Nachbericht 129. Typostammtisch: Verlagsabend III

An einem der bisher heißesten Abende des Jahres, am 25. Juni, haben wir das Studio LucasFonts gut heruntergekühlt und entsprechend viele Getränke bereitgestellt. Zum 129. Typostammtisch und zum dritten Verlagsabend, einem relativ neuen Veranstaltungsformat (seit 2023) in unserer 20-jährigen Geschichte, haben wir erneut Gäste eingeladen, die unsere Erwartungen an typografische Gestaltungskonzepte dann aber noch mal übertreffen.

Luc(as) de Groot und Sonja Knecht begrüßen die Gäste; der Saal ist voll. Los geht’s.

ztscrpt – Alexander Wolff und Yves Mettler
Ein Magazin ist eine Schrift ist ein Magazin ist …

„Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung“

Chicago, Times, Plotter, TheMix, Princess Lulu, Karloff, LiebeRuth, New Paris oder Serifbabe, so heißen die Ausgaben der 2002 in Wien gegründeten Kunstzeitschrift mit dem unaussprechlichen Pseudonym ztscrpt (welches aber nicht sichtbar vorkommt); das typografische Magazin ohne fixen Namen also, das jeweils die verwendete Schrift als Titel verwendet, und deshalb immer anders heißt, und dementsprechend schwer zu finden ist. Hierbei handelt es sich um ein typografisches Gesamtkonzept. Bereits 2005 wurde es vom London Design Museum in der Ausstellung Best European Design gewürdigt.

Von den bisherigen sieben Herausgeber·innen sind Yves Mettler und Alexander Wolff bei uns.

Sie stellen die aktuellen Ausgaben vor: Nr. 42 Ghost von Juli 2025 und Ana Diego, die ganz frische Ausgabe 43, Juni 2026. Die jeweilige Schriftart und mehr noch der Name der jeweiligen Schrift fungiert als inhaltlich-atmosphärische Leitlinie nur begrenzt, mehr in ihrer Visualität. Das habe mit ihren Bezügen nach Wien zu tun, so Yves. Passenderweise ist Gerhard Rühm, letzter lebender Vertreter der Wiener Gruppe, in Ausgabe 42 Ghost mit Gedichten vertreten. Aber wie wählen sie die Schriften aus? „Einerseits random“, sagt Yves, „am Anfang, da haben wir Klassiker wie Chicago, Helvetica und DIN gemacht“, und es gehe unter anderem auch darum, „wie die Beiträge mit den Fonts zusammenspielen. (…) Wir sehen jedes Heft wie eine Ausstellung auf Papier.“

Das Heft habe immer das gleiche Format, erklärt Alexander, Fotografie auf dem Cover, Inhaltsverzeichnis vorn, Impressum hinten drauf, und ja, es sei schon zum Lesen gedacht (angesichts der superbreiten Textblöcke und Nachfragen aus dem Publikum), „aber wir wollten maximal auf Design verzichten“. In der Zusammenarbeit mit Tauba Auerbach und mit ihrem Font FIG sei das Ganze so wahnsinnig schön, aber so wahnsinnig schwer zu lesen geworden, „dass wir dann alle Texte als Poster in Arial dazugelegt haben“. Das Magazin sei mit ihnen gealtert, erklärt Alexander anhand der inneren Randspalte, die nun immerhin zwei Zentimeter Luft zum Rand lässt und damit die breit laufenden Zeilen einen Hauch besser erfassbar macht als in den Anfängen, aber wirklich nur einen Hauch. In den Anfängen klebte der Satzspiegel fast direkt an der Außenkante und im inneren Bund des Blattes.

Die Publikationen beinhalten jeweils 10 bis 15 Beiträge ausgewählter Künstler· und Autor·innen, entsprechend den künstlerischen Interessen der Herausgeberschaft. Sie erscheint seit Beginn in einer festen Auflage von 300 Exemplaren, wird vom österreichischen Bundeskanzleramt mitfinanziert und ist in Kunstbuchhandlungen in Berlin, Wien und in Brüssel erhältlich oder per Mail zu bestellen (anfangs für 3 Euro, jetzt, nach 24 Jahren, für 5 Euro pro Heft); das Online-Archiv bietet die Cover und Inhalte aller Ausgaben im Überblick: ztscrpt.

zero sharp – Maximilian Gilleßen
Experimentelle Schreibformen
Typografische Gestalter als Übersetzer, vom Verbalen ins Visuelle

Bei zero sharp geht es um imaginäre Wortwelten, linguistische Spekulationen und Erkundungen experimenteller Schreibformen. Die beiden Herausgeber Maximilian Gilleßen (Übersetzer) und Anton Stuckardt (Grafikdesigner) befassen sich mit Visionären der Sprache, vor allem der französischen, und geben diese Werke in Erst- oder Neuübersetzung heraus, oft ergänzt um ausführliche Kommentare und weitere Materialien. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Maximilian Gilleßen hat seine Doktorarbeit 2023 bei einem der Verlage publiziert, die beim vorherigen Verlagsabend bei uns waren (in persona Tom Lamberty), nämlich bei Merve, Titel: R. R. Zur Poetik Raymond Roussels (704 Seiten).

Heute jedoch hat Maximilian die Aufgabe, die typografische Vorgehensweise seines Verlagspartners für uns zu übersetzen. Dafür wählt er die Werke René Daumals, gibt uns aus dem Stegreif eine literaturwissenschaftliche Einführung zu dessen Person und Werk und bringt uns kongenial die (typo-)grafische Gestaltung der Bände nahe.

Maximilian Gilleßen mit dem ganz frisch bei zero sharp erschienenen Band Die absurde Evidenz, Essays und Rezensionen von René Daumal

Zum Einstieg etwas relativ Naheliegendes, Nachvollziehbares: Eine große Spirale ziert die von Daumal in den zwanziger Jahren herausgegebene Zeitschrift Le Grand Jeu (Das große Spiel). Sie verweist auf den Wanst König Ubus, der legendären Figur Alfred Jarrys, und somit auf das Erkennungszeichen der Pataphysiker, die Daumal zu ihren Vorgängern zählen (das pataphysische Kollegium wurde 1948 gegründet, da war Daumal schon vier Jahre tot). Die Pataphysik beruht, der Definition ihres Erfinders Jarry zufolge, auf gedanklich-praktischen Erkundungen imaginärer Lösungen und mündete z. B. in surreale Texte. Als Doppelkringel oder -kreisel kehrt die Spiralform auf dem Titel des Bandes Mugle wieder – tatsächlich handelt es sich um eine abstrahierte Darstellung der Tarnmuster von Eulen. Bei Mugle, dem nächtlich-traumartigen Erstlingswerk des damals achtzehnjährigen René Daumal, geht es inhaltlich um eine imaginäre Begegnung in der Großstadt. „Alle Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen fremdem und eigenem Ich (…) zerfließen. Der Text wird zur Darstellung seiner eigenen Auflösung“, so heißt es in der Buchbeschreibung auf der Verlagsseite. Exkurs: Ein weiterer Anhänger der pataphysischen Bewegung, Boris Vian, Verfasser surrealer, von Lebensfreude und Drastik sprühender Romane, trägt die pataphysische Doppelspirale am Revers – siehe Foto in einem Beitrag von mir anlässlich Boris Vians hundertstem Geburtstag: Der Schmelz der Wörter.

Zusammen mit Maximilian Gilleßen betrachten wir als nächstes von René Daumal Der Berg Analog. (Alle genannten Titel/-seiten sind auf der Verlagsseite zu betrachten und zu bestellen). Lange vergriffen und bei zero sharp erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung erhältlich, kann Der Berg Analog als „Science-Fiction- und Abenteuerroman, philosophische Meditation und alpinistischer Traktat“ gelesen werden – ich zitiere weiter aus der verlagseigenen Beschreibung: „Ernst und Ironie, meta- und pataphysische Spekulationen werden von René Daumal zu einem Werk von vielfachem Schriftsinn verwoben“. Auf dem Titel dieses Werkes verwebt der Gestalter Anton Stuckardt Buchstaben zu einem imaginären, baum- oder wurzelartigen Geflecht. Mit der von Leonie Lude und Arno Schlief entwickelten Schrift (sie nennen es Schriftsystem) Branches ließen sich eben nicht nur Sätze formen, erklärt Maximilian, sondern eben auch solche Strukturen zusammensetzen – als ob sie aus den Gedanken des Autors erwachsen. Sie formen den Titel Der Berg Analog und erinnern selbst an eine Berglandschaft, worin eine schöne pataphysische Koinzidenz liegt, denn die Verzweigungen der Schrift gehorchen einer eigenen Syntax.

