Nachbericht 73. Typostammtisch: Zeitreise mit Klaus Rähm

Die Stühle stehen, das Licht ist gedimmt, das erste Dia (auf der Nebenleinwand) sorgt für Stimmung: Ein launiges „Vorsicht, Schrift“-Schild auf altem Gerät ist dort zu sehen. Klaus betitelt seinen eigentlichen Vortrag „Typotaten“ und eröffnet ihn mit einem Foto von sich selbst als Vierjährigem. Das war genau in der Kriegszeit, „und das war furchtbar“, und das müsse er jetzt hier erst mal erklären, dass das eine schreckliche Zeit war. Klaus Rähm ist Jahrgang 1937. Der junge Nachkriegsklaus wird in der DDR zum Leistungsturner; wir sehen ihn als obersten auf einem Turm junger Männer, im Handstand steht er auf den Schultern eines anderen. Beeindruckend! Beeindruckend sportlich wirkt er ja bis heute.

Klaus Rähm mit Lucas de Groot bei der Vorbereitung: Auswahl der Arbeitsproben für die vortragsbegleitende Ausstellung.

Man kann das ja ruhig auch mal so sagen

Diese ersten Bilder bringen uns Klaus näher in seiner Lebenserfahrung. Auf einem weiteren zeigt er uns ein Schaufenster mit einer von ihm in seiner Lehrzeit frei Hand gezeichneten Unterzeile. Diese Inschrift, in schmalen Grotesk-Versallettern, läuft schnurgerade unterhalb des Schaufensters entlang, darin eine liebevoll ausgestellte und dekorierte, aber nicht eben üppige Warenauswahl. Etwas dürftig und rührend und eher traurig wirkt das ganze Arrangement. Es gab ja nicht viel und „es gab keine Farbfotos“, nur dieses düster-verschwommene Schwarzweiß. Trotzdem – oder erst recht – interessant, diese wenigen Bilder, begleitet von ein paar Sätzen nur: Schon wird uns der Lebenshintergrund von Klaus Rähm deutlich. Wie früh sich seine fachlichen Interessen und sein Sportsgeist doch bereits zeigten. Und, „das kann man ja ruhig auch mal so sagen“: Er ist weit gekommen.

In der Zwischenzeit hat sich so manches Vokabular geändert. An einigen Stellen weist Klaus darauf hin, und auf die Rechtschreibreform; er scheint jedes Eszett zu vermissen, als sei es ihm persönlich weggenommen worden. Susanne Zippel in der ersten Reihe gibt ihm vehement recht angesichts des schönen Wörtchens „iß“ (heute „iss“) und der i-ß-Ligatur, die Klaus daraus gemacht hat.

Klaus reflektiert sein eigenes Vokabular und was heute anders ist. Etwa wenn er das Wörtchen „Lehrling“ benutzt, denn ein solcher sei er gewesen, ein Lehrling, und das sei auch richtig, es gehe ja darum, etwas zu lernen, in die Lehre zu gehen. „Auszubildende“ dagegen klingt für ihn „so objekthaft“, das fände er komisch, „wie so Objekte“ klänge die Bezeichnung, und das müsse erlaubt sein, dass er das hier jetzt erst mal sage. Genauso hatte er halt „einfach Studenten“, nicht Studierende; ohne die Zusatzsilbe seien sie auch gut ausgekommen. Klaus ist aus dem Osten. Kaum ein Mensch (ob männlich oder weiblich) hat im Osten daran gedacht, bei grammatikalisch männlichen Formen, bei der Bezeichnung von Berufsgruppen etwa, nicht automatisch und selbstverständlich an Frauen wie an Männer zu denken. Die Frage stellte sich gar nicht. Weil Berufstätigkeit für alle selbstverständlich war? So haben es mir speziell meine Ostkolleginnen x-fach erklärt und erbittert verteidigt – „ick bin Grafiker, Mensch, hör doch uff“, hieß es etwa, wenn ich auf der „Texterin“ bestand und die Visitenkarten auch für die Grafikerinnen korrekt bedrucken lassen wollte.

