Nachbericht 79. Typostammtisch: 1E9E, ein Jahr danach

Am 25.10. trafen sich Π(π)×Daumen 100 Buchstabenbegeisterte – nicht nur Typografen und Schriftgestalter, sondern auch Linguistinnen, Lehrer, Studentinnen und Herausgeber – an unserem bevorzugten Veranstaltungsort in Schöneberg zum Thema 1E9E: die Versalform des scharfen S.

Die Atmosphäre macht Vorfreude auf das Programm; bereits die Wegweiser durch den Hof kündigen von Begeisterung für das Thema. Drinnen angekommen, ist auf Ausstellungswänden das Wort „STRAẞE“ in 270 unterschiedlichen Schriften gesetzt. Auf den Tischen liegen Kekse in Versaleszettform.

Bereits die Wegweiser kündigen von Begeisterung für das Thema. / Quelle: sofern nicht anders genannt, stammen alle Bilder von Nadya Kuzmina. Vielen Dank!
Benedikt und Dan treffen letzte Vorbereitungen zur Ausstellung.
Thematisches Gebäck von Jens und Dan. Danke noch mal!

Nach einem warmen Willkommen und beseelter Einleitung von unserer Sonja spricht als erste Nadine Roßa, bekannt durch Design made in Germany und ihre Sketchnotes. Bedingt durch ihren Nachnamen ist Nadine persönlich betroffen. Bereits in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich umfassend mit dem Buchstaben ß. Entstanden ist ein Buch namens Eine scharfe Type – ein Erklärbuch zum Thema, das bereits Skizzen zur Versalform beinhaltet. Ihr zweites Buch dazu, Viele scharfe Worte, enthält alle deutschen Wörter mit scharfem S.

In ihrem Vortrag weiß Nadine von ß-Pannen in offiziellen Dokumenten zu erzählen, wo Namen oft in Versalien geschrieben werden. Auf die vermeintliche Frage „Wer braucht ein Versaleszett?“ hin kann sie also nur feststellen: „Ich brauche das!“ Weiterhin moniert sie, dass das Versaleszett zwar seit 10 Jahren offiziell sei, die Verwendung sich aber bis heute nicht gerade unkompliziert gestalte – so könne man das Zeichen auf Twitter zwar eingegeben, es werde aber auf dem Mac nicht angezeigt. („Danke, Apple!“, wie Lucas de Groot konstatiert.) Nadine zeigt uns viele kreative Lösungen zur Umschiffung dieses Problems, zum Beispiel ein B mit Unterlänge oder die Verwendung des Kleinbuchstabens ß zwischen Versalien.

Ein EXTRAWICHTIGER Buchstabe

Kurzweilig präsentiert Nadine weitere Fallbeispiele des Versaleszetts: Karls Erdbeerhof verwendet das neue Zeichen sehr konsistent, der Berliner Zoo ebenfalls – allerdings in einer Form, die sicherlich bei Ausländern als B fehlinterpretiert wird. In der Werbung (wo Versalien bekanntermaßen EXTRAWICHTIG sind) wird es immer selbstverständlicher eingesetzt. Die Schrift für die Bundesregierung von Supertype enthält es – auch gegen die Überzeugung des Supertype-Designers Jürgen Huber – aber der Kunde ist eben König (auch wenn der Spruch im Falle des Auftraggebers Bundesregierung zu Verwirrung führen könnte… Aber das soll hier nicht weiter ausgeführt werden).

Abschließend zeigt Nadine, die ihren Arbeitsschwerpunkt seit einigen Jahren stark in Richtung Sketchnotes verlagert hat, dass die neue Buchstabenform mit ein wenig Übung auch in die eigene Handschrift sehr gut einzubauen ist.

Nadine zeigt ihren Lettering- und Handschrift-Stil, der selbstverständlich ein Versaleszett beinhaltet.
Stolz wie Bolle: Sonja begrüßt die Duden-Damen Ursula Fürst (Mitte) und Melanie Kunkel (rechts).

Mit der stolzerfüllten Frage „Wann hat man schon mal den Duden im Haus?“ präsentiert Sonja anschließend die „Dudendamen“ Melanie Kunkel und Ursula Fürst. Frau Kunkel ist Redakteurin in der Dudenredaktion, Frau Fürst Herstellungsleiterin.

Frau Fürst beginnt mit dem Thema Das Versaleszett in der Praxis. Seit dem 29.06.2017 gibt es den neuen Buchstaben offiziell im deutschen Alphabet – die Verwendung ist optional. Mit der Rechtschreibreform 1996 verlor das Eszett an Bedeutung, weil nach der neuen Regelung weniger Wörter damit geschrieben werden, z. B. „daß“ –> „dass“. Gleichzeitig ist die Daseinsberechtigung des Buchstabens sogar größer geworden, weil die Aussprache über die Verwendung des ß bestimmt: Es zeigt an, dass der vorangegangene Vokal lang gesprochen wird (Vgl. „Maße“ und „Masse“). Somit hat auch die Versalform ihre Berechtigung.

Von der Fußnote auf’s Cover

Frau Kunkel erzählt anschließend mit glaubhafter Begeisterung und Detailverliebtheit die Geschichte des Versaleszetts aus Sicht des Duden. Im ersten Duden von 1880 wurde zumindest der Kleinbuchstabe bereits erwähnt. Dieser Ur-Duden war natürlich in Fraktur gesetzt und das ß (die Form, die nach z aussieht) entstand ebenfalls in der Fraktur. Es hieß, dass der entsprechende Laut in der lateinischen Schrift mit langem s und kurzem s geschrieben werden sollte, oder „wenn vorhanden“, mit der ß-Ligatur. In der dritten Duden-Auflage von 1887 hieß es in einer Fußnote zum Thema: „Preußen verlangt langes s, kurzes s; Württemberg die Eszettligatur.“ In der Fraktur war die Versalform des ß natürlich kein Thema, weil man Fraktur nicht in Versalien schreibt.

Die 6. Auflage des Duden von 1900 allerdings erweiterte die Fußnote der Vorgänger. Es wurde nun empfohlen, im Versalsatz der Lateinischen Schrift (Antiqua) das Zeichen als „SZ“ zu schreiben, weil ein Doppel-S bei einigen Wörtern zu Verwirrung führe (Vgl. wieder „MASZE“ und „MASSE“).