Und dann erst die Innenseiten: Aus dem Metafont von Donald Knuth wurde ein Font von je 360 Varianten pro Glyphe entwickelt, die sich so abwechseln, dass auf keiner Buchseite die exakt gleiche Buchstabenform zweimal erscheint (die Pataphysik ist ja nicht umsonst auch die Wissenschaft des Besonderen, des infinitesimalen Unterschieds). An dieser Stelle, Maximilian Gilleßen zoomt ein, geht ein großes Wow durch’s Publikum.

Deutlich wird auf beeindruckende Weise: typografische Gestalter sind (im Idealfall) auch Übersetzer, nicht intersprachlich, sondern vom Verbalen ins Visuelle. Buchgestaltung in Bestform. zero sharp

Reprodukt – Alexandra Rügler und Julia Weinbrenner
Handmade Lettering
„Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“

Die herausragende Sorgfalt in der Herstellung ist das Besondere des Reprodukt-Verlages, exemplarisch dabei das Handlettering fast aller Titel. Während in den meisten Verlagen für Übersetzungen Fonts verwendet werden, wird hier alles von Hand geschrieben. Bei Übersetzungen legt der Lettering-Artist ein Transparentpapier über die Seite und schreibt (der Übersetzung folgend) den Text passend zu Form der Sprechblase einmal neu. Der Verlag Reprodukt wurde 1991 von Dirk Rehm gegründet, um unabhängige Comics zu veröffentlichen – für alle Zielgruppen, auch Kinder (ca. ein Drittel der heute rund 50 Titel pro Jahr), oder für Young Adult. Das gelingt, weil nicht „der Markt“, sondern die Autor·innen und ihre Geschichten und Erfahrungen im Mittelpunkt stehen und in die Bücher einfließen. Hohe Qualitätsmaßstäbe, sorgfältige Übersetzung und Ausstattung gehören dazu. Wie viele Genres das Verlagsspektrum umfasst, wird dadurch ersichtlich, dass Reprodukt für Die Frau als Mensch von Ulli Lust den Deutschen Sachbuchpreis 2025 erhalten hat. Zu unserer Freude besuchen uns die Leiterin der Herstellung von Reprodukt, Alexandra Rügler (links im Bild) und (rechts) Volontärin Julia Weinbrenner.

Bei Reprodukt beruht so gut wie alles auf der Handschrift, handgezeichnete Schrift und Lettering in Einzelanfertigung. Alex Rügler zeigt Beispiele und erläutert, dass die Herstellung mancher Bücher monate- bis jahrelang dauert. Jedes Soundword, jeder Text in jedem Einzelbild und in jeder Sprechblase wird übersetzt und dann per Hand neu geschrieben oder gezeichnet.

Bei den deutschen Autor·innen ist es meist so, dass sie ihr Lettering selbst machen, übersetzte Comics orientieren sich typografisch am Original. Die Übersetzungen müssen im Feld der grafischen Erzählungen besonders sorgfältig erfolgen, es gilt die Länge der Texte in den unterschiedlichen Sprachen zu berücksichtigen. Wo können, müssen Trennungen erfolgen, wo kann gut umbrochen werden? Passt ein übersetzter, länger gewordener Text noch in die jeweilige Sprechblase, in das jeweilige Textfeld? Wo muss die Schriftgröße adaptiert werden? Das alles dauert. Jimmy Corrigans The Smartest Kid on Earth, Der klügste Junge der Welt kam erst 13 Jahre nach seinem Erscheinen auch auf Deutsch heraus; das Handlettering von Michael Hau dauerte etwa ein Jahr – ja, bei den Büchern von Reprodukt werden neben den Autor·innen und Übersetzer·innen auch die jeweiligen Handschriftschreiber·innen erwähnt.

Mit den übersetzten Texten entsteht eine Art Drehbuch; ein Skript zu jeder Seite des Comics wird angefertigt, dem zu entnehmen ist, welcher Textbaustein an welcher Stelle genau in welchem Bild erscheinen soll. In diesem Prozess wird mehrfach diskutiert und es werden die Texte so lange modifiziert, bis alles passt.

Wir staunen, welcher enorme Aufwand hier erfolgt. Digitale Fonts kommen mitunter auch, aber seltener, zum Einsatz. Manches bleibt per Hand eben doch schöner und stimmiger zu gestalten. „Es gibt nichts, was der Ästhetik der Zeichnungen besser entspricht“, fasst Alex zusammen. Reprodukt

permanent Verlag – Andreas Koch
Hundert Einzelstücke
„Wir zeigen keine Kunst, wir reden über Kunst“

Der permanent Verlag bezeichnet sich als „multiperspektivische Plattform“, verlegt Kunstbücher und andere gedruckte Formate. Die beiden Gründer und Betreiber sind Künstler, Gestalter und Autoren in Personalunion, also auch Verleger, logisch. Bücher seien permanent da, und man könne dieses Wort, permanent, super kombinieren, z. B. permanent beutel oder (englisch) permanent tote, was aber auch Tote bedeute.

Die Kunstzeitschrift von hundert macht Andreas Koch schon viel länger, als es den permanent Verlag gibt, nämlich seit rund 20 Jahren. Von hundert bezieht sich auf die Auflage und das Editionsprinzip: jedes einzelne Heft der jeweiligen Auflage ist nummeriert (1/100, 2/100, 3/100). So bekommt jede Abonnent·in ihre eigene Nummer. Das Inhaltsverzeichnis steht immer vorne drauf und darin die Seitenzahlen untereinander, hier nutzt Andreas Koch Tabellenziffern, im Titel aber Mediävalziffern, weil das hübscher aussähe, wie diese variieren. Innen sei die von hundert relativ einfach gestaltet, im Zweispaltenraster.

Anfangs handelte es sich um ein reines Review-Magazin, seit Ausgabe 13 gibt es in der Mitte Themenschwerpunkte, zuletzt etwa die Trilogie in drei aufeinanderfolgenden Heften, Raum, Zeit, Tod. Sonst sind der Inhalt Ausstellungsbesprechungen, Kolumnen oder Essays zu kunstrelevanten Themen. Sehr selten gibt es auch „… Texte, die sind sehr nah an Kunst, die sind auch Literatur“ so Andreas in seinem Vortrag. Und wenn jemand über eine Ausstellung schreiben möchte, die bereits rezensiert wurde, darf das auch sein. Dann finden sich in einer Ausgabe zwei Rezensionen über dieselbe Ausstellung. Schlimme Verrisse gibt es kaum, einmal allerdings doch, als die Namen der Autor·innen nicht bei den jeweiligen Texten, sondern kollektiv aufgeführt waren. Ein Künstler erschien daraufhin vor Andreas Kochs Haus und stellte ihn zum Duell, nein, das dann doch nicht, aber forderte die Offenlegung des Autorennamens – das ist nicht erfolgt, aber der Text wie alle anderen noch zu lesen. Die gesamte Zeitschrift ist im Netz, auch im HTML-Format.

Anfangs 20 Seiten, alsbald 32 Seiten auf dickem Papier („damit es etwas hermacht“), hat die aktuelle von hundert 80 Seiten. Gedruckt wird heute auf einer Heidelberg-Druckmaschine (Versafire), aber nur, weil die ursprünglich verwendete Laserkopiermaschine (ohne Fixieröl, nur Tonerpulver und Hitzefixierung, wie die alten Xerox-Kopien) kaputtgegangen und nicht mehr ersetzbar war.