Klaus Rähm formuliert sehr fein, sehr genau und führt uns in seiner freundlichen, unprätentiösen Offfenheit, charmant berlinernd, durch die Fülle seiner Werke. Und „Fülle“ wirkt hier so als Wort leicht verharmlosend…

Die Materialität von Schrift

Für Klaus ist Schrift „Material, um das, was ich möchte, zu transportieren“. Bei einigen seiner Arbeiten sehen wir noch Schnittkanten, bei vielen muss er uns erklären, wie er das gemacht hat. Stift und Schere, Reprotechnik, Rubbelbuchstaben und viel Geschick kamen zum Einsatz. Die „Ab- oder Anreibebuchstaben“ wurden im Osten Deutschlands
unter dem Namen „Typofix“ vertrieben („auf der anderen Seite hießense Letraset“).

Dabei ist Klaus nun wirklich nicht von gestern. Im Verlauf seines Vortrags, bei einem wunderschönen riesengroßen Q – „für diese Alphabetausstellung damals von, na wie hieß er noch, der mit seiner Frau auch ’nen Verlag hatte, ihr wisst schon“, nee, wussten wir nicht. Das gesamte Publikum riet mit, bis wir endlich darauf kamen: Rob und Sonja Keller mit Mota Italic waren gemeint, ihrer (der ersten) rein schriftbezogenen Galerie mit Ladengeschäft in Prenzlauer Berg (2012–2015). Rob Keller ist mittlerweile in Indien (Verena Gerlach, im Publikum, schreibt ihn gleich an, er grüßt freudig zurück); er führt mit seiner aktuellen Frau Kimya Gandhi den Mumbai Typostammtisch.

Natürlich arbeitet Klaus Rähm auch am Computer, seit Jahren (er habe bereits seinen dritten) – bevorzugt in QuarkXPress 8.1, wie er uns in den Vorgesprächen erzählt hat. Aber er sei schon sehr sehr froh darüber, was er „als junger Bursche“ noch alles habe lernen dürfen. Das habe ihm enorm geholfen und ihn weitergebracht.

Einige unserer Typostammtischgäste an diesem Abend können das aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Neben angestammten Gästen, lieben alten Freunden wie Alexander Nagel (langjährig Leiter Produktion bei Meta Design, Autor von Typografische Notizen) und Jan Middendorp (kürzlich auch bei uns Sprecher und Autor von Dutch Type sowie vielerlei weiteren Publikationen) freuen wir uns mit Klaus über den Besuch etwa von Hans-Jürgen Willuhn (FH Potsdam, Albert-Kapr-Schüler, Buch Tintentanz zusammen mit Pauline Altmann), Erhard Bellot (HTW Berlin) und Bernhard Stein (Ott+Stein, Berlin). Wie schon erwähnt waren die in Berlin ansässigen, weitgereisten Schrifttexpertinnen Susanne Zippel (China, Japan, Korea) und Verena Gerlach (Indien, Buch und Schrift Karbid) im Publikum, auch Fritz Grögel (angestammter Typostammtischschriftspaziergangsleiter) und sogar Typostammtisch-Berlin-Gründer Ivo Gabrowitsch haben es mal wieder geschafft. Den Anreiserekord (über 500 km) hält Inka Strotmann, Fontshop-Frau fast der ersten Stunde (und als Fontameise auf Twitter).

Neben so „seniorigen“ Gästen fanden aber auch die junge Buchgestalterin und Typografie-Dozentin (Lette-Verein) Jenna Gesse und einige „Studierende“ – natürlich ist das Gerund falsch und klingt doof, korrekt wäre „Studenten und Studentinnen“ –, jedenfalls fanden sie den Weg zum Typostammtisch mit Klaus. Ein gerade mal Neunzehnjähriger dürfte unser jüngster Besucher gewesen sein, satt sechzig Jahre trennen ihn vom Sprecher. Und „trennen“ doch überhaupt nicht. Ob seines Schriftinteresses war Marco von (s)einem Dozenten der BTK and Lucas de Groot verwiesen worden. So überschneiden und begegnen sich hier Schriftbegeisterte aller Generationen, Fach- und Himmelsrichtungen. Läuft!

