Nachbericht 79. Typostammtisch: 1E9E, ein Jahr danach

Am 25.10. trafen sich Π(π)×Daumen 100 Buchstabenbegeisterte – nicht nur Typografen und Schriftgestalter, sondern auch Linguistinnen, Lehrer, Studentinnen und Herausgeber – an unserem bevorzugten Veranstaltungsort in Schöneberg zum Thema 1E9E: die Versalform des scharfen S.

Die Atmosphäre macht Vorfreude auf das Programm; bereits die Wegweiser durch den Hof kündigen von Begeisterung für das Thema. Drinnen angekommen, ist auf Ausstellungswänden das Wort „STRAẞE“ in 270 unterschiedlichen Schriften gesetzt. Auf den Tischen liegen Kekse in Versaleszettform.

Bereits die Wegweiser kündigen von Begeisterung für das Thema. / Quelle: sofern nicht anders genannt, stammen alle Bilder von Nadya Kuzmina. Vielen Dank!
Benedikt und Dan treffen letzte Vorbereitungen zur Ausstellung.
Thematisches Gebäck von Jens und Dan. Danke noch mal!

Nach einem warmen Willkommen und beseelter Einleitung von unserer Sonja spricht als erste Nadine Roßa, bekannt durch Design made in Germany und ihre Sketchnotes. Bedingt durch ihren Nachnamen ist Nadine persönlich betroffen. Bereits in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich umfassend mit dem Buchstaben ß. Entstanden ist ein Buch namens Eine scharfe Type – ein Erklärbuch zum Thema, das bereits Skizzen zur Versalform beinhaltet. Ihr zweites Buch dazu, Viele scharfe Worte, enthält alle deutschen Wörter mit scharfem S.

In ihrem Vortrag weiß Nadine von ß-Pannen in offiziellen Dokumenten zu erzählen, wo Namen oft in Versalien geschrieben werden. Auf die vermeintliche Frage „Wer braucht ein Versaleszett?“ hin kann sie also nur feststellen: „Ich brauche das!“ Weiterhin moniert sie, dass das Versaleszett zwar seit 10 Jahren offiziell sei, die Verwendung sich aber bis heute nicht gerade unkompliziert gestalte – so könne man das Zeichen auf Twitter zwar eingegeben, es werde aber auf dem Mac nicht angezeigt. („Danke, Apple!“, wie Lucas de Groot konstatiert.) Nadine zeigt uns viele kreative Lösungen zur Umschiffung dieses Problems, zum Beispiel ein B mit Unterlänge oder die Verwendung des Kleinbuchstabens ß zwischen Versalien.

Ein EXTRAWICHTIGER Buchstabe

Kurzweilig präsentiert Nadine weitere Fallbeispiele des Versaleszetts: Karls Erdbeerhof verwendet das neue Zeichen sehr konsistent, der Berliner Zoo ebenfalls – allerdings in einer Form, die sicherlich bei Ausländern als B fehlinterpretiert wird. In der Werbung (wo Versalien bekanntermaßen EXTRAWICHTIG sind) wird es immer selbstverständlicher eingesetzt. Die Schrift für die Bundesregierung von Supertype enthält es – auch gegen die Überzeugung des Supertype-Designers Jürgen Huber – aber der Kunde ist eben König (auch wenn der Spruch im Falle des Auftraggebers Bundesregierung zu Verwirrung führen könnte… Aber das soll hier nicht weiter ausgeführt werden).

Abschließend zeigt Nadine, die ihren Arbeitsschwerpunkt seit einigen Jahren stark in Richtung Sketchnotes verlagert hat, dass die neue Buchstabenform mit ein wenig Übung auch in die eigene Handschrift sehr gut einzubauen ist.

Nadine zeigt ihren Lettering- und Handschrift-Stil, der selbstverständlich ein Versaleszett beinhaltet.
Stolz wie Bolle: Sonja begrüßt die Duden-Damen Ursula Fürst (Mitte) und Melanie Kunkel (rechts).

Mit der stolzerfüllten Frage „Wann hat man schon mal den Duden im Haus?“ präsentiert Sonja anschließend die „Dudendamen“ Melanie Kunkel und Ursula Fürst. Frau Kunkel ist Redakteurin in der Dudenredaktion, Frau Fürst Herstellungsleiterin.

Frau Fürst beginnt mit dem Thema Das Versaleszett in der Praxis. Seit dem 29.06.2017 gibt es den neuen Buchstaben offiziell im deutschen Alphabet – die Verwendung ist optional. Mit der Rechtschreibreform 1996 verlor das Eszett an Bedeutung, weil nach der neuen Regelung weniger Wörter damit geschrieben werden, z. B. „daß“ –> „dass“. Gleichzeitig ist die Daseinsberechtigung des Buchstabens sogar größer geworden, weil die Aussprache über die Verwendung des ß bestimmt: Es zeigt an, dass der vorangegangene Vokal lang gesprochen wird (Vgl. „Maße“ und „Masse“). Somit hat auch die Versalform ihre Berechtigung.

Von der Fußnote auf’s Cover

Frau Kunkel erzählt anschließend mit glaubhafter Begeisterung und Detailverliebtheit die Geschichte des Versaleszetts aus Sicht des Duden. Im ersten Duden von 1880 wurde zumindest der Kleinbuchstabe bereits erwähnt. Dieser Ur-Duden war natürlich in Fraktur gesetzt und das ß (die Form, die nach z aussieht) entstand ebenfalls in der Fraktur. Es hieß, dass der entsprechende Laut in der lateinischen Schrift mit langem s und kurzem s geschrieben werden sollte, oder „wenn vorhanden“, mit der ß-Ligatur. In der dritten Duden-Auflage von 1887 hieß es in einer Fußnote zum Thema: „Preußen verlangt langes s, kurzes s; Württemberg die Eszettligatur.“ In der Fraktur war die Versalform des ß natürlich kein Thema, weil man Fraktur nicht in Versalien schreibt.

Die 6. Auflage des Duden von 1900 allerdings erweiterte die Fußnote der Vorgänger. Es wurde nun empfohlen, im Versalsatz der Lateinischen Schrift (Antiqua) das Zeichen als „SZ“ zu schreiben, weil ein Doppel-S bei einigen Wörtern zu Verwirrung führe (Vgl. wieder „MASZE“ und „MASSE“).

1902 wurde diese Regelung neu formuliert und „entfußnotiziert“ (soll heißen: ins Regelwerk aufgenommen). In lateinischer Schrift waren anstelle des Fraktur-ß sowohl die Kombination aus langem und kurzem s, als auch die Ligatur ß zugelassen. Nur drei Jahre später, in der 8. Auflage von 1905, hieß es, die Kombination aus langem und rundem s sei ganz zu vermeiden – anscheinend hatte sich das ß zu diesem Zeitpunkt in der lateinischen Schrift etabliert.

Das Publikum verfolgt gespannt die Geschichte des Versaleszetts im Duden.

In der 9. Auflage von 1915 gab es zum erstem Mal Überlegungen zum Eszett im Versalsatz von lateinischer Schrift: „die Verwendung zweier Buchstaben (SZ) für einen Laut ist nur ein Notbehelf, der aufhören muss, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe geschaffen ist.“

Die 12. Auflage von 1941 schrieb vor, dass bei Großschreibung lateinischer Schrift das ß nun durch ein Doppel-S ersetzt werden sollte, weil die Verwendung der Kombination aus S und Z sich nicht durchgesetzt habe. Diese sei aber immer noch erlaubt, um Verwechselungen bei bestimmten Worten vorzubeugen (Lieblingsbeispiel: „MASSE” versus „MASZE”). Im Nachdruck der 12. Auflage fand schließlich der Wechsel von Fraktur auf Antiqua statt.

Nach dem Krieg splittete sich der Duden in eine West- und in eine Ostausgabe. Im Westen nichts Neues, aber in der DDR-Ausgabe (14. Auflage von 1951) fand sich der bemerkenswerte Satz „Das Schriftzeichen ß fehlt leider immer noch als Großbuchstabe.“ In der 15. Auflage von 1957 wurde hinzugefügt: „Bemühungen, es zu schaffen, sind im Gange“, und auf dem jetzt berühmten Umschlag prunkte schon eine recht überzeugende Version dieses Zeichens. In der 17. DDR-Auflage wurden alle Hinweise zum Versaleszett entfernt und in der 18. Auflage (letzte DDR-Fassung) von 1985 wurde hinzugefügt, dass Personennamen, die ein ß enthalten, bei Versalschreibung in Personaldokumenten mit dem kleinen Buchstabe ß geschrieben werden. Diese Regel ist auch heute noch im Duden verankert.

Umschlag des DDR-Duden der 15. Auflage von 1957. Quelle: https://dudensammlung.jimdo.com

Ab der 21. Auflage von 1996 (nach der Rechtschreibreform) fand man den Hinweis, dass das ß bei Großschreibung immer durch Doppel-S ersetzt werden solle; SZ sei nicht mehr zulässig.

