gedacht.“

Gestalterin Anne Hofmann und Verleger Marcel Raabe von Trottoir Noir

Wechsel auf der Bühne, wir bleiben in Leipzig und begrüßen Marcel Raabe und Anne Hofmann vom 2014 gegründeten Verlag Trottoir Noir. Der Name, so Marcel gleich vorweg, war eine Schnapsidee, die Assoziationen vom letzten Gast an der Theke weckt. Das übergeordnete inhaltliche Thema des Verlags sind Aufzeichnungssysteme, ansonsten sind die Formate und Stoffe sehr unterschiedlich: Romane, Dokumentarisches, Lyrik, … Als gemeinsamer formaler Nenner wirkt das Format der Bücher, das in eine Hosentasche passen und den Druckbogen effektiv ausnutzen soll (was wir heute Abend öfter hören, die Kosten …). Die Gestaltung ist jeweils individuell passend zu den Inhalten und generell sehr gelungen; Anne Hofmann betont dabei auch politische Hinter- und Beweggründe. 

Im Kopf geblieben: Die Idee, eine Dokumentation von Arbeitsbedingungen im Krankenhaus mit einem abwischbarem Umschlag zu versehen – und die sehr bedachte, aber auch wahnsinnig offene und regional verankerte Auswahl der Stoffe.

Team Voland & Quist: Theresa Meschede, Leif Greinus, Lea Kubeneck

Als nächstes begrüßen wir Voland & Quist aus Dresden, 2004 gegründet und vorgestellt von Lea Kubeneck, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Wir sehen den Roman „Lebensversicherung“ von Katrin Bach unter dem Projektor. Eigentlich sollte die Autorin dabei sein, war aber kurzfristig verhindert. Also hilft Sonja gern beim Mikrohalten. Im vorgestellten Buch geht es um die Angst vor allzeit drohenden Gefahren und potentiellen Risiken, der Text ist blau (Versicherungsfarbe!) auf weiß. Im Austausch mit dem Publikum kommt die Sprache u. a. auf das Schoolbook-a und den Unterschied zwischen Icons und Piktogrammen. Interessant auch die Frage, wie der Verlag Grafikbüros für die Gestaltung der Bücher auswählt: Neue Autor·innen sollen auf der Webseite schauen, welche Richtung ihnen gefällt. Dann wird gezielt angesprochen.

Im Kopf geblieben: „Weil ich weiß, dass Zeit Geld, aber Geld eben doch keine Zeit ist“, Zitat aus „Lebensversicherung“. Und das schöne Verlagslogo (oben links im Bild), das zwar „nur“ aus Initialien besteht, aber doch lebendig wie ein Maskottchen wirkt.

Kristine Listau und Jörg Sundermeier vom Verbrecher-Verlag

Zum Abschluss beehren uns Jörg Sundermeier und Kristine Listau vom Verbrecher Verlag. „Wir wollten kein Verlag sein, deshalb der komische Name“, sagt Jörg. Für die Gestaltung der Bücher hätten sie ein „Einheitskleid“ gesucht, eine „Uniform“, und wurden bei der Folio Bold Condensed für die schlichten, aber wirkungsvollen Titel und bei der EB Garamond mit gekapptem Q für die Texte fündig. Später kommt der Einwand: „Vielleicht sind wir auch zu faul und verkaufen es als Einheitsgedanken“. Außerdem thematisieren sie ihren Umgang mit dem Versal-Eszett und die besondere, kantenumlaufende Darstellung des Barcodes auf den Verbrecherei-Büchern. 

Im Kopf geblieben: Eine ISBN muss in einer bestimmten Größe gesetzt sein, um den Anforderungen zu entsprechen. Also: Make the ISBN bigger!

Das Publikum hat ganz unterschiedliche Herangehensweisen an Inhalt und Gestaltung gehört: programmatische, individuelle, pragmatische, politische, spielerische und hintergründige. Es ist spannend, den gedanklichen Kreis größer zu ziehen und das Thema Schrift aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Dafür müssen nicht alle Schrift-Profis sein – und so ist es bereichernd, mit Wort-Profis, Denk-Profis und Buchmarkt-Profis zusammenzukommen. Der Austausch zwischen Typomenschen und Verlagsmenschen erweist sich für alle Seiten als interessant und anregend. So sitzen wir noch lange zusammen – und es wird nicht unser letzter Verlagsabend gewesen sein.

In diesem Sinne: Kauft Bücher und lest sie auch!

12.06.2025: Verlagsabend

Books, Books, Baby! Zum zweiten Mal laden wir Verlage ein, über Schriftanwendung zu berichten. Von den Inhaberinnen, Herausgebern, Autorinnen und/oder Gestaltern illustrer, eigenwilliger, unabhängiger Literaturverlage wollen wir wissen: Wie finden sie ihre bevorzugten Fonts? Wie treffen sie typografische Entscheidungen?

Dafür bringen sie beispielhaft Bücher mit, legen diese unter den Overhead-Projektor, blättern mit uns durch die Seiten – und stellen sich dem Gespräch. Wir freuen uns sehr auf die persönlichen Begegnungen mit und Einblicke in die Arbeit von: MerveSiesta Verlag, Trottoir NoirVerbrecher Verlag und Voland & Quist.

Wann? Donnerstag, 12. Juni 2025, 19 Uhr
Wo? Eisenacher Straße 56, im Studio von LucasFonts, 2. Hinterhof, 10823 Berlin-Schöneberg

Bis dahin, euer
Typostammtisch-Team


Typostammtische verpasst? Wer wissen möchte, wie es beim ersten Verlagsabend, bei unserem letzten Type Crit oder neulich beim Typostammtisch-Ausflug nach Potsdam zuging, wie wir das große Eszett gefeiert und welchen Stadtteil wir beim Schriftspaziergang 2024 in den Blick genommen haben, schaut in unser liebevoll gepflegtes Archiv.


Weiteres im Buchkontext – Juni ist Büchermonat in Berlin! Am 3. Juni geht’s Indie Stabi mit den Verlagen Orlanda und InterKontinental, am 19. Juni ebenfalls in die Stabi zur Ästhetik und Signifikanz des Buchumschlags. Selbermachen am Wochenende: 14./15. Juni im Letterpress-Workshop und 27./28. Juni im Lithografie-Workshop mit Stefan Tielscher, bbk berlin im Bethanien. Ebendort bietet die Buchkünstlerin Marianne Nagel aus Leipzig am 21./22. Juni Fortgeschrittenes Buchbinden für Künstler·innen, wärmste Empfehlung (die Autorin dieser Zeilen hat einen Workshop bei ihr mitgemacht). Am 17. Juni soll Molecular Typography (Details dort erfragen) an der UdK Berlin vorgestellt werden. Auch diverse Festivals locken: 13.–15. Juni Miss Read im HKW, 15. Juni Lyrikmarkt im Rahmen des Poesiefestivals an der Akademie der Künste, Hanseatenweg, dann das Berliner Bücherfest am Bebelplatz am 28./29. Juni mit über 100 Verlagen. Ausblick Juli: Als jährliche Sommer-Highlights der Literaturszene Berlins sind Kleine Verlage am Großen Wannsee, 5. Juli beim LCB, und die Brotfabrik-Sommerfest-Jubiläumssause steigt am 20. Juli in Weißensee. Print’s not dead.


Die Titelzeile ist in der Marjoree Mono von Bernd Volmer gesetzt, frisch ausgezeichnet mit dem TDC Certificate und erschienen bei Show Me Fonts. Das Bücherregalbild ist von Sonja Knecht; darin die Marjoree Proportional.