1902 wurde diese Regelung neu formuliert und „entfußnotiziert“ (soll heißen: ins Regelwerk aufgenommen). In lateinischer Schrift waren anstelle des Fraktur-ß sowohl die Kombination aus langem und kurzem s, als auch die Ligatur ß zugelassen. Nur drei Jahre später, in der 8. Auflage von 1905, hieß es, die Kombination aus langem und rundem s sei ganz zu vermeiden – anscheinend hatte sich das ß zu diesem Zeitpunkt in der lateinischen Schrift etabliert.

Das Publikum verfolgt gespannt die Geschichte des Versaleszetts im Duden.

In der 9. Auflage von 1915 gab es zum erstem Mal Überlegungen zum Eszett im Versalsatz von lateinischer Schrift: „die Verwendung zweier Buchstaben (SZ) für einen Laut ist nur ein Notbehelf, der aufhören muss, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe geschaffen ist.“

Die 12. Auflage von 1941 schrieb vor, dass bei Großschreibung lateinischer Schrift das ß nun durch ein Doppel-S ersetzt werden sollte, weil die Verwendung der Kombination aus S und Z sich nicht durchgesetzt habe. Diese sei aber immer noch erlaubt, um Verwechselungen bei bestimmten Worten vorzubeugen (Lieblingsbeispiel: „MASSE” versus „MASZE”). Im Nachdruck der 12. Auflage fand schließlich der Wechsel von Fraktur auf Antiqua statt.

Nach dem Krieg splittete sich der Duden in eine West- und in eine Ostausgabe. Im Westen nichts Neues, aber in der DDR-Ausgabe (14. Auflage von 1951) fand sich der bemerkenswerte Satz „Das Schriftzeichen ß fehlt leider immer noch als Großbuchstabe.“ In der 15. Auflage von 1957 wurde hinzugefügt: „Bemühungen, es zu schaffen, sind im Gange“, und auf dem jetzt berühmten Umschlag prunkte schon eine recht überzeugende Version dieses Zeichens. In der 17. DDR-Auflage wurden alle Hinweise zum Versaleszett entfernt und in der 18. Auflage (letzte DDR-Fassung) von 1985 wurde hinzugefügt, dass Personennamen, die ein ß enthalten, bei Versalschreibung in Personaldokumenten mit dem kleinen Buchstabe ß geschrieben werden. Diese Regel ist auch heute noch im Duden verankert.

Umschlag des DDR-Duden der 15. Auflage von 1957. Quelle: https://dudensammlung.jimdo.com

Ab der 21. Auflage von 1996 (nach der Rechtschreibreform) fand man den Hinweis, dass das ß bei Großschreibung immer durch Doppel-S ersetzt werden solle; SZ sei nicht mehr zulässig.

Vom Unicode zum Scrabble-Stein

Mittlerweile in der jüngeren Geschichte angekommen, übernimmt Frau Fürst das Wort: In der 25. Auflage von 2010 wurde zum ersten Mal auf das seit 2008 in Unicode festgelegte neue Zeichen 1E9E hingewiesen. Maßgeblich verantwortlich dafür war Andreas Stötzner, der als Sprecher an diesem Abend leider verhindert ist. In der 27. Auflage von 2017 wurde das Zeichen endlich in die Rechtschreibung aufgenommen: Demnach kann es fakultativ statt Doppel-S eingesetzt werden – sofern die verwendete Schrift das Versaleszett enthält. Mit diesem Zusatz rennt man in einem Raum voller Schriftgestalter und Schriftinteressierter natürlich offene Türen ein…

Im Anschluss erzählen Frau Kunkel und Frau Fürst abwechselnd noch einige schöne Anekdoten rund um die Einführung des Versaleszetts im hohen Haus des Duden. Texte, die das ß betreffen, mussten angepasst werden, ein Newsletter wurde produziert, praktische Fragen von Kunden beantwortet, Empfehlungen für die Schreibweise geografischer Namen angepasst, und sogar das Scrabble-Spiel hat probeweise schon einige Steinchen auf dem Markt gebracht (diese bescheren dem Spieler stattliche 6 Punkte, wie es auf Nachfrage aus dem Publikum heißt).

Von pragmatischen Lösungen und vielen Fragen

In den Publikationen des Duden wurde das Versaleszett zunächst als Sonderzeichen eingesetzt. Das vorhandene Zeichen in der Hausschrift Frutiger gefällt intern nicht, da es aussehe wie eine Ligatur aus einem langen und einem runden Versal-S. Als pragmatische Lösung wird einfach das Versaleszett aus einer anderen, grob passenden Schrift eingesetzt, in der die Ligatur etwas mehr nach SZ aussieht (das Publikum ächzte leise). Der Duden möchte zukünftig beobachten, wie 1E9E in der Realität eingesetzt wird und in 10 Jahren noch einmal ein Fazit zum Thema ziehen.

In einer üppigen Fragenrunde kommt anschließend noch jede Menge Wissenswertes zur Sprache: Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird etwa drei Jahre lang beobachten, wie sich das neue Zeichen etabliert. In Österreich wird das Zeichen scharfes S genannt, in Deutschland ist Eszett bekannter. Eine Tastenkombination sollte man mit Google finden können, allerdings hängt das vom Tastaturlayout und der genutzten Plattform ab. Wir haben nachgeforscht: In MS Word unter Windows tippt man 1E9E und anschließend Alt+X, das funktioniert unabhängig von Sprach- und Tastatureinstellungen. Weitere Tastaturkürzel und Layouts findet man auf der Seite von Ralf Herrmann: www.typografie.info: wie gibt man das große Eszett ein

Lucas de Groot springt mit seinem anschließenden Vortrag für den verhinderten Andreas Stötzner ein. Er redet zunächst über den Kleinbuchstaben ß, der in unglaublich vielen Varianten existiert und funktioniert.

Schon vor 500 Jahren wurde die Ligatur von langem s und rundem s in lateinischen Satzschriften von Köln bis Italien in einer vollendeten Form eingesetzt. In vielen Schriften sieht das ß noch genau so aus. In Frakturschriften wurden damals mehrere Formen ausprobiert, deren rechte Hälfte eher wie ein z aussieht. Noch vor 150 Jahren wurden auch in offiziellen amerikanischen Dokumenten viele lange-s- und kurze-s-Kombinationen eingesetzt – mal ligiert, mal getrennt. Das lange s fand in allen lateinischen Sprachen Anwendung. Die getrennte Schreibweise von langem s und kurzem s war damals auch in Deutschland im Einsatz. In Holland wird unterrichtet, dass man bei der Verbindung der beiden Buchstaben in der Frakturschrift die rechte Hälfte vom kurzen s an das lange s klebt, um im Blocksatz mit der Satzbreite spielen zu können. Danach ist nicht mehr erkennbar, ob es sich nun um ein z oder ein halbes s gehandelt hat, daher die Sprachverwirrung und die Bezeichnung „Eszett“.