Damit kommt Andreas Koch zum unfreiwillig durchgeführten Redesign; es bestand im Wesentlichen aus der Einführung einer neuen, zweiten Schrift, nämlich der Bureau Grotesk – zur Garamond, die er der Einfachheit halber genommen hatte, weil er DIE ZEIT und die darin verwendete Garamond gerne und gut liest. „Eigentlich wollte ich sagen, warum ich Redesign hasse“, sagt er, es sei völlig unnötig und lästig, wenn ein ihm liebgewordenes Printprodukt sein Erscheinungsbild ändert, das möge er gar nicht, „alles ist ähnlich, aber anders“. Das habe er der ZEIT auch mal geschrieben nach einem Redesign, endend mit dem Schlusssatz – zum Ende des Leserbriefes wohl, aber auch seines Vortrages bei uns: „Das ist auch Kapitalismuskritik“. von hundert

Im Nachgang erfolgt die Publikumsfrage: „Welche Garamond?“ Erst die von Adobe, sagt Andreas, dann die von Adobe Premiere Pro oder so – ja, gut, pflichtet das Publikum ihm bei, und bloß nicht die XY-, sagt jemand, die XY-Garamond sei grausam, hieß es einhellig. Hätten wir das auch geklärt.

Matthes & Seitz Berlin – Andreas Rötzer
Von München nach Berlin (von M&S zu MSB)
„der Verlag für das Irrationale“

Das Verlagsprogramm des ursprünglichen Verlags Matthes & Seitz, gegründet 1977 in München, wurde durch Werke vornehmlich französischer Autoren abseits des Mainstreams bestimmt, wie Antonin Artaud, Georges Bataille und Jean Baudrillard aus dem „Niemandsland zwischen Wissenschaft und Kunst“ (so der Untertitel des Jahrbuchs „Der Pfahl“); 2004 wurde der Verlag als Matthes & Seitz Berlin neu gegründet. Heute ist MSB mit Reihen wie Fröhliche Wissenschaft, Batterien, Theologische Brocken, den Naturkunden und dem Verlagsprojekt Rohstoff, deren Cover-Gestalterin Marion Wörle bei unserem ersten Verlagsabend 2023 zu Gast war, sehr bekannt und bringt im Jahr 120 bis 140 Bücher heraus.

Wir begrüßen den Verlagsinhaber und -leiter Andreas Rötzer, der bedauert, nicht mehr bei jeder Neuerscheinung aus seinem Haus persönlich auf jedes Detail der Buchgestaltung zu schauen. Dafür hat er heute Gestalter·innen und Hersteller·innen wie Hermann Zanier, Pauline Altmann, Dirk Lebahn oder Falk Nordmann. Aber auch Judith Schalansky, die zu Beginn der Naturkunden zur Bedingung gemacht hat, dass er nicht die Herstellung mache. Er begriff, dass dies Teil einer notwendigen Professionalisierung seines wachsenden Verlages sein müsse. Bei Matthes & Seitz Berlin sind sie heute zu elft. Oft kenne er die Namen der verwendeten Schriften nicht, obwohl er die ersten fünf Jahre in Berlin die Bücher selbst gesetzt habe und großen Wert auf gut lesbare Schriften sowie deren in Hinblick auf die Lesbarkeit optimalen Einsatz legt. „Schrift ist für mich leider hauptsächlich etwas, was ich beauftrage und beurteile.“

Damit kommt Andreas Rötzer auf die Gründungsgeschichte des Verlags in München, wo er als Schüler und dann, 1990, als Buchhalter angefangen habe; die Konstellation sei tatsächlich so gewesen wie bei zero sharp noch heute: Axel Matthes war der Programmmacher und Klaus Seitz der Gestalter. Mit ihren Büchern aus den 1980er Jahren sorgten Matthes und Seitz für Aufsehen, mit einer blockartigen Grotesk, das sich stark vom „rationalen Suhrkamp-Design“ und der kühlen Designsprache anderer Verlage absetzte. Als Rötzer den Verlag nach Berlin holte und 2004 neu gründete, musste er aus der Not heraus die Bücher selbst gestalten. „Wenn Sie Umschläge von Matthes & Seitz sehen, die keinen Gestalternamen führen, dann war das meistens ich und es waren die schlechten.“

2013, damals waren sie im Verlag zu dritt oder zu viert, kamen die Naturkunden, „eine Art Game-Changer für uns“. Andreas Rötzer schwärmt von seinen Buchmacher·innen: Hermann Zanier sei ein begnadeter Gestalter, Hersteller und Setzer. „Was ich bei ihm so bewundere, ist die Fokussierung auf den Inhalt. Das ist alles überlegt, reduziert und zurückgenommen, und dadurch liest man den Text und eben nicht die Schrift.“ Inzwischen arbeiten sie bei MSB „mit vielen Setzern zusammen, die bei Hermann Zanier lernen, etwa mit Pauline Altmann, die gefühlt den gleichen Satzstil hat, das gleiche Gefühl für das Layout mitbringt, und die im Wesentlichen mit Judith Schalansky zusammen die Naturkunden gestaltet“.
Andreas Rötzer blättert mit uns durch die Krähen und die Schnecken, gesetzt in der Ingeborg von Michael Hochleitner (Typejockeys). Neben exzellent gesetzten Seiten fallen die Illustrationen ins Auge: „Die Artenporträts lassen wir immer zeichnen von einem Berliner Zeichner, Falk Nordmann; wir gönnen uns meistens zehn Illustrationen, an denen er monatelang arbeitet, Studien anfertigt usw., damit das exakte naturwissenschaftliche Zeichnungen sind“. Sehr viel Aufwand betreibt MSB auch bei den Materialien, sie haben den Farbschnitt – nur oben! – und andere Merkmale der Buchherstellung des 19. Jahrhunderts neu umgesetzt. So entstanden die ersten Buchumschläge des Verlags noch im Bleisatz, mit Christian Tannhäuser zusammen.

Andreas Rötzer erzählt von der Entstehung der Reihe Fröhliche Wissenschaft. Ihm lagen drei sehr kurze Aufsätze vor, die er in Buchform bringen wollte, ihm schwebte eine Reihe für knappe, aber präzise und knackige Texte vor. Der gestalterische Impuls kam durch eine im Antiquariat gefundene Reihe namens Libertés, schmale Bändchen mit schwarzen Lettern, die wie handgestempelt aussahen, herausgegeben von einem Jean-Jaques Pauvert – der sei, ja, „eine große Referenz“, bestätigt Maximilian Gilleßen aus dem Publikum. In dem schmalen Format sehen auch kurze Texte aus „wie ein richtiges Buch“, erklärt Andreas Rötzer, und dass sie die DIN Condensed gewählt hätten für ihre Umschläge, weil sie ihm als „die charakterlosteste Schrift, ganz normal und nichtssagend“ erschien. Der Zwiespalt für ihn liege grundsätzlich darin, dass sie einerseits, in ihrem nun gut etablierten Verlag mit an die 140 Publikationen pro Jahr, den Anforderungen der Herstellung und des Marktes gehorchen müssten, aber inhaltlich auf Seiten der Kritik stehen. „In Ablehnung der Affirmation“ solle also immer etwas dabei sein, was nicht funktioniert, was leicht irritiert, wie bei der Fröhlichen Wissenschaft die Umschläge: „Das Spacing machen wir immer von Hand, damit die Buchstaben tanzen und eine gewisse dilettantische Anmutung haben“. Matthes & Seitz Berlin

Der Abend klingt in angeregten Gesprächen auf der Gartenterrasse aus. Wir freuen uns über die Tatsache, dass das Buch so lebendig ist wie eh und je, dass Typografie, aber auch Farbschnitt und Handschrift als Gestaltungsmittel weiterhin gepflegt werden und dass so schöne, lesenswerte, relevante Werke dabei entstehen wie bei den Verlagen, die sich und ihre Arbeit bei uns vorgestellt haben.

Vielen Dank euch allen!

Zu fast allem bereit im Sinne des Buches (von links nach rechts, stehend): Yves Mettler (von ztscrpt), Alex Rügler (Reprodukt), Andreas Rötzer (MSB, Matthes & Seitz Berlin), Maximilian Gilleßen (zero sharp), Alexander Wolff (ztscrpt), (sitzend) Julia Weinbrenner und Andreas Koch (von hundert) am Gartenhäuschen bei LucasFonts in Schöneberg.

Super, dass ihr da wart! Danke für eure tollen, bereichernden Beiträge.