Vom Unicode zum Scrabble-Stein

Mittlerweile in der jüngeren Geschichte angekommen, übernimmt Frau Fürst das Wort: In der 25. Auflage von 2010 wurde zum ersten Mal auf das seit 2008 in Unicode festgelegte neue Zeichen 1E9E hingewiesen. Maßgeblich verantwortlich dafür war Andreas Stötzner, der als Sprecher an diesem Abend leider verhindert ist. In der 27. Auflage von 2017 wurde das Zeichen endlich in die Rechtschreibung aufgenommen: Demnach kann es fakultativ statt Doppel-S eingesetzt werden – sofern die verwendete Schrift das Versaleszett enthält. Mit diesem Zusatz rennt man in einem Raum voller Schriftgestalter und Schriftinteressierter natürlich offene Türen ein…

Im Anschluss erzählen Frau Kunkel und Frau Fürst abwechselnd noch einige schöne Anekdoten rund um die Einführung des Versaleszetts im hohen Haus des Duden. Texte, die das ß betreffen, mussten angepasst werden, ein Newsletter wurde produziert, praktische Fragen von Kunden beantwortet, Empfehlungen für die Schreibweise geografischer Namen angepasst, und sogar das Scrabble-Spiel hat probeweise schon einige Steinchen auf dem Markt gebracht (diese bescheren dem Spieler stattliche 6 Punkte, wie es auf Nachfrage aus dem Publikum heißt).

Von pragmatischen Lösungen und vielen Fragen

In den Publikationen des Duden wurde das Versaleszett zunächst als Sonderzeichen eingesetzt. Das vorhandene Zeichen in der Hausschrift Frutiger gefällt intern nicht, da es aussehe wie eine Ligatur aus einem langen und einem runden Versal-S. Als pragmatische Lösung wird einfach das Versaleszett aus einer anderen, grob passenden Schrift eingesetzt, in der die Ligatur etwas mehr nach SZ aussieht (das Publikum ächzte leise). Der Duden möchte zukünftig beobachten, wie 1E9E in der Realität eingesetzt wird und in 10 Jahren noch einmal ein Fazit zum Thema ziehen.

In einer üppigen Fragenrunde kommt anschließend noch jede Menge Wissenswertes zur Sprache: Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird etwa drei Jahre lang beobachten, wie sich das neue Zeichen etabliert. In Österreich wird das Zeichen scharfes S genannt, in Deutschland ist Eszett bekannter. Eine Tastenkombination sollte man mit Google finden können, allerdings hängt das vom Tastaturlayout und der genutzten Plattform ab. Wir haben nachgeforscht: In MS Word unter Windows tippt man 1E9E und anschließend Alt+X, das funktioniert unabhängig von Sprach- und Tastatureinstellungen. Weitere Tastaturkürzel und Layouts findet man auf der Seite von Ralf Herrmann: www.typografie.info: wie gibt man das große Eszett ein

Lucas de Groot springt mit seinem anschließenden Vortrag für den verhinderten Andreas Stötzner ein. Er redet zunächst über den Kleinbuchstaben ß, der in unglaublich vielen Varianten existiert und funktioniert.

Schon vor 500 Jahren wurde die Ligatur von langem s und rundem s in lateinischen Satzschriften von Köln bis Italien in einer vollendeten Form eingesetzt. In vielen Schriften sieht das ß noch genau so aus. In Frakturschriften wurden damals mehrere Formen ausprobiert, deren rechte Hälfte eher wie ein z aussieht. Noch vor 150 Jahren wurden auch in offiziellen amerikanischen Dokumenten viele lange-s- und kurze-s-Kombinationen eingesetzt – mal ligiert, mal getrennt. Das lange s fand in allen lateinischen Sprachen Anwendung. Die getrennte Schreibweise von langem s und kurzem s war damals auch in Deutschland im Einsatz. In Holland wird unterrichtet, dass man bei der Verbindung der beiden Buchstaben in der Frakturschrift die rechte Hälfte vom kurzen s an das lange s klebt, um im Blocksatz mit der Satzbreite spielen zu können. Danach ist nicht mehr erkennbar, ob es sich nun um ein z oder ein halbes s gehandelt hat, daher die Sprachverwirrung und die Bezeichnung „Eszett“.

Scharfes S oder Eszett? Das ist hier die Frage.

Vor 140 Jahren galt in einigen Bundesländern, dass eine Frakturligatur zwischen langem s und entweder kleinem s oder kleinem z in lateinischer Schrift in beiden Fällen mit einer Kombination aus langem s und kurzem s zu ersetzen sei. Man kann auch belegen, dass in den meisten Fällen der etymologische Hintergrund auf ein Doppel-S und nicht auf ein SZ zurückschließen lässt. Lucas zieht daraus das Fazit, dass die Bezeichnung „scharfes S“ historisch korrekter sei als „Eszett“.

SS oder SZ? Das ist hier die Frage.
Wie das Cedilla entstand

Dann zeigt Lucas, wie andere europäische Sprachen denselben Laut verschriftlichen: Ein z wurde zum Beispiel unter ein s oder c gehängt, so ist die Cedille entstanden. Ob ein Vokal lang oder kurz ausgesprochen wird, kennzeichnet die holländische Sprache durch Verdoppelung (de Groot). Im Französischen geschieht das durch Akzente (très désolée). Lucas ist der Meinung, dass man das im Deutschen auch alles hätte machen können – und überhaupt stimme die deutsche Aussprache von z und s nicht überein mit der im Rest der Welt gebräuchlichen. Dumm gelaufen, deshalb also brauchen wir das neue Zeichen…

Bereits vor etwa 100 Jahren versuchten einige große deutsche Schriftgießereien, eine Versalform für ß auf dem Markt zu bringen – vielleicht auch aus ökonomischen Gründen: neu gießen, neue Schriften, neu verkaufen? Vor etwa 60 Jahren deklinierten Designer schon alle möglichen Formvarianten durch; die erfolgreichsten Formen von heute wurden damals schon gestaltet.

Sternstunde der typografischen Demokratie

Als nächstes bittet Lucas um Mithilfe: 2010 habe Microsoft ein recht unschönes Versal-scharfes-S selbst zur Calibri hinzugefügt. In den Light-Schnitten gestaltete er das Zeichen daraufhin 2012 selbst. Nachdem er Microsoft auf die Unregelmäßigkeiten in der Schriftfamilie hinwies, hieß es, er könne eine neue Form liefern, solange die Glyphenbreiten zum Microsoft-Entwurf identisch blieben. Lucas hat an diesem Abend fünf Formvarianten vorbereitet, über die das Publikum mittels eines Formulars abstimmen soll. Erste freudig-überzeugte Stimmen im Publikum scheren sich nicht um den geheimen, demokratischen Abstimmungs-Modus.

Als Input zur Abstimmung gibt es einen kurzen Abriss darüber, welche Formlösungen in einem Versal-scharfes-S gut funktionieren, und welche nicht. Basierend auf einer ungefähr sechs Jahre alten Anleitung von Christian Thalmann seziert Lucas den Buchstaben minutiös.

Christian Thalmanns Überlegungen zur Form des versalen scharfen-S

Zum Abschluss zeigt er noch alle 270 Schriften der Ausstellung sortiert und kommentiert. Einige Erkenntnisse seien hier aufgeführt: Wenn man gegen das versale scharfe S ist, belegt man den Unicode 1E9E mit Doppel-S. Wenn man eh keinen Bock hat, skaliert man den Kleinbuchstaben ß auf Versalhöhe. Varianten mit einem symmetrischen runden Kopf lassen zu wenig Platz für eine markante Diagonale. Um eine Verwechslung mit dem B zu vermeiden, sollte das Zeichen rechts oben einen Schnabel oder eine Diagonale aufweisen. Je flacher der Kopf rechts oben ist, desto mehr Platz bleibt für eine S-Form oder Diagonale. Bei Schriften mit Kontrast sieht es besser aus, wenn die Kontraste im Laufe der Schreibbewegung wechseln: dick-dünn-dick-dünn, nicht dick-dick oder dünn-dünn. Undsoweiterblabla – etwas langwierig ist es da mittlerweile vermutlich für Nicht-Schriftgestalter geworden (an dieser Stelle auch „Hut ab!“ für das Lesen des Nachberichts bis zum Schluss). Wer das Thema noch weiter vertiefen möchte, dem sei Lucas’ Vortrag ans Herz gelegt. Wir werden darauf hinweisen, sobald die kommentierte Fassung publiziert wird.

Alle, die an diesem Abend noch nicht genug hatten, konnten die vorgestellten Buchstabenvarianten bei einem Rundgang durch die Ausstellungs-STRAẞE noch einmal nachwirken lassen. Wie immer wurde noch lange und freudig bei thematischen Keksen und Kaltgetränken nachgeplaudert und abgeschweift.

And the Winner is…

Der Kunde mag König sein, der Typostammtisch ist auf jeden fall demokratisch: Gut einen Monat nach der Veranstaltung sind nun alle Stimmzettel ausgezählt … Herzlichen Glückwunsch, Version 3! Dieser Ausgang bestätigt die Formgebung, die Lucas in die Light-Schnitte bereits eingebaut hatte. Auch mal schön, diese seltene gestalterische Einigkeit.

Nachbericht 78. Typostammtisch: Golnar Kat Rahmani über Quadratkufi

Am 27. September durften wir uns wieder im Sonnenstudio treffen und wurden mit einem überraschenden Vortrag von Golnar Kat Rahmani verwöhnt. Im Iran geboren, an der Teheran Universität und an der Kunsthochschule Weißensee studiert, hat uns Golnar mit einer großen Sammlung wunderschöner Bilder in die Welt und Geschichte des Quadratkufi eingeführt. Kufi ist eine sehr alte Schreibweise, ursprünglich für religiöse Texte verwendet, die sich in mehreren Formen weiterentwickelt hat; viele moderne arabische Schriften haben ihre Wurzeln in Kufi.