Scharfes S oder Eszett? Das ist hier die Frage.

Vor 140 Jahren galt in einigen Bundesländern, dass eine Frakturligatur zwischen langem s und entweder kleinem s oder kleinem z in lateinischer Schrift in beiden Fällen mit einer Kombination aus langem s und kurzem s zu ersetzen sei. Man kann auch belegen, dass in den meisten Fällen der etymologische Hintergrund auf ein Doppel-S und nicht auf ein SZ zurückschließen lässt. Lucas zieht daraus das Fazit, dass die Bezeichnung „scharfes S“ historisch korrekter sei als „Eszett“.

SS oder SZ? Das ist hier die Frage.
Wie das Cedilla entstand

Dann zeigt Lucas, wie andere europäische Sprachen denselben Laut verschriftlichen: Ein z wurde zum Beispiel unter ein s oder c gehängt, so ist die Cedille entstanden. Ob ein Vokal lang oder kurz ausgesprochen wird, kennzeichnet die holländische Sprache durch Verdoppelung (de Groot). Im Französischen geschieht das durch Akzente (très désolée). Lucas ist der Meinung, dass man das im Deutschen auch alles hätte machen können – und überhaupt stimme die deutsche Aussprache von z und s nicht überein mit der im Rest der Welt gebräuchlichen. Dumm gelaufen, deshalb also brauchen wir das neue Zeichen…

Bereits vor etwa 100 Jahren versuchten einige große deutsche Schriftgießereien, eine Versalform für ß auf dem Markt zu bringen – vielleicht auch aus ökonomischen Gründen: neu gießen, neue Schriften, neu verkaufen? Vor etwa 60 Jahren deklinierten Designer schon alle möglichen Formvarianten durch; die erfolgreichsten Formen von heute wurden damals schon gestaltet.

Sternstunde der typografischen Demokratie

Als nächstes bittet Lucas um Mithilfe: 2010 habe Microsoft ein recht unschönes Versal-scharfes-S selbst zur Calibri hinzugefügt. In den Light-Schnitten gestaltete er das Zeichen daraufhin 2012 selbst. Nachdem er Microsoft auf die Unregelmäßigkeiten in der Schriftfamilie hinwies, hieß es, er könne eine neue Form liefern, solange die Glyphenbreiten zum Microsoft-Entwurf identisch blieben. Lucas hat an diesem Abend fünf Formvarianten vorbereitet, über die das Publikum mittels eines Formulars abstimmen soll. Erste freudig-überzeugte Stimmen im Publikum scheren sich nicht um den geheimen, demokratischen Abstimmungs-Modus.

Als Input zur Abstimmung gibt es einen kurzen Abriss darüber, welche Formlösungen in einem Versal-scharfes-S gut funktionieren, und welche nicht. Basierend auf einer ungefähr sechs Jahre alten Anleitung von Christian Thalmann seziert Lucas den Buchstaben minutiös.

Christian Thalmanns Überlegungen zur Form des versalen scharfen-S

Zum Abschluss zeigt er noch alle 270 Schriften der Ausstellung sortiert und kommentiert. Einige Erkenntnisse seien hier aufgeführt: Wenn man gegen das versale scharfe S ist, belegt man den Unicode 1E9E mit Doppel-S. Wenn man eh keinen Bock hat, skaliert man den Kleinbuchstaben ß auf Versalhöhe. Varianten mit einem symmetrischen runden Kopf lassen zu wenig Platz für eine markante Diagonale. Um eine Verwechslung mit dem B zu vermeiden, sollte das Zeichen rechts oben einen Schnabel oder eine Diagonale aufweisen. Je flacher der Kopf rechts oben ist, desto mehr Platz bleibt für eine S-Form oder Diagonale. Bei Schriften mit Kontrast sieht es besser aus, wenn die Kontraste im Laufe der Schreibbewegung wechseln: dick-dünn-dick-dünn, nicht dick-dick oder dünn-dünn. Undsoweiterblabla – etwas langwierig ist es da mittlerweile vermutlich für Nicht-Schriftgestalter geworden (an dieser Stelle auch „Hut ab!“ für das Lesen des Nachberichts bis zum Schluss). Wer das Thema noch weiter vertiefen möchte, dem sei Lucas’ Vortrag ans Herz gelegt. Wir werden darauf hinweisen, sobald die kommentierte Fassung publiziert wird.

Alle, die an diesem Abend noch nicht genug hatten, konnten die vorgestellten Buchstabenvarianten bei einem Rundgang durch die Ausstellungs-STRAẞE noch einmal nachwirken lassen. Wie immer wurde noch lange und freudig bei thematischen Keksen und Kaltgetränken nachgeplaudert und abgeschweift.

And the Winner is…

Der Kunde mag König sein, der Typostammtisch ist auf jeden fall demokratisch: Gut einen Monat nach der Veranstaltung sind nun alle Stimmzettel ausgezählt … Herzlichen Glückwunsch, Version 3! Dieser Ausgang bestätigt die Formgebung, die Lucas in die Light-Schnitte bereits eingebaut hatte. Auch mal schön, diese seltene gestalterische Einigkeit.

25.10.2018: 1E9E, ein Jahr danach

Manche sagen „scharfes S“ und „großes scharfes S“, andere sprechen vom „großen Eszett“, vom „Großbuchstaben Eszett“ oder vom „Versaleszett“, auf Englisch heißt es meist „German (capital) sharp S“ oder, mehrfach missverständlich, „German double-S“; wieder andere äußern sich allenfalls kodiert-distanziert-professionell-neutralisierend mittels Unicode: „1E9E“.