Nachbericht Typostammtisch der Typostammtische (#127)

Am Vorabend der in Berlin stattfindenden Fontstand-Konferenz luden wir zu einem Typostammtisch der Typostammtische. Das Studio LucasFonts war pickepackevoll und angeregte Gespräche gab es bis spät in den Abend. In den Vorträgen von Christine Gertsch (Typostammtisch Zürich), Chris Campe (Typostammtisch Hamburg) und Edgar Walthert (Letterspace Amsterdam) drehte sich alles um die Fragen: Wie geht Type Community in anderen europäischen Städten? Wer organisiert, wer trägt vor, wer kommt vorbei? Welche interessanten/lustigen/überraschenden Einblicke gibt es? Wir sollten es herausfinden … Doch zunächst: Fotoshoot unter der Regie von Olga Luchanok (immer: danke!):

Anwesende Typostammtischorganisator·innen aus vier Städten
Ähnliches Motiv in Farbe und draußen. Die prächtigen holländischen Tulpen im Garten kann man allerdings nur erahnen.
Extra angereist und bester Laune: Edgar Walthert (Amsterdam), Christine Gertsch (Zürich), Chris Campe (Hamburg).
Florian Hardwig initiierte den Typostammtisch Berlin 2006 gemeinsam mit Ivo Gabrowitsch.
Langjähriges Berliner Teammitglied und Dauerunterstützer: Olli Meier
Vor den Vorträgen gibt es eine Begrüßung und kurze Einleitung zum Typostammtisch Berlin durch Luc(as) und Sonja. Flo als Mitgründer kommt nach vorn.
Christine Gertsch

“The Goal was to keep it unprofessional
and we stick to it.”

Christines Vortrag ist in Kapitel eingeteilt und wir erfahren viel über die Züricher Community. Christine spricht über Orte, Menschen, Katzen und das Glück, vor dem Typostammtisch gemeinsam im See zu schwimmen.
Chris Campe

“I decided to organize Typostammtisch Hamburg, because I was tired of coming to Berlin.”

Chris hat Stammgast Joachim Tillesen mitgebracht – „als Sidekick“, wie sie sagt. Es geht um die Achse Hamburg-Berlin (Berlin-Hamburg?), Kontributor·innen und Typewalks mit Polizeieinsatz. Zum Schluss gibt uns Chris noch die Idee der tghh e.V. mit auf den Weg.

Edgar Walthert

“We organize the event once a month because irregular would be too risky to then not happen.”

Edgar gibt Einblicke in die Idee, Geschichte, Gestaltung und Finanzierung des Letterspace Amsterdam – und bringt das Jubiläumsbuch Letterspace 50 mit, das wir nach den Vortrag durchblättern dürfen. Community in Best- bzw. Buchform!
Blick ins Publikum. Voll war’s wieder einmal.
Nach den Vorträgen: Fragen, Antworten, Applaus und ein großes Dankeschön!
Danke an Olga Luchanok fürs Festhalten dieses schönen Abends in stimmungsvollen Bildern!

Nachbericht 126. Typostammtisch: Time for Tools

Voll war’s. Toll war’s. Tolle Tools. Voll tolle Tools!

Ein dickes Danke geht an das Team von dies.das.digital, vor allem an Max für die Idee, Maria für die Organisation im Vorfeld und Marc für die Hilfe vor Ort. Wir freuen uns immer sehr, wenn wir bei so netten Menschen zu Gast sein dürfen! Danke an die zahlreichen Besucher·innen, die so viel Interesse und Euphorie mitgebracht haben. Es wird nicht der letzte Tools-Abend gewesen sein. Ebenfalls ein großes Dankeschön an alle Vortragenden, die das Thema „Tools“ so unterschiedlich interpretiert haben und uns dadurch viele nützliche und bereichernde Perspektiven aufgezeigt haben. Zum Nachlesen und Vertiefen seien hier noch einmal alle Vortragenden, in Reihenfolge des Auftritts, aufgeführt. Kontaktiert sie, fragt und gebt Feedback – vor allem: nutzt die Tools, denn dafür wurden sie gemacht!

Alle Vortragenden. Ganz herzlichen Dank an Fotografin Olga Luchanok!
Natalia Rodríguez: Type is the Tool – Typography as infrastructure in UX/UI
Maciej Nadobnik: Higher Order Interpolation Script and typeface (wip)
Studio HanLi: TypePad – Variable font plugin for InDesign
Lea Giesecke: BuchBauKasten – Overview and inspiration for crafting books
Sebastian Carewe: Italify – An algorithmic approach to optical correction of obliques
Lena Weber: Mono Tool – An interactive artwork & design webtool, Gradial typeface
Olli Meier: FontDev App – A webtool for font table editing
Angelo Stitz: Metatester – A webtool that generates glyph combinations
Jan Charvát: Font Analyzer App – A webtool that checks font files for technical errors
Viktor Nübel: FontDrop! – A webtool that shows what’s inside your font file
Christina Poth: WeType – A digital hub for typographic teaching & research at FH Potsdam
Romana Ruban: Non-dominant hand as a tool
Andreas Frohloff [mp4, 12MB]: Balsa wood as a writing tool

Danke auch an die Menschen, die an dem Abend Tools spontan an uns herangetragen haben. Leider war das Programm schon so voll. Aber im Nachbericht könnt ihr noch diese zwei Bonustools erkunden:

Oliver Mesieh: 39C3 Power Cycles – A webbased variable font artwork generator
Rob Keller: FontTester – A wip online tool to help evaluate fonts and see what they can do

Fotos: Olga Luchanok

Nachbericht 125. Typostammtisch: Britt Möricke

Am 19. Februar 2026 war Britt Möricke aus Holland bei uns zu Gast. Es ging um das schöne Thema Handschrift; alles weitere dazu auf Englisch:

Before starting the talk, we had a heerlijke soep (a delicious soup) with our guest from the Netherlands. Britt Möricke teaches in Rotterdam. She shares with us the book Writing & Illuminating & Lettering by Edward Johnston as her hero and main influence, followed by her favourite fountain pen shop in The Hague – adding samples from her collection ranging from her most expensive pen (400 €) to her current favourite pens, a BIC (4 €) and a Shaeffer Fountain Pen (5 €). This leads to Britt’s very convincing first claim: for the calmness which writing provides us with, no expensive equipment is needed. Actually it is super easy to begin with. The technique is just based on the holy trinity of paper, pen, and ink – however, the three of which depend on each other (change one, need to change the others as well). In writing itself, the important factors are speed and comfort. Writing slows down everything, Britt knows, it helps us calm our restless minds, it supports us in summarising, concluding, asking questions, and finding answers. And your handwriting, your notes, your notebook maybe, all handwritten items archive these processes. In a handwritten note or letter, for instance, even the crossed-out mistakes are part of the story, of the content.

Britt shows samples of letters where the cross-outs are being integrated in the layout. With her samples, we get to know the handwritings of Dutch type designers-writers like Gerrit Noordzij und his son Peter Matthias Noordzij, and, a little bit more abstract, Britt classifies, handwritten samples by Erik van Blockland, Peter Bil’ak, and others. She detects something typical in, for instance, Dutch handwriting, German handwriting, etc., and we guess it must have to do with how you learn handwriting in school. We also enjoy her showing and reading letters by or to famous people, for example Jack the Ripper to Scotland Yard, or a letter by a kid to President Nixon, or a letter by artist Sol Lewitt to Eva Hesse. We discuss about abolishing post boxes and postal services in Denmark. What a pity.

Most importantly, Britt shares with us her handwriting manual and exercise book. We all want to get it. She brought a few samples, adding: I’m bad at marketing, write to me; I want to really put it on the website soon. Questions from the audience lead us to the best left-handed approach to handwriting (turn the page up to 90°) and to beautifully written shopping lists (yes, of course, Britt writes hers like proposed in the manual; why would you write differently?) and recommended paper primer. Long after the talk, we continue asking, discussing and practising handwriting with Britt on the presentation table, crowded all evening long. She brought us beautiful little bags with her handwriting on them, stating I cannot draw things except from letters – but this she really can do in the most prolific way. Plus, she is super engaged to teach and consult on handwriting to whoever wants to learn. Dankje well, dear Britt!