Quadratkufi ist eine Variante, die mit geraden Linien und einheitlichen Strichstärken auskommt, und über den ganzen Orient bis in Transoxanien und Indien – unter vielen Namen bekannt – Einsatz findet, am beeindruckendsten in der Architektur. Für uns kaum vorstellbar, ist diese Schrift in und an den Bauten ein wesentlicher Bestandteil der Kultur. Gigantische Wände und Decken werden virtuos mit Texten bestückt, mit kunstvollen, komplexen Verschachtelungen, Texte innerhalb anderer Texte, und das schon seit vielen Jahrhunderten. Es scheint, als ob in der Religion von Allah und Mohammed alle wichtigen Orte auf Typografie aufgebaut sind. Da kann die westliche Architektur mit einer Handvoll plattgetretener Grabsteine und schlecht spationierter Inschriften nicht im Geringsten mithalten. Als die Barbarenvorfahren in Europa noch in der Schweinejagd steckten, gab es in den Islamregionen schon hochentwickelte Mathematik und Fliesenkunst, was für Quadratkufi wie gemacht zu sein scheint und dem Zahn der Zeit widerstanden hat.

Lesehilfe für Quadratkufi

Im arabischen Schriftsystem gibt es Punkte, die Unterschiede im Klang der Konsonanten klarmachen („be“ versus „pe“), und Vokale werden einfach weggelassen. Nur bei religiösen Texten und Kinderbüchern werden Vokalisationszeichen hinzugefügt. Bei Quadratkufi jedoch gibt es weder Punkte noch Vokalisationszeichen; das Lesen der Texte ist dadurch entsprechend schwierig. Zudem wird auch vertikal und auf dem Kopf geschrieben und gibt es eine enorme Freiheit, wie die Buchstaben miteinander verbunden werden. Und dann ändern die Zeichen auch noch ihre Form, je nachdem ob sie alleine, am Anfang, am Ende oder mitten im Wort stehen. Auch wenn man die Buchstaben „mhmd“ gelernt hat, und weiß, dass damit Mohammed gemeint ist, gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, wie sie miteinander verbunden und verschachtelt werden können.

Von rechts nach links: m h m d

Auch bei zeitgenössischen Kalligrafen ist Quadratkufi beliebt: Der syrische Kalligraf Mouneer Al Sharaani, im Frühling noch mit Ausstellung und Workshop in Berlin gewesen, benutzt sie gern in seinen Kunstwerken.

Ein Highlight bei Golnars Vortrag war ihr selbstgestalteter Pullover. Auf den ersten Blick ein schönes grafisches Muster in Schwarzweiß, versteckt sich darin die Entfernung (Kilometerangaben) von Berlin zu genannten Kulturorten im Orient, wie Damaskus, natürlich in Quadratkufi. Es gab einige Fragen aus dem Publikum, wann die Kollektion in Serie geht! Wir drücken die Daumen und Golnar gibt uns Bescheid; eigentlich war es als Kunstprojekt gedacht, nicht Mode.

Dass es hier um ein Weltthema ging wurde betont durch die große Menge unterschiedlicher Nationalitäten, die sich in Sols Studio versammelt hatten. Mit Getränken, Suppe, Häppchen und einer Apfelernte wurde noch lange nachdiskutiert, die Stimmung war großartig. Wir hoffen, dass Golnar an dem Thema dranbleibt, und ihre Recherche und Fotos irgendwann publiziert werden. Danke!

Der Quadratkufipulli

Nachbericht 77. Typostammtisch: Bei flirrender Hitze auf Buchstabenpirsch

Großes Buchstabenglück, krönender Abschluss: Unser Schriftspaziergang mit Biergartentreff fiel auf den letzten, wunderschönen Sommertag des Jahres.

Eine buntgemischte Gruppe nicht nur ortsansässiger Buchstabenfans traf sich zum gemeinsamen Aufbruch schon am frühen Nachmittag: „Auf unserem Weg durch die historische Mitte Berlins sahen wir gefräste, gegossene, emaillierte und geplottete Schrift“, berichtet Schriftspaziergangsleiter Florian Hardwig. „Wir fachsimpelten über die Mischung von Fraktur und Antiqua auf Grabsteinen aus dem 18. Jahrhundert und staunten über eine frühe Serifenlose, die um 1850 den Kern eines umfassenden Gestaltungsprogramms bildete. Hoch über unseren Köpfen machten wir Stärken und Schwächen von Architektenschriften aus und entdeckten zu unseren Füßen konturierte Messinglettern, eingelassen in den Boden des Alexanderplatzes.“

Stippvisite an der weltberühmten Weltzeituhr, Lieblingstreffpunkt „am Alex“ (Foto: Ulrike Rausch)
Unsere Typostammtischschriftspaziergangsgruppe 2018 (Foto: Fritz Grögel)

Schützenswerte Schätze

„Ein roter Faden“, so Florian weiter über ihren Weg, „war die Berlin-spezifische Geschichte unseres Stadtbilds, geprägt von den Verheerungen des Weltkriegs – und ebenso denen der autogerechten Modernisierung, muss man sagen; und geprägt natürlich auch von der politischen Teilung.“ Aus seiner Sicht leidet das Stadtbild (leiden wir) bis heute, neben den historischen Destabilisierungen, grundsätzlich unter „der fehlenden Sensibilität für Schrift im öffentlichen Raum als schützenswertes Kulturerbe“.

Wo war das noch gleich? (Foto: Ulrike Rausch)

Sehr schön, dass die Gruppe auf ihrem Spaziergang auf zeitgenössisch Bekannte(s) traf: „En passant entdeckten wir Buchstaben, für die Teilnehmer unseres Schriftspaziergangs verantwortlich zeichnen: die einst von Andreas Frohloff ad hoc überarbeitete Schrift für Straßenschilder und die jüngst von Martin Wenzel zusammen mit Jürgen Huber (der nicht mitgekommen war) entwickelte Hausschrift eines Elektronikmarktes.“ Nach drei kurzweiligen Stunden hießen Henning Wagenbreths handgemalte Schriftschilder im Prater-Biergarten – und wir alle, die schon dasaßen – die Buchstabenaufspürer willkommen.

Fritz Grögel in Aktion, auf Höhe Museumsinsel (Foto: Ulrike Rausch)
Florian Hardwig auf der Pirsch (Foto: Ulrike Rausch)

Im Pratergarten hielten wir mehrere Garnituren Tische und Bänke voll besetzt, es wurde begeistert vom Spaziergang berichtet, gefachsimpelt was das Zeug hält, über Entenfedern etwa und Schriftentwürfe, später dann mit Mobiltaschenlampen. Ein kurzer Regenschauer brachte uns ein bisschen Abkühlung, tat der grandiosen Stimmung aber keinen Abbruch.

Georg Seifert, Berlin, und Gerhard Großmann, zu Besuch aus Bayern, beim fachlichen Austausch nach Einbruch der Dämmerung (Foto: Ulrike Rausch)

Für mehr Details zum Schriftspaziergang fragt am besten die, die dabei waren. Ein Riesendankeschön an unsere Spaziergangsbeauftragten Florian Hardwig und Fritz Grögel für diesen sonnigen Höhepunkt des Jahres! Der nächste Schriftspaziergang kommt bestimmt; hoffentlich wieder mit euch beiden. Vielen lieben Dank allen Teilnehmenden für das rege Interesse und eure großzügigen Spenden an den Typostammtisch Berlin.

Wir sind schon voll in der Planung für drei schöne Herbststammtische – dann wieder indoors – und schicken wie immer vorab Einladungen (an alle, die unseren Newsletter und damit die Einladung abonnieren). Falls ihr euch das vormerken möchtet: Der Termin 27. September steht bereits, dann folgen sehr wahrscheinlich der 25. Oktober und der 29. November (Typostammquiz).

Von Fritz erreichen uns die Links zu der filmischen Dokumentation über den Wiederaufbau in Deutschland, von der er auf dem Spaziergang erzählt hatte: Deutsche Städte nach ’45. Ein Radio-Bremen-Film von Susanne Brahms und Rainer Krause. Teil 1: Bomben und Bausünden und Teil 2: Abriss und Protest. Sehr zu empfehlen, vielen Dank, lieber Fritz!

Nachbericht 76. Typostammtisch: Kurzpräsentationen im Grünen

Es war ein wunderschöner Abend. An dieser Stelle gleich nochmal ein Riesendankeschön unseren Gastgeberinnen Heike Nehl und Si­byl­le Schlaich! Der Hinterhof der Moniteurs in der Ackerstraße entpuppte sich als grüne Oase, dicht bewachsen, frisch beplankt von Alex Branczyk, der mit seinen Schwesterfirmen xplicit und drucken3000 im gleichen Hof sitzt und kurzerhand noch ein paar passgenaue Holzbänke gebaut hatte. Es war dann aber auch jeder Platz besetzt. Und das gab es zu sehen, zu hören, zu bestaunen:

Beatriz Rebbig, Berit Kaiser von Rohden (Moniteurs) – „Apfelgriebs, Behavior, Co-creation: Das ABC der Piktogramme“
Beatriz Rebbig, Berit Kaiser von Rohden (Moniteurs): „Apfelgriebs, Behavior, Co-creation: Das ABC der Piktogramme“Zum Auftakt gaben uns Beatriz und Berit, zwei Mitarbeiterinnen der Moniteurs, einen Überblick über eines der Spezialgebiete der Agentur: Piktogramme, Icons, Bildsymbole, wie sie in Wegeleitsystemen zum Einsatz kommen und passgenau für bestimmte Orte, Themen und Auftraggeber entwickelt werden. An ihnen und ihrer konzeptionsstarken Arbeit wie dem Terminal-Orientierungssystem kann es definitiv nicht gelegen haben, dass der Weg zum neuen Flughafen für Berlin so beschwerlich ist.