Seit dem 29. Juni 2017 ist es amtlich. Ein Jahr und gut drei Monate sind vergangen, seit der meistdiskutierte Buchstabe der westlichen Hemisphäre legitimiert und ins Regelwerk der deutschen Sprache aufgenommen wurde – neun Jahre nach der Unicode-Verankerung übrigens (1E9E gibt es seit dem 4. April 2008). Für manche ein typografischer Paukenschlag und Durchbruch für die deutsche Sprache sondergleichen, für andere völlig überflüssig (Schweizvergleich) oder gar ein Ärgernis. Für uns schlicht Tatsache und Anlass zur Bestandsaufnahme: Wie sieht das große scharfe S denn jetzt aus? Wie macht es sich in der Anwendung? Welche Form setzt sich durch? Wie erging und wie geht es denen, die seine Einführung begleitet oder aus beruflichen und persönlichen Gründen besonders mitgefiebert haben? Und wer arbeitet aktuell daran? Wer hat mit dem Großbuchstaben Eszett seit Tag eins seiner Einführung ganz praktisch zu tun?

Wir freuen uns auf Kurzvorträge und Gespräche von und mit Dudenredakteurin Melanie Kunkel, zusammen mit Ursula Fürst, Leiterin Herstellung beim Duden, und auf unsere Kollegin Nadine Roßa (Design made in Germany, Sketchnote Love) mit ihren Erfahrungen als namentlich Betroffene; Luc(as) de Groot wird Gestaltungsvarianten zu einer kleinen Ausstellung verdichten und uns einen Überblick zur Entwicklung geben. Als Einstimmung empfehlen wir Christoph Koeberlins Artikel Das große Eszett auf Typefacts sowie einen vorsichtigen Blick in die Feuilletons, exemplarisch etwa die FAZ (die abgründig hässliche Kopfzeile mag als Symbol zeitgenössischer Wirrwarrität und Alleingänge dienen): Ein Buchstabe mit Integrationsproblemen. Sehr erhellend finden wir Ralf Herrmanns Berichte auf Typografie.info, etwa Warum man ein großes Eszett benötigt (Oktober 2010) und DAS ESZETT KOMMT ENDLICH GROẞ HERAUS: PDF und Download, reich bebildert, erschienen 2011 in der gedruckten Ausgabe TypoJournal 3 – Wandel, darin auch Nadine Roßas Beitrag zu ihrem Buch Das Eszett, eine scharfe Type. In diesem Sinne: auf einen spannenden Abend!

Wann? Am Donnerstag, den 25. Oktober 2018 um 19 Uhr
Wo? Bei LucasFonts, Eisenacher Straße 56, 10823 Berlin-Schöneberg

U-Bahn: Linie U7 bis Eisenacher Straße
S-Bahn: Linie S1 bis Julius-Leber-Brücke oder S1, S41, S42, S45, S46 bis S-Bahnhof Schöneberg
Bus: M48, M85, 104, 187, N42 bis Albertstraße

Herzlich grüßt
euer Typostammtisch-Team


In eigener Sache: Wir suchen Nachwuchs. Das Typostammtisch-Berlin-Team braucht Verstärkung. Wer packt mit an, wer hat Lust, unsere Veranstaltungen mitzuorganisieren? Das reicht vom Planen und Ideen spinnen, Sprecher kontaktieren, Technik und Ausstellungsaufbau, Einlass machen und Gaste zählen bis zum Getränke schleppen, aufräumen, Boden wischen und Nachbericht schreiben (kann man alles lernen). Einziges Kriterium: Du bist nach dem 1. Februar 1989 geboren und damit jünger als unser aktuell jüngstes Teammitglied. Bitte melde dich per E-Mail an und schreib uns ganz kurz, wer du bist, ab wann du Zeit hast und warum du mitmachen möchtest. Wir freuen uns!


Tipps, Tipps, Tipps! Sina Otto übernimmt zusammen mit Ute Klemm die nächste Schreibsession von Petra Rüth, das kostenlose Treffen für alle Schönschriftfans: Donnerstag, den 18. Oktober um 19 Uhr. Am 2. November eröffnet das Amsterdamer Grafikkollektiv Experimental Jetset in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Autor und Musiker Ian Svenonius die Ausstellung Alphabet Reform Committee an der Volksbühne; es geht um „die Stadt als poetische Plattform für Kommunikation“. Susanne Zippel von Mittelpunkt•Zhongdian lädt zusammen mit Norbert Gabrysch von wirDesign zu einem Abend mit Grafiklegende und Designdenker Olaf Leu, der als typografischer Gestalter in der Bauerschen Gießerei begann: am 8. November ab 19 Uhr in kleiner kulinarischer Runde („ab 19:30 wird geplaudert“) bei wirDesign in der Gotzkowskystraße 21/21 in 10555 Berlin. Susanne bittet um Anmeldung bis zum 31. Oktober per E-Mail oder unter 0163 67 68 68 9.


Die Titelzeile wurde in der Gig von Franziska Weitgruber gesetzt. Das Titelbild stammt aus der Florian Hardwig’schen Sammlung (Imbissschild, Berlin-Friedrichshain).

Nachbericht 78. Typostammtisch: Golnar Kat Rahmani über Quadratkufi

Am 27. September durften wir uns wieder im Sonnenstudio treffen und wurden mit einem überraschenden Vortrag von Golnar Kat Rahmani verwöhnt. Im Iran geboren, an der Teheran Universität und an der Kunsthochschule Weißensee studiert, hat uns Golnar mit einer großen Sammlung wunderschöner Bilder in die Welt und Geschichte des Quadratkufi eingeführt. Kufi ist eine sehr alte Schreibweise, ursprünglich für religiöse Texte verwendet, die sich in mehreren Formen weiterentwickelt hat; viele moderne arabische Schriften haben ihre Wurzeln in Kufi.

Quadratkufi ist eine Variante, die mit geraden Linien und einheitlichen Strichstärken auskommt, und über den ganzen Orient bis in Transoxanien und Indien – unter vielen Namen bekannt – Einsatz findet, am beeindruckendsten in der Architektur. Für uns kaum vorstellbar, ist diese Schrift in und an den Bauten ein wesentlicher Bestandteil der Kultur. Gigantische Wände und Decken werden virtuos mit Texten bestückt, mit kunstvollen, komplexen Verschachtelungen, Texte innerhalb anderer Texte, und das schon seit vielen Jahrhunderten. Es scheint, als ob in der Religion von Allah und Mohammed alle wichtigen Orte auf Typografie aufgebaut sind. Da kann die westliche Architektur mit einer Handvoll plattgetretener Grabsteine und schlecht spationierter Inschriften nicht im Geringsten mithalten. Als die Barbarenvorfahren in Europa noch in der Schweinejagd steckten, gab es in den Islamregionen schon hochentwickelte Mathematik und Fliesenkunst, was für Quadratkufi wie gemacht zu sein scheint und dem Zahn der Zeit widerstanden hat.