Nachbericht 124. Typostammtisch: Typostammquiz 2025

[Spoiler: Überraschung am Ende!]

Gleich kann’s losgehen.

Für das Typostammquiz 2025 hat das erstplatzierte Team der Ausgabe 2024, bestehend aus Gunnar Bittersmann, Tilmann Hielscher, Martin Baaske, Amélie Bonet und Martin Majoor im Vorfeld gemeinsam Fragen erdacht. An diesem Novemberabend nehmen uns Gunnar, Tilmann und Martin B. mit auf die Reise durch ganz verschiedene Gebiete der Schriftkundigkeit. In gemütlichem Licht bei LucasFonts mit Knabberkram und Glühwein raten 6 Teams à 5 Personen, ausgelost über – mal ganz was Neues – Gewürze und Geschmacksrichtungen (Team Zucker, Team Rosmarin, Team Kümmel – you get the idea). Die Teams beantworten Fragen beispielsweise zu folgenden Themenkomplexen: Star Trek, dem Buchstabenmuseum, Ligaturen, InDesign Feature Support (kontroverses Thema, wie sich noch herausstellen wird), CSS, Unicode, Urheber·innen von Schriften, Alphabettes, undsoweiterundsofort.

Team Nelken
Leider etwas unscharf: Team Zucker (eher Zuckerwatte)
Team künstliches Aroma
Team Rosmarin
Team Pfeffer
Team Kümmel erhielt später noch einen fünften Mitrater
Los geht’s. Frage 1
Live-Demo zur Beantwortung der CSS-Frage

Da ein zusammengefasstes Quiz zum Nachlesen ohne Publikumsbeteiligung nur die halbe Wahrheit wäre, kommt hier eine lose Sammlung von Zwischenrufen und Eindrücken an diesem Abend:

  • „Klingt komisch, is’ aber so!“
  • „Die Anführungen sind falsch!“
  • „Die Frage ist falsch!“
  • „Wie viele Punkte kriegt man dafür?“ Antwort 1: „1000“, Antwort 2: „Alle!“
  • „Nagy“ als Antwort auf eigentlich alles (ja, von László Moholy-Nagy)
  • Viel seufzende Liebe für die Buchstabenmuseumsfrage
  • „Schöne Kategorie, warum durften wir das nicht machen?“ (Wikipedia-Mehrdeutigkeitsbegriffsraten im Finale)
  • „Willst du darüber nicht mal einen Vortrag halten?“ (zu Gunnars unübersehbarer Begeisterung für StarTrek)
Reger Einspruch zur InDesign Feature-Frage

Am Ende wählen die punktreichsten Gruppen (Nelken und künstliches Aroma) je einen Vertreter und (zum zweiten Mal nach 2012) stehen Jens Kutílek und Florian Hardwig im Finale. Dort schenken sie sich nichts, quizzen sich durch die erwähnte Wikipedia-Kategorie und identifizieren Ausschnitte aus Berliner Stadtbeschriftungen. Am Ende gewinnt Florian knapp, zum sage und schreibe SECHSTEN MAL. Herzlichen Glückwunsch!

Die beiden Finalisten

Und so kommt es, dass Andreas Frohloff beim händischen Beschriften des Pokals Florians Namen nicht neu schreiben muss, sondern lediglich die Jahreszahlen ästhetisch ergänzt. Vielen Dank, Andreas!

Foto: Gunnar Bittersmann

Im nächsten Jahr bereichert uns das Team künstliches Aroma bestehend aus Florian Hardwig, Petra Jentschke, Antonia Cornelius, Friedrich Althausen und Kai Sinzinger mit überraschenden Fragen. Wir freuen uns darauf!

Erstplatziertes Team am (noch vollen) Gabentisch

Der Gabentisch war, wie jedes Jahr, prall gefüllt mit Schätzen. Vielen Dank für eure Spenden:

  • Benn Zorn: 3 schwarze Prints Cosm
  • Daniel Diller: Buch Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typografie
  • Fabian Archner: Buch Applied Typography
  • Florian Hardwig, Fonts In Use: Schriftkatalog Berthold E3
  • Ivo Gabrowitsch: Schriftfächer Typologie German Foundries
  • Joël Galeran: Je 1 Freilizenz Fontself für iPad / Fontself für Illustrator + Photoshop
  • Juli Gudehus: Schriftmuster-Poster Linotype
  • Lucas de Groot: sehr viele Bücher aus Jan Middendorps Nachlass, unter anderem: Jan Middendorp, Dutch Type; Johannes Bergerhausen, decodeunicode; Jon Wozencroft, The Graphic Language of Neville Brody oder John Man, The Gutenberg Revolution
  • Martin Baaske: Blöcke, Tasche
  • Petra Jentschke: Umhängebeutel mit Schrift
  • Sonja Knecht TXET: Artist Book Textkunst 
  • sowie einige Gaben aus dem letzten Jahr

Und als kleine Überraschung für alle, die nicht da sein konnten, gibt es auch eine Gabe: Das Quiz zum Nachraten. Viel Spaß!

Stillleben nach dem Quiz

Nachbericht 123. Typostammtisch: Dafi Kühne

An diesem Donnerstagabend durften wir Besuch aus der Schweiz begrüßen, genauer gesagt von Dafi Kühne aus Zürich! Einige Minuten vor Beginn war der gut bestuhlte Raum im Studio bei LucasFonts noch recht leer, doch plötzlich betraten alle auf einmal den Raum und die Plätze waren in kurzer Zeit belegt. Viele altbekannte Gesichter waren dabei, und es fanden auch einige Besucher·innen zum ersten Mal ihren Weg zum Typostammtisch.

Dafi, der uns an diesem Abend einen Einblick in seine Arbeit gewährte, ist Grafikdesigner und Letterpress-Plakatgestalter. Er erzählte von seinem Atelier mit Druckpressen, viele davon aus den 1960er-Jahren, und zeigte in seinem Vortrag nach und nach verschiedene Poster und Posterserien. Häufig umriss er den Kontext und die Zielgruppe der einzelnen Poster, so gestaltete er ein Poster für die RICE University und druckte recht abstrakte Varianten der Buchstaben R, I, C und E auf seine Posterserie. Für Außenstehende vielleicht nicht direkt erfassbar oder lesbar, sei Lesbarkeit immer eine Frage der Zielgruppe, so Dafi. Er erwarte von Personen auf dem Campus der RICE University auch die Fähigkeit, die Buchstaben auf den Postern zu erwarten und zu dechiffrieren. Auf die Aussage, Lesbarkeit sei eine Frage der Zielgruppe, folgte ein Lachen aus dem Publikum – insgesamt war der Vortrag geprägt von recht viel Lachen oder doch zumindest Schmunzeln.

Für weiteres Schmunzeln sorgte ein Plakatentwurf als Lösungsansatz für toxische Typografie im öffentlichen Raum. Das Poster, so Dafi, biete typografisches Detox. Gedruckt auf Transparentpapier und versehen mit dem auf die Rückseite des Posters gedruckten Wort „DETOX“ lässt sich das Poster im öffentlichen Raum über jegliche als toxisch empfundene Typografie drüber tapezieren. Dies ist sicherlich ein veranschaulichendes Beispiel für den sehr humorvollen Ton des Vortrags.

Einen wichtigen Teil des Abends stellte aber auch das Zeigen der Gestaltungsprozesse dar – von der Idee bis zum häufig sehr langen und analogen Prozess der Umsetzung. Wenn Dafi stundenlang Sachen auf die Presse übertragen müsse, so sei das für ihn ein schöner Vormittag. Überhaupt lebte dieser Abend von Dafis Spaß an seiner Arbeit, von der Leidenschaft zu analogen und aufwändigen Druckprozessen und von der Liebe zu Details. Parallel zum Erzählen zeigte Dafi im Hintergrund an der Leinwand zahlreiche Videos aus dem Atelier – nicht selten gefolgt von Nachfragen zur exakten Fertigungstechnik aus dem Publikum.