Dan Reynolds – „Die Norddeutsche Schriftgießerei“
Dan Reynolds: „Die Norddeutsche Schriftgießerei“Dan ist ein wandelndes Schriftgießereienlexikon, besser gesagt: Lexikon, Lageplan, Geschichtsbuch, Gestalter und Forscher in einem. Was er an Wissen und Detailfreude an den Tag legt, macht ihm so schnell keiner nach. Die Anwesenden durften staunend feststellen, dass sie sich mit ihren heutigen Firmen – ob vor Ort in Mitte oder im fernen Schöneberg gelegen, so Dans anlassbezogene Forschungsschwerpunkte – in den Epizentren der Schriftgießerien auch vorheriger Jahrhunderte befinden.

Jenna Gesse – „Form und Inhalt sind jetzt Freunde“
Jenna Gesse: „Form und Inhalt sind jetzt Freunde“Jenna ist Dozentin, Redakteurin, Gestalterin durch und durch. Im besten Sinn Generalistin, sind bei ihr Schrift und Sprache, Form und Inhalt, Sinn und Witz Freunde. Wir staunen über Jennas Einfallsreichtum und die ruhige Art, mit der sie ziemlich beste Gestaltungsideen präsentiert: etwa ihre minimalistisch visualisierte Autobahn, mit Begleitsound, Anklänge konkreter Poesie. Mich begeistert, wie leicht und vielschichtig die Autorin-Designerin von Leerzeichen für Applaus zeigt, dass Text gestaltete Sprache ist.

Daria Petrova, Inga Plönnigs – „Zukunftsschriften“
Daria Petrova, Inga Plönnigs: „Zukunftsschriften“Daria und Inga sind mit ihrem Vortrag über Future Fonts die Überraschungsgäste des Abends. Weil sie nicht nur ihre beiden sehr eigenwilligen, konzeptionsstarken Schriften Messer und Zangezi vorstellen und Einblicke in den Status quo ihrer persönlichen Gestaltungsprozesse geben, sondern das Prinzip der neuen Schriftplattform erklären: Type Designer können „unfertige“ Schriften einstellen und bereits zum Kauf anbieten, aber auch Feedback, Lob und Kritik erfragen und sich so im weiteren Ausbau ihrer Schrift begleiten lassen, von Nutzern, Fans und Kolleginnen.

Benedikt Bramböck – „Kategorie: Lückenhaft“
Benedikt Bramböck: „Kategorie: Lückenhaft“Benedikt möchte Wikipedia besser machen. Und zwar in einem entscheidenen, nämlich unserem Feld: Schriftgestalterinnen und Schriftfirmen sind im globalen Lexikon nur unzureichend vertreten und beschrieben, to say the least. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Es fehlen vor allem Mitschreiberinnen, die das Ganze als Redaktionsgruppe in die Hand nehmen würden – so Benedikts Idee und Aufruf, eine Stimmung hoffnungsfroh-entschlossenen Ärmelhochkrempelns verbreitend. Gemeinsam sollte der Missstand zügig in den Griff(el) zu bekommen sein. Meldet euch!

Elena Albertoni – „(Not) always hand paint!“
Elena Albertoni: „(Not) always hand paint!“Elena widmet ihre Energie handgemachten Hausinschriften. Die versierte Schriftgestalterin war Mitarbeiterin bei LucasFonts und gründete 2005 Anatoletype. Jetzt belebt sie eine alte Profession neu, führt sie in die heutige Zeit und fügt ihr neue Qualitäten hinzu. Ihr Angebot umfasst die direkte Dienstleistung vor Ort, das Gestalten einer Ladenfassade nach den Wünschen der Besitzer, Beratung und direkte Anbringung, sprich, professionelle Bemalung der Hauswand. Eine von Elenas Spezialitäten ist das Arbeiten mit Blattgold – um zu untermauern, dass ihr Handwerk in Berlin goldenen Boden (und fundierte Tradition) hat? Wir sehen sie vor unserem geistigen Auge mit Farbpalette und Handkarren durch die Straßen ziehen und alles verschönern.

Christine Wenning – „Arbeite hart und sei nett zu den Menschen“
Christine Wenning: „Arbeite hart und sei nett zu den Menschen“Christines Vortrag ist einer der spannendsten des Abends. Sie berichtet gar nicht über ihre Arbeit direkt, sondern wie sie heute arbeitet. Nach Stationen in Hamburg, Berlin (Edenspiekermann, TYPO Berlin) und Bielefeld arbeitet sie heute in einer Agentur, deren Chef zu den Innovatoren der Branche, wenn nicht der gesamten Arbeitswelt gehört: Lasse Rheingans hat in seiner Agentur (nomen est omen) Digital Enabler die 25-Stunden-Woche bzw. den „5-Stunden-Tag im Selbstversuch“ eingeführt und sorgt damit für Furore. Es klappt uneingeschränkt. Das ganze Team arbeitet fünf Stunden am Tag, bei voller Bezahlung und gleichem Urlaub, und alle sind begeistert. Auch die Kunden. Wie das in der Praxis funktioniert und effizient ist, macht Christine fein anschaulich.

Charlotte Rohde – „Type Club Düsseldorf“
Charlotte Rohde: „Type Club Düsseldorf“Charlotte sieht ihren Type Club als „Plattform für Schriftgestaltung und -forschung“, insbesondere „für Schriftkonzepte von Studenten der Hochschule Düsseldorf“. Sie präsentiert Schriften und deren Gestalterinnen, Aktionen und Ausstellungen. Eine Schriftskizzensammlung, Vorträge und Interviews gehören dazu, ebenso der Austausch etwa mit Studierenden der UdK Berlin (Elias Hanzer) und Kolleginnen zum Beispiel von Riesling Type, Hamburg (konsequente Namenswahl der Herren Durst und Weinland). Sehr schön, zu sehen, wie allerorts Schriftfans zusammenfinden!

Gunnar Bittersmann – „FOIT, FOUT, FUCK.“
Gunnar Bittersmann: „FOIT, FOUT, FUCK.“Gunnar bewies in seinem Vortrag extrem gutes Rhythmusgefühl, kein Wunder, tritt er doch als Gitarrero einer Rockband auf. Er zitiert Laura Kalbag, Accessibility for Everyone, überzeugt mit schrifttechnischem Sachverstand und schlüssigen Abkürzungserklärungen (WOFF = weg mit den ollen Font-Formaten, FOIT = flash of invisible text usw.). Mit weiteren Detail muss ich leider passen und darf an dieser Stelle auf unseren bisher einzigen Typotechnikstammtisch verweisen. Und sprecht Gunnar selber an! Als Stammgast ist er stets präsent und offen dafür. Toll fand ich seine Anmerkung, dass in jedem Schriftvortrag (so also auch in seinem) eine Folie in Comic Sans zu erfolgen habe. 

Inga Plönnigs – „Magnetische Momente“
Inga Plönnigs: „Magnetische Momente“Inga machte in Ergänzung zum Future-Fonts-Vortrag (gemeinsam mit Daria Petrova, siehe weiter oben) wo sie Messer publiziert, ihren Gestaltungsprozess zur Magnet deutlich, mit der sie bei Type and Media in Den Haag graduierte. Begleitet von Feststellungen wie „das ist ja interessant“ und unerwarteten Entdeckungen wie dem „opportunistischen Kontrast“ durchleben wir mit ihr den Entwicklungs-, oder sollten wir sagen: Erweckungsprozess einer Schrift in schönster Transparenz. Es sei an dieser Stelle zu Ehren der Magnet eine wortspielerische Plattitüde erlaubt: höchst anziehend!

Jacob Heftmann – „Telling the Story of IBM Plex“
Jacob Heftmann: „Telling the Story of IBM Plex“Jacob, unsere Zufallsüberraschungsgast aus New York, macht anhand der Plex für IBM das Thema Custom Type plastisch, oder mehr noch: Branding mit Schrift. Corporate Branding, in diesem Fall. Das Unternehmen IBM setzt mit seiner neuen Haus- und Universalschrift markentechnisch Maßstäbe und macht sich noch unverwechselbarer. Wunderbarerweise wurde ein internationales Team Native Speaker und Type Designer diverser Sprachen und Schriftkulturen zusammengestellt – nur so kann es gehen und nur so geht es richtig, wird es richtig gut. Im Ergebnis ist die IBM Plex bestens gelungen, wird der Schriftgestaltungsprozess mitsamt aller Beteiligten exzellent kommuniziert und ist die (vom Publikum nicht uneingeschränkt gutgeheißene) Verbreitung als Free Font nur konsequent: IBM hat einst schon als Weltmarktführer und SchreIBMaschinen-Kultmarke auch in Deutschland das maschinelle Schreiben, ergo die selbsttätige Erstellung, Verbreitung und Vervielfältigung von Text ganz wesentlich vorangetrieben. Großes Lob, Dank und Huldigung meinerseits.

