Nachbericht 86. Typostammtisch: notamuse

Das leidige Thema Technik, es scheint uns in letzter Zeit zu verfolgen … Und so wird wieder einmal improvisiert an diesem Abend, der natürlich viel Spannenderes zu bieten hat als einen nicht funktionierenden Beamer.

Versuchen wir es also mit einem anderen Einstieg: der neuen Location. Wir sind das erste Mal zu Gast im Café Hardenberg, einem charmanten Restaurant in Charlottenburg mit großem hinteren Bereich und – naja, Beamer. Eigentlich. Benedikt bringt kurzerhand einen Ersatz-Beamer mit (Dank auch an Alphabet Type) und baut einen Turm aus Cola- und Bierkisten, um den richtigen Projektionswinkel zu ermöglichen. Während dieser hochprofessionellen Aufbauphase treffen die Headliner-Damen des Abends ein: herzlich willkommen Silva Baum und Claudia Scheer von notamuse (in männlicher Begleitung, der Herr stellt sich als „Groupie“ vor). Die dritte Initiatorin des Projekts, Lea Sievertsen, spricht am nächsten Tag in Stuttgart und ist deshalb nicht dabei. Schade. Wir freuen uns, dass notamuse so großes Interesse weckt! Es kommen immer mehr Gäste an, die Sprecherinnen bereiten sich vor und begrüßen Bekannte. Der Beamer-Turm scheint zu halten. Los geht’s als ungefähr 60 Gäste da sind – hauptsächlich, aber bei weitem nicht ausschließlich Frauen. 


Claudia Scheer (sitzend) und Silva Baum begrüßen ihnen bekannte Gäste

Claudia und Silva erzählen von den Ursprüngen ihres Projekts, das vor zwei Jahren als gemeinsame Masterarbeit an der HAW in Hamburg begann. Ideengebend war der Eindruck, als junge Frauen in der Gestaltungsbranche nicht ausreichend repräsentiert zu sein. Und da Gefühl allein ein schlechtes Argument ist (vor allem von Frauen hervorgebracht), untermauern sie dieses mit Zahlen: 

70% der Immatrikulierten in Designstudiengängen sind weiblich. Auf Konferenzen aber sprechen durchschnittlich nur ca. 20% Frauen.

Betrachtet man neben der Anzahl der Vorträge auch die Sprechzeit, driften die Zahlen noch weiter auseinander, ist der Frauenanteil noch geringer, ja erschreckend. Auch in den Feinheiten treten fatale Unterschiede auf. Die fast gleiche Anzahl Frauen und Männer, dabei aber komplett disparate Bühnenverteilung auf der letzten TYPO Berlin fiel auf (und wurde im Anschluss angesprochen); es gab fast nur Männer auf deren größter und zweitgrößter Bühne. Das hat nicht nur symbolischen Stellenwert, sondern wirkt in der medialen Aufbereitung weiter (Programmübersicht, Live-Videos ja/nein, Fotoqualität, Bildsprache, Bühnengröße, max. Anzahl Leute im Saal) – und damit in der Verbreitung der Inhalte und Berühmtheit der Vortragenden. Nicht überraschend: auf der offen, sprich kostenlos zugänglichen kleinsten TYPO-Bühne im Haus der Kulturen der Welt, sowie in den Workshops gab es weit weniger prominente Fotos, keine Live-Videos, kein Simultandolmetschen – und überwiegend Frauen als Vortragende.

Woran liegt das?

Die Vortragenden äußern drei Thesen, die auf der Auswertung ihrer 22 Interviews mit Gestalterinnen und Designtheoretikerinnen basieren: 

1. Mutterschaft

Natürlich ist nicht die Mutterschaft selbst das Problem, sondern der Umgang damit. Silva und Claudia heben Erfahrungen von Müttern hervor, die berichten, dass sie von außen, selbst wenn sie einen guten Umgang mit Job und Kind gefunden haben, immer wieder ungefragt problematisiert werden – wie etwa dieses Zitat von Simone Koller (Studio Noi) zeigt:

„Ich werde als Mutter zum Beispiel regelmäßig gefragt, wie ich das nun mit der Arbeit handhabe. Mein Freund hingegen nie.“

Ein anderer Aspekt ist, dass Frauen nach ihrer Rückkehr in den Job aus der Mutterschaftspause weniger interessante Projekte angeboten bekommen, wie Louise Fili (Fili Ltd.) aus ihrer Erfahrung berichtet:

“When I returned to Pantheon Books after my three months maternity leave, the work didn’t seem to be interesting anymore.”

Doch auch die Frauen selbst schränken ihre Präsenz ein: Franziska Parschau, Organisatorin der inzwischen eingestellten TYPO Berlin, sagt:

“Out of five women we ask [to speak at the conference], two say: ‘I won’t have time because I have to take care of the family (child, parents, grandparents).’ No man ever said anything like that …”

2. Selbstvermarktung

Selbstmarketing ist Frauen oft unangenehm, wohingegen viele Männer scheinbar selbstverständlich gut darin sind. Die Wurzeln liegen meist schon in der Erziehung, wie Michelle Phillips (Yukiko) zu berichten weiß:

“I grew up to be tough and independent, but I was never expected to be ‘great’.
If I got a good job, that would be OK. Boys are expected to be ‘great’.”