Nach dem Vortrag durften wir einige mitgebrachte Plakate in echt ansehen, viele davon im Weltformat und damit einen ganzen Tisch ausfüllend. Der Abend endete mit Getränken, langen Gesprächen, allgemeinem Staunen und Beseeltheit von so viel Leidenschaft fürs Handwerk. Danke an Dafi und alle Besucher·innen!

Alle warten in Vorfreude, während die letzten Personen noch den Raum betreten.
Auch vor dem Vortrag ist schon Zeit für Wiedersehen und Austausch.
Los geht’s!
Dafi zeigt die Wirkung einer optischen Täuschung, die er für die Gestaltung eines Posters nutzt (die Linien sind parallel!).
Wenn Dafi im Vortrag von einem Plakat erzählt, das er auch physisch dabei hat, so hält er es zwischendurch hoch und spricht dabei weiter.
Zum Gestaltungsprozess dieses Posters erzählt Dafi: „Das Auswaschen im Waschbecken war dann wirklich unschön. Da hab ich die Ätzung in die Autowaschanlage gebracht.”
Nach dem Vortrag: großer Andrang an den zwei Tischen, auf denen Dafi seine Poster ausgelegt hat.
Detail der Poster. Auch die Materialität spielte insgesamt eine große Rolle im Vortrag und in den Gesprächen.
Immer wieder schön zu sehen, dass der Typostammtisch auch unabhängig vom jeweiligen Vortrag des Abends eine willkommene Gelegenheit zum Austausch bietet.
Kleine Stärkung vor dem Typostammtisch
Während des Anschauens der Poster werden weitere Fragen gestellt und beantwortet.

Fotos: Olga Luchanok

Nachbericht 122. Typostammtisch: Triple Type Walk

Mit Jesse Simon entlang der U8

Für den U-Bahn-Typewalk trafen wir uns auf dem Bahnsteig Gesundbrunnen, ehemalige Endstation der Linie U8 bis in die 1970er Jahre. Jesse Simon, Autor von Berlin Typography, leidenschaftlicher Schriftenjäger (und -sammler) im ober- und unterirdischen Stadtbild, leitete uns erst einmal eine Ebene höher. Hier stellten wir uns gegenseitig vor und Jesse führte uns in die Geschichte des Berliner U-Bahnnetzes ein. Bessere Luft und weniger Lärm hier als auf dem Bahnsteig! Ein- und ausfahrende Züge sollten uns an diesem Nachmittag noch so manches Mal eine kurze Vortragspause einlegen lassen …

Zur Geschichte: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Pläne für eine Berliner Schwebebahn, ähnlich wie in Wuppertal. Daraus wurde aber nichts. Folglich wurde uns das S- und U-Bahnnetz beschert, mit turbulent-wechselhafter Historie – wir sind schließlich in Berlin. Wir erfuhren von lang geplanten, nie gebauten Verbindungen und Verlängerungen, von Geisterbahnhöfen, Ost-West-teilungsbedingtem Wirrwarr und einem sehr trägen Baugeschehen nach der Wiedervereinigung: Warum geht die U8 nicht bis zum Märkischen Viertel? Warum endet die U1 nicht am Adenauer Platz und trifft dort auf die U7, obwohl es sogar bereits einen entsprechenden Bahnsteig gibt – verwaist? Diese und andere Kuriositäten waren spannend mitzudenken, als wir uns im Anschluss auf den Bahnsteigen Schriften und Gestaltung im Allgemeinen anschauten.

Neben Schriften ging an diesem Nachmittag auch um Farben, Fliesen und Säulen. Es ging um lieb- und kraftlosen Denkmalschutz (siehe Bild von der Pankstraße), um gedankenlos ersetzte Schriftschätze und um gute Zurichtung trotz starrer Kachelstruktur (siehe Residenzstraße). Natürlich ging es auch um Menschen, vor allem um den visionären Rainer Gerhard Rümmler, Gestalter annähernd aller neu erbauten Berliner U-Bahnhöfe von Mitte der 1960er bis Mitte der 1990er Jahre – auch entlang der U8. Rümmler war übrigens so visionär und zukunftsgerichtet, dass er vorsichtshalber das Eszett in den U-Bahnhöfen vermied („…strasse“) – denn wer weiß schon, was bleibt?

Unsere Route verlief nordwärts, mit Einzelstopps zwischen Gesundbrunnen und Lindauer Allee, dann im langen Rutsch zurück zum Alexanderplatz (herrlicher Stilmix ionisch-imitierter Säulen) und von da aus zum gemeinsamen Feierabendbier in den Pratergarten. Dort hatten wir – nebst Getränken – spannenden Austausch mit den anderen Spaziergangsgruppen und Gästen, die „einfach so“ vorbeikamen. Vielen Dank allen interessierten Teilnehmer·innen und Jesse, für deine Begeisterung, deine unterhaltsamen Schilderungen und das viele Wissen, das wir nun freudig auf jeder U-Bahnfahrt Revue passieren lassen!

Einen Appell von Jesse möchten wir hier noch für die Öffentlichkeit festhalten: Berlin, kümmere dich um dein einmaliges visuell diverses U-Bahnnetz! Dieser typografische und gestalterische Schatz der Unterschiedlichkeit der Bahnhöfe sollte unbedingt geschätzt und gepflegt werden. Er gehört zu Berlin – und das soll auch noch lange so bleiben.

Themenverwandt: Der U7-Typewalk mit Jesse Simon im Herbst 2022.

Vorstellung und geschichtliche Einleitung in einer ruhigeren Ecke des U-Bahnhofs Gesundbrunnen.
Der Letraset-Klassiker Octopuss mit entsprechenden Fräsungen an der Pankstraße. Trotz (oder wegen?) des Denkmalschutzes ist leider an vielen Bahnhöfen der Gesamteindruck nicht gerade prächtig.
Wieder Letraset, diesmal die Windsor Outline – vorbildlich zugerichtet, trotz Fliesenmuster. „I cannot prove this assumption but Rainer Gerhard Rümmler must have had a Letraset catalogue“, mutmaßt Jesse.
Die Ionier wären gern am Alex ausgestiegen …

Mit Fritz und Flo durch den wilden Wedding

Der Wedding Walk überzeugte durch Wildheit, optisch und akustisch, durchsetzt von erholsamen Zwischenetappen: bei den Spaziergängen durchs ruhige Grüne entlang der Panke konnten sich Augen und Ohren erholen und die Partizipierenden plaudern. Apropos Partizipierende, wer war dabei? Wir bauten spontan eine Vorstellungsrunde ein und prompt fanden sich Querverbindungen, gemeinsame Bezugspunkte, etwa zu den Studienorten Potsdam und Weimar. Zurück in den Wedding: In Ermangelung dichtgesäter historischer Schriftbeispiele bezogen unsere Spaziergangsleiter Architektonisches in den Rundgang ein, das war lobens- und lohnenswert.

Fritz Grögel und Florian Hardwig waren bestens vorbereitet. Sie brillierten mit historischem Wissen – und mit ihren Laminaten: in Laminatfolie eingeschweißte, ergo regensichere Schrift- und Schautafeln in DIN A4, die sie auch im kurzzeitig einsetzenden Nieselregen schadlos herumreichen konnten.

Gleich zu Beginn eine traurige Anekdote. Das schöne Logo für öffentliche Bibliotheken, stilisierte Seiten eines aufgeschlagenen Buches, dazu der Schriftzug Bibliothek im gleichen Leuchtblau, ist nur noch in Form von Restbeständen in Gebrauch (wir fanden es mehrmals auf unserem Weg). Die Marke entstand 1977 für das Deutsche Bibliotheksinstitut; dieses wurde 1999 aufgelöst und die Marke 2009 gelöscht. Wie schade. Memo: Die Bildmarke dient(e) als Wegweiser und Kennzeichen für ein kulturelles Angebot, das kaum Geld kostet und für jeden Menschen frei zugänglich war – und ist. Wir statteten einer Bibliothek am Wegesrand einen kurzen Besuch ab, ehrenhalber und weil manche zum WC mussten.