Lukas Horn – „fragenziehen“
Lukas Horn: „fragenziehen“Lukas hat sich ein großartiges Interview-Format ausgedacht: Die zu Befragenden ziehen sich ihre Fragen selbst. Gesetzt ist eine feste Karte mit der Aufschrift „Schrift“. Auf allen anderen Karten stehen andere Wörter, wie Innovation, Kunst, Musik, Natur, Toleranz und Trend, alle möglichen Wörter halt, die man sich zuziehen kann. Man reagiert auf die Kombination, also zum Beispiel (wie icke) auf „Schrift und Liebe“, oder „Schrift und Sprache“ (hatte ich zum Glück auch). Vom Publikum befragt nach Auffälligkeiten beim Antwortverhalten teilte Lukas mit, dass nicht etwa Paarungen wie „Schrift und Sex“ zu Schüchternheit führten, sondern bislang nur bei „Monopol“ auffallend zögerlich reagiert bis gar Antwort verweigert wurde. Aber dann gilt: neue Karte, neues Glück.

Manuel Viergutz – „Design ■ Fresh 😎 Display-Fonts 😍“
Manuel Viergutz: „Design ■ Fresh 😎 Display-Fonts 😍“Manuel machte den würdigen Abschluss, auch er ein Vortragender mit Heimvorteil. Als Mitarbeiter von drucken3000 ist er hier im Hof sozusagen zuhause und zeigt, wie er das Handwerkliche in die digitale Tat umsetzt. Seine rauen, rustikalen, bulligen Buchstaben erinnern an Kartoffeldruck und Holzschnitt, an grob Gehauenes und, wie soll man sagen: körperlichen Gestaltungspaß. Ob Hausnummern oder Schreibmaschinen, Aufblas- oder Spielbuchstaben, Manuel findet und setzt um und hat, unglaublich produktiv wie er ist, bereits rund 40 ausdrucksstarke Display Fonts im Sortiment. Tendenz steigend.

Das war allerhand. Es war schön, es war berührend und lehrreich. Volle Punktzahl auch für unser Publikum, das jeden Vortrag ebenso interessiert wie humor- und liebevoll begleitet hat. Man gab spannende Nachfragen, witzige Zusatzideen, launige Kommentare und Anekdotisches zum besten, teilte Fachwissen und Hintergründe. Fröhliche Bereitschaft zum fortgesetzten Austausch auch bei den Vortragenden, genug Bier und handgepflückte Pfefferminze für frischen Tee (die Stimmbänder der Moderatorin hatten etwas gelitten) – was will man mehr!

Hier noch ein paar Eindrücke von der Atmosphäre des Abends (Fotos Sol Matas):

Weiterlesen “Nachbericht 76. Typostammtisch: Kurzpräsentationen im Grünen”

Recapitulating Typostammtisch #75: Veronika Burian

On Wednesday, 11th April 2018, we established a new tradition, it seems: our second Typostammtisch-before-the-Labs was a huge success. No wonder, as we had Vik Burian as our generous speaker.

Benedikt Bramböck introducing Veronika Burian, who shared with us her story: “A (non) direct path to type design”.

We spent a wonderful evening with insights, intense exchange and beautiful encounters among colleagues, many of them arriving just in time, with luggage and everything. We were happy to note at least five type design student groups, from The Hague (NL), Lausanne (CH), Ljubljana (SL), Reading (UK), and St. Petersburg (RU) – next to our lovely local colleagues and Berlin Typostammtischstammgäste. Let me not forget to mention Gayaneh Bagdasaryan and Sol Matas who – not only on that evening – proved to be perfect additions to the Typostammtisch team. Plus many more helping hands (Dan, Daniel, Golnar, Tom, …) Thank you, everyone!

One of Veronika’s first encounters with Schrift as a school child.

A multilingual, multicultural background

There where two aspects of Veronika’s talk that impressed me most, which were probably also new to most of the audience: the more personal insights in her life and career path, and the recent development of her company, TypeTogether. Veronika was born in Prague (CZ). When she was young, her family moved to Munich (D) where she started her studies. She continued in Vienna (AT), then Prague again, and Milan (IT), then shortly in the US, some years in the UK (working in London at Dalton Maag), then… well, I lost track. At some point Vik moved to Spain, where she still lives today, renovating a house on the countryside with her partner – surely all her design skills flowing into that as well. For, interestingly, Veronika graduated as an industrial designer in Munich. She indulged into that, working in Vienna and Milan for renowned agencies. So, she learned everything about curves and forms and about designing industrial products, first, plus she continued working as a graphic designer, when she discovered her deep love for type.

Veronika Burian summarizing and explaining th guiding principles at TypeTogether, and their multicultural approach both in type design and in team building.

Also Veronika Burian’s business partner José Scaglione, from (and still based in) Argentina, had been interested in other artistic fields, as she reveals: we see Vik’s “partner in crime” in a photo with his band live on stage. Vik and José met at the Typeface Design master course in Reading (UK), graduating in 2003. They established and expanded a cross-border partnership; later on they found further companions perfectly fitting in – no matter where they are located. Today, their team at TypeTogether comprises 10 people on a steady basis plus contributing freelancers, living and working all over the world.

Teaming up at TypeTogether

In recent years, Veronika has been busy with her own type design projects but also with that expansion of her company and with the accompanying necessities. In addition to her own extensive travelling – as a lecturer, as a teacher providing workshops, as a profound and prolific type crit at conferences – more tasks have arisen. With a growing team, you need advanced managing and coordinating skills, plus take care of your communications. Like probably many in the audience I was astonished to hear that three people at TypeTogether are doing communications, not all the time, but constantly, contributing to the website, designing and producing (look at those beauties) type specimen and catalogues, writing on their corporate blog, interviews, social media, talks, you name it.

Very nice that so many TypeTogether people were in the audience. We spottet Irene Vlachou from Greece, for example, one of their senior type designers since 2013, designing new typefaces as well as contributing to existing projects. There was Roxane Gataud from France, who published Bely at TypeTogether due to their first (please note) Typeface Publishing Incentive Program; Roxane joined in as type and graphic designer in 2016. Well yes, the TypeTogether team reaches from Norway (Ellmer Stefan) to Israel (Adi Stern, Liron Lavi Turkenich) to the Netherlands, Germany, Austria to China (Dr Liu Zhao) to the US (Juliet Shen, Tom Grace, Dr Mamoun Sakkal), with Joshua Farmer as (I cannot not mention my colleague) TypeTogether’s copywriter and editor since 2015. It is impressive. Also the range, variety and quality of retail fonts at TypeTogether, plus they offer custom type, is both impressive and fun to explore – don’t miss, dear graphic designers! Weiterlesen “Recapitulating Typostammtisch #75: Veronika Burian”

Nachbericht 73. Typostammtisch: Zeitreise mit Klaus Rähm

Die Stühle stehen, das Licht ist gedimmt, das erste Dia (auf der Nebenleinwand) sorgt für Stimmung: Ein launiges „Vorsicht, Schrift“-Schild auf altem Gerät ist dort zu sehen. Klaus betitelt seinen eigentlichen Vortrag „Typotaten“ und eröffnet ihn mit einem Foto von sich selbst als Vierjährigem. Das war genau in der Kriegszeit, „und das war furchtbar“, und das müsse er jetzt hier erst mal erklären, dass das eine schreckliche Zeit war. Klaus Rähm ist Jahrgang 1937. Der junge Nachkriegsklaus wird in der DDR zum Leistungsturner; wir sehen ihn als obersten auf einem Turm junger Männer, im Handstand steht er auf den Schultern eines anderen. Beeindruckend! Beeindruckend sportlich wirkt er ja bis heute.

Klaus Rähm mit Lucas de Groot bei der Vorbereitung: Auswahl der Arbeitsproben für die vortragsbegleitende Ausstellung.

Man kann das ja ruhig auch mal so sagen

Diese ersten Bilder bringen uns Klaus näher in seiner Lebenserfahrung. Auf einem weiteren zeigt er uns ein Schaufenster mit einer von ihm in seiner Lehrzeit frei Hand gezeichneten Unterzeile. Diese Inschrift, in schmalen Grotesk-Versallettern, läuft schnurgerade unterhalb des Schaufensters entlang, darin eine liebevoll ausgestellte und dekorierte, aber nicht eben üppige Warenauswahl. Etwas dürftig und rührend und eher traurig wirkt das ganze Arrangement. Es gab ja nicht viel und „es gab keine Farbfotos“, nur dieses düster-verschwommene Schwarzweiß. Trotzdem – oder erst recht – interessant, diese wenigen Bilder, begleitet von ein paar Sätzen nur: Schon wird uns der Lebenshintergrund von Klaus Rähm deutlich. Wie früh sich seine fachlichen Interessen und sein Sportsgeist doch bereits zeigten. Und, „das kann man ja ruhig auch mal so sagen“: Er ist weit gekommen.

In der Zwischenzeit hat sich so manches Vokabular geändert. An einigen Stellen weist Klaus darauf hin, und auf die Rechtschreibreform; er scheint jedes Eszett zu vermissen, als sei es ihm persönlich weggenommen worden. Susanne Zippel in der ersten Reihe gibt ihm vehement recht angesichts des schönen Wörtchens „iß“ (heute „iss“) und der i-ß-Ligatur, die Klaus daraus gemacht hat.