Lesehilfe für Quadratkufi

Im arabischen Schriftsystem gibt es Punkte, die Unterschiede im Klang der Konsonanten klarmachen („be“ versus „pe“), und Vokale werden einfach weggelassen. Nur bei religiösen Texten und Kinderbüchern werden Vokalisationszeichen hinzugefügt. Bei Quadratkufi jedoch gibt es weder Punkte noch Vokalisationszeichen; das Lesen der Texte ist dadurch entsprechend schwierig. Zudem wird auch vertikal und auf dem Kopf geschrieben und gibt es eine enorme Freiheit, wie die Buchstaben miteinander verbunden werden. Und dann ändern die Zeichen auch noch ihre Form, je nachdem ob sie alleine, am Anfang, am Ende oder mitten im Wort stehen. Auch wenn man die Buchstaben „mhmd“ gelernt hat, und weiß, dass damit Mohammed gemeint ist, gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, wie sie miteinander verbunden und verschachtelt werden können.

Von rechts nach links: m h m d

Auch bei zeitgenössischen Kalligrafen ist Quadratkufi beliebt: Der syrische Kalligraf Mouneer Al Sharaani, im Frühling noch mit Ausstellung und Workshop in Berlin gewesen, benutzt sie gern in seinen Kunstwerken.

Ein Highlight bei Golnars Vortrag war ihr selbstgestalteter Pullover. Auf den ersten Blick ein schönes grafisches Muster in Schwarzweiß, versteckt sich darin die Entfernung (Kilometerangaben) von Berlin zu genannten Kulturorten im Orient, wie Damaskus, natürlich in Quadratkufi. Es gab einige Fragen aus dem Publikum, wann die Kollektion in Serie geht! Wir drücken die Daumen und Golnar gibt uns Bescheid; eigentlich war es als Kunstprojekt gedacht, nicht Mode.

Dass es hier um ein Weltthema ging wurde betont durch die große Menge unterschiedlicher Nationalitäten, die sich in Sols Studio versammelt hatten. Mit Getränken, Suppe, Häppchen und einer Apfelernte wurde noch lange nachdiskutiert, die Stimmung war großartig. Wir hoffen, dass Golnar an dem Thema dranbleibt, und ihre Recherche und Fotos irgendwann publiziert werden. Danke!

Der Quadratkufipulli

Nachbericht 76. Typostammtisch: Kurzpräsentationen im Grünen

Es war ein wunderschöner Abend. An dieser Stelle gleich nochmal ein Riesendankeschön unseren Gastgeberinnen Heike Nehl und Si­byl­le Schlaich! Der Hinterhof der Moniteurs in der Ackerstraße entpuppte sich als grüne Oase, dicht bewachsen, frisch beplankt von Alex Branczyk, der mit seinen Schwesterfirmen xplicit und drucken3000 im gleichen Hof sitzt und kurzerhand noch ein paar passgenaue Holzbänke gebaut hatte. Es war dann aber auch jeder Platz besetzt. Und das gab es zu sehen, zu hören, zu bestaunen:

Beatriz Rebbig, Berit Kaiser von Rohden (Moniteurs) – „Apfelgriebs, Behavior, Co-creation: Das ABC der Piktogramme“
Beatriz Rebbig, Berit Kaiser von Rohden (Moniteurs): „Apfelgriebs, Behavior, Co-creation: Das ABC der Piktogramme“Zum Auftakt gaben uns Beatriz und Berit, zwei Mitarbeiterinnen der Moniteurs, einen Überblick über eines der Spezialgebiete der Agentur: Piktogramme, Icons, Bildsymbole, wie sie in Wegeleitsystemen zum Einsatz kommen und passgenau für bestimmte Orte, Themen und Auftraggeber entwickelt werden. An ihnen und ihrer konzeptionsstarken Arbeit wie dem Terminal-Orientierungssystem kann es definitiv nicht gelegen haben, dass der Weg zum neuen Flughafen für Berlin so beschwerlich ist.

Dan Reynolds – „Die Norddeutsche Schriftgießerei“
Dan Reynolds: „Die Norddeutsche Schriftgießerei“Dan ist ein wandelndes Schriftgießereienlexikon, besser gesagt: Lexikon, Lageplan, Geschichtsbuch, Gestalter und Forscher in einem. Was er an Wissen und Detailfreude an den Tag legt, macht ihm so schnell keiner nach. Die Anwesenden durften staunend feststellen, dass sie sich mit ihren heutigen Firmen – ob vor Ort in Mitte oder im fernen Schöneberg gelegen, so Dans anlassbezogene Forschungsschwerpunkte – in den Epizentren der Schriftgießerien auch vorheriger Jahrhunderte befinden.

Jenna Gesse – „Form und Inhalt sind jetzt Freunde“
Jenna Gesse: „Form und Inhalt sind jetzt Freunde“Jenna ist Dozentin, Redakteurin, Gestalterin durch und durch. Im besten Sinn Generalistin, sind bei ihr Schrift und Sprache, Form und Inhalt, Sinn und Witz Freunde. Wir staunen über Jennas Einfallsreichtum und die ruhige Art, mit der sie ziemlich beste Gestaltungsideen präsentiert: etwa ihre minimalistisch visualisierte Autobahn, mit Begleitsound, Anklänge konkreter Poesie. Mich begeistert, wie leicht und vielschichtig die Autorin-Designerin von Leerzeichen für Applaus zeigt, dass Text gestaltete Sprache ist.

Daria Petrova, Inga Plönnigs – „Zukunftsschriften“
Daria Petrova, Inga Plönnigs: „Zukunftsschriften“Daria und Inga sind mit ihrem Vortrag über Future Fonts die Überraschungsgäste des Abends. Weil sie nicht nur ihre beiden sehr eigenwilligen, konzeptionsstarken Schriften Messer und Zangezi vorstellen und Einblicke in den Status quo ihrer persönlichen Gestaltungsprozesse geben, sondern das Prinzip der neuen Schriftplattform erklären: Type Designer können „unfertige“ Schriften einstellen und bereits zum Kauf anbieten, aber auch Feedback, Lob und Kritik erfragen und sich so im weiteren Ausbau ihrer Schrift begleiten lassen, von Nutzern, Fans und Kolleginnen.