In Erinnerung bleibt aber auch das großartige Logo der Malzbierbrauerei Groterjan, das in Metall von fast einem Meter Durchmesser am ehemaligen Firmengebäude prangt. Dazu passend zeigten Fritz und Flo Plakatschriften der Zeit, als bekannteste wohl Louis Oppenheims markante Fanfare, die in den 1920er Jahren populär wurde. An der Seite des Firmengebäudes , leider schon recht abgeblättert, noch ein ein Groterjan-Schriftzug. Wir waren beeindruckt von den zum Teil auch kalkulatorisch kühnen Experimenten früherer Entrepreneure, etwa dem Architekten mit den bunt glasierten Fassadenfliesen und den Heilwasserproduzenten auf der Badstraße, die selbiges Heilwasser auch dann noch berlinweit vertrieben, als die Heilquelle, vielmehr der Gesundbrunnen, längst geschlossen war. Nun wissen wir, woher die Straße und der Stadtteil ihre Namen haben. Warum allerdings hieß das Kino an gleicher Stelle Marienburg? Egal. Wir haben gelernt, dass es an so manch öffentlichem Ort, Kaffee- oder Biergarten statt Ausschank (mangels Schanklizenz) Kaffeeküchen gab, an denen sich die Besuchenden ihren mitgebrachten Kaffee selbst zubereiten konnten.

Zum krönenden Abschluss besuchten wir ein sensationelles Ensemble von ineinander übergehenden Handwerkerhöfen, die, noch nicht saniert, kreativ und subkulturell genutzt werden. Innerhalb des Ensembles fanden wir uns in einer noch ursprünglich erhaltenen Hofdurchfahrt wieder, für viele das Glanzlicht unserer Tour: gleich vier Wandbereiche voll hundert Jahre alten Inschriften, von kundigen Schildermalern direkt aufs Gemäuer angebracht, Schriftzüge, die mit Dauer der Betrachtung und dank der kundigen Erläuterungen unserer Schriftspaziergangsleitenden immer interessanter wurden. Dies gilt für den gesamten Wedding Walk (Nachbericht und Bilder vom letzten Mal) – wie auch für unsere anderen Spaziergänge durch die Schriftlandschaft Berlins.

Ein Format, das wir mit Sicherheit wiederholen werden!

Auftakt vom Wedding Walk an der ehemaligen Malzbrauerei Groterjan
Wegweisendes Logo für die kostengünstigsten, niedrigschwelligsten aller Kultureinrichtungen
Lettering am Rande, man beachte den schönen Apostroph.
Wir vom Wedding Walk hätten uns hier allemal einen Kaffee gekocht, wäre diese Küche noch öffentlich und geöffnet (und wir nicht auf den Prater Biergarten eingestimmt) gewesen …
Fritz hält die Gruppe zusammen und auf dem laufenden, denn …
… wir nähern uns dem buchstäblichen Höhepunkt der Tour in einer Hofdurchfahrt der durchwanderten Handwerkerhöfe.
Wenn doch heutige Schnellsprayer bitte die Arbeit ihrer Kollegen Schriftmaler von vor 100 Jahren verschonen würden. Wenn doch die Stadt Berlin die Wände z. B. dieser historischen Hofdurchfahrt schützen würde. Vieles geht leider von alleine kaputt, auch ohne Renovierung – solche Schriftzüge fanden sich noch in den 1990er Jahren massenweise in Mitte und Prenzlauer Berg. Verena Gerlach hat sie in ihrem Buch und der gleichnamigen Schrift Karbid konserviert, Fritz Grögel daran mitgearbeitet, er zeigt das Buch herum. Die zwei mitgebrachten Exemplare werden ihm sofort abgekauft.
Dynamische, fast schon exzentrisch anmutende Beschriftung in hundertjährigem Backstein –
… aber bei der postalischen Großannahme in den 1970er Jahren, kurzer Blick zurück genügt, reichte es dann nicht mal mehr für ein Eszett. Berlin halt.

Vielen Dank allen Type Walk Guides und allen, die mitgegangen sind! Das Format werden wir bestimmt mal wiederholen. Im Prater-Biergarten an der Kastanienallee gab es zum Finale ein großes Hallo, angeregten Austausch und einen gemütlichen gemeinsamen Ausklang in großer Runde.

Nachbericht 121. Typostammtisch: Bye-bye Buchstabenmuseum

Es war ein trauriger Anlass, aber ein sehr schöner Abend. Zum 20-jährigen Jubiläum und zum vorerst letzten Mal fand sich die Berliner Schriftgemeinde im Buchstabenmuseum unter den Bögen des S-Bahnhofs Bellevue ein; die große Eingangshalle war bis auf den letzten Stehplatz besetzt. Volles Haus!

Barbara Dechant, Inhaberin der wahrscheinlich größten Sammlung gebauter Buchstaben der Welt und dereinst zusammen mit Anja Schulze Gründerin des Museums, berichtete mit ihrem buchstäblichen Weggefährten Till Kaposty-Bliss zusammenfassend aus ihren Erinnerungen, aus der wildbewegten Geschichte der Sammlung und des Museums. Die Rede war sogar von einem gedankenlosen, kindischen und höchst kostspieligen Buchstabenraub, verbrämt als Kunstaktion, vor allem aber von besonderen Fundstücken, von Buchstabenbergungen unter widrigen und fröhlichen Umständen bis hin zu gewagten Rettungsaktionen, egal bei welchem Wetter. Die diversen Umzüge kosteten besonders viel Arbeit und wurden von vielen helfenden Händen begleitet. Das Buchstabenmuseum ist ein eingetragener Verein und viele der Mitglieder beteiligten sich nicht nur mit den mindestens 26 Euro pro Jahr, sondern halfen tatkräftig mit, trugen Buchstaben von A nach B, bauten Ausstellungen auf oder um, strichen Wände. Es ist seltsam, dies nun in der Vergangenheitsform schreiben zu müssen.

Die letzten Tage sind angezählt.

Die gute Nachricht ist, dass das Museum als Sammlungslager vorerst bestehen bleibt. Auch der Verein hat weiterhin Bestand. In absehbarer Zeit muss ein neuer, dauerhafter Verwahrungsort für die prächtigen, aber sperrigen, zum Teil sehr großen Lieblinge gefunden werden. Bis dahin soll es noch mindestens eine Sonderverkaufsaktion überzähliger Buchstaben und Inventars an interessiertes Publikum geben. Auch haben vereinzelte Berliner Museen Interesse an für sie thematisch passenden Teilbeständen der Buchstabensammlung bekundet; Barbara Dechant zieht mittelfristig diese Möglichkeit in Betracht – besser, als die ganze Sammlung zu zerpflücken und in ihre Einzelteile aufzulösen. Selbstverständlich wäre es ihr lieber, und allen Buchstabenfans ebenso, dass diese weltweit einmalige, historische Sammlung gebauter Lettern im Ganzen erhalten bleibt. Vielleicht findet sich doch noch ein finanzstarker Sponsor, eine Käuferin, eine Institution, die die komplette Sammlung erwirbt und das Museum wiederaufleben lässt?

Das Buchstabenmuseum Berlin ist nur noch bis Sonntag, den 5. Oktober geöffnet!

Bericht und Bilder aus der bewegten Museumsgeschichte, zusammengefasst von Buchstabenfreundin und (natürlich) Vereinsmitglied Sonja Knecht: Große Buchstaben, große Liebe

Ein paar Erinnerungen an den Abend vom 7. August 2025:

Jubiläum und Abschied – und Neubeginn?
Stadtbahnbogen 424, 10557 Berlin – volles Haus an jetzt schon legendärer Adresse …
Museumsgründerin Barbara Dechant (hier im Interview vom Museumsverband) und Vorstandsmitglied Till Kaposty-Bliss atmen zu Beginn des Abends noch einmal tief durch.
Publikum auf der Innenseite der Eingangshalle mit einem besonderen Hingucker im Hintergrund.
Alle Fotos: Team Typostammtisch

Nachbericht 120. Typostammtisch: Verlagsabend

Aufgrund der Vielzahl an interessanten Verlagen und Köpfen dahinter und weil das Feedback beim ersten Mal so gut war, findet an diesem warmen Frühsommerabend bei LucasFonts bereits der zweite Typostammtisch-Verlagsabend statt: Books, Books, Baby! Wir begrüßen, zunächst beim Essen im Garten und dann auf der Bühne, fünf Verlage aus Dresden, Leipzig und Berlin und möchten wissen: Wie treffen Verlagsmenschen typografische Entscheidungen? Welche Rolle spielt Schrift in der Gestaltung ihrer Bücher? Was haben sie sonst noch Spannendes zu erzählen?