Klaus reflektiert sein eigenes Vokabular und was heute anders ist. Etwa wenn er das Wörtchen „Lehrling“ benutzt, denn ein solcher sei er gewesen, ein Lehrling, und das sei auch richtig, es gehe ja darum, etwas zu lernen, in die Lehre zu gehen. „Auszubildende“ dagegen klingt für ihn „so objekthaft“, das fände er komisch, „wie so Objekte“ klänge die Bezeichnung, und das müsse erlaubt sein, dass er das hier jetzt erst mal sage. Genauso hatte er halt „einfach Studenten“, nicht Studierende; ohne die Zusatzsilbe seien sie auch gut ausgekommen. Klaus ist aus dem Osten. Kaum ein Mensch (ob männlich oder weiblich) hat im Osten daran gedacht, bei grammatikalisch männlichen Formen, bei der Bezeichnung von Berufsgruppen etwa, nicht automatisch und selbstverständlich an Frauen wie an Männer zu denken. Die Frage stellte sich gar nicht. Weil Berufstätigkeit für alle selbstverständlich war? So haben es mir speziell meine Ostkolleginnen x-fach erklärt und erbittert verteidigt – „ick bin Grafiker, Mensch, hör doch uff“, hieß es etwa, wenn ich auf der „Texterin“ bestand und die Visitenkarten auch für die Grafikerinnen korrekt bedrucken lassen wollte.

Klaus Rähm formuliert sehr fein, sehr genau und führt uns in seiner freundlichen, unprätentiösen Offfenheit, charmant berlinernd, durch die Fülle seiner Werke. Und „Fülle“ wirkt hier so als Wort leicht verharmlosend…

Die Materialität von Schrift

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Nachbericht: Mastering Type 2017 und Schrift unterrichten

Schrift „Rock and Roll“ von Pedro Arilla, University of Reading, UK

Es ist Freitag etwa 15 Uhr, als ich eine Mail bekomme – Lucas steht in der UdK vor verschlossenen Türen. Jenny ist unerwartet lange beim Arzt. Schnell schreibe ich eine Mail, dass ich mich unmittelbar auf den Weg mache. Nicht, dass ich etwas an der Situation hätte ändern können, aber in Ruhe weiterarbeiten hätte ich nun auch nicht mehr gekonnt… Gegen 16 Uhr komme ich in der UdK an. Alle Wände sind aufgebaut. Benedikt, Lucas, Jenny und ihre studentischen Hilfskräfte sind nicht mehr zu sehen. Es ist die dritte Ausstellung. Jenny ist schwanger. Unerwartetes passiert. Ärger ist verständlich. Alles wird schön werden.

Ich stehe nur wenige Minuten im Raum, da kommen drei frische Masterabsolventinnen aus Zürich an, mitsamt ihrer Prozessbücher. Lächelnd, frisch und froh. Wir stellen uns vor, bedanken uns für die Bücher und geben noch einen Restaurant-Tipp ab: „Raus. Rechts. Fünf Minuten geradeaus und dann auf der rechten Ecke. Bis gleich.“ Nun noch Stühle platzieren, Bücher zuordnen und anbinden, iPad mit der Detailpräsentation bestücken, den Beamer ausrichten und fegen. Lampen vorne an und hinten aus – die ersten Besucherinnen und Besucher sind da. Schnell wird es voll, der Geräuschpegel steigt – es entwickelt sich eine Schwarmbewegung im Kreis. Quatschen, einen Meter vor, Poster gucken. Quatschen, einen Meter vor, Poster gucken. Quatschen, …

Im Hintergrund Arbeiten aus Zürich
Freitag Abend (Foto Tanja Blaufuß)
Freitag Abend im Medienhaus der UdK Berlin (Foto Lucas de Groot)

Benedikt läuft zwischen den gut 100 Gästen von einem Absolventen zur anderen Absolventin. Wer hat alles eine Präsentation dabei? Wer will sein/ihr Projekt als erstes vorstellen? Habt ihr einen eigenen Computer? Es ist bereits nach 19 Uhr. Mit einem kräftigen „Hallo und herzlich willkommen!“ lenke ich die Aufmerksamkeit auf Benedikt, der die Ausstellung eröffnet. Wie wir Benedikt kennen, erwähnt er Wichtiges gleich zu Beginn: „Der kommende Typostammtisch findet am 15. Februar statt“ und übergibt das Wort schnell und geordnet zu den Hauptakteurinnen und -akteuren dieses Abends.

Gespannt hören alle zu (Foto Sol Matas)

Andreas Schenkel fängt an. Wir erfahren von ihm, wie überfällige isländische Vulkane und eine Reise mit Rad seine Schriftformen und seine Schriftnamen beeinflusst haben. Miklós Ferencz’ Idee liegt in der Menschlichkeit der Fehler. Manchmal fehlen Elemente in den Zeichen, die sich in einem Weißraum widerspiegeln, und manchmal spielt er in seiner Schrift mit dem absoluten Gegenteil: zu viel Schwarz. Wörtlich beschreibt er es als „It’s not a deconstruction, it’s a construction.“ Demgegenüber erforscht Lucas Descroix die Kursive und stellt dabei ihre Verwendung und formale Gestaltung in Frage. Sven Fuchs wiederum geht sehr analytisch vor. Er erforscht Fassadenschriften aus der Nachkriegszeit (genauer aus den 1950-er Jahren) und überstrapaziert ihre Gestaltungsideen, um schlussendlich eine eigene Formsprache zu entwickeln. Ganz anders Ute Kleim. Ihr ist schnell klar, dass sie weniger mit der Gestaltungsidee zu kämpfen hat als mit der Hürde, diese konsequent auf ‚Non-Latin‘ zu übertragen, ohne die Harmonie in ihrer Schriftfamilie zu verlieren. Dabei berichtet sie zum Beispiel von einer unterschiedlichen Wahrnehmung der Schriftgröße in unterschiedlichen Kulturkreisen: „Was für uns gefühlte 8pt sind, ist für andere 10pt.“Tim Meylan hat sich gefragt „What is a font family? And why does sometimes a font family look more like a ‚real family‘ when I take different fonts from other families?“. Martina Meier zeigt uns, welch großen Einfluss eine Schattenachse auf die Gestaltung haben kann und wie sie diese nutzt, um jedem einzelnen Schnitt einen ganz individuellen Character zu verleihen, ohne dabei den Bezug zur Schriftsippe zu verlieren. Weniger beeinflusst von der Vergangenheit, dafür umso mehr begeistert von der Zukunft hat Thom Janssen Variable Fonts nicht nur als neues Font-Format betrachtet, sondern als Mittel zum Entwerfen. Den Spaß am Experimentieren merkt man ihm deutlich an.

Erst Arbeitstitel, dann Gestaltungsidee: „Cowboy“. Hier zu sehen sind die unterschiedlichen Schattenachsen der Schrift von Martina Meier.
Miklós Ferencz präsentiert seine Arbeit (Foto von Tanja Blaufuß und Irene Szankowsky)
Alternative g-Formen aus dem Prozessbuch von Daniel Coull
Doppelseite aus dem Prozessbuch von Eunyou Noh

Schlussendlich haben alle unserer Type Master jeweils mehr als die geplanten fünf Minuten über ihre Idee, ihren Prozess und ihr Ergebnis gesprochen – aber ich denke ich lüge nicht, wenn ich sage, dass wir alle sehr, sehr froh darüber sind. Neben dem ersten Eindruck über die Plakate ist der tiefere Einblick in die Arbeiten ungemein wertvoll. Selbst wenn man sich die Zeit genommen hat, genauer in die Prozessbücher zu schauen, so war es doch ganz anders, die Gefühle über das gesprochenes Wort zu empfangen, als es geschrieben zu lesen. Von den letzten zwei Ausstellungen wissen wir bereits, dass der Master in Type Design für alle eine sehr intensive Zeit ist. Dies durften wir dieses Mal etwas persönlicher erleben als in den Jahren zuvor. Danke dafür. Weiterlesen “Nachbericht: Mastering Type 2017 und Schrift unterrichten”

Nachbericht Typo-Quiz 2017: easy Fragen, alles topp

Wer dabei war, wird es nicht vergessen.

Der Name unserer neu entdeckten Quiz-Location warf aus assoziativer Sicht nicht eben ermutigende Schatten voraus.

Der 71. Berliner Typostammtisch am 30. November 2017 fand als zehntes, ergo Jubiläums-„TypoStammQuiz“ statt. Mitmachrekorde zählen wir schon gar nicht mehr (die Tische im Böhmischen Dorf jedenfalls waren voll besetzt), Geschenke hingegen schon – siehe Abschluss dieses Reports (dort auch weitere Fotos). Ein sehr gelungener Abend war’s; die zwölf zufällig zusammengelosten Gruppen stellten sich den tendenziell anspruchsvollen bis ziemlich abgefeimten Fragen der beiden Vorjahresfinalisten, die als Quizmaster durch den Abend führten und sich monatelang darauf vorbereitet hatten.

Typostammtischteammitglied Benedikt Bramböck und Fonttechnologielegende Jens Kutílek (Jens war bereits 2009 und 2012 im Finale, 2016 dann Gesamtsieger) zogen alle Register. Die Jugendfotos prominenter Schriftgestalter und -gestalterinnen und Anagramme aus den Namen von zum Teil anwesenden Schriftgestaltungskoryphäen gehörten noch zu den leichteren Rateaufgaben, wurden aber selbst von selbigen nebst Ehefrauen und Tischnachbarn nicht geknackt. So brachte ein Gast das Ganze auf den Punkt:

Dankeschön, lieber Hans!