Oder wie Silva nach dem Vortrag ergänzt:

„Viele denken, sie hätten ein individuelles Problem: ‚Ich bin halt ein bisschen schüchtern.‘
Wenn das aber so viele Frauen denken, ist das Problem nicht individuell, sondern strukturell.“

3. Kompetenzvorstellung

Bis Frauen überzeugt davon sind, zu einem Thema kompetent referieren zu können, müssen sie sich sehr sicher sein, etwa, dass niemand kompetenter auf diesem Gebiet ist. Diese Form von Zweifel und Hinterfragen ist logischerweise hinderlich, wenn es darum geht, in der Öffentlichkeit zu stehen. Dazu noch einmal Franziska Parschau, ergänzend zum obigen Zitat:

“… Two more say: ‘I don’t know, I’ve never done this before and I don’t think I can do it.’
No man has ever said that either.”

Das macht also vier Absagen bei fünf Anfragen an Frauen. Auch Georg Seifert, Gründer und Programmierer des Font-Editors Glyphs, sagt in der anschließenden Diskussion: 

„Ich wusste bisher bei noch keinem größeren Projekt, wie ich es zu Ende bekomme, als ich es annahm.“

Weniger Durchplanen also, mehr Mut – auch zum Scheitern und nicht gemocht werden, oder wie es Sonja Knecht formuliert: 

„Man muss auch mal aushalten, dass jemand einen scheiße findet“. 

Womit wir schon bei möglichen Lösungsansätzen wären, die Claudia und Silva im Anschluss aufzeigen:

Lösung 1: Frauen in die Konferenzen, Juries, Eventorganisation!
Lösung 2: Frauen in die Lehre!
Lösung 3: Bei sich selbst anfangen, aktiv sein, sich etwas zutrauen.
Lösung 4: „Pushen, helfen, sich vernetzen.“ (Pia Christmann und Ann Richter, Studio Pandan)
Lösung 5: Und vor allem, über Missstände reden:


(Zitat: Nina Paim)

notamuse – Das Buch

Die große und positive Resonanz auf ihre Masterarbeit mündete in einen Buchvertrag beim Schweizer Verlag niggli. Silva und Claudia haben frisch gedruckte Exemplare mitgebracht, in denen die Gäste vor und nach dem Vortrag interessiert blättern und lesen. Die wärmste Kaufempfehlung an dieser Stelle vom Team Typostammtisch! Das Buch ist eine lebendige Momentaufnahme der jungen europäischen Grafikdesignerinnenszene mit Werkschau und allen Interviews aus dem Projekt. Man kennt längst nicht alle Namen der vorgestellten Gestalterinnen – das darf sich ändern, genau dafür gibt es notamuse. Die verwendete Schrift Rena Grotesk hat Silva übrigens im Master angefangen, für das Projekt finalisiert aber (noch) nicht veröffentlicht. Foundries, aufgepasst!


notamuse – A New Perspective on Women Graphic Designers in Europe / Niggli, 2019 / ISBN 978-3-72120993-8

Nach dem Vortrag entwickelt sich, wie bereits angedeutet, eine lange und interessante Diskussion. Einige der subjektiv hängengebliebenen Äußerungen und Erkenntnisse seien hier stichpunktartig aufgeführt:

Persönliches, Paroliges und Positives
> In anderen Ländern ist die Misere nicht so groß. Ist es am Ende ein spezifisch deutsches Problem?
> Schilderungen von schmerzhaften Erfahrungen
> Parolen und Aufrufe, gemeinsam Dinge zu bewegen
> Ermunterungen an die Initiatorinnen, das Projekt weiterzuführen

Ergänzungen zu Lösungsvorschlägen
> Penetrant sein – es ist erst geschafft, wenn es nicht mehr nötig ist
> Mentoring durch erfahrene Kolleginnen, die bereits vernetzt und bekannt sind
> Beim Umgang mit (eigenen) Kindern anfangen, Gleichstellung in Zukunft selbstverständlich zu machen

Zum Abschluss sei noch eine – pardon – amüsante und namensgebende Anekdote erzählt: Ein fachfremder Professor der Literaturwissenschaft tut das Problem einer gendermäßig nicht ausgeglichenen Geschichtsschreibung (und damit der Fortpflanzung des Missstands in der modernen Lehre) in der Masterpräsentation mit den Worten „Es gab doch die Musen!“ ab. Die passive Rollenzuschreibung einer Muse als bloße Inspiration des schöpferischen Mannes aber sei genau das Problem, so die Initiatorinnen. Der Name notamuse war geboren.

Überhaupt, eine männlich dominierte Geschichtsschreibung: Das Aufrollen derer aus weiblicher Sicht könnte eine sinnvolle Fortführung des Projekts sein. Ein Mentoringprogramm, eine Community-Plattform? Quo vadis, notamuse? Silva und Claudia wollen sich neu fokussieren: „Das Buch ist draußen, erst mal durchatmen, dann sehen wir weiter.“

Wir sind gespannt!