Benedikt Bramböck – „Kategorie: Lückenhaft“
Benedikt Bramböck: „Kategorie: Lückenhaft“Benedikt möchte Wikipedia besser machen. Und zwar in einem entscheidenen, nämlich unserem Feld: Schriftgestalterinnen und Schriftfirmen sind im globalen Lexikon nur unzureichend vertreten und beschrieben, to say the least. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Es fehlen vor allem Mitschreiberinnen, die das Ganze als Redaktionsgruppe in die Hand nehmen würden – so Benedikts Idee und Aufruf, eine Stimmung hoffnungsfroh-entschlossenen Ärmelhochkrempelns verbreitend. Gemeinsam sollte der Missstand zügig in den Griff(el) zu bekommen sein. Meldet euch!

Elena Albertoni – „(Not) always hand paint!“
Elena Albertoni: „(Not) always hand paint!“Elena widmet ihre Energie handgemachten Hausinschriften. Die versierte Schriftgestalterin war Mitarbeiterin bei LucasFonts und gründete 2005 Anatoletype. Jetzt belebt sie eine alte Profession neu, führt sie in die heutige Zeit und fügt ihr neue Qualitäten hinzu. Ihr Angebot umfasst die direkte Dienstleistung vor Ort, das Gestalten einer Ladenfassade nach den Wünschen der Besitzer, Beratung und direkte Anbringung, sprich, professionelle Bemalung der Hauswand. Eine von Elenas Spezialitäten ist das Arbeiten mit Blattgold – um zu untermauern, dass ihr Handwerk in Berlin goldenen Boden (und fundierte Tradition) hat? Wir sehen sie vor unserem geistigen Auge mit Farbpalette und Handkarren durch die Straßen ziehen und alles verschönern.

Christine Wenning – „Arbeite hart und sei nett zu den Menschen“
Christine Wenning: „Arbeite hart und sei nett zu den Menschen“Christines Vortrag ist einer der spannendsten des Abends. Sie berichtet gar nicht über ihre Arbeit direkt, sondern wie sie heute arbeitet. Nach Stationen in Hamburg, Berlin (Edenspiekermann, TYPO Berlin) und Bielefeld arbeitet sie heute in einer Agentur, deren Chef zu den Innovatoren der Branche, wenn nicht der gesamten Arbeitswelt gehört: Lasse Rheingans hat in seiner Agentur (nomen est omen) Digital Enabler die 25-Stunden-Woche bzw. den „5-Stunden-Tag im Selbstversuch“ eingeführt und sorgt damit für Furore. Es klappt uneingeschränkt. Das ganze Team arbeitet fünf Stunden am Tag, bei voller Bezahlung und gleichem Urlaub, und alle sind begeistert. Auch die Kunden. Wie das in der Praxis funktioniert und effizient ist, macht Christine fein anschaulich.

Charlotte Rohde – „Type Club Düsseldorf“
Charlotte Rohde: „Type Club Düsseldorf“Charlotte sieht ihren Type Club als „Plattform für Schriftgestaltung und -forschung“, insbesondere „für Schriftkonzepte von Studenten der Hochschule Düsseldorf“. Sie präsentiert Schriften und deren Gestalterinnen, Aktionen und Ausstellungen. Eine Schriftskizzensammlung, Vorträge und Interviews gehören dazu, ebenso der Austausch etwa mit Studierenden der UdK Berlin (Elias Hanzer) und Kolleginnen zum Beispiel von Riesling Type, Hamburg (konsequente Namenswahl der Herren Durst und Weinland). Sehr schön, zu sehen, wie allerorts Schriftfans zusammenfinden!

Gunnar Bittersmann – „FOIT, FOUT, FUCK.“
Gunnar Bittersmann: „FOIT, FOUT, FUCK.“Gunnar bewies in seinem Vortrag extrem gutes Rhythmusgefühl, kein Wunder, tritt er doch als Gitarrero einer Rockband auf. Er zitiert Laura Kalbag, Accessibility for Everyone, überzeugt mit schrifttechnischem Sachverstand und schlüssigen Abkürzungserklärungen (WOFF = weg mit den ollen Font-Formaten, FOIT = flash of invisible text usw.). Mit weiteren Detail muss ich leider passen und darf an dieser Stelle auf unseren bisher einzigen Typotechnikstammtisch verweisen. Und sprecht Gunnar selber an! Als Stammgast ist er stets präsent und offen dafür. Toll fand ich seine Anmerkung, dass in jedem Schriftvortrag (so also auch in seinem) eine Folie in Comic Sans zu erfolgen habe. 

Inga Plönnigs – „Magnetische Momente“
Inga Plönnigs: „Magnetische Momente“Inga machte in Ergänzung zum Future-Fonts-Vortrag (gemeinsam mit Daria Petrova, siehe weiter oben) wo sie Messer publiziert, ihren Gestaltungsprozess zur Magnet deutlich, mit der sie bei Type and Media in Den Haag graduierte. Begleitet von Feststellungen wie „das ist ja interessant“ und unerwarteten Entdeckungen wie dem „opportunistischen Kontrast“ durchleben wir mit ihr den Entwicklungs-, oder sollten wir sagen: Erweckungsprozess einer Schrift in schönster Transparenz. Es sei an dieser Stelle zu Ehren der Magnet eine wortspielerische Plattitüde erlaubt: höchst anziehend!

Jacob Heftmann – „Telling the Story of IBM Plex“
Jacob Heftmann: „Telling the Story of IBM Plex“Jacob, unsere Zufallsüberraschungsgast aus New York, macht anhand der Plex für IBM das Thema Custom Type plastisch, oder mehr noch: Branding mit Schrift. Corporate Branding, in diesem Fall. Das Unternehmen IBM setzt mit seiner neuen Haus- und Universalschrift markentechnisch Maßstäbe und macht sich noch unverwechselbarer. Wunderbarerweise wurde ein internationales Team Native Speaker und Type Designer diverser Sprachen und Schriftkulturen zusammengestellt – nur so kann es gehen und nur so geht es richtig, wird es richtig gut. Im Ergebnis ist die IBM Plex bestens gelungen, wird der Schriftgestaltungsprozess mitsamt aller Beteiligten exzellent kommuniziert und ist die (vom Publikum nicht uneingeschränkt gutgeheißene) Verbreitung als Free Font nur konsequent: IBM hat einst schon als Weltmarktführer und SchreIBMaschinen-Kultmarke auch in Deutschland das maschinelle Schreiben, ergo die selbsttätige Erstellung, Verbreitung und Vervielfältigung von Text ganz wesentlich vorangetrieben. Großes Lob, Dank und Huldigung meinerseits.