Wie auch immer, also wie immer gab es am Ende doch zwei hartgesottene Finalisten – und eine kleine Sensation: Florian Hardwig war (zum zweiten Mal in Folge) nicht dabei. Das heißt, er war erwartungsgemäß in einer der beiden Gewinnergruppen, ließ sich aber nicht als Delegierter zum Duell entsenden. Das waren der liebe Dan Reynolds, auch er bereits mehrfach Erreicher unserer Quizfinalrunden, zusammen mit (meines Wissens neu auf dem Quiz-Olymp) Friedrich „Vollkorn“ Althausen; die beiden kämpften wie die Löwen. Beim Stand von 5:5 musste eine Schätzfrage herhalten: „Wie viele Zeichen sind im Unicode-Standard in der 2017 erschienenen Version 10 definiert?“. Na, schon getippt? Die Antwort gibt es hier. Es obsiegte Herr Althausen – lieber Friedrich, ganz herzlichen Glückwunsch noch mal an dieser Stelle!

Hoffentlich erholen sich die beiden im Jahresverlauf und verwöhnen uns beim nächsten Quiz mit gefälligen Fragen. Kleiner Scherz. Typografiefans sind hart im Nehmen und „gefällig“ ist für uns keine Kategorie. Es geht auch direkt weiter: am Freitag, den 26. Januar mit unserer (mittlerweile der dritten) großen Absolventenausstellung, wo wir die 2017 an verschiedenen internationalen Schulen entstandenen Masterarbeiten präsentieren. Einladung mit allen Details folgt.

Vielen Dank der Eckneipe Zum Böhmischen Dorf in Kreuzberg für entspanntes Beherbergen! Vielen Dank allen unerschrocken Mitratenden und allen, die Geschenke gespendet haben! So konnten wir den Gabentisch großzügig bestücken und niemand dürfte mit leeren Händen nach Hause gegangen sein.

Geschenke für den Typostammquiz-Gabentisch 2017,
Bilder, Beispielfragen…

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Nachbericht 70. Berliner Typostammtisch: Tools zum Teilen

Mit 14 Präsentationen – einer Dichte an Vortragenden, die wir sie sonst nur von Pecha-Kucha-Abenden kennen – war die 70. Ausgabe des Typostammtischs einer unserer bisher längsten und informationsreichsten Abende. Und mit über 100 Gästen wissen wir, dass wir nächstes Jahr das Format Typotechnikstammtisch wiederholen wollen. Ihr könnt schon mal über euren Beitrag nachdenken.

Bar, WC und rlig, Ulrike stellt required ligatures in Frage. Foto: Sonja Knecht

Den Anfang machte Ulrike Rausch von LiebeFonts. Sie erklärte auf klare Weise, wie sie ihre Schriften lebendig hält. Dass man doppelte Buchstaben (die beide in einem Wort oder im Text kurz hintereinander erscheinen) rotierend durch Varianten ersetzen kann, ist schon toll – aber, dass man Konsonanten und Vokale getrennt behandelt, und Gruppen von Buchstaben vertikal verschieben kann, ohne doppelte Glyphen einzubauen, hat auch die Programmierer-Nerds an den Stuhl gefesselt. Wir hoffen mit Ulrike, dass das Bewusstsein für diese Feinheiten bei den Anwendern weiterwächst, da selbst automatische OpenType-Feature-Funktionalitäten auf dem Weg zum Endprodukt oft auf magische Weise verloren gehen.

Andreas „Eigi“ Eigendorf zeigte sein weiterentwickeltes Sprachentool (Character Set Tool) von Alphabet Type. Es hilft, die Sprachunterstützung und Encodingabdeckung von Schriften zu überprüfen, sprich: Es analysiert eine beliebige Schrift und spuckt lange Listen aus, in denen niedergeschrieben ist, welche Sprachen unterstützt werden. Die beiden Onlinetools Character Set Checker und Builder wurden bereits auf der ATYPI-Konferenz in Warschau von Eigis Kollegen präsentiert; diesmal lag der Fokus auf der zusätzlichen Funktionalität, dass die Sprachdatenbank auch aus eigenen Skripten per API angesprochen werden kann.

Ferdinand Ulrich beglückte uns mit wunderschönen Bildern von Hilfsmitteln, die man in einer Blei- und Holzdruckerei braucht. Insbesondere erklärte er und das Wie und Warum des Walzengreifs; der wird benötigt, um die Höhe der Walze genau auf die Höhe des Druckmaterials zu bringen. Das hübsche Gerät, das er in antiker Originalverpackung dabei hatte, gibt es zu bewundern bei p98a. Auch hat Ferdinand seinen Vortrag nun als Artikel veröffentlicht.

Frank Rausch hat ein Tool namens Typographizer entwickelt, mit dem auf Taschenlesegeräten (wie schlauen Telefonen) falsche An- und Abführungszeichen in typografisch korrekte Formen umgesetzt werden. Seinen Code (programmierte Zeilen) darf jeder in seine eigene App (Progrämmchen) ein- und umbauen; anhand einer Demo-App verdeutlichte uns Frank wie schnell seine Programmbibliothek in unsere eigenen Apps hineinkommen. Endlich automatische Mikrotypografiekorrektur auf MacOS.

Friedrich Forssman erklärte uns per Videobotschaft, gemütlich Pfeife rauchend vor einer enormen Bücherwand ein InDesign Plugin, womit Ligaturen für die deutsche Sprache korrekt aufgelöst werden. Sicherlich neu für viele der zugewanderten Gäste war, dass man sogar laut Duden im Deutsch nicht über Wortfugen ligieren (Buchstaben verbinden) darf. In seinen zwei sehr kurzweiligen filmischen Darreichungen führte Friedrich das Plugin vor, und zeigte, wie man mittels einfachem Suchen und Ersetzen den aufgelösten Ligaturen noch ein wenig extra Luft einhauchen kann, so dass sie nicht wie misslungene Verklebungen daherkommen. Weitere Informationen zu dem Skript gibt es im unteren Bereich seiner Website.

Georg Seifert führte zunächst das von Friedrich Forssman erdachte Durchschein-Skript für InDesign vor: „Durchscheinen“ simuliert, wie Seiten aussehen, wenn sie auf dünnem Papier gedruckt werden. Dies und auch der famose Bundschattenfilter sind auf der oben genannten Seite von Friedrich herunterzuladen. Anschließend erklärte Georg, wie er Github selbst fuer die Programmierung von seiner weltberühmten Glyphs App verwendet, und stellte ein Tool namens CommitGlyphs vor, mit dem SchriftgestalterInnen genau dieses Git-Plattform auch für die Verwaltung von Glyphs-Dateien nutzen können, speziell wenn man mit mehreren Leuten an einer Schriftentwicklung arbeitet. Interessant ist so ein System aber auch, wenn man einen klar strukturierten Überblick über die eigene Arbeit haben will.

In einem spontanen Einschub erklärte uns Nadezda Kuzmina, was Git überhaupt ist und wie sie Github als Gestalterin nutzt. Sie zeigte uns eine feine Pixelschrift, die nur aus PNG-Bildern aufgebaut ist (die sie für das Spiel Mogee entwarf), und Logos Logos als OpenSource-Dateien, an dem mehrere Personen arbeiten können: womöglich ein kleiner Ausblick in die Zukunft der gestalterischen Berufe.

In der halbstündigen Pause wurden die letzten Reste aus den enormen Suppentöpfen geleert. Nur die besten Zutaten wurden hierfür verwendet: die letzten drei Kiezkürbisse aus Hof 3 der Eisenacher 56, direkt hinter dem Vortragsraum.

Jens Kutílek hat ein wahrhaftes Programm für MacOS und Windows gebaut, mit dem sich Namen für die unterschiedlichsten Dinge, zum Beispiel Schriftfamilien, erfinden lassen. Man gibt zuerst seine Lieblingsbuchstaben ein, bestimmt die minimale, optimale und maximale Länge des Wortes und sucht sich eine Sprache oder ein Themengebiet aus, in dem der Name verwurzelt sein soll. Aus dem Publikum kam die Frage, ob man auch Babynamen zum Beispiel deutsch mit bulgarischem Touch suchen lassen kann. Der WoLiBaFoNaGen ist derzeit in der Version 0.1.0 erhältlich, Wünsche und Anregungen könnt ihr auf der Github-Seite des Projekts hinterlassen.

Klaas zaubert mit Grep und Unterlängen in InDesign. Foto: Sonja Knecht

Klaas Posselt von der InDesign User Group Berlin zeigte uns mehrere beeindruckende typografische Möglichkeiten der in InDesign eingebauten GREP-Funktionalität, was enorme Zeitersparnisse bei der Formatierung von Texten erlaubt. Er erklärte, wie man feinste Spationierungsanpassungen automatisch machen kann, wenn die in der Schrift eingebauten Unterschneidungstabellen nicht ausreichen (zum Beispiel bei Tabellenzahlen), oder bei unterschiedlichen Schriften und Formatierungen. Zum Schluss zeigte Klaas das Aufräumen von typografischen Sünden wie falschen Minus- und Multiplikationszeichen und sogar Hurenkindern vor, alles mit sehr kurzen GREP-Zeilen. Alle gezeigten Dateien inklusive der dazugehörigen GREP-Stile stellt Klaas hier zum Download bereit.