Alle Fotos von Olga Luchanok. Herzlichen Dank, Olga!
Moderation: Sonja Knecht
Franco Marcucci und Carolina Giovagnoli vom Siesta-Verlag

Nach der Einleitung von Luc(as) de Groot und Sonja Knecht begrüßen wir als erstes auf der Bühne den Siesta Verlag aus Berlin, namentlich Carolina Giovagnoli und Franco Marcucci. Sie stellen uns den jüngsten der heute anwesenden Verlage vor. Siesta ist spezialisiert auf spanischsprachige Literatur, geschrieben von Migranten. Das Stichwort „Community“ stellen die beiden explizit heraus. Der Verlag sei ein kulturelles Projekt und das Buch eben das Objekt. „Wir wollen einen Verein um das Buch bauen“, sagt Franco. Und später auch: „Wir müssen uns unsere Leser bauen“, in Anlehung an den Prozess, ein solches Verlagskonzept in der Community zu verankern. Wichtig hierfür seien Interaktionen zwischen Buch und Leser·innen: „Es sind nicht nur Wörter oder Buchstaben, sondern es geht um Erfahrungen mit dem Buch.“ Belege für dieses Verlagsverständnis ist das Organisieren eines Literatur-Festivals oder ein Workshop, bei dem Autor·innen ihre Bücher selbst binden.

Im Kopf geblieben: typografische Wortspiele wie B/ANANAS oder fr/essen und der Gedanke, dass ein Verlag mehr sein kann als ein Verlag.

Tom Lamberty, Leiter des Merve Verlags

Es folgt, Kontrastprogramm, Tom Lamberty vom Merve Verlag aus Leipzig. Merve wurde 1970 gegründet und ist seit jeher auf politische Literatur spezialisiert. Tom bezeichnet sich selbst als „Opa“ und schiebt hinterher: „Ich bin der Schlimmste zum Einladen, wenn’s um Typo geht. Ich habe keine Ahnung.“ Dafür kann er in einem reichen Archiv stöbern und bringt uns Exemplare mit, „die ich selbst vergessen habe“. Wir vollziehen gemeinsam am Overhead-Projektor nach, wie sich die am Buchrücken gespiegelte Raute als zentrales grafisches Motiv des Verlags entwickelte und wie der Grafiker Jochen Stankowski denkt und mit Schrift arbeitet (es fällt der Begriff „Spielwiese“). Außerdem kommen kollektive Entscheidungswege und radikal transparentes wirtschaftliches Handeln im Verlag zur Sprache.

Im Kopf geblieben: Ein Cover, das den Titel erst durch Abrubbeln offenbart – „Der Buchhandel hasst uns dafür!“ Und: „Von dem Verlag kann man nicht leben. So war es auch nicht gedacht.“

Gestalterin Anne Hofmann und Verleger Marcel Raabe von Trottoir Noir

Wechsel auf der Bühne, wir bleiben in Leipzig und begrüßen Marcel Raabe und Anne Hofmann vom 2014 gegründeten Verlag Trottoir Noir. Der Name, so Marcel gleich vorweg, war eine Schnapsidee, die Assoziationen vom letzten Gast an der Theke weckt. Das übergeordnete inhaltliche Thema des Verlags sind Aufzeichnungssysteme, ansonsten sind die Formate und Stoffe sehr unterschiedlich: Romane, Dokumentarisches, Lyrik, … Als gemeinsamer formaler Nenner wirkt das Format der Bücher, das in eine Hosentasche passen und den Druckbogen effektiv ausnutzen soll (was wir heute Abend öfter hören, die Kosten …). Die Gestaltung ist jeweils individuell passend zu den Inhalten und generell sehr gelungen; Anne Hofmann betont dabei auch politische Hinter- und Beweggründe. 

Im Kopf geblieben: Die Idee, eine Dokumentation von Arbeitsbedingungen im Krankenhaus mit einem abwischbarem Umschlag zu versehen – und die sehr bedachte, aber auch wahnsinnig offene und regional verankerte Auswahl der Stoffe.

Team Voland & Quist: Theresa Meschede, Leif Greinus, Lea Kubeneck

Als nächstes begrüßen wir Voland & Quist aus Dresden, 2004 gegründet und vorgestellt von Lea Kubeneck, verantwortlich für Marketing und Kommunikation. Wir sehen den Roman „Lebensversicherung“ von Katrin Bach unter dem Projektor. Eigentlich sollte die Autorin dabei sein, war aber kurzfristig verhindert. Also hilft Sonja gern beim Mikrohalten. Im vorgestellten Buch geht es um die Angst vor allzeit drohenden Gefahren und potentiellen Risiken, der Text ist blau (Versicherungsfarbe!) auf weiß. Im Austausch mit dem Publikum kommt die Sprache u. a. auf das Schoolbook-a und den Unterschied zwischen Icons und Piktogrammen. Interessant auch die Frage, wie der Verlag Grafikbüros für die Gestaltung der Bücher auswählt: Neue Autor·innen sollen auf der Webseite schauen, welche Richtung ihnen gefällt. Dann wird gezielt angesprochen.

Im Kopf geblieben: „Weil ich weiß, dass Zeit Geld, aber Geld eben doch keine Zeit ist“, Zitat aus „Lebensversicherung“. Und das schöne Verlagslogo (oben links im Bild), das zwar „nur“ aus Initialien besteht, aber doch lebendig wie ein Maskottchen wirkt.

Kristine Listau und Jörg Sundermeier vom Verbrecher-Verlag

Zum Abschluss beehren uns Jörg Sundermeier und Kristine Listau vom Verbrecher Verlag. „Wir wollten kein Verlag sein, deshalb der komische Name“, sagt Jörg. Für die Gestaltung der Bücher hätten sie ein „Einheitskleid“ gesucht, eine „Uniform“, und wurden bei der Folio Bold Condensed für die schlichten, aber wirkungsvollen Titel und bei der EB Garamond mit gekapptem Q für die Texte fündig. Später kommt der Einwand: „Vielleicht sind wir auch zu faul und verkaufen es als Einheitsgedanken“. Außerdem thematisieren sie ihren Umgang mit dem Versal-Eszett und die besondere, kantenumlaufende Darstellung des Barcodes auf den Verbrecherei-Büchern. 

Im Kopf geblieben: Eine ISBN muss in einer bestimmten Größe gesetzt sein, um den Anforderungen zu entsprechen. Also: Make the ISBN bigger!

Das Publikum hat ganz unterschiedliche Herangehensweisen an Inhalt und Gestaltung gehört: programmatische, individuelle, pragmatische, politische, spielerische und hintergründige. Es ist spannend, den gedanklichen Kreis größer zu ziehen und das Thema Schrift aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Dafür müssen nicht alle Schrift-Profis sein – und so ist es bereichernd, mit Wort-Profis, Denk-Profis und Buchmarkt-Profis zusammenzukommen. Der Austausch zwischen Typomenschen und Verlagsmenschen erweist sich für alle Seiten als interessant und anregend. So sitzen wir noch lange zusammen – und es wird nicht unser letzter Verlagsabend gewesen sein.

In diesem Sinne: Kauft Bücher und lest sie auch!

Nachbericht Mastering Type 2025

Ein paar Eindrücke der Mastering Type Ausstellung 2025, bei der Abschlussprojekte verschiedener Typedesign-Studiengänge ausgestellt wurden. In diesem Jahr stellten Reading (UK), TypeMedia (NL), TypeParis (FR), EsadType (FR), Écal (CH) und ANRT (FR) aus. Es gab Poster der Projekte und Vorträge der Alumni zu sehen. Die Veranstaltung fand in der Kunsthochschule Weißensee statt.

Vorträge der Alumni

Abbau


Vielen Dank an:
Die Kunsthochschule Weißensee für’s Hosten der Ausstellung. Die Alumni, die nach Berlin gereist sind um ihre Arbeiten zu präsentieren. Die Typedesign-Studiengänge, die teilgenommen haben. Und natürlich alle helfenden Hände!