Lukas Horn – „fragenziehen“
Lukas Horn: „fragenziehen“Lukas hat sich ein großartiges Interview-Format ausgedacht: Die zu Befragenden ziehen sich ihre Fragen selbst. Gesetzt ist eine feste Karte mit der Aufschrift „Schrift“. Auf allen anderen Karten stehen andere Wörter, wie Innovation, Kunst, Musik, Natur, Toleranz und Trend, alle möglichen Wörter halt, die man sich zuziehen kann. Man reagiert auf die Kombination, also zum Beispiel (wie icke) auf „Schrift und Liebe“, oder „Schrift und Sprache“ (hatte ich zum Glück auch). Vom Publikum befragt nach Auffälligkeiten beim Antwortverhalten teilte Lukas mit, dass nicht etwa Paarungen wie „Schrift und Sex“ zu Schüchternheit führten, sondern bislang nur bei „Monopol“ auffallend zögerlich reagiert bis gar Antwort verweigert wurde. Aber dann gilt: neue Karte, neues Glück.

Manuel Viergutz – „Design ■ Fresh 😎 Display-Fonts 😍“
Manuel Viergutz: „Design ■ Fresh 😎 Display-Fonts 😍“Manuel machte den würdigen Abschluss, auch er ein Vortragender mit Heimvorteil. Als Mitarbeiter von drucken3000 ist er hier im Hof sozusagen zuhause und zeigt, wie er das Handwerkliche in die digitale Tat umsetzt. Seine rauen, rustikalen, bulligen Buchstaben erinnern an Kartoffeldruck und Holzschnitt, an grob Gehauenes und, wie soll man sagen: körperlichen Gestaltungspaß. Ob Hausnummern oder Schreibmaschinen, Aufblas- oder Spielbuchstaben, Manuel findet und setzt um und hat, unglaublich produktiv wie er ist, bereits rund 40 ausdrucksstarke Display Fonts im Sortiment. Tendenz steigend.

Das war allerhand. Es war schön, es war berührend und lehrreich. Volle Punktzahl auch für unser Publikum, das jeden Vortrag ebenso interessiert wie humor- und liebevoll begleitet hat. Man gab spannende Nachfragen, witzige Zusatzideen, launige Kommentare und Anekdotisches zum besten, teilte Fachwissen und Hintergründe. Fröhliche Bereitschaft zum fortgesetzten Austausch auch bei den Vortragenden, genug Bier und handgepflückte Pfefferminze für frischen Tee (die Stimmbänder der Moderatorin hatten etwas gelitten) – was will man mehr!

Hier noch ein paar Eindrücke von der Atmosphäre des Abends (Fotos Sol Matas):

Weiterlesen “Nachbericht 76. Typostammtisch: Kurzpräsentationen im Grünen”

Nachbericht 69. Typostammtisch: Jan Middendorp aka Fust & Friends

Ein schöner Abend in Kreuzberg (dieses Mal ohne sintflutartigen Regen)! Für uns, die wir Jan schon kannten, boten sich erhellende und durchaus ungeahnte Einblicke in die berufliche Entwicklung eines Freundes und Kollegen; für die Jüngeren im Publikum war es umso spannender zu sehen, wie jemand, der heute ganz selbstverständlich als Autor und Grafik-Designer agiert, dessen Bücher über Typografie, Schrift- und Textgestaltung legendär und zum Teil vergriffen sind, seinen Weg gefunden hat.

So sagte zum Beispiel Daria Petrova (Team LucasFonts, wo Jan einige Jahre mitgearbeitet hat) nach dem Vortrag und Gesprächen mit Jan, sie fände es „toll, was ihr alles schon gemacht habt“ – das Vielfältige, Verschiedene. Während sie, ihre Generation oder jedenfalls viele, die sie kennt, eben einfach Grafik-Design und Schriftgestaltung studieren und „das dann halt machen“. Wenn ihr wüsstet! Wenn ihr wüsstet, wie unsereins, die Ausprobierer und Herumtasterinnen, diejenigen beneidet haben, deren Talente schon früh offenkundig waren und sie direkt in eine bestimmte Ausbildung oder ein praktisches, in einen Beruf mündendes Studium führten … Passend dazu zeigte Jan die Installation des riesenhaften Schriftzuges ZWEIFEL auf dem Palast der Republik; Verena Gerlach (Karbid) wiederum konnte Hintergrundwissen dazu (und ein Buch aus ihrem Studio nebenan) beisteuern. Juli Gudehus (Lesikon, Ehrenpreis) und andere Gäste betonten wie ungeheuer ermutigend Jans Vortrag war und dass er ihn unbedingt auch vor Schülerinnen und Studenten halten solle, Leuten, die unter dem Druck der Berufswahl stehen und in den Creative Industries ihren Platz suchen.

Jan Middendorp bewegt die Gemüter mit seinem Vortrag.
Er wurde sogar ins Koreanische übersetzt; so erfuhr Jan, wie berühmt er dort ist.

Jan Middendorp hat zwar im zarten Alter von sechs Jahren sein erstes Buch gebastelt, sich dann aber auch in diversen anderen Gefilden und künstlerischen Konstellationen erprobt – ausgestattet mit einem gesunden Selbstvertrauen, einer gewissen Pragmatik („selbst in einer Band spielen konnte ich halt nicht“), Mut zum Ausprobieren und dem klaren Bewusstsein für die Möglichkeit des Scheiterns: eine Haltung, die heute gern propagiert, aber selten ausgelebt wird. Sehr spannend, wie Jan sich durch die Wirren seiner weitgefächerten künstlerisch-kulturell-literarischen Interessen seinen Weg gebahnt und mit einigen erfolgreichen Zwischenstationen – Kommunikation für und Beteiligung an Tanz- und Theaterprojekten etwa – schließlich gefunden, oder letztlich, wiedergefunden und professionalisiert hat, was ihm am meisten Spaß macht: mit Schrift und Sprache umgehen. Bücher machen. Im Nachhinein wirkt es wie ein roter Faden.