Lasse Fister, speziell aus Nürnberg angereist, zeigt seine Arbeit an FontBakery, den Schrifttestwerkzeugen von Google für Google Fonts. Es analysiert die komplexesten Schriften und meldet alles, was daran (technisch) nicht in Ordnung sein könnte. Dies funktioniert sowohl mit einzelnen Schriften, aber auch mit ganzen Schriftbibliotheken. (Danach zeigte er noch mehr, aber da konnte ich nicht aufpassen, weil die Batterien des Mikrofons ausgetauscht werden mussten, und ich selbst gleich dran war. Danke Olli fürs Ergänzen!) Derzeit arbeitet Lasse an einer Version der Schrifttestwerkzeuge, bei der alle Tests in der Cloud ablaufen. Als Bonus stellte Lasse außerdem mdlFontSpecimen vor, eine Website, die automatisch ausführliche Schriftmuster für Fonts erzeugt.

Luc(as) de Groot zeigte, wie man mit Hilfe von einer Fotokopie oder eines Laserausdrucks, halbkaltem Kaffee (kein Espresso!) und Scotch Magic Tape (oder irgendeinem anderen transparenten Klebeband) Typografie auf praktisch allen Oberflächen anbringen kann, die nicht in einen Laserdrucker passen. Man klebt das Tape auf das Gedruckte, tunkt es in den Kaffee und reibt dann an der Rückseite mit kreisenden Bewegungen das Papier weg. Der Toner bleibt sauber auf dem Tape zurück und kann nach Trocknung ohne weiteres auf Objekte geklebt werden, oder mittels Hitze (Feuer, Föhn) zuerst noch verformt und verzerrt werden. Erfunden hat Luc(as) den Luc-Truc in den ’80er-Jahren während seines Studiums.

Mark Frömberg, freier Schriftgestalter aus Berlin, präsentierte seine selbstgemachten Skripte für Glyphs. Das neueste dieser Helferchen hört auf den Namen Skedge und erleichtert das Entwickeln von Glyphs-Reporter-Plugins mit einer Live-Vorschau in Glyphs. Alle anderen frei zugänglichen Skripte von Mark findet man auch im hauseigenen Plugin-Manager von Glyphs. (Ich hatte die Details vergessen, weil Glyphs nicht auf meinem PC läuft, danke nochmal, Olli!)

Anschließend zeigte unser Typostammtischorganisationsteammitglied Olli Meier mittels Live-Skype-Übertragung von der anderen Seite Deutschlands, welche Hilfsmittel er alle schon für Glyphs bereitgestellt hat. Mehrere Ebenen auf einmal löschen, kein Problem mehr. Er zeigte auch wie man mit DrawBot (Just van Rossum, Erik van Blokland, Frederik Berlaen) aus kompatiblen Glyphen ganz schnell tolle Animationen produzieren kann. Seine Scripte findet man demnächst hier.

Zum Schluss zeigte uns Sergey Rasskazov aus St. Petersburg, wie er einfach selbst eine Schriftgestaltungsschule gegründet hat, und mit tollen Lehrern in Kürze die Studenten zu tollen Ergebnissen bringt. Er führte ähnlich professionelle Unterrichtsabläufe vor, wie sie an den gefestigten Schriftgestaltungsinstitutionen gehandhabt werden.

Vielen Dank nochmal an alle Vortragenden für ihre Beiträge und eure tollen Tools! Und danke an Jens Kutílek für Ergänzungen und Rechtschreibkorrektur 🙂 Weiterlesen “Nachbericht 70. Berliner Typostammtisch: Tools zum Teilen”

Nachbericht 69. Typostammtisch: Jan Middendorp aka Fust & Friends

Ein schöner Abend in Kreuzberg (dieses Mal ohne sintflutartigen Regen)! Für uns, die wir Jan schon kannten, boten sich erhellende und durchaus ungeahnte Einblicke in die berufliche Entwicklung eines Freundes und Kollegen; für die Jüngeren im Publikum war es umso spannender zu sehen, wie jemand, der heute ganz selbstverständlich als Autor und Grafik-Designer agiert, dessen Bücher über Typografie, Schrift- und Textgestaltung legendär und zum Teil vergriffen sind, seinen Weg gefunden hat.

So sagte zum Beispiel Daria Petrova (Team LucasFonts, wo Jan einige Jahre mitgearbeitet hat) nach dem Vortrag und Gesprächen mit Jan, sie fände es „toll, was ihr alles schon gemacht habt“ – das Vielfältige, Verschiedene. Während sie, ihre Generation oder jedenfalls viele, die sie kennt, eben einfach Grafik-Design und Schriftgestaltung studieren und „das dann halt machen“. Wenn ihr wüsstet! Wenn ihr wüsstet, wie unsereins, die Ausprobierer und Herumtasterinnen, diejenigen beneidet haben, deren Talente schon früh offenkundig waren und sie direkt in eine bestimmte Ausbildung oder ein praktisches, in einen Beruf mündendes Studium führten … Passend dazu zeigte Jan die Installation des riesenhaften Schriftzuges ZWEIFEL auf dem Palast der Republik; Verena Gerlach (Karbid) wiederum konnte Hintergrundwissen dazu (und ein Buch aus ihrem Studio nebenan) beisteuern. Juli Gudehus (Lesikon, Ehrenpreis) und andere Gäste betonten wie ungeheuer ermutigend Jans Vortrag war und dass er ihn unbedingt auch vor Schülerinnen und Studenten halten solle, Leuten, die unter dem Druck der Berufswahl stehen und in den Creative Industries ihren Platz suchen.

Jan Middendorp bewegt die Gemüter mit seinem Vortrag.
Er wurde sogar ins Koreanische übersetzt; so erfuhr Jan, wie berühmt er dort ist.

Jan Middendorp hat zwar im zarten Alter von sechs Jahren sein erstes Buch gebastelt, sich dann aber auch in diversen anderen Gefilden und künstlerischen Konstellationen erprobt – ausgestattet mit einem gesunden Selbstvertrauen, einer gewissen Pragmatik („selbst in einer Band spielen konnte ich halt nicht“), Mut zum Ausprobieren und dem klaren Bewusstsein für die Möglichkeit des Scheiterns: eine Haltung, die heute gern propagiert, aber selten ausgelebt wird. Sehr spannend, wie Jan sich durch die Wirren seiner weitgefächerten künstlerisch-kulturell-literarischen Interessen seinen Weg gebahnt und mit einigen erfolgreichen Zwischenstationen – Kommunikation für und Beteiligung an Tanz- und Theaterprojekten etwa – schließlich gefunden, oder letztlich, wiedergefunden und professionalisiert hat, was ihm am meisten Spaß macht: mit Schrift und Sprache umgehen. Bücher machen. Im Nachhinein wirkt es wie ein roter Faden.

Profis wissen: Die besten Gespräche finden in der Küche statt. Hier Benedikt Bramböck (@arialcrime), Tilmann Hielscher (@tillepalle), Dan Reynolds (Typeoff) und Inga Plönnings (@innnigs).

Vor allem Jans Engagement in diversen Schriftfirmen führten ihn schließlich dazu, seine eigene Foundry zu gründen, als Lieblingsprojekt für Lieblingsprojekte: Mit Fust & Friends fördert und veröffentlicht Jan heute besondere Schriften, die einen Bezug zur (Schrift-)Geschichte haben. Minjoo Hams 1950er-Jahre-Reminiszenz und Ernst-Bentele-Hommage Teddy und (demnächst) das Remake der Alarm von Heinz König von 1928 (herzlichen Dank an Florian Hardwig/@hardwig für den Hinweis), beide gezeigt in unserer Ankündigung für diesen Abend, gehören dazu.

Der Name Fust übrigens spricht sich keineswegs Englisch aus; Johannes Fust war Deutscher und „the first Bad Guy in type history“, wie Jan ihn auf seiner Foundry-Website sogar mit Versalien betitelt, der erste schlimme Finger der Schriftgeschichte – wirklich, der erste?

Jan Middendorp erklärt die Gründung und Namensgebung von Fust & Friends. Beides logisch.

Jedenfalls war jener Fust eine wohl latent zwielichtige, weniger bekannte, aber sehr relevante Gestalt im Druckbusiness zu Zeiten Gutenbergs. Er war dessen geschäftlicher Wegbegleiter und -bereiter. Eine Rolle, mit der sich unser Vortragender offenbar identifizieren kann.

Jan jedenfalls ist und bleibt eine ziemlich gute Type. Wir sind gespannt auf seine nächsten Publikationen. Netterweise hatte er einen ganzen Koffer voller Bücher zum Anschauen dabei, was von den Gästen gern genutzt wurde.

Jan Middendorp verblüfft Jürgen Huber (HTW, SuperType).
Reges Plaudern, vertieftes Blättern. …

Schön war das und schön war’s im Sonnenstudio in Kreuzberg! Mit unseren Gastgebern vor Ort – Riesendank nochmal an Sol Matas und Eike Dingler – hoffen wir, dass Lause bleibt und sich die Gelegenheit vielleicht wieder ergibt. Einstweilen könnt ihr den Fortgang von Fust & Friends auf Twitter verfolgen. Jan, Sol, Eike, Daria, Verena, Juli, Minjoo und uns alle trefft ihr sicher bei dem einen oder anderen der nächsten Typostammtische. Bis dann!

Tolle Gastgeber: Sol Matas und Eike Dingler (Mauve Type) von der Bürogemeinschaft Sonnenstudio in der Lausitzer Straße. Die Lause bleibt ganz sicher einer unserer liebsten Veranstaltungsorte und allen Besuchern in bester Erinnerung.