Das haben wir Gästen und Vortragenden wie Klaus zu verdanken. Der Mann hat Kondition. Aber richtig. Über zwei Stunden zeigt er uns seine „Typotaten“, vor- und nachwendliche Arbeiten, wie er es nennt. Aber Ost oder West spielt schon keine Rolle mehr. Klaus führt uns durch seine Schatzkammer aus fein gesetzten Buchstaben, Wörtern, Wortbildern, Sprachschätzen: Text in seiner schönsten Form.

Was Buchstaben bedeuten

Denn was bedeuten uns Buchstaben, was sagen sie uns? Darum geht es hier. Zusammen mit Klaus können wir nachverfolgen, „wie Buchstaben zu Wörtern und Worte zu Bildern werden.“ Plakatentwürfe, Buchtitelgestaltungen, eigene und andere Ausstellungsplakate, typografisch inszenierte Zitate; Brecht und Kafka und weitere Bekannte tauchen auf.

Und immer wieder Kurt Weidemann. Klaus Rähm interessiert sich für dessen Erkenntnisse, und wie man solche Erkenntnisse auch gestalterisch bestmöglich auf den Punkt bringt. Mehr noch, deutlicher noch: „Was man alles machen kann mit Text und Typografie“ – das ist, was ihn interessiert, und so schön kommt es selten zusammen.

Obwohl sich Klaus vor allem als „Schriftnutzer“ sieht, ist sein Vortrag durchsetzt auch von eigenen Schriftentwürfen. Bevorzugt geometrisch-kantige Schriftgestalten schnitzt er sich zurecht, wenn er sie braucht für seine Entwürfe. Display Fonts, könnte man meinen, nur gibt es diese nicht als Fonts, sondern nur exklusiv, anlassbezogen, weil Klaus sie brauchte. Oder sie mal ausprobieren wollte. Wie grob zurechtgeschnitzt oder gehauen wirken manche, wie aus hartem Holz geschnitzt. Es geht um das Experiment, ums Ausprobieren. Die Wirkung erproben im Zusammenspiel mit Sprache.

Apropos Sprache: Im Nachgespräch – Klaus ruft extra noch mal an, um sich „für all den Aufwand zu bedanken, Mensch, was ihr da alles auf die Beine stellt“ – kommen wir noch mal auf die sich wandelnden Begrifflichkeiten zu sprechen, die vom Lehrling zum Auszubildenden etwa. So sehr ihm diese genaue Betrachtung und Verwendung von Wörtern am Herzen liegt und er sie fein zu beobachten und anzumerken weiß: Im Grunde genommen geht es ihm um ganz anderes, oder viel mehr: „Wir haben heute wirklich ganz ganz schlimme Probleme und dann hängen wir uns an solchen Begrifflichkeiten auf“.

Ein paar der ganz schlimmen, aber auch der schönen und in jedem Fall bemerkenswerten Dinge dieser Welt hat Klaus Rähm in seinen typografischen Verdichtungen sehr sehr anschaulich gemacht und uns nahe gebracht. So nahe kamen uns die Wörter, dass nach Klaus’ Vortrag einen ganz ruhige, nachdenkliche Stimmung und ein umso konzentrierterer, behutsamer Austausch in kleineren Runden entstand. „Ich danke euch“, sagt er zum x-ten Mal, als er mit einem Rollkoffer voller Bücher und Arbeiten und seiner Plakatmappe unterm Arm aufbricht.

Wir haben zu danken, lieber Klaus!

PS, als nächstes hat er eine Ausstellung im Literaturforum im Brecht-Haus in der Chausseestraße; wir werden rechtzeitig darauf hinweisen.

Alle gezeigten Arbeiten und Vortragsausschnitte in diesem Bericht stammen von Klaus Rähm; die Fotos haben Lucas de Groot und Sonja Knecht gemacht. Klaus Rähms Buch „Denkanstöße. Ein Bilderbuch für Alphabeten“ erschien punktgenau in der Edition Bodoni und ist für 28 Euro direkt beim Typostammtisch (bitte bei mir melden) oder im Buchhandel erhältlich.

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