Profis wissen: Die besten Gespräche finden in der Küche statt. Hier Benedikt Bramböck (@arialcrime), Tilmann Hielscher (@tillepalle), Dan Reynolds (Typeoff) und Inga Plönnings (@innnigs).

Vor allem Jans Engagement in diversen Schriftfirmen führten ihn schließlich dazu, seine eigene Foundry zu gründen, als Lieblingsprojekt für Lieblingsprojekte: Mit Fust & Friends fördert und veröffentlicht Jan heute besondere Schriften, die einen Bezug zur (Schrift-)Geschichte haben. Minjoo Hams 1950er-Jahre-Reminiszenz und Ernst-Bentele-Hommage Teddy und (demnächst) das Remake der Alarm von Heinz König von 1928 (herzlichen Dank an Florian Hardwig/@hardwig für den Hinweis), beide gezeigt in unserer Ankündigung für diesen Abend, gehören dazu.

Der Name Fust übrigens spricht sich keineswegs Englisch aus; Johannes Fust war Deutscher und „the first Bad Guy in type history“, wie Jan ihn auf seiner Foundry-Website sogar mit Versalien betitelt, der erste schlimme Finger der Schriftgeschichte – wirklich, der erste?

Jan Middendorp erklärt die Gründung und Namensgebung von Fust & Friends. Beides logisch.

Jedenfalls war jener Fust eine wohl latent zwielichtige, weniger bekannte, aber sehr relevante Gestalt im Druckbusiness zu Zeiten Gutenbergs. Er war dessen geschäftlicher Wegbegleiter und -bereiter. Eine Rolle, mit der sich unser Vortragender offenbar identifizieren kann.

Jan jedenfalls ist und bleibt eine ziemlich gute Type. Wir sind gespannt auf seine nächsten Publikationen. Netterweise hatte er einen ganzen Koffer voller Bücher zum Anschauen dabei, was von den Gästen gern genutzt wurde.

Jan Middendorp verblüfft Jürgen Huber (HTW, SuperType).
Reges Plaudern, vertieftes Blättern. …

Schön war das und schön war’s im Sonnenstudio in Kreuzberg! Mit unseren Gastgebern vor Ort – Riesendank nochmal an Sol Matas und Eike Dingler – hoffen wir, dass Lause bleibt und sich die Gelegenheit vielleicht wieder ergibt. Einstweilen könnt ihr den Fortgang von Fust & Friends auf Twitter verfolgen. Jan, Sol, Eike, Daria, Verena, Juli, Minjoo und uns alle trefft ihr sicher bei dem einen oder anderen der nächsten Typostammtische. Bis dann!

Tolle Gastgeber: Sol Matas und Eike Dingler (Mauve Type) von der Bürogemeinschaft Sonnenstudio in der Lausitzer Straße. Die Lause bleibt ganz sicher einer unserer liebsten Veranstaltungsorte und allen Besuchern in bester Erinnerung.

24.11.16: Typostammquiz

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Unser traditionelles Typostammquiz findet – als letzter Typostammtisch des Jahres – am Donnerstag, den 24. November 2016 statt und ihr seid alle herzlich eingeladen.

Für Neulinge kurz das wichtigste: Keiner muss alleine raten und keiner geht ohne Gewinn nach Hause. Ihr werdet in Rategruppen zusammengelost und angeleitet, die Geschenke sucht ihr euch in der Reihenfolge eures Gewinnens aus.

Den Gabentisch bestücken wir liebevoll – mit eurer Hilfe. Wer hat etwas Schönes abzugeben? Typo- und Design-Bücher, Schriftmuster oder schicke Plakate, Statement-Shirts, buchstabenbehäkelte Kopfkissenbezüge … ihr wisst schon. Solche Sachen. Bitte bringt eure Präsente am 24. November mit und gebt sie bei uns ab. Wer an dem Abend nicht kann und trotzdem einen Preis beisteuern möchte, kann diesen gern vorab bei LucasFonts einreichen: in der Eisenacher Straße 56 in 10823 Berlin-Schöneberg (Eingang 2. Hof), montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, bei Lucas, Sonja oder Lieselotte. Die Namen der Schenkenden verlesen wir am Quizabend (außer ihr möchtet anonym bleiben) und wer Lust hat, legt seinem Geschenk eine Weihnachts-, Gruß- oder Visitenkarte bei.

Das Quiz besteht aus zwei Runden. In der ersten raten wir in Gruppen von vier bis fünf Leuten. Jede Gruppe trägt ihre Lösungen in einen Bogen ein. Am Ende der Gruppenrunde werten wir die Bögen aus. Für die zweite Runde küren die beiden besten Gruppen jeweils eine Finalistin oder einen Finalisten aus ihrer Mitte, die sich dann typografisch duellieren. Traditionellerweise gewinnt Florian Hardwig – also jedes zweite Jahr: Dieses Mal denkt er sich als Vorjahressieger die Fragen aus und leitet das Quiz höchstpersönlich an. Wir freuen uns darauf und auf euch alle!

Wann? Am Donnerstag, den 24. November um 19 Uhr.
Wo? Im Café Bilderbuch, Akazienstraße 28, 10823 Berlin (Beletage, 1. OG)
U-Bahn: Linie U7 bis Eisenacher Straße
S-Bahn: Linie S1 bis Julius-Leber-Brücke
Bus: 104/106/187/M48/M85/N42 Kaiser-Wilhelm-Platz

Bis dahin,
euer Typostammtisch-Team


Außerdem legen wir euch folgende Veranstaltungen ans Herz:

Am 28. November um 19 Uhr hält Jan Bajtlik einen frei zugänglichen Gastvortrag an der BTK Hochschule für Gestaltung, Studio für Illlustration A 01.01, Dessauer Straße 3–5 in 10963 Berlin, der für Illustratoren wie Schriftmaler und -macherinnen, Lernende wie Lehrende und „frisch Selbstständige“ ebenso interessant wie unterhaltsam sein dürfte. Vom 18. bis 20. November findet im Kunstquartier Bethanien die artbook.berlin statt.


Die Titelzeile wurde im Bold-Schnitt der New Herman von Miles Newlyn und Elena Schneider gesetzt, die kürzlich bei newlyn erschien. Das Titelbild zeigt das Fragezeichen der Hobeaux Rococeaux von James Edmondson.